63. Untote Securitate

Die Münchner Securitate-Tagung vom 7./8.12. fand ein breites Echo in den deutschen Medien, berichtet wurde aber fast nur über den „Fall“ Werner Söllner. Ein Bericht in der Siebenbürgischen Zeitung gibt jetzt (für mich erstmals) weitere Informationen. Wie gern etwa erführe ich Näheres über die hier angedeutete Erklärung Rolf Bosserts oder über die Beiträge der anderen im folgenden Auszug genannten Autoren:

Gerhardt Csejka fand nicht nur, aber vorrangig als Spiritus rector der „Aktionsgruppe Banat“ über 3 000 Seiten Aktenmaterial zu seiner Person in den Archiven des CNSAS vor, was auf das Misstrauen und das Unbehagen hinweist, das der aufmüpfige Aufbruch junger Autoren aus dem Banat Anfang der 1970er Jahre bei den Aufpassern ausgelöst hatte. Gerhardt Csejka verlas auch eine nach einer Verwarnung der Securitate verfasste Erklärung Rolf Bosserts – ein erschütternder Ausdruck der existentiellen Sackgasse, in der er sich kurz vor seiner Auswanderung in die Bundesrepublik sah.

Sarkastisch und treffsicher gestaltete der Schriftsteller Richard Wagner seinen Angriff auf die „untote“ Securitate. Er sprach über den Überlebenswillen und die heutige Geschäftstüchtigkeit ehemaliger Geheimdienstler, über das unbehelligte Dasein einiger ihrer ehemaligen Helfer in der Bundesrepublik und über seine Art des Kampfes mit dem Leviathan. Von Diskreditierung als bewährter Vorgehensweise des rumänischen Geheimdienstes berichtete auch William Totok, in dessen Beobachtung und Verfolgung ab 1970 über hundert Geheimdienstoffiziere involviert waren, eine im Verhältnis zur planwirtschaftlichen Leistungsschwäche des Landes mehrfach festgestellte überdimensionierte Ressourcenverschwendung. Prof. Dr. Anton Sterbling schilderte seine Überwachung durch die Reschitzaer Securitate in den frühen 1970er Jahren und stellte Fragen zu den Lücken in seiner Opferakte. In die Form eines arabischen Märchens goss Horst Samson die Behandlung mehrerer Banater Autoren durch Securitate-Schergen. Erschütternd und befreiend zugleich wirkte seine „Erzählung“ über den Protest der jungen Schriftsteller gegen die systematische Zurückdrängung des Kulturlebens der deutschen Minderheit in Rumänien auf jeden, der diese chauvinistischen Maßnahmen damals erdulden musste.

Der Autor Johann Lippet gewährte anhand seiner Securitate-Akte einen erhellenden Blick auf die Gratwanderungen, die ein Schriftsteller im kommunistischen Rumänien unternehmen musste, und auf die destruktive Tätigkeit der Denunzianten im Rahmen des deutschen Literaturbetriebs Rumäniens. Wie erbarmungslos die Securitate von einem jungen Autor Besitz ergreifen wollte, mit welchen unkonventionellen Methoden er sich aus ihren Fängen zu lösen vermochte und wie brutal er anschließend ihre Rache zu spüren bekam, davon berichtete Helmuth Frauendorfer. Nicht weniger fesselnd waren dessen Schilderungen der „Maßnahmen“ des rumänischen Auslandsgeheimdienstes gegen die nach West-Berlin emigrierten Schriftsteller der Banater Autorengruppe. Die Absurditäten der Securitate-Überwachung standen im Zentrum der anschaulichen und geistreichen Ausführungen des Siebenbürger Sachsen Hellmut Seiler, der in den 1980er Jahren befürchtete, dass die Securitate seine Verhaftung vorbereite, um ihn an der Ausreise in die Bundesrepublik zu hindern. Das Studium seiner Akte hingegen ergab, dass die Securitate ihn der Spionage für den Bundesnachrichtendienst verdächtigte und deshalb bezweckte, ihn zu einer raschen Ausreise aus Rumänien zu bewegen. …

„Die Securitate ist ein toter Planet, die Satelliten kreisen aber weiter“, konstatierte nicht ohne Verbitterung Richard Wagner.

Außerdem eine Presseschau zur deutschen Berichterstattung über den „Fall“ Söllner.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: