44. Enzensbergers Pseudonyme

Andreas Thalmayr ist vermutlich das bekannteste der Enzensbergerschen Pseudonyme, und am ehesten wird es mit seiner erfolgreichen Anthologie «Das Wasserzeichen der Poesie» (1985) in Verbindung gebracht. Andreas Thalmayr ist auch der Verfasser von «Lyrik nervt» (2004), im Untertitel «Erste Hilfe für gestresste Leser», und der sehr unterhaltsamen kleinen Schrift «Heraus mit der Sprache» (2005), in welcher, nun ja: Hans Magnus Enzensberger eine Reihe von klugen und oft auch ernüchternden Bemerkungen zur Sprache macht, zur deutschen vor allem. Andreas Thalmayr hat auch einmal eine «Kleine Kulturgeschichte in Schüttelreimen» publiziert: «Es schwärmten kaum für Schweinehirten / die Damen, die um Heine schwirrten.» Oder: «Man sagt sich: Ich vergesse halt, / wie viel mir Hermann Hesse galt.» Oder: «Ob’s Péter Esterházy störte, / wenn seinen Hohn die Stasi hörte?». In «Das Wasserzeichen der Poesie» lässt Thalmayr auch einen gewissen Serenus M. Brezengang als Autor und Übersetzer mitarbeiten. Der Name, ein Anagramm, steht hier für experimentelle Versuche an Gedichten.

Unter dem Namen Elisabeth Ambras ist der Autor sogar Autorin geworden. Warum sie unter Pseudonym schreibt, begründet sie gleich selbst: «Mein Mann möchte, dass ich auf etwas Rücksicht nehme, das er seine <gesellschaftliche Position> nennt. Ich erfülle diese Bitte gern, wenngleich ich nicht sicher bin, was er damit meint. Literatur als Beruf liegt mir fern. Ich bin Amateurin und schreibe zu meinem eigenen Vergnügen, meinem eigenen Verdruss. Die meisten Schriftsteller-Biografien klingen ohnehin so, als wären sie erfunden. [. . .] Kaum jemand glaubt einem die reine Wahrheit − ein Argwohn, den ich teile. Beim Schreiben eines Lebenslaufes hätte ich bald das Gefühl, ich wäre in eine Geschichte von E. A. geraten. Dies ist ein Los, welches ich mir ersparen möchte.» Das Buch, das sie 1992 publiziert hat, heisst «Fernsteuerung» und verspricht im Untertitel «Bettgeschichten» − was die Vorsicht des Gatten wohl ausreichend erklärt. Linda Quilt ist eine weitere Autorin, die selten schreibt; von ihr stammt ein Kinderbuch, «Schauderhafte Wunderkinder» (2006). Mrs. Quilt schreibt auf Englisch, ihr Buch aber gibt es nur auf Deutsch (übertragen von Reinhard Kaiser, einem ausgewiesenen Übersetzer). Wer ist denn diese Autorin? Auch Linda Quilt hat eine Biografie, wie alle, die schreiben. Die diesbezüglichen Angaben allerdings sind umständehalber eher knapp: «Linda Quilt ist dem Vernehmen nach um 1950 in einem kleinen Ort nahe Stratford-upon-Avon geboren, der seit ebendieser Zeit auf mysteriöse Weise von der englischen Landkarte verschwunden ist.»

«Bisher keine Veröffentlichungen (ausser Diplomarbeit)» heisst es in einem anderen Fall, bei den biografischen Angaben zu einem gewissen Giorgio Pellizzi. 1934 in Sizilien geboren, studierte Germanistik und Nationalökonomie in Turin und Köln: «Aktiv an der italienischen Studentenbewegung teilgenommen. Arbeitet augenblicklich an einer Untersuchung über die multinationalen Konzerne und lebt zur Zeit in Mailand und Amsterdam.» Der angebliche Pellizzi hat 1974 den Text zu einem Comic geschrieben, der von dem damals skandalumwitterten Bernie Cornfeld handelt, «Bernie der Milliardenflipper». Cornfeld betrieb seinerzeit, noch etwas harmloser als in den letzten Jahren der Börsenguru Madoff, ein Investmentunternehmen, «IOS», das einige wenige Menschen sehr reich und viele sehr arm machte.

Die Liste der Pseudonyme liesse sich fortsetzen. Etwa mit Benedikt Pfaff: Der Name steht unter einigen Übersetzungen, von Texten von Donald Barthelme oder Lawrence Ferlinghetti. Pfaff ist dem Vernehmen nach ein Spitzname des Autors. Oder Trevisa Buddensiek, auch das ein kurzzeitig genutztes Pseudonym von Enzensberger. Und dann bleiben alle die, die wir nicht kennen, weshalb wir auch nie recht wissen werden, was alles dieser Autor denn eigentlich geschrieben hat − Tarnnamen dienen ja zur Tarnung. Und die meisten Schriftsteller-Biografien, hiess es doch bei Elisabeth Ambras, klingen ohnehin so, als wären sie erfunden. / Martin Zingg, NZZ 11.11.

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