Chinesisches Motiv

Der chinesisch-amerikanische Künstler und Dichter Walasse Ting starb heute vor 12 Jahren. Ich besitze eins seiner Bücher mit sehr freien Übersetzungen klassischer chinesischer Gedichte, ich mag es sehr. Der Untertitel des Buches sagt: „63 poems by 33 poets, translated and recomposed by Walasse Ting“. Sie muten ein bisschen wie wörtliche Übersetzungen der fremdartigen Sprache in einer Art Pidgin English an. Das heutige Gedicht ist von Chen Tzu Ang (656-698), andere Schreibweisen des Namens sind Tschön Dsi-ang, Tschen Dsi-ang, Tschën Dsï-ang, Ch’ên Tzu-ang; man findet auch andere Angaben für das Todesjahr. Ich bin nicht zu 100 % sicher, dass es sich um dasselbe Gedicht handelt wie in der deutschen Übertragung, es gibt aber sehr starke Indizien. Also 2 Gedichte oder 2 Fassungen. Interessant finde ich sie beide, aber die Fassung von Walasse Ting spricht mich direkter an, heutiger.

Chen Tzu Ang

I

Behind me
No ancient people

Facing me
No future men

I stand mountain

Look big sky

Alone

Aus: Chinese moonlight. 63 poems by 33 poets, translated and recomposed by Walasse Ting. Mit 4 Siegeln und 4 doppelseitigen Farblithographien von Walasse Ting. [American Distributor:] New York, Wittenborn, [1967], S. 26

Tschen Dsi-ang

Als ich den Turm von Yodschou bestieg

Ich sah sie nicht mehr, die Weisen vor mir,
noch seh ich die Weisen künftiger Zeit.
Unendlich das All! – Allein wein ich hier
Tränen unendlicher Traurigkeit.

Aus: Chrysanthemen im Spiegel. Klassische chinesische Dichtungen. Aus dem Chinesischen übertragen und nachgedichtet von Ernst Schwarz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1976, S. 88

Warnung

Desanka Maksimović 

(Десанка Максимовић; * 16. Mai 1898 in Rabrovica bei Valjevo; † 11. Februar 1993 in Belgrad) 

Warnung

Höre, ich sage dir mein Geheimnis: 
Laß mich niemals allein, 
wenn Musik erklingt.

Sonst kann es geschehen, 
daß mir fremde Augen, 
gewöhnliche Augen, 
mild und tief erscheinen.

Sonst werde ich noch 
in Tönen versinken, 
doch um nicht zu ertrinken, 
die Hand jedem hinstrecken.

Sonst kann es geschehen, 
daß mir flüchtige Liebe, 
eine Eintagsliebe, 
schön und leicht erscheint.

Sonst gebe ich einem 
in dieser wundervollen Stunde 
von dem schönsten Geheimnis Kunde, 
wie sehr ich dich liebe.

Oh, laß mich niemals allein, 
wenn Musik erklingt. 
Sonst kann es geschehen, 
daß draußen im Wald meine Tränen wieder rinnen 
aus Quellen, die von selber entstehen, 
sonst kann es geschehen, ein Schmetterling 
schreibt mit schwarzen Flügeln ins trübe Wasser, 
was man manchmal nicht zu sagen wagt.

Sonst wird es mir in der Dunkelheit scheinen, 
daß einer singt und mit Bitterkraut 
in die alte Wunde des Herzens dringt.
Oh, laß mich niemals allein, 
niemals allein, 
wenn Musik erklingt.

Deutsch von Astrid Philippsen, aus: Desanka Maksimović, Der Schlangenbräutigam. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1982, S. 16f

Notfalls Mikroskope

Emily Dickinson

(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda) 

202

“Faith” is a fine invention
For Gentlemen who see!
But Microscopes are prudent
In an Emergency!

Der "Glaube" ward erfunden
Für Den der sehen kann!
Doch notfalls setzt die Vorsicht
Mikroskope ein!

Deutsch von Gunhild Kübler, aus: Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler. München: Hanser, 2015, S. 171

Prolog

Viktor Dyk

(* 31. Dezember 1877 in Pšovka bei Mělník; † 14. Mai 1931 auf der Adriainsel Lopud, Jugoslawien)

Prolog

Sohn einer finstren Generation 
war ich, die mit sich und der Welt entzweit. 
Irgendein Vers berichtet noch davon:
„Nur einen Tag des Glücks kennt meine Jugendzeit!“

Ich litt ob dieses Dunkels. Nun schluchzt laut 
nach Jahren auf das überhörte Weinen.
Eh wir uns umgesehn und aufgeschaut, 
mocht größer uns die Erde wohl erscheinen.

Ach, nimmermehr zurück ins Leben leitet, 
was man versäumt und was verflog wie Spreu.
– Wenn auf dem Hang der Tod die Gräser schneidet, 
sei wenigstens das eine: Duft von Heu. –

Deutsch von Franz Fühmann, aus: Die Glasträne. Tschechische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Ludvík Kundera und Franz Fühmann. Berlin: Volk und Welt (2., verbess. Aufl.), 1966, S. 66

Prolog 

Syn generace byl jsem zachmuřené, 
jež se sebou i světem boj svůj svádí. 
Verš čísi všechno žalně připomene: 
„Jen jedenkrát jsem šťasten byl v svém mládí.“ 

A trpěl jsem a týral pro tu chmuru. 
Po letech pláč se přeslechnutý slyší. 
Než když jsme kolem hleděli a vzhůru, 
zem’ byla větší, nebe bylo vyšší! 

A v život nikdo více nepřivleče, 
co propaseno a co pokoseno. — 
Ta s kosou trávu z rodných luk když seče, 
ať aspoň voní na okamžik seno ! 

DYK, Viktor a JELÍNEK, Hanuš. Básně: [výbor]. V Praze: Družstevní práce, 1933. s. 350

Lesetabu: Ulysses 1.2

L&Poe Journal #02 – Tabu

Der erste Abschnitt meiner Ulysses-Lektüre hier

Kapitel 1, der 2. Abschnitt

(Das Buch ist in 18 Kapitel eingeteilt, die nicht weiter untergliedert sind. „Abschnitt“ bezieht sich hier nur auf mein eigenes langsames Voranschreiten im Lesetagebuch. Der 1. Abschnitt bezog sich fast allein auf die erste Seite; noch 1077 liegen vor mir, ich muss mich sputen. Ich merke schon, Ulysses lesen ist leichter als darüber Tagebuch führen.)

Die Protagonisten sind belesen und witzig. Buck Mulligan betrachtet Stephens „Rotzfahne“ (the bard’s noserag) und spottet sogleich über Stephen und die irischen Dichter insgesamt. Die Farbe des benutzten Taschentuchs nennt er rotzgrün, snotgreen: „eine neue Kunstfarbe für unsere irischen Poeten“. „Kann man fast schmecken, was?“ Dann geht er nach draußen, und sofort liefert ihm der Anblick der See eine neue Assoziation, ja einen Dreiklang seines immensen literarischen Gedächtnisses mit der sichtbaren Welt um ihn herum und dem laufenden Gespräch.

Mein Gott, sagte er still. Ist die See nicht genau was Algy sie nennt: eine liebe graue Mutter? Die rotzgrüne See. Die skrotumzusammenziehende See. Epi oinopa ponton. Ah, Dedalus, die Griechen! Ich muß dir Unterricht geben. Du mußt sie im Original lesen. Thalatta! Thalatta! Sie ist unsere große liebe Mutter. Komm her und sieh.

(Wollschläger 9)

Algy ist die witzig-vertrauliche Anrede an den englischen Dichter Swinburne: Algernon Charles Swinburne. Da braucht man die Randbemerkung der gelehrten Suhrkampausgabe. Die „graue liebe Mutter“ sei eine Anspielung auf zwei Zeilen in Swinburnes Gedicht „The Triumph of Time“. Allerdings braucht man dann eine gute Bibliothek zur Hand (oder das Internet), um die zwei Zeilen zu lesen. Hier die betreffende Strophe (die betreffenden Zeilen fett):

The low downs lean to the sea; the stream,
One loose thin pulseless tremulous vein,
Rapid and vivid and dumb as a dream,
Works downward, sick of the sun and the rain;
No wind is rough with the rank rare flowers;
The sweet sea, mother of loves and hours,
Shudders and shines as the grey winds gleam,
Turning her smile to a fugitive pain.

„Algy“ Swinburne nennt die See gar nicht „graue liebe Mutter“. Bei ihm ist die „süße See“ die Mutter der Liebschaften (loves) und der (Schäfer-?)Stunden, grau sind nur die Winde, die die See aufwühlen.

Dass Mulligan ungenau zitiert, kann man auf Lücken in der (trotz allem blendenden) Gedächtniskraft der Figur zurückführen oder auch auf Absicht – der Figur oder/und des Autors. Zunächst weiter zur Gedächtnis- und Assoziationsstärke. Mulligan kommt vom schmutzigen Taschentuch des Poeten (das er nebenbei ausleiht, sorgfältig säubert und benutzt) über die Farbe (rotzgrün) auf die irischen Dichter, zu denen die Farbe passe (unausgesprochen bleibt, ob wegen ihrer Armut oder ihrer armen Dichtkunst); dann findet er die graugrüne Farbe in der Irischen See vor der Haustür wieder – sie befinden sich im Martello-Turm südlich der Dublin Bay (von dem mir Google sagt, während ich diese Zeilen schreibe: vorübergehend geschlossen. Lesen im 21. Jahrhundert.)

Ich sehe im Original nach: bei Joyce steht bloß „a great sweet mother“. Da hat der deutsche Übersetzer ein bisschen nachgeholfen. Mulligan beruft sich auf Swinburne, aber die Bilder der rotzgrünen See in der Farbe der irischen Dichter sind ganz sein eigen. Er ist kein verlässlicher Erzähler. Er hat seine eigene Agenda. Ohnehin reicht sein Gedächtnis weiter zurück als auf die irischen oder englischen Poeten. Er liest Swinburne mit den (blinden) Augen Homers, bei dem mehrmals die Formulierung „die weindunkle See“ vorkommt, Epi oinopa ponton. Ich bin nicht Mulligan, ich lese das in den Randbemerkungen der Suhrkampausgabe (Hallo, Immanuel!). Danke, ich liebe solche Spiele, die mir Futter geben. Voß vereinfacht das zu „über das dunkle Meer“, das wäre zu wenig Futter für den Iren. Er muss schon das Original lesen. Thalatta, Thalatta. [Das wäre ein weiterer Faden.] Ich muß dir Unterricht geben. Du mußt sie im Original lesen. (Sein Spott über die irischen Poeten scheint auch daher zu rühren, dass sie nicht die Originale lesen. Ich muss mal aufpassen, ob der Faden wiederaufgenommen wird. Der Faden der Geduld.)

Das ist eine schöne Stelle, hier macht mein Tagebuch schon wieder eine Pause.

Die ältesten spanischen Gedichte

sind nicht die Verse der Trobadors. Sie wurden erst 1948 wiederentdeckt, der Name dieser Gattung volkssprachlicher, eigentlich „makkaronischer“ Dichtung (d.h. Dichtung in mehreren Sprachen) ist Jarcha (spanisch) oder Chardscha. Es scheint sich um die ältesten volkssprachlichen Gedichte in einer romanischen Sprache überhaupt zu handeln, das älteste bekannte datiert von 1042, ein halbes Jahrhundert vor dem „ersten Trobador“ Wilhelm von Aquitanien, dessen „Lied aus reinem nichts“ auch in der deutschen Gegenwartsdichtung bekannt wurde (Thomas Kling, Raoul Schrott, Norbert Lange). Diese Texte sind in arabischer Schrift überliefert, ja sie gehören im Grunde zur arabischen Dichtung – es sind die Schlussverse eines Muwaschschah-Gedichts.

„Die Jarchas sind die ersten überlieferten Ansätze der volkssprachlichen Lyrik, geschrieben in einer Mischung von Arabisch (im Folgenden hervorgehoben durch Kursivschrift) und mozarabischem Spanisch, d.h der Sprachform, die von den im Maurengebiet lebenden Christen und Juden gesprochen wurde. Die »jarchas« (wörtl: Gürtel) fungierten als Refrains innerhalb längerer, in klassischem Arabisch geschriebener Gedichte, den »muwassahas«, und sind ein beredtes Zeugnis für die »convivencia«, das Zusammenleben der drei Kulturen im iberischen Mittelalter.“ (aus: Literatura española. De las Jarchas al siglo XXI. Antología. Hrsg. Hans-Jörg u. Mercedes Neuschäfer (Fremdsprachentexte). Stuttgart Reclam, 2005, S. 11).

