14. Obskure und Postobskure

Die moderne chinesische Literatur begann 1918 mit einer grausigen Metapher: Menschen fressen. Die beiden Zeichen lugten in Lu Xuns „Tagebuch eines Verrückten“ hinter all den Büchern der konfuzianischen Tradition hervor, in deren Namen das Volk jahrhundertelang malträtiert, abgestumpft und ohnmächtig gemacht worden war. Die Neuerer kämpften für Demokratie, Wissenschaft und eine volksnahe Sprache, um, wie sie damals sagten, „China zu retten“. Die Reformbewegung mündete in politische Gruppierungen: die nationale Kuomintang und die Kommunistische Partei, die am Ende bekanntlich die Macht errang. Heute, sechzig Jahre, eine Kulturrevolution und eine kapitalistische Revolution später – inzwischen ist das Land so mächtig und für den Westen wichtig geworden, dass die Frankfurter Buchmesse es als Ehrengast einlädt -, findet die chinesische Literatur abermals eine Metapher, um ihr Land zu bezeichnen, nicht weniger archaisch und unheimlich als die für das alte Reich: Blut verkaufen. …

Die Ersten, die nach der Kulturrevolution aus den kollektivistischen Mustern radikal ausbrachen, waren eine Reihe von Lyrikern, die von regierungsamtlichen Kritikern prompt das Etikett „obskure Lyrik“ angehängt bekamen, das sie sich später selbst als Ehrentitel anrechneten. Vor den Hintergrund der gemeinsamen Generationsgeschichte stellten Autoren wie Bei Dao, Meng Ke, Gu Cheng und Yang Lian in ihrer Zeitschrift „Heute“ das einzelne Ich, dessen fragile Erfahrungen sich nicht länger in der Eindeutigkeit des Realismus oder sonst einer Propagandasprache ausdrücken lassen. Die darauf folgende Generation der „postobskuren“ Lyriker wie Ouyang Jianghe, Xi Chuan und Zhai Yongming baut auf dieser Unabhängigkeit auf und treibt die Sprachkritik, bisweilen auch die absurden Elemente noch weiter. Diese jüngeren Dichter sind im Herbst 2009 sowohl in dem Hörbuch „Schmetterlinge auf der Windschutzscheibe“ wie in der Anthologie „Alles versteht sich auf Verrat“ vertreten. / Mark Siemons, FAZ

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