108. Found in translation

Bachir El-Sebaie erhielt den Preis des „Nationalen Übersetzungszentrums“ Ägyptens in Höhe von LE100,000. Er hat bisher 65 Bände aus dem Russischen, Französischen und Englischen übersetzt, von Sachbuch bis Lyrik. Darunter viele Klassiker, er übersetzte u.a. Timothy Mitchell, Alain Gresh und Andre Raymond, Tzvetan Todorof, Charles Baudelaire und den ägyptischen Surrealisten Georges Henein. Sebaie schreibt selber Gedichte, die er in unregelmäßigen Abständen veröffentlicht. Er zählt zu den namhaftesten Intellektuellen seines Landes. Sein unermüdlich betriebenes intellektuelles Projekt ist schöpferische Anstrengung. Die Auswahl der übersetzten Bücher zielt auf das universelle menschliche Bemühen um Ausbreitung von Wissen, Ausräumung von Mißverständnissen und Schaffung weiter Kommunikationsräume.

Er wurde 1944 als Sohn eines Agraringenieurs geboren, der regelmäßig Gedichte veröffentlichte, einen Salon in der Deltastadt Damanhour hielt und eine große Bibliothek besaß. Als sein Hauptziel sieht er es, „fortschrittliche Ideen zu verbreiten“. Als junger Mann wurde er Trotzkist, und er nahm sich vor, die ausländischen Quellen dieser Ideen zu suchen. Strahlend erzählt er, daß das erste Buch, das er übersetzte, „Klassenkampf in Ägypten“ war, ein marxistischer Klassiker, ursprünglich auf Französisch von Bahgat El-Nadi und Adel Rif’a geschrieben, die Bücher unter dem Pseudonym „Mahmoud Hussein“ verfassen. Das Buch – wiewohl von seinen Genossen begrüßt – erfuhr keine weite Verbreitung. Sebaie verlor das Manuskript, als es in libanesischer Übersetzung (sic!) erschien.

Sebaies übersetzerisches Werk hat seiner Dichtung Schranken gesetzt. Er hörte nie auf, Gedichte zu schreiben, aber seit Mitte der 90er Jahre hat er kaum etwas veröffentlicht. Es gibt 3 Sammlungen seiner Gedichte: The Silence Troubadour [Der Troubadour des Schweigens?] (1994), Mirrors of the Intelligentsia [Spiegel der Intelligenzia](1995) und The Hope Principal [Haupthoffnung? Prinzipal Hoffnung??] (1996). Sebaie scheint nicht mehr so erpicht darauf, Lyrik zu übersetzen – eine Leidenschaft seiner Jugend. Doch möchte er kein Prinzip daraus machen: „Die Mehrzahl meiner Übersetzungen war intellektueller Art, aus dem Bereich der Geisteswissenschaften, Geschichte und politischer Philosophie mit Bezug auf Ägypten. Daher war ich nicht hauptsächlich literarischer Übersetzer, aber auf Grund meines Interesses am kulturellen Leben Ägyptens begann ich das Werk frankophoner ägyptischer Autoren zu übersetzen, Dichter wie Georges Henein, Ahmad Rasem und Joyce Mansour, um Lücken in der Literaturgeschichte zu schließen und auf Quellen der Avantgarde hinzuweisen.“ In der Tat kann niemand, der die ägyptische Literatur der letzten zwei Jahrzehnte verfolgt hat, den Einfluß dieser Übersetzungen übersehen. Sie stifteten wichtige Veränderungen während der 90er Jahre, die mit seit den 70er Jahren geltenden Normen brachen, wie u.a. der Kritiker Richard Jacquemond bemerkte. Sebaie spielte auch eine bedeutende Rolle bei der Entdeckung des Erbes der Al-Fann wal-Hurriyya-Gruppe, die in den 40er Jahren auftrat; zusammen mit Hisham Ishtah, Herausgeber der alternativen Zeitschrift Al-Kitaba Al-Ukhra, sorgte er dafür, daß ihre Werke wieder gedruckt wurden. …

„Die Dichter der 90er Jahre pflegten Umgang mit dem, was ich aus dem weithin unbekannten Werk der ägyptischen Surrealisten präsentiert hatte“, sagt Sebaie über den Enthusiasmus, mit dem junge Dichter auf diese vermeintlich altmodischen Texte reagierten, „vielleicht weil es sie inspirierte und ihre Wahl für Erneuerung und Wandel bekräftigte. … Junge Leute bekamen das Gefühl, daß sie Vorläufer finden konnten, die nicht unbedingt Nationalisten waren, und vielleicht glaubten sie, was Georges henein sagte, daß es in Bezug auf Literatur und Kunst keine Ausländer gibt.“

Sebaie bestreitet den Vorwurf, der ihm und dem Dichter Ahmad Taha in den 80er und 90er Jahren häufig entgegengebracht wurde: daß die beiden Dichter nur Nachwuchs für verbotene trotzkistische Organisationen heranziehen wollten. „Der Vorwurf grassierte“, sagt er lachend, „aber er war total unbegründet. Daß sich diese jungen Leute für Trotzki interessierten, liegt daran, daß Trotzki für das absolute Chaos eintrat und jede Beschränkung des Denkens und Schaffens ablehnte. Der Trotzkismus hat keine bevorzugte Ästhetik, sondern ist stets auf der Seite der künstlerischen Ehrlichkeit.“

/ Sayed Mahmoud, Al-Ahram #999

Texte von Georges Henein und Joyce Mansour sind in dem „surrealistischen Pflasterstein“ enthalten:

Das surrealistische Gedicht. Hrsg. von Heribert Becker, Édouard Jaguer und Petr Král. Dritte, korrigierte und erweiterte Auflage. Zweitausendeins / Museum Bochum, Frankfurt am Main 2000. 1888 S., damals DM 50,-

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