Die Anthologie gibt folgenden „Original“text (kursiv ist Arabisch):

Mió sidi Ibrahim, 
ya nuemne dolye, 
vente mib 
de nojte.
In non, si non queris, 
iréme tib:
garme a ob 
legarte.

„Original“ ist freilich etwas übertrieben. Erstens sind es arabische Schriftzeichen, die kann man transkribieren, aber die arabische Schrift hat zweitens keine Zeichen für Vokale. Damit ist sie eigentlich ungeeignet für eine vokalreiche Sprache wie das Spanische, und der Text wird fast unleserlich:

bn sydy ’br’hym
y’ nw’mn dig
b'nt myb
dy nht
’n nwn šnwn k’rš
yrym tyb
grmy ’wb
lgrt

Der Text hat auf Arabisch keine Bedeutung, deshalb hat es so lange gedauert, bis die Texte entziffert (wiederentdeckt) wurden. Die Lesarten sind auch in der Forschung umstritten. Die genannte Anthologie gibt folgende Fassung in modernem Spanisch:

Señor mío Ibrahim, / oh nombre dulce, / vente a mí / de noche. / Si no – si no quieres / iréme a tí: / dime en dónde / encontrarte.

Auf Deutsch etwa:

Mein Herr Ibrahim,
o süßer Name!
Komm zu mir
bei Nacht.
Wenn nicht – wenn du nicht willst,
werde ich zu dir gehen.
Sag mir, wo
ich dich treffen kann.

Manchmal erschafft Gott jemanden

Halyna Kruk

(Geboren 1974, lebt in Lwiw)

Deutsche Fassung von Claudia Dathe. Aus: gedichte gegen den zeitgeist. Engelsdorf: Nachtalb Verlag, März 2022 (Das Heft enthält Texte deutscher, österreichischer, tschechischer, slowakischer und ukrainischer AutorInnen).

Halyna Kruk siehe auch Schreibheft 086 (2016) und lyrikline (wo man auch dieses Gedicht von der Autorin gesprochen hört) – Nachrichten in der Lyrikzeitung

Köpfchen Mnöpfchen

Dinçer Güçyeter

Knöpfchen Mnöpfchen

zwischen 20 anderen Terrassen kocht das Wasser in der Blechkanne
auf unserer Terrasse auf dem Hockerkocher
die Cleopatra des Hauses holt die Wanne aus der Getreidekammer
mischt das Gekochte mit kaltem Brunnenwasser 
zieht mich aus und trägt die zappelnden Beine in die Wanne
auf anderen Terrassen ziehen die Frauen 
den Faden mit Stopfnadel durch die ausgeschabten Auberginen
meine Hände, gekreuzt auf dem Knöpfchen
seht mal, das deutsche Kind wird in Milch und Honig gewaschen
kichert eine, dann kichern alle, dann die ganze Welt
am Abend hängen aufgefädelte Auberginen
und meine Scham zum Trocknen an den Gittern
befestigt mit Wäscheklammern

Aus: Dinçer Güçyeter, Mein Prinz, ich bin das Ghetto. Gedichte. Nettetal: Elif Verlag, 2022, 5. Auflage, S. 37

das wölfische in mir macht einen schnupperkurs

Andre Rudolph

hallo!

das wölfische in mir macht einen schnupperkurs, 
daher schreibe ich ihnen.

ich deale mit den prägemünzen der intuition.

gestern habe ich die kinder auf dem kopf getragen, 
danach taten mir hals, schultern und herz 
weh, das war nicht gut,

gestern haben die kinder zwei schwedische kronen 
im garten vergraben, für die schatzsucher.

ein thema regnet mir ins gedicht, folglich setze ich 
ihm eine kapuze,

jetzt regnet es nicht mehr, aber meine schuhe 
sind nass.

das wölfische in mir, das ich in meinem namen 
trage, heult, glaube ich, auf.

ja, ich höre es sehr deutlich heulen.

dieses gedicht wird endgültig mein ruin werden, 
fühle ich, endlich.

sehr behutsam, ein wenig zaghaft, taste ich mich 
bis zur schwelle meines ablebens vor, 
der tod isoliert sich

mit gipskartonplatten und styropor, wie anders 
dagegen das wölfische.

(wie schwer trage ich immer wieder an 
meinen ohren.)

von meinen angstzuständen habe ich schon 
berichtet, immer denke ich, dass es jetzt 
bald kracht,

aber es kracht nicht,

ein paar schaufelgeräusche, der selbstmörder in 
meinem lebensfilm zieht ein bein nach

und winkt, brütende 
stare im vogelhaus, kirschdiebe, das ist alles.

eine recht halsbrecherische freiheitsidee hast du 
da am start, sagt es.

später dann wieder ein paar entlastungsbiere, 
das ist auch nicht gut. 
der kühlschrank singt

das wölfische singt

meine schnabeltasse zittert, oder mir ist ein 
schnabel gewachsen und ich bin das.

wer weiß, ich weiß, sie würden jetzt gern noch 
mehr über meine kinder erfahren, 
kinder sind beruhigend.

das nichts ist sehr beruhigend.

vom sprachkleister werden die schuhe auch nicht 
trocken, denke ich, sie sind rot, ich habe sie 
einst auf der straße gefunden,

einst, ja.

schaufelRAD übrigens, nicht schaufel.

