Lyrikzeitung & Poetry News

28. März 2012

126. Mäklig

Rauris scheint ein kritisches Publikum zu haben:

Der chinesische Literaturprofessor Wang Jiaxin – eigens aus Peking eingeflogen – las seine nicht zuletzt von deutscher Poesie inspirierte “Welt-Lyrik” im chinesischen Original. Aber sein Publikum erreichte er auch in der deutschen Übersetzung von Autor und Chinakenner Wolfgang Kubin nicht. Ebenso wenig funktionierte die Lyrik des Slowenen Ales Steger und des Ukrainers Juri Andruchowytsch, deren Gedankenwelten vermutlich bloß in den sperrigen Deutschkenntnissen der Autoren steckenblieben*. Auch Patrick Roth mit seiner US-amerikanischen Wortbildershow wird wohl Wenige überzeugt haben, während die witzige, schlagfertige und pointierte Bachmann-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff mit ihrer Lesung aus dem Roman “Blumenberg” ihren Ruf als eine der stärksten Stilistinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur einmal mehr verfestigte. / Salzburger Nachrichten

*) Die sprechen Deutsch – aber ob sie sich selber übersetzen? Eher zweifelhaft.

14. März 2012

64. Sarmatische Begeisterungsfähigkeit

Einsortiert unter: Deutschland, Polen, Ukraine, Weißrußland — Schlagworte: , — lyrikzeitung @ 17:34

Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Martin Pollack, der 2011 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten hat, kuratiert den auf drei Jahre angelegten Schwerpunkt „Tranzyt – Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“ auf der Leipziger Buchmesse. Die Presse (Wien) berichtet:

2005 hat Pollack eine Anthologie namens „Sarmatische Landschaften: Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland“ herausgegeben. „Die Polen erinnern sich gern an das einstige Sarmatien“, erklärt Pollack: „Für sie ist das so eine Art innerkontinentales Atlantis.“ In der Spätantike verstand man unter Sarmatien die große Region zwischen Weichsel, Wolga, dem Schwarzen Meer und der Ostsee. Die polnisch-litauische Adelsrepublik der frühen Neuzeit übernahm diesen Namen, in ihr lebten Polen, Weißrussen und Westukrainer in einem Staatenverband, in dem die Polen die Führung innehatten: „Für sie war das ein Goldenes Zeitalter.“

Eines könne sich der Westen aber von den Osteuropäern abschauen, meint Pollack: die Begeisterungsfähigkeit für Literatur. „Ich habe Lyrik-Lesungen erlebt, bei denen die Säle gerammelt voll mit jungen Leute waren, die gejubelt haben.“ So etwas wünsche er sich auch für Leipzig…

/ Die Presse 14.3.

Die Leipziger Buchmesse dauert von 15. bis 18. März. Insgesamt präsentieren 2071 Verlage über 100.000 Bücher aus 44 Ländern.

Das Autoren-Camp ist die wichtigste Neuerung. Es dient der Vernetzung von Autoren.

22. Februar 2012

100. Lyrik bei Tag und Nacht

Einsortiert unter: Polen, Ukraine, Weißrußland — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 13:36

Tranzyt. Messeschwerpunkt auf der Leipziger Buchmesse

Poetische Tage und Nächte warten auf Lyrikfans. Bei Tage stellt sich das “Internationale Poesiefestival Meridian Czernowitz” in Leipzig vor. In mehreren Veranstaltungen lesen Lyrik-Stars und Newcomer. Am Nachmittag des ersten Messetages steht zeitgenössische Lyrik aus Polen, der Ukraine und Belarus auf dem Programm. Die Teilnehmer debattieren, was die neue lyrische Richtung in diesen drei Ländern auszeichnet. Die tranzyt-Nacht auf der Leipziger Theaterbühne Skala vereint Slam-Poetry und Musik aus Polen, der Ukraine und Belarus.

