Die große Gruft

Zum Geburtstag des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko ein Auszug aus dem Mysterienspiel „Die große Gruft“

Taras Schewtschenko

(ukrainisch Тарас Григорович Шевченко, * 25. Februarjul. / 9. März 1814greg. in Morynzi, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; † 26. Februarjul. / 10. März 1861greg. in Sankt Petersburg) 

Die große Gruft, Mysterienspiel (Auszug)

Ich war ein Kind, als nachts ich sah
Baturyn hell in Flammen,
Das Moskau angezündet hat,
Den Tschetschel hingerichtet,
Und alle Menschen, jung und alt,
Im Flusse Sejm vernichtet.
Ich lag im Palast von Mazeppa
Unter all den Toten...
Und die Schwester und die Mutter,
Neben mir erstochen,
Fest geschmiegt nebeneinander
In tödlicher Umarmung;
Man riss mich fort von meiner toten
Mutter ohn’ Erbarmen.
Wie inständig hab’ ich doch
Den Offizier gebeten,
Man solle ebenfalls mich töten.
Nein, man ließ mich leben,
Und hatte mich an die Soldaten
Zum Spiel übergeben!
Nur mit Mühe konnte ich mich
Bei dem Brand verstecken.
Ein einzig Haus noch in Baturyn
Wurde nicht vernichtet!

Deutsch von Irena Katschaniuk-Spiech, aus: Taras Schevtschenko: Die Große Gruft. Poeme ukrainisch-deutsch. BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt. 2., bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgeber: Ukrainische Freie Universität, Reihe Varia, Band 72
ISBN-13: 978-3-7526-1573-9
© 2020 Irena Katschaniuk-Spiech, München

Великий льох
Містерія

Я була ще недолітком,
Як Батурин славний
Москва вночі запалила,
Чечеля убила,
І малого, і старого
В Сейму потопила.
Я меж трупами валялась
У самих палатах
Мазепиних... Коло мене
І сестра, і мати
Зарізані, обнявшися,
Зо мною лежали;
І насилу-то, насилу
Мене одірвали
Од матері неживої.
Що вже я просила
Московського копитана,
Щоб і мене вбили.
Ні, не вбили, а пустили
Москалям на грище!
Насилу я сховалася
На тім пожарищі.
Одна тілько осталася
В Батурині хата!

Alexanderkirche in Kiew; 1850er-Jahre. Gemälde von Taras Schewtschenko – Nationales Kunstmuseum der Ukraine, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12140792

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Heinar Kipphardt 100

Heinar Kipphardt 

(* 8. März 1922 in Heidersdorf/Schlesien; † 18. November 1982 in München)

Soldatenlied 
Nach einem anonymen chinesischen Gedicht aus der Han-Zeit, 
25-220 unserer Zeitrechnung

Wir kämpften nördlich der Schneewüsten, 
Wir fielen südlich der Sümpfe, 
Bekotet im Suhl, grablos, 
Den Krähen zum Fraße.

Fragt die Krähen:
»Die den Schneewüsten entkommen sind 
Und den Elefantenschlachten, wie 
Entkommen sie euch, den Krähen?«

Fragt den Kaiser:
»Warum marschieren sie bis an das Ende der Welt? 
Um zu verenden in einer Abortgrube?
Gab es nicht nähere Abortgruben, Kaiser?«

Aus: Heinar Kipphardt: Angelsbrucker Notizen. Gedichte. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1985, S. 60