Aus: Andre Rudolph: Ich bin für Frieden, Armut und Polyamorie – welche Partei soll ich wählen? Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2020, S. 15ff

Die große und unendliche Geburt

Slata Roschal

Die große und unendliche Geburt 
Begann am Samstagabend nach dem Essen
Das Fleisch auf dem Tablett
Vermengte sich mit Infusionsantibiotika zu Brei
Metallener Geruch verbreitete sich auf den Betten
Was mit dem Arzt vereinbart wurde galt nicht mehr 
Beim Zunähen wurde der Bauch mit rosa Plüsch gestopft
Jemand sagte: Schaut sie ist ein Junge
Und jemand sagte: Ihre Haut ist fahl  


Aus: Slata Roschal: Wir tauschen Ansichten und Ängste wie weiche warme Tiere aus. Hochroth München 2021, S. 10

Heimrad Bäcker

Der österreichische Schriftsteller Heimrad Bäcker ist bekannt für seine Arbeiten zur „nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie“, wohl mehr in Österreich als in Deutschland (wo die Literaturrezeption ideologischer ist als in Österreich. In Deutschland versenkt man Autoren lieber in Schubläden, hier etwa „konkrete Poesie“, also was von gestern. Ohnehin lesen und besprechen wir österreichische Autoren lieber, wenn sie in deutschen Verlagen erscheinen. Man kann ja auch nicht alle kleinen Verlage lesen, hört man selbst bei VerlegerInnen kleiner Verlage in D.)

Zum doppelten Anlass am 9. (Geburtstag) und 8. (Todestag) hier vier visuelle Blätter, die wohl nicht zu seinem Hauptthema gehören – oder doch?

Heimrad Bäcker (* 9. Mai 1925 in Wien; † 8. Mai 2003 in Linz) 

Aus: Kritzi Kratz. Anthologie gegenwärtiger visueller Poesie. Hrsg. Franzobel. Wien: edition ch, 1993, S. 92ff. Der Herausgeber schreibt zu diesen Blättern:

Heimrad Bäckers Konstellationen, deren hintergründiges Thema ich als Widerstand am
Eingeständnis sprachlicher Verstummung gegenüber der NS-Vergangenheit vermute,
zeigen (gerade durch ihren radikalen Verzicht auf diese) diskursive Befangenheit narrativ
didaktischer Texte. Aber vielleicht sitze ich auch hier meinen Präsuppositionen auf, auch
wenn ich meine, daß die Konnotationsmöglichkeiten gerade dadurch erweitert werden, daß
der semantischen Eindeutigkeit des Palindroms keine weiteren Ebenen hinzugefügt
werden: B1*. Bei den ausgewählten Blättern handelt es sich um bisher unveröffentlichte
Arbeiten aus der Gras-Sarg Serie, Berlin: Rainer Verlag 1990.

*) B: begrifflich orientierte visuelle Poesie (nach einer Einteilung von Sigurd J. Schmidt)

Noch ein Hinweis zum ersten Blatt: Das Zahlenspiel löst sich auf, wenn man es als Palindrom aus dem Zahlenwert der Buchstaben in GRAS / SARG liest.

Vorläufiges von früher

Zum Geburtstag ein frühes Gedicht von Volker Braun. Der junge Dichter stellt sich die Zukunft vor, kommunistisch natürlich. Die Dichter der Zukunft werden auf uns Grobschmiede zurückschauen, denn filigran werden sie die Revolution und die Poesie meistern. Ein Stück SciFi (oder LyFi) aus den frühen Sechzigern.

Volker Braun

(* 7. Mai 1939 in Dresden)

Vorläufiges

Andere werden kommen und sagen: ehrlich waren sie 
(das ist doch schon was zuzeiten der Zäune und Türschlösser!), 
Sie schrieben für das Honorar und für die Befreiung der Menschheit, 
Einst, als die Verse noch Prosa warn (wenig Dichter, viel Arbeit) 
Aber was für Klötze! Wie hieben sie Menschen zurecht:

Mit Schraubenschlüsseln wollten sie Brustkästen öffnen, Quälerei! 
Make-up mit dem Vorschlaghammer! Liebesgeflüster auf Kälberdeutsch! 
Revolution mit der Landsknechttrommel - wußten sie nichts von Lippen, 
Die unmerklich beben beim Abprall der neuen Worte?
Mußten sie neue Ufer zertosen mit ihrem Wortsturm?

Ach, ihr seid besser dran: euer bloßes Ohr wird Herztöne auffangen, 
Eure bloßen Worte werden wie Verse die Zäune umlegen, 
Eure Revolution wird vielleicht ein Gesellschaftsspiel, heiter, planvoll. 
Dann werden unsere Wiesen nur Grashalme sein, 
Und was uns Sturm ist, ist euch nur lauer Wind.

Doch wir nehmen es auf uns: vergessen zu sein am Mittag! 
Denn auch ihr werdet das Feuer der Revolution in euch tragen
     und den Wind Widerspruch:
Daß das Feuer zur Flamme aufsprüh, bedarf es des Windes. 
Und auch ihr werdet für die Befreiung der Menschheit schreiben
     und für ihre Qual:
Weil sie nur vorläufig ist, werdet ihr Vorläufige sein.

Aus: Sonnenpferde und Astronauten. Gedichte junger Menschen. Hrsg. Gerhard Wolf. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 1964, S. 20

Abbildung: Vorderer Einbanddeckel mit den Sonnenpferden (die übrigens aus einem Gedicht von Wolf Biermann stammen, der damals in der DDR schon so gut wie verboten war)

Über Haltung und Versgrammatik (4)

L&Poe Journal #02 Essay

Essay von Bertram Reinecke (Vierte und letzte Folge)

Montieren: alte Verse vs. neue Verse

Textanfang und -ende am Beispiel

Familien-Werte

Montieren: alte Verse vs. neue Verse

Wenn es einerseits schwieriger scheint, in alten Strophenformen zu bauen, weil Reim und Rhythmus zusätzlich auch übereinkommen müssen, so ist dies andererseits dankbarer, da alle Lizenzen zur Inversion ausnutzbar sind. Überhaupt überschätzt man schnell die Schwierigkeiten, die Versmaß oder Reim hervorrufen. Wenn man sein Quellcorpus gleich aus homogenen Material zusammensetzt, etwa 5-hebigen Jamben, stellt der Rhythmus nur noch Detailprobleme. Man kann sich seine Verse auch maschinell alphabetisch nach den Enden sortieren, dann findet man Reime wie gewünscht, unrein oder rein – wenn man das Korpus nur groß genug anlegt.