Spannend sind nicht nur die Literaturen aus den drei Ländern sondern auch die Literaturzeitschriften und -portale. In Leipzig stellen sich die Zeitschrift des Vereins translit e.V., die deutsch-polnisch-ukrainische Zeitschrift “RADAR” und das Webportal literabel.de für belarussische Gegenwartsliteratur vor.

Vielfältige Literaturen – vielfältige Buchmärkte

“Polen, Belarus und die Ukraine stehen für unterschiedliche politische Systeme”, erläutert Oliver Zille. “Ebenso verschieden haben sich die Buchmärkte der einzelnen Länder entwickelt und so sind auch die statistischen Gegebenheiten zu unterschiedlich, um eine wirkliche Vergleichbarkeit der bekannten Daten und Fakten herzustellen.”

Polen verfügt über den größten Buchmarkt innerhalb des Programmschwerpunktes. Die gut 38 Millionen Einwohner sorgten 2010 für einen Umsatz von 736 Millionen Euro im Buchmarkt. Der Deutsche Buchexport nach Polen lag 2010 bei 19,79 Millionen Euro. Im Jahr 2009 wurden 24.380 Bücher veröffentlicht davon 13.430 Neuerscheinungen . 26 Prozent der publizierten Titel sind Übersetzungen. Die 200 größten Verlage verzeichneten 98 Prozent des Umsatzvolumens.

Polen verzeichnet insgesamt 3.000 Buchhandlungen und 31.100 Unternehmen im Verlagswesen. Zu den wichtigsten Vertriebswegen zählen der Buchhandel/Buchketten, Supermärkte/Warenhäuser, Direktverkauf/Buchklubs und das Internet . Polen gehört seit 1995 zur weltweiten Spitzengruppe der Lizenzkäufer deutscher Titel. Die Hälfte der Lizenzen entfallen auf Belletristik. Eine Studie aus dem Herbst 2012 der Arbeitsstelle für Leseforschung der Nationalbibliothek ergab, dass 46 Prozent der polnischen Bücherfans gern Übersetzungen fremdsprachiger Literatur lesen, darunter zahlreiche Neuübersetzungen deutscher Klassiker des 20. Jahrhunderts wie Fallada, Remarque oder Rilke. Die Zahl der regelmäßigen Leser liegt stabil bei 12 Prozent der Bevölkerung. Besonders beliebt beim Publikum sind Thriller, Liebesromane und Reportagen. E-Books und E-Reader erfreuen sich vor allem bei jungen Polen großer Beliebtheit.

Belarus stellt mit 9,5 Millionen Einwohnern das bevölkerungsärmste Land des Programmschwerpunktes. 2010 erschienen 10.774 Titel mit einer Gesamtauflage von 42 Millionen Stück. Das Verlagswesen vereint 837 Unternehmen, von denen etwa 100 marktentscheidend sind.

Zwei Drittel der Bevölkerung bekennt sich zum Lesegenuss, während ein Drittel keine Bücher zur Hand nimmt. Weißrussisch ist die Amtssprache in Belarus. Etwa 75 Prozent der Bevölkerung nutzt im Alltag das Russische. Der Mehrheit er Publikationen erscheint daher in dieser Sprache. Nur etwa ein Drittel wird auf Weißrussisch veröffentlicht. Immerhin 13,3 Prozent der Einwohner können nicht auf Weißrussisch lesen und 62 Prozent zeigen an weißrussischer Literatur nur wenig Interesse. Hoch im Kurs steht hingegen zeitgenössische, ausländische Literatur insbesondere russische.

In der Ukraine leben rund 45 Millionen Einwohner. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung beherrscht sowohl die ukrainische als auch die russische Sprache. Offizielle Amtssprache ist nach der Unabhängigkeit 1991 das Ukrainische. Die russische Kultur und Literatur beeinflusst aber weiterhin die Gesellschaft. So wird der ukrainische Buchmarkt stark mit russischer Belletristik versorgt. Andererseits steigt die Nachfrage nach Büchern in der ukrainischen Sprache. Den Buchmarkt teilen sich 350 Verlage. Im letzten Jahr gaben 60 Prozent dieser Unternehmen ein Umsatzwachstum an. Im Jahr 2010 betrug die Gesamtauflage an Büchern und Broschüren knapp 34 Millionen Stück, davon erschienen knapp 17 Millionen auf Ukrainisch und gut 15 Millionen auf Russisch.

54 Prozent der Bevölkerung in der Ukraine lesen regelmäßig. Sie kauften zu 38 Prozent ukrainische und zu 60 Prozent russische Publikationen. Bücher auf Deutsch werden von 1,1 Prozent der Ukrainer erworben.

Insgesamt 2.780 Autoren und Mitwirkende in 2.600 Veranstaltungen kommen zu Europas größtem Lesefest “Leipzig liest” nach Leipzig. Das komplette Programm ist online unter www.leipzig-liest.de verfügbar. Wer viel unterwegs ist, kann die mobile Programm-Version unter www.leipzig-liest.de/mobil erreichen.

99. Schillernd, vielfältig und reich: “tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus”

Neuer Programmschwerpunkt der Leipziger Buchmesse

Prosa und Lyrik, Gesellschaftspolitik und Fußball, Diktatur und Demokratie – die Literaturszenen in Polen, der Ukraine und Belarus versprechen neue Namen, spannende Themen und bewegende Geschichten. Zur Leipziger Buchmesse präsentieren vom 15. bis 18. März junge Wilde und preisgekrönte Routiniers erstmals den Programmschwerpunkt “tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus”. “Mit ´tranzyt´ wollen wir gemeinsam mit unseren Partnern den Blick auf diese weitgehend unbekannten Literatur-Landschaften schärfen”, erklärt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse. “Gerade über literarische Texte, erhalten die Leser ein differenziertes Bild der verschiedenen Kulturen.”

Wie gehen Schriftsteller mit den historischen Ereignissen und den teils dramatischen, politischen Entwicklungen um? Welche Aufgaben kommen Autoren und Künstlern in der Diskussion über die Zivilgesellschaften gegen einen alles beherrschenden Staat zu? Wie können die Künstler als Kreative jenseits der jeweiligen Landespolitik wahrgenommen werden? Unterscheiden sich Prosa oder Lyrik aus diesen drei Ländern voneinander oder vom Rest der Welt?

In 20 Veranstaltungen des Programmschwerpunktes “tranzyt” geben 32 Autoren aus Polen, der Ukraine und Belarus Antworten auf diese Fragen. Von den “tranzyt”-Gästen haben einige bereits auf Deutsch publiziert. Hierzu gehören Joanna Bator, Sylwia Chutnik, Piotr Siemion und Andrzej Stasiuk aus Polen sowie Swetlana Alexijewitsch und Alhierd Bacharewitsch aus Belarus. Deutsche Ausgaben gibt es zudem bereits von den ukrainischen Autoren Juri Andruchowytsch, Andrej Kurkow, Natalka Sniadanko, Oksana Zabuzhko und Serhij Zhadan.

Kurator des Programmschwerpunktes ist Martin Pollack, Experte für Geschichte und Literatur Mittel- und Osteuropas, Autor, Übersetzer und Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2011. “Brilliant, bedeutend und beeindruckend sind die literarischen Landschaften Polens, der Ukraine und Belarus”, verspricht Pollack. “Sie verdienen es, von einem großen Publikum entdeckt zu werden. Die teils bestürzenden politischen Entwicklungen sollten unsere Neugier auf neue Themen, Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Geschichte, Politik und Kultur noch erhöhen.” “tranzyt” ist ein Projekt der Leipziger Buchmesse, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Kooperation mit der Rinat Ahmetov Stiftung “Rozvytok Ukrajiny”, der Allianz Kulturstiftung, dem Lviver Verlegerforum und dem Polnischen Institut Berlin, Filiale Leipzig. Koordiniert wird das Programm von der Kulturmanagerin Kateryna Stetsevych.

