Da spucken die Darsteller – in Anspielung auf Todesursache und Grabinschrift Rilkes – Rosenblütenblätter auf den Ziegelboden, bevor des Dichters Zauberworte fallen, da wird gefroren, gelärmt und gelitten, was das Zeug hält. Rilkes berühmter “Panther” wird von Jeroen De Man in einem Schweine-Gitterkäfig nachgespielt. De Man brüllt das Gedicht in nahezu akzentfreiem Deutsch, während ihn seine drei Mitspieler mit Schlamm übergießen. Die Krone der lyrischen Schöpfung: der Panther, das Schwein. / Stefan Grund, Die Welt
2. März 2012
27. Januar 2012
103. Annes Kastanie
Jene Kastanie, die bis zu einem Sturm im Jahr 2010 im Hinterhof der Prinzengracht in Amsterdam stand und dem jüdischen Mädchen in ihrem Versteck vor den Nazi-Schergen ein Lichtblick war. Der niederländische Dichter Jos Versteegen hat in drei Gedichten die Zwiesprache von Anne mit der Kastanie ausgedrückt, ein viertes Gedicht ist dem Sturz des Baumes gewidmet. Der Markdorfer Komponist Johannes Eckmann hat diese Gedichte vertont. / Stefanie Lorenz, Schwäbische Post 26.1.
16. Dezember 2011
62. Büchlein ohne Schwanz
Einer der grössten literarischen Küsser, die die Sprache je hervorgebracht hat, scheint jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Als Dichter, Maler und Bildhauer verkörperte er das Renaissance-Ideal eines uomo universale und sorgte mit einem Gedichtzyklus für einen Klassiker der erotischen Literatur des 16. Jahrhunderts: Johannes Secundus. In diesem Jahr wird sein 500. Geburtstag gefeiert. …
Jede Erschütterung des Ichs zeichnet er auf, wechselt gemäss der Anzahl der Gedichte neunzehn Mal kunstvoll das Metrum. Dadurch lädt er seine Verse mit ungeheurer Lebendigkeit auf, die modern anmutet – und unverhofft für Aktualität sorgt. In einem der Gedichte erklärt Secundus seine «Basia» kurzerhand zu Keuschgebieten: Nur ums Küssen gehe es ihm, also verschwindet, ihr Unanständigen, ruft er seinem Publikum zu und preist einen Atemzug weiter die Sittsamkeit seiner Geliebten, «die ganz sicher ein Büchlein ohne Schwanz lieber will als einen Dichter ohne Schwanz». So leicht ist der Voyeurismus des Publikums enttarnt. Darauf verstand sich schon Catull, Secundus steht dem Römer in nichts nach. / Christoph W. Bauer, NZZ
15. Oktober 2011
64. Zentrum
“Plötzlich im Zentrum der Weltkultur”, titelt die Ibbenbürener Volkszeitung und meint den Verleger Dr. Josef Kleinheinrich. Die können ja nicht wissen, daß der Verleger von Inger Christensen, von Ekelöf, Tranströmer, Sonnevi, auf dessen Backlist auch die Namen Kling, Mayröcker, Kirkeby, Nooteboom, Lucebert, Egger, Michaux und und stehen, immer schon dort war. (Aber die Nicht- und Überleser bestimmen die Landkarte des Betriebs).
12. Oktober 2011
49. Poetry Africa Festival in Durban
Vom 17.-20.Oktober findet in Durban das 15. internationale Poetry Africa-Festival statt. Veranstalter ist das Centre for Creative Arts der Universität KwaZulu-Natal.
Dichter aus 12 Ländern werden erwartet, darunter der aus Durban stammende Dashen Naicker, Myesha Jenkins aus Johannesburg, Khadijatou (UK), Raul Zurita (Chile), Shailja Patel (Kenia), Patrice Treuthardt (Reunion), Jaap Blonk (Niederlande), Niyi Osundare (Nigeria), Joshua Bennett (USA) sowie die Südafrikaner David wa Maahlamela, Uzinzo, Sandile Dikeni, Phelelani Makhanya Mphutlane wa Bofelo, Gabeba Baderoon und Oswald Mtshali. Neben den Lesungen in Durban hibt es Touren nach Malawi, Simbabwe, Johannesburg und Kapstadt. Im Vorblick auf die im November in Durban tagende 17. UN-Konferenz zum Klimawandel wird die Eröffnungsveranstaltung Umweltfragen und planetaren Herausforderungen gewidmet sein. Danach lesen an jedem Abend 5 Dichter. Scharfe soziale und politische Stellungnahmen werden ebenso erwartet wir innovative und individuelle Herangehensweisen an Lyrik, Straßenperformanz, Rap und Hiphop. / The Witness
19. Juni 2011
18. Juni 2011
90. Poetry on the road
Die Berliner Schriftstellerin gilt als hoch gebildet, sie kennt sich bestens aus in der historischen Tradition, bringt Tiefenschärfe in jede Debatte und experimentiert erfolgreich mit allen Mitteln der Kunst. Sie gehörte zu den Ersten, die die Möglichkeiten des Internets erkundeten, überraschte die Literaturgesellschaft mit ihrem “Space Poem” und SMS-Gedichten. Klar, dass sie auch auf Anton Leitners Videokanal zu finden ist.