Die Schwierigkeiten alten Versmaterials sind andere. Gedichtformen (mindestens Strophen) haben oft eine festgelegte Länge. Es ist ohnehin auch bei nicht strophisch geordneten Gebilden schwer, einen guten Anfang oder ein passendes Ende zu bauen. Erstens kommen aus einem gegebenen Korpus an Zeilen nur sehr wenige dafür in Betracht, sie mit einem Punkt zu beenden. Zweitens hat man nur jeweils nach einer Seite hin Gelegenheit, diese Zeile umzudeuten. Bei stark definiten Versmodellen wie Stanze oder Sonett wird das besonders heikel, weil man dort genau eine Punktlandung nach z. B. dem 8. oder 14. Vers machen muss. Überdies sind die Lastwechsel an Zäsuren bzw. Stollengrenzen zu berücksichtigen …[1]

Auch wenn die Syntax einer Zeile im zeitgenössischen Sprechen durch das weitgehende Fehlen von Inversionslizenzen weniger Umdeutungsmöglichkeiten bietet, finden sich im Material schneller vielversprechende Kandidaten zur Weiterverwendung:  Alte Vorlagen sprechen sehr stark symbolisch. Heute möchte ich nicht mehr so sprechen. Wegen dieser symbolischen, oft moralischen Aufladung fehlen in älterer Dichtung meist Konkreta. Nur einzelne Dichter bilden hier Ausnahmen, etwa sind Droste-Hülshoff, Johann Christian Günther, Simon Dach oder Sibylla Schwarz im Verhältnis zu ihren ZeitgenossInnen reicher an konkreten Gegenständen. (Besonders in Bezug auf Dach erstaunt das, denn er ist ansonsten reich an ermüdend stereotypen Formulierungen.)

Bleibe ich mithin beschränkt auf das, was in einem gewissen Sinne immer schon bereits gesagt wurde? Ja und nein. Kaum jemand würde wohl bestreiten, dass Gegenwartslyrik ein weiteres Spektrum von Themen und Sageweisen bereithält, als jede andere Epoche. Wer jedoch anfängt genau nachzuzählen, kommt schnell zu dem überraschenden Ergebnis, dass sich dies nicht unmittelbar in einem gewachsenen Reichtum an auffindbaren Gegenstandsbegriffen also unterschiedlichem Vokabular widerspiegelt. Einerseits erweisen sich Begriffe aus der modernen Lebenswelt auch im neuen Gedicht als vergleichsweise selten, als würde diese Art Begriffe bei einer Art Waschgang entfernt, sodass nur die hartnäckigsten übrig bleiben, andererseits ist das Repertoire an sinntragenden Chiffren geschrumpft, diese Schlagwörter fallen dafür umso häufiger.

Wenn also der Eindruck stimmt, dass die Vielfalt der Gegenstände und Sageweisen im Gedicht heute größer ist als vormals, und ich teile ihn, dann liegt das eher an neuen und überraschenden Kombination von Wörtern als am Vokabular allein. 

Ich kann so auch stark gedanklichen oder emotionalen Gedichten konkrete Naturbilder entnehmen. Ich kann die touristische Urbanität meiner Landschaft aus leinenwurf im seetang herausarbeiten, indem ich eine Zeile aus einer abstrakt innerlichen Strophe von Daniela Boltres „Nacht / um meinen Vater / Schläge, Schlaflosigkeit / stundenlang alleine“ die Zeile „stundenlang alleine“ entnehme und auf „die steinlosen Meeresstrände“[2]   beziehe, sodass sich der rauschhafte Moment eines relativ ungestörten Natureindrucks als ein Zufall touristischer Migrationsbewegungen erweist, während letztere Zeile im Quellgedicht im ursprünglichen Kontext Teil  einer traumartigen Auseinandersetzung eines Ichs mit der Natur ist. Keine der verwendeten Gedichte muss also selbst einen Hinweis auf die makroskopischen umweltgestaltenden Wirkungen des Menschen im Sinn haben, erst durch Kombinatorik kommt er zu Stande. Wie bei Brechts „Bei der Lektüre eines sowjetischen Buches“ war für mich die unmittelbare Aussage des jeweiligen Bildes nicht von entscheidender Bedeutung.

Für das kombinatorische Anliegen dieser Montage, ein den Wirklichkeitsbezug des Textes auflösendes ineinander Verketten von Bildern, kam mir die Naturthematik besonders geeignet vor, weil man sich in Natursituationen zügig inhaltlich zurecht findet. Das Gedicht spricht so, wie etwa die barocke Vergänglichkeitssonettistik, aus dem Topos der Vergänglichkeit heraus, eher mittels der Natur und durch sie hindurch.

Ein vielleicht noch deutlicheres Beispiel liefert meine Montage „Familienwerte“: Der Text spielt auf den Russlandfeldzug 1941-1945 an[3]: Ich konnte darüber sprechen, obwohl im Ausgangskorpus so gut wie kein Material dazu vorhanden war. Jedoch rufen Zeilen wie „Der Vater, die Uniform“, „Unter den Stiefeln kleben“  „Doberan und Tschernewens“ „Der Vater im Rucksack Preußen“, „Streifschuss oder Krähenort“, „Strasse, Schritte, Stampfen ein“ „Kaputter Bahnsteig“ den topologischen Raum so nachhaltig auf, dass ich auf Fundstücke, die östliche Geografien enthalten, Waffen, Soldaten … nicht mehr angewiesen war. Ähnlich kann ein Barocksonett einen Vergänglichkeitstopos aufrufen, und dem intendierten bibelfesten Leser damit sofort vor Augen stellen, was beispielsweise in Psalm 103 oder Jesaja 40 sonst noch alles aufgeschrieben ist.   

Ich halte syntaktische Verkettung für einen nachhaltigeren Weg der Modernität, als  etwa einen Zeilenstil mit neumodischem Vokabular zu tünchen.