Das ZWAR- und ABER-Spiel

Gastkommentar von Georg Witte

L&Poe Journal #02 – Ukraine

ZWAR hat Russland die Ukraine angegriffen, ABER es wurde provoziert.
ZWAR ist Russland „undemokratisch“, ABER unsere Demokratie ist auch nur ein Schein.
ZWAR tun uns die armen Menschen leid, ABER ihr Kampf ist doch sowieso schon verloren.
ZWAR verteidigen sich da ein paar schlecht Bewaffnete, ABER die Mehrheit flieht.
ZWAR wollen wir helfen, ABER wir frieren ohne russisches Gas.
ZWAR ist die russische Armee brutal, ABER die NATO auch.
ZWAR ist es Putin, ABER die Russen lassen ihn ja.
ZWAR ist Selensky bewegend, ABER er war ja auch Schauspieler.
ZWAR sind schon viele Soldaten getötet, ABER die Kriegsparteien nennen falsche Zahlen.
ZWAR ist die Ukraine eine Nation, ABER keine richtige.
ZWAR ist die Ukraine europäisch, ABER nicht richtig.
ZWAR sind wir für territoriale Integrität, ABER die Krim ist doch eigentlich russisch.
ZWAR sind wir für Sanktionen, ABER wir schaden uns selbst.
ZWAR liefern wir Waffen, ABER alte.
ZWAR kennen wir David und Goliath, ABER die Bibel hilft uns auch nicht weiter.
ZWAR haben wir Respekt vor dem Mut der Verteidiger, ABER auch das Wissen um die Vergeblichkeit.

Aus der Sibylla-Serie

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Odile Endres

spitze verse

I

Stühle hüpften vor den augen auf und nieder dir
Ist erschienen orpheus mitten in der nacht ach du
Besangst die blinde & die frostig liebe & die pein   
Yllabisstark erklang die poesey aus deiner freien
Leyer. kein wort von haushalt & kanzlei & küchen
Latein im fadenkreuz der verse. gegen das gift der   
Alltagsalraunen flügel ausgebreitet & abgehoben:  

Selige famaflüge sicher vor mars in den armen von 
Clio! & gleichgültig gegen den grauen greifswalder   
Himmel liebtest du die stadt & die fretowschen felder
Wälder das paradies in dem diana ritt zur jagd dort wo    
Amor seine pfeile schoss in deine glasreinen reime nach 
Regeln um die sich pest ruhr der krieg nicht scherten die
Zweige deiner lorbeerkrone ihr grün noch immer leuchtet


II


Salzwiesensound kriecht in meine brainkreise
Ich hör die dreizacktaktigen schilfsilbensongs 
Really you know I‘ve got the greifswaldblues …
Ehrlich ich flecht die strophen aus boddenbinsen &
Nachts in meinem haus da wachsen segge & sporn 
Erstrahlen gottlos castor & spikebespickte kronen

Der ryckfluss des vergessens raubt mir den letzten 			 
Elenden vers. wenn die röhrichtchöre schweigen 
Durchdringen mich kranichkantaten kriechen ins 
Ohr mir monotone moormotetten im mollton. die
Livekormorankonferenzen auf zoom sind kein trost. 


Die Ukrainer an die Polen

Russische Propagandisten haben oft erzählt – zuletzt der Präsident höchstpersönlich in seiner Nicht-Kriegserklärung am 24. Februar –, dass es die Ukraine gar nicht gäbe und sie künstlich von Lenin (nach manchen auch von den Deutschen) geschaffen wurde. Dabei lebte der „Nationaldichter“ des Landes, Taras Schewtschenko, von 1814 bis 1861. „Das literarische Werk des ukrainischen Nationaldichters legte den Grundstein zur Schaffung der modernen ukrainischen Literatur und seine Dichtung trug stark zur Entwicklung der modernen ukrainischen Sprache und zum Erwachen des ukrainischen Nationalbewusstseins bei.“ (Encyclopedia of Ukraine, zitiert nach Wikipedia).

Im Frühjahr 2014 tauchte ein Propagandafoto in asozialen Netzwerken auf, auf dem man am Rathaus in Kiew die Hakenkreuzfahne hängen sah. Marina Weisband (damals Piratenpartei) war gerade in Kiew und stellte richtig, dass dort das Porträt von Taras Schewtschenko hängt. (Es hilft nichts, manche glauben bis heute an die Propagandalüge und an ihre eigene grenzenlose Ignoranz, und Putin schickt eine ganze Armee, um das Land mit Bomben und Raketen zu „entnazifizieren“).