Ulrike Draesner: Berührte Orte. Gedichte. Luchterhand Verlag, 118 Seiten, 16 Euro
Porträt: Ulrike Draesner – Poetry on the Road, [3:18]
TV-Movie erkor seine Videoanthologie zum Free-TV-Top-Link, das Börsenblatt der Buchhändlervereinigung feierte auf einer ganzen Seite den neuen Weg, Lyrik “audiovisuell erfahrbar” zu machen: “Wer sich ein Bild von aktueller Poesie-Performance machen will, wird auf Leitners Videokanal fündig.”
Anton G. Leitner: “Die Wahrheit über Uncle Spam und andere Enthüllungsgeschichten”. Daedalus Verlag, 128 Seiten, 9,95 Euro
Anton G. Leitner über Poetry on the road, [1:13]
Fünf Jahre lang war er der Vorsitzende des niederländischen PEN – da weiß man, wie es um die Literatur bestellt ist. In seinem Heimatland offenbar recht gut. Denn kaum ein anderes Land lässt sich die Literatur so viel kosten. Ob deswegen auch mehr gelesen wird?
Hans van de Waarsenburg: “So treibt die Insel”. Gedichte. Verlag Ralf Liebe, 220 Seiten, 20 Euro
17. Juni 2011
73. Eröffnung des poesiefestivals berlin
poesiefestival berlin
Eröffnung: Dichtraum, Denkraum
Fr 17.6. 17:00
U-Bahnhof Brandenburger Tor
Sa 18.6.–Fr 24.6. jeweils 10:00–17:00
Konzeption: Ursula Krechel
Eintritt frei
Den Dichtern live bei der Arbeit zusehen, das ermöglicht die soziale Installation, die an historisch gewichtigem Ort, in dem U-Bahnhof Brandenburger Tor, entsteht. Berliner Dichter zeigen, wie sie denken und wie aus dem Gedachten Gedichte werden. Sie stellen sich der Leere, dem Unwägbaren, aus dem das Gedicht kommt, in direktem Kontakt mit dem Publikum.
Weltklang – Nacht der Poesie
Fr 17.6.20:00
Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben
Eintritt €10/7, inklusive Anthologie mit den Übersetzungen
Mit Marcel Beyer Deutschland Iva Bittová Tschechien Yves Bonnefoy Frankreich Tsead Bruinja und dem Musiker Jaap van Keulen Niederlande Billy Collins USA El Général Tunesien Kim Hyesoon Südkorea Silvio Rodríguez Kuba und Kathrin Schmidt Deutschland Moderation: Knut Elstermann Journalist, Berlin
Das poesiefestival berlin beginnt mit einem internationalen Konzert aus Stimmen, Sprachen und Versen. Zu Weltklang – Nacht der Poesie treten die Meister der Dichtkunst auf und entfachen ein Feuerwerk zeitgenössischer Lyrik, das ihre ganze Bandbreite präsentiert: von der klassischen Lesung über Rap und Lautpoesie bis hin zum Songwriting.
1. Juni 2011
4. Hans Keilson (12.12.1909 – 31.5.2011)
Sein Leben hat mehr als 100 Jahre berührt, durchlebt: glückliche, traumatische, mörderische, produktiv verarbeitete – nun ist er nicht mehr unter uns. Am 31. Mai 2011 ist der jüdische Schriftsteller, Psychoanalytiker, Exilant und Menschenfreund Hans Keilson im Alter von 101 Jahren in einem Krankenhaus im niederländischen Hilversum verstorben. Ich werde ihn vermissen. Er hat das Leben zahlreicher Leser bereichert, weltweit. Was jedoch mehr zählen mag ist Hans Keilsons jahrzehntelange psychotherapeutische Arbeit mit jüdischen Jugendlichen, Überlebenden der Schoah. Ihnen hat er Lebensmut geschenkt, über ihr schweres Schicksal hat er geschrieben. Immer wieder. …
1934 publiziert er in der jüdischen Zeitschrift „Der Morgen“ sein erstes Gedicht: „Neuer Psalm“, 1936 folgt die pädagogische Reflexion „Juden und Disziplin“. …
Hans Keilson wird nicht denunziert, überlebt. Seine Eltern hingegen werden in Birkenau ermordet. Er widmet ihnen die Gedichte „In den Tagen des November“ (1947), „Sterne“ (1967) und „Dawidy“ (1997).
Keilson schreibt, zu seiner eigenen Überraschung, „im zweiten Jahr meiner Emigration (…) in einer plötzlichen Aufwallung eine Anzahl deutscher Gedichte“ (Keilson 2005, S. 227). Er publiziert diese unter zwei Pseudonymen in niederländischen Zeitschriften. / Roland Kaufhold, hagalil.com