Textanfang und -ende am Beispiel

Ein solcher Verkettungsstil, wie der anhand von leinenwurf im seetang dargestellte, ist natürlich eine Bewegung, die auf Fortsetzung drängt. Das lässt das Ende des Textes zu einer besonderen Herausforderung werden. Ich mag inzwischen längere Gedichte, die eine Welt schaffen, in der man sich bewegen kann. Ich halte zudem bei Montagen Länge in noch höherem Maße für einen Wert, aber das Ende sollte natürlich dennoch nicht in einem simplen Abbruch bestehen, der vom Material diktiert wird. Eine Landschaft lässt sich als eine offene Liste von vielfältigen Details auffassen und jede Auswahl kann hinterfragt werden: Warum bricht die Schilderung gerade hier ab? Diese Frage drängt sich mir etwa bei Lichtensteins Dämmerung auf. (Eine Frage die offenbar Barockdichter zu langen Gedichten trieb, die ihren Gegenstand völlig ausschöpften.) Mein Text hätte natürlich in einem Schwerpunktwechsel enden können, der das Tableau auf eine andere Sphäre bezieht. (Ein sehr üblicher Weg.) Ich habe dem Text (Leser) dies aber nicht überstülpen wollen.

Ich habe mich für eine schwierigere Lösung entschieden, an die ich von Anfang an schon denken musste. Beim reimlosen Bauen war ich einerseits auf ein Versende verwiesen, das semantisch zwingender ist als Lichtensteins, andererseits wollte ich keine Pointe, die die Offenheit des Ganzen konterkariert.

und auf dem grauen grund verschwimmen
schummerige sternchengemische
knüpfen sie blitzende schnüre
viele schwärme von fischen …[4]

Zwei Verfahren arbeiten bei meinem Schluss zusammen. Einerseits steuert der Text am Ende in eine lautliche Verdichtung. Es zieht seine Wirkung aber auch (je nachdem für welche syntaktische Zusammengliederung man sich lesend entscheidet) aus einem Verfahren, was man Zurücknahme einer Metapher nennen könnte. Die letzte Wortgruppe „schwärme von fischen“ rückt überraschend in die Subjektposition passend zur Zeile „und auf dem grauen grund verschwimmen“ Das Verb, ursprünglich bei Christa Richter als verblasste Metapher im Sinne von „undeutlich werden“ gedacht, wird plötzlich ganz wörtlich genommen: schwimmende Fische. Der Gefahr, über die Fallhöhe dieser Rückwendung einen grellen Spaßeffekt zu erzeugen, begegnet die Vorsilbe „ver-“ Was es heißt, wenn Fischschwärme ver-schwimmen: Hier muss der Leser noch denken.

Der Text nimmt also eines seiner eigenen Bildungsverfahren ostentativ zurück. Dieses Ende habe ich bewusst im Gegensatz zum Beginn gestaltet, wo der Text mit breiter Brust unsinnlichere Bilder setzt, eine geläufige sinnliche Bewegung beginnt erst in der zweiten Strophe. Dieser Anfang hat eine gewisse Verwandtschaft mit dem Lichtensteintext, auch der baut eher die unselbstverständlichen Bilder an den Anfang, wie einen Weckruf an den Geist des Lesers.

Es ist also falsch, was immer wieder angenommen wird: Man kann sich nicht hinter der strengen Herstellungsweise, ganz allgemein der Form, irgendwie verstecken. Sie mag einem Steine in den Weg legen, aber das Ergebnis kann und muss sich in konkreten Einzelentscheidungen ausweisen, will es die Aufmerksamkeit anderer Leser beanspruchen. Diese Einzelentscheidungen über Textgestalt und -fortgang können in der gleichen Weise geschmacklich glücken oder scheitern, wie bei einem, der beim leeren Blatt beginnt. Die Funktion der Materialsammlung übernimmt in letzterem Fall eingestandener- oder uneingestandenermaßen die Lektüreerfahrung, die Leseerwartung und die Utopie dessen, was ein interessantes Gedicht ist. Den perfekt organischen Text gibt es nicht.

Familien-Werte[5]

                        „Der Leser möge erspüren, dass ich hier nicht von mir selbst rede; er wolle lediglich  die dienende  Hand sehen, die vorhandenes Gut um der Lesenden und der Lernenden willen zusammenfasste.“

                                                                                    Walter Supper

         

	Nie sterben die Väter
	Was hab ich verloren?
	Der große Mann tritt ein

	Aus den Tiefen heraus
	Setzt sich auf meine Brust
	Die Sirenen bellen:

Der Vater, die Uniform
Der Vater auf Reisen
Zwischen all den Leibern

Der Vater, die Briefe
Unter den Stiefeln kleben
Doberan und Tschernewens –

Täuschend einsame Geräusche
Die alle gleich klangen nach Grenzland
Der Vater im Rucksack Preußen

Streifschuss oder Krähenort
Sind Worte aus dem Traum -
Strasse, Schritte, Stampfen ein

Kaputter Bahnsteig
Unterwegsbahnhof
Verschmelzen. Jetzt donnern sie:

	Alles geht schlicht vorbei –
	Wer ist hier der Fremde?
	Der Mann der da wartet?

Vater, ders locker nimmt:
Er wartet auf den Zug
Nur der Augenblick zählt

Das Bier und die Sonne
Raupen graben Schneisen
Unter schweren Sohlen ...

Der Krieg ist verloren
Ein schneereicher Winter
Bricht das Land von den Rändern

Der Krieg ist verloren
Er spielt mit seinen Göttern
Die sich nicht halten konnten

	Doch das war das Spiel
	Ich lernte von Opa,
	Entkommen zwecklos

Der Krieg ist verloren
Aus Jahrtausenden gebraut
Das Bergwerk Mensch, klein oder groß

Der Krieg ist verloren
Dass uns sein Singen bleibt
Die Hand an der Brust

Ein Denkmal der Streitmacht
Gedächtniskrücke
Seine Verbrechen und Erfolge

Magie Erinnerung Beschwörung
Grimmseuche, atemverbogen
Gelesen wie ein Alibi

Zeichnet unser Denken
Das die Dunkelheit wusch –
Wir haben immer stumm gesprochen

Fahnengeschwärzt
Dicht über den Masten
Als wollten schadhaft wir

Ausdruckslos herausaltern
Als ein Unfall des Datums
Im Ziehen von Handkarren?

        

Strenger Cento aus unveränderten jeweils vollständigen Gedichtzeilen (lediglich Interpunktion und Groß- und Kleinschreibung wurde harmonisiert) der Hefte 18-39 der Literaturzeitschrift Risse. (Heftnummer; AutorIn; Texttitel)

23; Daniela Boltres; Familien-Werte // 33; Uwe Kolbe: Vater und Sohn / 37; Arno Reis: Frauentrauben / 37; Jan Decker: Edith und der grosse Mann // 36; Tobias Reußwig: Knebelzyklen / 19; Kerstin Preiwuß: Schon hält er Umgang mit den Spinnen / 23; Daniela Boltres: Der Himmel brennt // 33; Uwe Kolbe: Vater und Sohn / 33; Uwe Kolbe: Vater und Sohn / 29; Ines Baumgartl: Freilandbeat // 33; Uwe Kolbe: Vater und Sohn / 33 Friederike A. Haerter; Damals / 19; Renata Schumann: Schlesien am Meer // 38; Kai Pohl: Zum Abschied … / 39; Friederike Haerter: Wir waren die Letzten / 33; Uwe Kolbe: Vater und Sohn // 33; Friederike A. Haerter: Damals / 38; Kai Pohl: Bis Amazonien brennt / 39; André Hatting: Gänge // 21; Silvio Witt: Berlinfahrt / 22; Sebastian Schönbeck: Unterwegsbahnhof / 30; Odile Endres: Buffalo // schlicht vorbei / 28; Georg Hoprich: Alles geht 37; Uwe Schloen: Notunterkunft / 35; Kurt Scharf; Stillstand // 33; Uwe Kolbe: Vater und Sohn / 30; Uwe Schloen: Tod eines Handelsreisenden / 33; Kai Pohl: Mariannenschnitte (18. Strophe) // 33 Kai Pohl: Mariannenschnitte (6 Strophe) / 33; Kai Pohl: Mariannenschnitte (7 Strophe) / 37; Friederike Haerter: Kastanie // 38; Rümkorf: Werft an die Motoren … / 26;Eberhard Schulze: Schneereicher Winter / 30; Marcus Rohloff: Dorfweg mit Waldrand // 38; Rümkorf: Werft an die Motoren … / 20 Anakreon: Anakreon; mein Lehrer;(Gleim) / 34; Kathrin Pöthke: Fehlbezeichnet // 28; Berthold Brecht: Böses gab es viel / 23; Daniela Boltres: Die Glocken läuten./ 21; Silvio Witt: Berlinfahrt // 38; Rümkorf: Werft an die Motoren … / 38; André Hatting: Verteidigung der Art / 25; Kerstin Preiwuß: Klein oder groß // 38; Rümkorf: Werft an die Motoren … / 37; Dorothee Arndt: Dass ein Singen bleibt / 33; Kai Pohl: Mariannenschnitte // 23; Anna Wolff: Zur Winterszeit / 38; André Hatting Verteidigung der Art / 37; Jan Decker: Edith und der grosse Mann // 38; André Hatting: Verteidigung der Art / 34; Titus Meyer: Novembertage / 22; Sebastian Schönbeck: Im Zug // 38; André Hatting: Verteidigung der Art / 32; Dorothe Arendt: Nachtzug / 28; Georg Hoprich: Schweigen // 38; André Hatting; Verteidigung der Art / 23; Marcus Roloff; Zu Hause hoch zwei / 35; Carlo Ihde: Hiddensee to go Weniger und Wörter und Zu Verwindender Verlust 22; Ronald Richardt: Wörter; 34 Kurt Scharf: Zu verwindender Verlust // 38; Irmgard Senf: Ins Taube Äußeres flieht … / 23; Ines Baumgartl: Brandung III / 32; Dorothee Arndt: Nachtzug / 32; Dorothee Arndt: Nachtzug // 38; André Hatting: Verteidigung der Art (3. Strophe) / 38; André Hatting: Verteidigung der Art (1. Strophe) / 30; Marcus Roloff: Licht an oder / 30; Peter Neumann: Simulation // 33; Roland Uhlen: Verrückte Meerfee du / 18; Hagen Pompe: Nachtatmung / 35; Bertolt Brecht: Lasst eure Träume fahren, dass man mit euch … / 33; Anja Kootz: Gedicht unterm Durchschnitt // 30; Odile Enders Buffalo II /38; André Hatting: Verteidigung der Art (5. Strophe) / 26; Stephan Deglow: Flapp Flapp Flapp / 21; Klavki: Lebendig // 34; Christiane Kiesow: Bilderbuchbigott / 22; Peter Thiers: Schokolade / 20; Marianne Beese: Paris, die Arten sich verloren zu gehen (I) / 31; Dorothea Reinecke: Dich finden // 21; Klavki: Zeitwehen / 18; Sebastian Schönbeck: Wer allein ist / 33; Kai Pohl: Marienschnitte / 33; Bertram Reinecke: Das Sapphische // 34; Titus Meyer: Wort heilt Trieblaut. Traut & Lieb weilt Hort. / 37; Friederike Haerter: Retour / 39; Poetencamp: Was folgt, fehlt / 30; Uwe Schloen: Tod eines Handelsreisenden Willst mich Angst, peur tu veux peur 18; Oskar Pastior: Das periodische System //39; Friederike Haerter: Wir brechen auf / 23; Anna Wolf: Zur Winterszeit / 22; Sebastian Schönbeck: Re1 Augenblick / 34; Kristiane Kiesow: Birderbuchbigott // 23; Carlo Ihde: Angst wohnt hier auch / 18; Hagen Pompe: Nachtatmung /21; Odile Endres: Blütentag / 20; Thomas Pätzold: Doch // 22; Lore Reimer: Alle Welt / 35; Tobias Reußwig, JohannaSailer, Maria Wolff: Insilares Insulin I / 26; Stephan Deglow: Flapp Flapp Flapp / 22; Bertram Reinecke: Nykur // 37; Jan Decker: Edith und der grosse Mann / 28; Kai Pohl: Fuck-You-Shiva / 29; Ines Baumgartl: Der Wald richtet sich ein im Stückwerk des Wohnens / 38; André Hatting: Verteidigung der Art (8. Strophe) // 39; Carola Weider: Waldesrauschen / 38 Kai Pohl, Bis Amazonien brennt / 37 Dietmar Spitzner, Herrendiener // 20 Christa Richter: Niemalsland / 33 Thomas Pätzold: Filmriss Farce / 34 Dorothea Reinecke, Schärfer gelebt / 21; Ann Haller: Momentaufnahme /22; Peter Thiers: Schokolade // 33; Bertram Reinecke: Gleitsichtwochen/ 33; Kai Pohl: Mariannenschnitte (5. Strophe) / 39; Friederike Haerter: Wir waren die letzten / 33; Bertram Reinecke: Was nicht fremd ist, findet befremdlich // 33; Thomas Pätzold: Filmriss Farce / 21 Silvio Witt: Berlinfahrt / 34; Titus Meyer: Wort heilt Trieblaut. Traut & Lieb weilt Hort. / 34; Titus Meyer, Novembertage // 33; Kai Pohl Mariannenschnitte (7. Strophe) / 22; Sebastian Schönbeck: Ferien / 39; Carola Weider: Waldrauschen / 28; Georg Hoprich: Schweigen // 37; Dietmar Spitzner: Herrendiener / 24; Rainer Harloff: Nihilismus / 29; Ines Baumgartl: Auf Landskron mit Joe / 29; Ines Baumgartl: Auf Landskron mit Joe (Anfang …) // 29; Ines Baumgartl: Auf Landskron mit Joe (Fortsetzung des Verses) / 21; Klavki: Atemgier / 37; Dietmar Spitzner: Saunatuch / 32; Kai Pohl: Ein Gedicht schreiben / 37; Dietmar Spitzner: Handtuchhalter // 39; Poetencamp, Was folgt, fehlt / 34; Anja Kapunkt: Windstärken 9


[1]    Ein Beispiel für ein montiertes Sonett findet sich hier  https://lyrikzeitung.com/2022/03/24/preisgetichte-2/

[2] Kathrin Pöthke: Treiben

[3]    Siehe: Text unten!

[4]           Christa Richter: Niemalsland /  Titus Meyer: Novembertage /  Judith Zander: Oder Tau / Ines Baumgartl: Brandung II

[5]    Dieser Text entstand weit vor dem Ukrainekrieg. Seit Kriegsbeginn kann man ihn wieder anders lesen. Und nach dessen Ende sicher erneut.

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29 Versionen vs. Eingeschüchtertsein

Heute ist der 151. Geburtstag von Christian Morgenstern (der 166. von Sigmund Freud, Erich Frieds 101., Franz Mons 96., von den Todestagen seien genannt: Friedrich von Hausen 832, Johan Ludvig Runeberg 145, Maurice Maeterlinck 73, Helene Weigel 51). Heute ein Gedicht von Konstantin Ames, mit selbsterklärendem Titel.

29 Versionen vs. Eingeschüchtertsein

Was uns umbringt, verhärtet uns nicht.
Was beliebt ist, wirkt nicht verbaut.
Das Meer zieht am Gesicht, Papier drückt drauf.
Dass Buchstaben da sind, verschweigt die Tünche.

Vampapyri, teils heiter, teils ganztags Kolonie.
„Kolonie Erholung“ an der Kirche; warm war um.
Warum seh ich hinter der XYZkirche wie ein Raucher aus?
Statt Blumen Bastkörbchen aufgehängt, Aufschrift „Flower“

Sagt es durch die Hand von Manu L. Lunovis, auch der
Sarg, wenn beleibt, sucht bleibende Insassen. Wringt
Eure Kopfkörpertrassen aus, reinrotzige Gicht singt.
Eure Sachen behandelt ihr allen Ernstes. Gehts noch flauer?

Geht noch weniger Summ. Was uns nicht verhärtet.
Was uns nicht verhärtet, baut auf uns. Allen Ernstes.
Das Meer verschweigt die Hand. Tünche schnauft.
Tünche, ganztags Kolonie, statt Blumen. Aufschrift.

Sagt Buchstaben was uns verhärtet, uns teils verbaut.

Was uns umringt, erbarmt wie eines Rauchers Warum.
Was uns umringt: Bringt euren Sachen Summ. Blume
Sucht Bleibende. Sucht. Bleibende. Bleibende Blume.
Aufschrift verschweigt Tünche. (Allens Ginsbergernst)

Stadtlumen durch die Wand, durch die Wand der Sarg.
Hand verschweigt die Tünche, eure Trassen. Y?
Kopfkörper wringt, wirkt teils seeig, sagt ihr, arg
Drauf. Zkirche war um. Papi Warx: um [Kolon]

Stadtblumen auf Straßenpapier statt Papierstraßen
Gesicht Z. Z umringt. Zhand x-t aus. In Pipi ein
Gebettet sein. Verhaut das Meer. Drückt Buchstaben
Warm an euch. Hängt Rauch auf die Hand des Hais.

Es gibt keine Tragik der Putzerfische : Uns vs. uns :
Manus Handy summt. Was uns umringt, verheddert
Körper, Austraßenowner. Stadt, Gespinststadthand
Es gibt Tragetaschen am Raucherbuchstaben

Denn ich liebe alles, was sie hassen

Heute vor 110 Jahren wurde Heinrich Ernst Knolle geboren, der sich als Dichter Peter Jokostra nannte.

Peter Jokostra 

(* 5. Mai 1912 in Dresden-Trachau; † 21. Januar 2007 in Berlin)

EIN GEDICHT

... Aber mir verschafft dieser alte Kohl 
keine organischen Sensationen mehr ...

Ich liebe:
John Dos Passos, 
den Feuerspritzenkomplex, 
den Gigelgagel 
und die gelben Querstreifen 
auf dem Fell des Okapis.

Ich hasse:
die Neunmalklugen, 
die Besserwisser, 
die Beckmesser, 
die kommen werden, 
um zu sagen:
John Dos Passos ist ein Anarchist, 
der Feuerspritzenkomplex ist eine psychoanalytische Chiffre,
den Gigelgagel gibt es nicht, 
das Okapi wurde 1901 entdeckt.

Ich hasse:
die Neunmalklugen, 
die Besserwisser, 
die Beckmesser, 
die kommen werden, 
um zu sagen:
das - ist kein Gedicht. 
Denn ich liebe alles, 
was sie hassen.

Aus: Peter Jokostra, An der besonnten Mauer. Gedichte. Berlin: Neues Leben, 1958, S. 59