Fußball und Politik – eine runde Sache?

Politik und Fußball sind vielfältig verknüpft – nicht nur in Polen und der Ukraine. Aber 2012 liegt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit ganz besonders auf den gastgebenden Ländern der Fußball-Europameisterschaft. Anlässlich der EM haben sich elf Autorinnen aus der Ukraine auf die Suche nach einem Fußball gemacht. Was dabei herausgekommen ist, erfahren die Zuschauer der Veranstaltung “Wodka für den Torwart”. Unter dem Titel “Freistoß. Fußball und Gesellschaft in Polen, der Ukraine und Belarus” geht “tranzyt” der Frage nach, wie sich der Fußball und das Turnier auf die politischen und kulturellen Entwicklungen dieser Länder auswirken.

LEIPZIGER BUCHMESSE
(15. bis 18. März 2012)

16. Februar 2012

68. Pornografie, Nekrophilie, Verderbung einer Minderjährigen und der Aufruf, den Präsidenten zu töten

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Der ukrainische Schriftsteller Juri Wynnytschuk hat sich mit den Machthabern angelegt: Er hat ein Gedicht geschrieben, das als Aufruf gelesen werden kann, den Staatspräsidenten zu ermorden. …  Das jetzt inkriminierte Gedicht hat er während einer “Nacht der erotischen Poesie” vorgetragen. (…)

DIE WELT: Sie hatten also Besuch von der Miliz. Was wollten die Beamten?

Juri Wynnytschuk: Der kommunistische Abgeordnete Leonid Hratsch hat gegen mich Anzeige erstattet. Anklagepunkte: Pornografie, Nekrophilie, Verderbung einer Minderjährigen, die meine Gedichte rezitierte, und der Aufruf, den Präsidenten zu töten. Deswegen kamen die Milizionäre. Ich habe sie hereingebeten und mit Kaffee bewirtet. Sie wollten Auskünfte über diese Gedichte. Sie waren freundlich zu mir. Ich hatte den Eindruck, sie haben sich bei der ganzen Geschichte gut amüsiert. Sie kannten meine Bücher. / Gerhard Gnauck, Die Welt

14. Februar 2012

55. Schwerpunkt Tranzyt

Einsortiert unter: Deutschland, Polen, Ukraine, Weißrußland — Schlagworte: , , , — lyrikzeitung @ 08:19

“Tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus (Weißrussland)” heißt der Programmschwerpunkt der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Man wolle, auch aus Anlass der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, Autoren aus Mittel- und Osteuropa bekannt machen und deren Publikationen in deutschen Verlagen befördern, erklärte Buchmessedirektor Oliver Zille. Als Gäste werden unter anderem Andrzej Stasiuk, die belarussische Autorin Swetlana Alexijewitsch und Jury Andruchowytsch aus der Ukraine. Kurator Martin Pollack erklärte, die Autoren aus Polen, der Ukraine und Belarus seien “untereinander sehr gut vernetzt und gemeinsam in verschiedenen Projekten aktiv”.

30. September 2011

139. Weltunglück

Einsortiert unter: Rußland, Russisch, Ukraine — Schlagworte: , , , , — lyrikzeitung @ 04:25

Vor siebzig Jahren ermordeten SS- und Wehrmachtssoldaten wurden in der Schlucht Babij Jar mehr als 33.000 Menschen. Mittlerweile hat die Großstadt Kiew die Schlucht umschlossen. Sie ist heute ein Park.

Von Katja Petrowskaja, FAZ 29.9.

