Eine Tochter säuget ihre Mutter

Daniel Heinsius 

(* 9. Juni 1580 in Gent; † 25. Februar 1655 in Den Haag)

Der Niederländer Daniel Heinsius galt als bedeutender humanistischer Gelehrter (auf Latein) und großer Dichter (auf Niederländisch) und wurde Pate der Reform der deutschen Dichtung der Schlesischen Schule. Opitz und andere übersetzten und adaptierten seine Gedichte als beispielgebend für eine deutsche Literatur in der Volkssprache. Die junge Greifswalder Dichterin Sibylla Schwarz schloß sich an und übersetzte unter anderem dieses Gedicht.

Sibylla Schwarz

(24. Februar 1621 Greifswald – 10. August 1638 Greifswald)

Eine Tochter säuget ihre Mutter.
Auß dem Holländischen. 

JN Eisen und in Stahl / mit Füssen und mit Handen / 
ligt Jhr / O Mutter hier / in so viel schweren Banden / 
durch Hunger und durch Durst / gebracht in grosse Noht / 
davohn euch nichtes hilfft / als endlich nuhr der Tod.
was soll ich für euch tuhn ? Jhr habt mich auff erzogen / 
Jch geb euch widrüm das ; Jch hab euch einst gesogen / 
kompt / saugt mich widerümb / kompt / nempt hier Brodt und Wein / 
Wir wollen Töchtern beed’ / und beede Müttern seyn.

Aus: Sibylla Schwarz (1621-1638), Werke Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe. Hrsg. Michael Gratz. Bd. 1. Leipzig: Reinecke & Voß, 2021, S.205

Großteils fast wörtliche Übersetzung eines Gedichts von Daniel Heinsius 1606, unpag., 4. Zu einer Grafik von Jacob de Gheyn (II), gedruckt von Zacharias Dolendo. Auf der rückseitig gedruckten Grafik des niederländischen Originals sieht man eine alte Frau im Gefängnis in Eisenketten und eine junge Frau, die ihr die Brust zum Trinken reicht. Das oft gestaltete Motiv kommt bei Valerius Maximus vor, einem Zeitgenossen Ovids. Dessen Werk Factorum et dictorum memorabilium libri IX (Neun Bücher denkwürdiger Taten und Worte) war in der Renaissance eine wichtige Quelle für antike Themen.

De dochter die de moeder in de ghevanghenisse met haer borsten onderhouden heeft.
 
IN yser ende Stael met voeten ende handen,
Licht ghy hier Moeder vast in soo veel swaere banden,
Door hongher ende dorst ghebracht in groote noot,
En endelick daer door ghedwonghen tot de doot.
Wat sal ick voor u doen? ghy hebt my opghetoghen,
Ick ghev' u dat weerom: ick hebb' u eens ghesoghen,
Comt suycht my wederom, comt neemt hier broot en wijn,
Wy sullen Dochter beyd' en beyde Moeder zijn.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: