62. Reiner Klang

Es ist ein unerhörter Klang, der sich entfaltet, weich und dabei bestimmt. Ein sanftes Raunen, das sich durch den Klassenraum zieht, Großes verkündet, vor allem aber durch sich selbst wirkt, durch die in Rhythmus gebrachten Konsonanten und natürlich den Reim, mit dem die beiden Verse schließen. Acht Worte nur, aber unendlich verheißungsvoll: „Mon enfant, ma sœur, Songe à la douceur“. Charles Baudelaire, „Einladung zur Reise“, das 53. Gedicht der „Blumen des Bösen“. Als reiner Klang schwebt es durch den Klassenraum im kolonialen Algerien, irgendwann in den späten vierziger Jahren, frühen fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als es noch ruhig ist in dem nordafrikanischen Land. Ungeduld und Zorn der von Paris aus regierten Araber sind zwar unterschwellig zu spüren, haben sich aber noch nicht offen Bahn gebrochen.

Die Zeichen weisen in Richtung Aufstand. Aber noch schweben die Zeilen durch den Raum, und sie sind geeignet, die junge Schülerin auf immer zu verzaubern, ihr klarzumachen, dass die Franzosen zwar auch Schöpfer einer effizienten Kriegstechnik sind, mit deren Hilfe sie das Land bereits hundertzwanzig Jahre im Griff halten; aber ebenso Schöpfer großer Dichtkunst sind, einer Poesie, die geeignet ist, den algerischen Untertanen die andere, hellere Seite der Kolonialmacht zu zeigen; eine Seite, die sich mit dem Zynismus der Militärs und Verwaltungsbeamten nur schwer in Zusammenhang bringen lässt.

Baudelaires Einladung hat die junge Assia Djebar, deren bürgerlicher Name Fatima-Zohra Imalayène lautet, auf immer an das französische Mutterland gebunden und ihr den Weg zu jener zunächst unbekannten Sprache eröffnet, in der sie später ihre Romane schreiben würde. / Kersten Knipp, FAZ 11.1.

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