Ich habe nie verstanden, warum dieses Unglück immer das Unglück der anderen sein sollte. „Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September 1941 bis 8 Uhr Ecke der Meldnik- und Dokteriwski-Strasse (an den Friedhoefen) einzufinden…“ So hatte es die Wehrmacht plakatiert – und die Hausmeister hielten die Bücher bereit, die Polizei durchsuchte die Schulen, Krankenhäuser und Altersheime, damit wirklich „Sämtliche“ gehen. Als sie nach Babij Jar kamen, mussten sie sich ausziehen, wurden nackt durch die Reihen der Polizei getrieben, angeschrien und geschlagen – und da, wo man durch die Öffnung den Himmel sah, am Rande der Schlucht, wurden sie von beiden Seiten aus mit Maschinengewehren erschossen. Oder anders: Hunderte nackte Lebendige liegen auf nackten Leichen, erst dann wird geschossen, die Kinder wirft man einfach so auf die Leichen, um sie lebendig zu begraben, das spart Munition. (…)

Die „Literaturnaja Gaseta“ veröffentlichte ein Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko: „Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal. / Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein. / Mir ist angst. / Ich bin alt heute, / so alt wie das jüdische Volk. / Ich glaube, ich bin jetzt / ein Jude.“ Meine Mutter erzählt, wie die Menschen einander anriefen. „Wir weinten vor Glück darüber, dass man über das Unglück nun endlich öffentlich sprach.“ Ein russischer Dichter hatte die jüdischen Opfer auf sich genommen, sie alle. Es ging bei ihm nicht mehr um „ihre“ Toten – und das stand jetzt gedruckt in einer sowjetischen Zeitung: „Jeder hier erschossene Greis -: ich. Jedes hier erschossene Kind -: ich.“ Innerhalb eines Monats wurde das Gedicht in 70 Sprachen übersetzt (ins Deutsche von Paul Celan). Nun war dieses Weltunglück nicht mehr obdachlos. Vielleicht deswegen bot Pier Paolo Pasolini für seinen Film „Das Matthäus-Evangelium“ Jewtuschenko die Rolle des Jesus an. Dimitrij Schostakowitsch vertonte Jewtuschenkos Gedicht im Adagio seiner 13. Symphonie. Es schien, als wäre die Ehre der Erinnerung wiederhergestellt worden.

13. Mai 2011

53. Ostap Slyvynsky in Wien

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Wien. Am 17. Mai um 19 Uhr 30 liest der Writer-in-Residence des quartier21 Ostap Slyvynsky im Raum D / quartier21. Der ukrainische Autor und Übersetzer schreibt Lyrik und Essays und ist Co-Herausgeber der polnisch-deutsch-ukrainischen Literaturzeitschrift ”RADAR”. Ostap Slyvynsky wurde 2009 mit dem Hubert-Burda-Preis für junge Lyrik ausgezeichnet. Zuletzt erschien der Gedichtband “The Running Fire”. In seiner Lesung am 17. Mai liest Slyvynsky Gedichte in ukrainischer Sprache, die deutsche Übersetzung von Claudia Dathe trägt Prof. Alois Woldan vom Institut für Slawistik der Universität Wien vor.

16. Oktober 2010

65. Wien: Die Stimmen der Nachbarn hören

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Der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels (HVB) lädt zur BUCH WIEN 10 Internationale Buchmesse (18.–21. November) und Lesefestwoche (15.–21.November): Erwartet werden rund 200 heimische und internationale AutorInnen, dieihre Neuerscheinungen vorstellen. Ganz im Sinne der Brückenfunktion Wiens gilt einbesonderes Augenmerk der Literatur aus Südost- und Zentraleuropa.

In Kooperation mit KulturKontakt Austria und unter Mitwirkung internationaler Kulturinstitute sind zur BUCH WIEN auch in diesem Jahr zahlreiche AutorInnen geladen, u. a. stellt die beeindruckende ukrainische Erzählerin Oksana Sabuschko in der Hauptbücherei am Gürtel ihren neuen Roman „Museum der vergessenen Geheimnisse“ vor. Im Rahmen der Nacht der Poesie wird die Taschenbuchreihe tradukita poezio vorgestellt, die der südosteuropäischen Lyrik gewidmet ist und von TRADUKI und der edition korrespondenzen herausgegeben wird. Erwartet werden Luljeta Llheshanaku aus Albanien, Lidija Dimkovska aus Makedonien und Marko Pogacar aus Kroatien. / bücher.at

