64. Fühmanns Nachdichtungen

Fühmann dichtete tschechische, polnische und ungarische Lyrik nach. Auf der Grundlage der Fremdsprachenkenntnisse des Autors steht im ersten Kapitel der Dissertation die Fühmann’sche Nachdichtung ungarischer Lyriker im Vordergrund, die anhand von Gedichten Attila Józsefs, Miklós Radnótis und Ágnes Nemes Nagys betrachtet wird.

Ein deutlicherer Hinweis auf die Gründe für diese Auswahl wäre hier vielleicht für den Leser hilfreich gewesen. Fühmann hat nämlich auch andere ungarische Dichtungen übersetzt und sogar in einzelnen Bänden veröffentlichen lassen. Dies erfolgte im Rahmen eines groß angelegten Projektes der 1960er- bis 1970er-Jahre in der DDR, in dem Fühmann mit anderen Dichtern vor allem zeitgenössische Lyrik aus den sogenannten ‚kleinen‘ Sprachen nachgedichtet hat. Dies war mit Hilfe von Interlinearübersetzern möglich, die die Rohübersetzungen verfertigt haben, denen die Dichter poetische Form verliehen, so dass die Nachdichtung inhaltlich und formal dem Original glich.

Außer der eingehenden übersetzungskritischen Zusammenschau von Original und Nachdichtung stellt die Dissertation die Bemühung Fühmanns dar, mit seiner Version dem Original zu entsprechen, was vor allem aus nachgelassenen Notizen und aus Briefen an den Interlinearübersetzer Paul Kárpáti sichtbar wird. Diese bisher fehlende wissenschaftliche, in Einzelheiten gehende Darstellung nachdichterischer Arbeiten Fühmanns und ihre erste Erörterung von deren anerkennender Rezeption in Ungarn beweist den Erfolg des Lyrikers. Fühmann mag allerdings seine Tätigkeit nicht als ein Gelingen angesehen haben, da er wusste, dass inhaltlich und formal treue Übersetzungen oder Nachdichtungen wohl unmöglich sind. Sie waren für ihn eher eine stetige Anstrengung, ein einzig möglicher Ort dichterischen Tuns, da er sich einer Lyrik widmete, die ihm selbst sehr nahe stand. Das Wort Topografie im Titel der Studie ist dabei für Fühmann wichtig, während die Unvollendbarkeit die unmögliche formale und inhaltliche Treue zum Original meint, die meistens als Kriterien für die Repräsentierbarkeit fremder Lyrik in einem anderen Kulturgebiet angesehen werden. In dem betreffenden Kapitel fehlt allerdings die Intertextualitätsanalyse, die der Untertitel der Dissertation verspricht. In der Postmoderne kann die Übertragung oder Nachdichtung als eine Form intertextuellen Weiterschreibens verstanden werden, bei dem die Übertragung möglichenfalls als eigenständige Lesart betrachtet wird, bei der die Konsequenzen der unvertretbaren Treue zum Original bereits gezogen worden sind. / Valéria Lengyel, literaturkritik.de

Stephan Krause: Topographien des Unvollendbaren. Franz Fühmanns intertextuelles Schreiben und das Bergwerk.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2009.
391 Seiten, 52,00 EUR.
ISBN-13: 9783825356170

One Comment on “64. Fühmanns Nachdichtungen

  1. „Bei einer Übertragung dieses Bandes finde ich meine Devise, ob derer man mir Hochmut vorgeworfen hat, bitter bestätigt: Keine Übertragung ist immer noch besser als eine schlechte …
    Hier eine eines Gedichtes von József; hätte ich nicht zufällig die Interlinearübersetzung in meinem Koffer, so würde ich nach der zweiten Strophe die Schultern zucken und sagen: Ein sehr schwaches Gedicht!, und wüsste ich nichts von Jószefs Größe, würde ich folgern: Ein sehr schwacher Dichter! Hier allerdings weisen antiquierte Wörter und Wendungen so stark auf den Nachdichter, dass ich mich eines Schlusses auf das Original enthalten würde. Das Schlimmste ist jene Mittelmäßigkeit, die alles in gleichen Brei verwandelt

    Rücksicht auf den Nachdichter? Nahm er denn Rücksicht auf den Vordichter“

    Aus „Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte meines Lebens“ von Franz Fühmann, Reclam 1986, S. 47-48

    Irgendwo las ich einmal (, und ich hätte schwören können, es sei bei Fühmann gewesen, stutze jetzt aber, da ich es beim Blättern nicht finden kann,) von der Idee, dass ein Übersetzer nicht nur zwei Sprachen beherrschen muss (also die, in der das Gedicht verfasst wurde und die, in die es übertragen werden soll) sondern auch eine dritte Sprache: die der Poesie!
    Natürlich ist das auch wieder nur die Vereinfachung eines großen Problems – denn nähme man alle Dichter eines Landes zusammen, erwüchsen daraus ja zig poetische Sprachen… und dann wäre da noch die sprachliche Relativität und ja, Wittgensteins Name müsste selbstverständlich auch nochmal in den Mund genommen werden und und und ……..
    Es ist ja eigentlich unmöglich.
    Und man könnte sich achselzuckend in den Sessel zurücklehnen. Wer aber den Fehler begangen hat, Arno Schmidts Notizen zu der deutschen Übersetzung Goyerts von „Ulysses“ zu lesen (man stelle sich nur vor, wie viele katastrophale Übersetzungen bis heute unentdeckt blieben!), der nimmt fortan in einem Buchladen nicht mehr munter das Buch aus dem Regal, nach dessen Titel er suchte – sondern verhält sich grundsätzlich misstrauisch gegenüber unbekannten Übersetzern und hält schon mal drei verschiedene Ausgaben (wenn nicht sogar mehr) kritisch vergleichend nebeneinander.

    Gruß,
    Christiane

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