23. September 2010

100. Meridian Czernowitz

Zum neunzigsten Geburtstag des großen Celan veranstaltet seine Vaterstadt erstmals ein Poesiefestival, hat Dichter aus halb Europa, vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, dorthin geladen, wo zwischen 1880 und 1940 eine der unerhörtesten Explosionen von Kreativität stattfand, die es in Europas Kultur je gegeben hat. Czernowitz, dessen weit über die Hügel am Pruth gezogene habsburgische Altstadt etwas abgebröckelt, aber komplett erhalten ist, hatte nur achtzigtausend Einwohner.

Doch im heiklen Ungleichgewicht von fünf Sprachen – Deutsch, Jiddisch, Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch – und im Aufeinandertreffen von mittelalterlicher Dorffrömmigkeit der Popen und Chassiden und humanistischer Moderne von Universität und Labor schossen die Genies eine Generation lang nur so empor. Eine Kleinstadt beherbergte für einen kostbaren Moment das Denken der ganzen Welt. …

In Czernowitz, dessen relative Bevölkerungsmehrheit um 1900 aus Juden bestand, lernten und schrieben, lehrten und veröffentlichten gleichzeitig einige der besten jiddischen Autoren: der Pädagoge Elieser Steinbarg und der versoffene Poet Itzig Manger, der fliehen konnte und nach einem Wanderleben 1969 in einem Sanatorium bei Jerusalem letztes Obdach fand. Auch Gregor von Rezzori, der mit Brigitte Bardot auf der Leinwand zu sehen war und sich in Czernowitz für seine „Maghrebinischen Geschichten“ inspirierte, ist von hier.

Die 1901 geborene Dichterin Rose Ausländer nicht zu vergessen, die Celan 1941 im Czernowitzer Ghetto kennenlernte – nicht zuletzt seiner Kritik an ihrem bis dato expressionistisch grundierten Stil verdankte sie jene lakonische Diktion, die ihre großen, längst gegenwartsklassischen Gedichte auszeichnete. Immer wieder ist sie aus Czernowitz geflohen, immer wieder zurückgekehrt: „Eine goldene Kette“, heißt es im Gedicht „Heimatstadt“, „fesselt mich / an meine urliebe Stadt / wo die Sonne aufgeht / wo sie untergegangen ist / für mich“.

Rumäniens Nationaldichter Mihail Eminescu lebte ebenso in der habsburgischen Hauptstadt der Bukowina wie mehrere poetische Ikonen der heutigen Ukraine: Olga Kobylanska oder Dmytro Zahul, der in Stalins GULag umkam. Man könnte die Liste beliebig fortsetzen. Josef Burg, letzter jiddischer Dichter aus dem Schtetl, ist vorigen August in Czernowitz mit fast siebenundneunzig Jahren gestorben. …

Und auch die Studenten im Festsaal applaudieren überrascht, wenn der Schweizer Schriftsteller Andreas Saurer sie bei der Rezitation seiner aphoristischen Gedichte in fließendem Rumänisch, wenn der deutsche Poet Hendrik Jackson sie in perfektem Russisch anspricht. Man interessiert sich also doch für diesen vergessenen Teil Europas. Durchaus hermetische Lyriker wie Elke Erb oder Brigitte Oleschinski kehren bei der Reise nach Czernowitz zu den Wurzeln des Genres, zu Paul Celans verdichteten und verrätselten Innenbildern zurück.

Wenn Gerhard Falkner sein schönes Poem vom Stadtplan als Gedicht und von den Straßen als Zeilen und den Häusern als Wörtern vorträgt, dann fühlt man sich zu Fuß unterwegs im untergegangenen Czernowitz, das für die Fremden aus magischer Poesie besteht.

/ Dirk Schümer, FAZ.net 22.9.

Zum Thema im FAZ-Archiv:

Über Josef Burg: Uwe von Seltmann: In Memoriam Josef Burg

L&Poe 2009 Aug #041. Josef Burg gestorben

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