Heute ein Gedicht von Taras Schewtschenko aus der Vorgeschichte nationalen Hasses. In der DDR erschien 1987 eine Auswahl seiner Gedichte auf Grundlage einer zweibändigen sowjetischen Ausgabe in deutscher Sprache von 1951. In dieser Auswahl fehlen „natürlich“ alle Hinweise auf die nationale Unterdrückung der Ukrainer, aber gegen Pfaffenlug und Zar konnte man schon frei reden. 1847 wurde Schewtschenko zum ersten Mal verhaftet und zu Verbannung mit gleichzeitigem Schreib- und Malverbot verurteilt. Gleichzeitig wurde ihm auf Lebenszeit die Rückkehr in die Ukraine verboten. Wider dem Verbote begann er dieses Gedicht in der Festung zu schreiben.

Taras Hryhorowytsch Schewtschenko 

(ukrainisch Тарас Григорович Шевченко, * 25. Februarjul. / 9. März 1814greg. in Morynzi, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; † 26. Februarjul. / 10. März 1861greg. in Sankt Petersburg) 

Den Polen

Als einst wir noch Kosaken waren, 
Noch nicht verführt vom Pfaffenlug, 
Wie fröhlich unser Herze schlug!
Als noch der Steppen freie Scharen 
Den freien Polen Brüder waren; 
Im stillen Garten unsres Glücks 
Uns Töchter blühten, lilienschöne.
Stolz war die Mutter auf die Söhne, 
Die freien Söhne... Kühnen Blicks 
Wuchsen sie auf, vor ihrem Lachen 
War alle Grämlichkeit verbannt...
Bis es das Pfaffentum verstand, 
Der Zwietracht Brände zu entfachen 
Im stillen Land. Im Blut ertränkt.
Die Freiheit und das Recht verkamen; 
So haben sie in Christi Namen 
Das arme Volk ans Kreuz gehängt... 
Gebeugt nun standen die Kosaken, 
Wie wenn der Wind den Wald zerbrach. 
Die Ukraine weint! Vom Nacken 
Die Köpfe fielen, tausendfach.
Der Henker wütet. Und dazu ja 
Gehört des Pfaffen Plapperei 
Und sein: „Tedeum! Halleluja!...“

So war das, Pole, Freund und Bruder! 
Seit Priester und Magnat am Ruder, 
Hat man entzweit uns und verhetzt; 
Wir könnten leben so auch jetzt!
Gib deine Hand, uns zu verbrüdern, 
Gib uns dein Herz, das rein und treu! 
Baun wir in Christi Namen wieder 
Das alte Paradies uns neu!

Festung Orsk, nach dem 22. Juni 1847 / Nishni Nowgorod, 1858

Deutsch von Erich Weinert, aus: Taras Schewtschenko: Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen. Verlag der Nation, Berlin; Verlag Dnipro, Kiew, 1987, S. 209f

Полякам

Ще як були ми козаками, 
А унії не чуть було, 
Отам-то весело жилось! 
Братались з вольними ляхами, 
Пишались вольними степами, 
В садах кохалися, цвіли, 
Неначе лілії, дівчата. 
Пишалася синами мати, 
Синами вольними... Росли, 
Росли сини і веселили 
Старії скорбнії літа... 
Аж поки іменем Христа 
Прийшли ксьондзи і запалили 
Наш тихий рай. І розлили 
Широке море сльоз і крові, 
А сирот іменем Христовим 
Замордували, розп'яли. 
Поникли голови козачі, 
Неначе стоптана трава. 
Украйна плаче, стогне-плаче! 
За головою голова 
Додолу пада. Кат лютує, 
А ксьондз скаженим язиком 
Кричить: “Te deum! алілуя!..” 

Отак-то, ляше, друже, брате! 
Неситії ксьондзи, магнати 
Нас порізнили, розвели, 
А ми б і досі так жили. 
Подай же руку козакові 
І серце чистеє подай! 
І знову іменем Христовим 
Ми оновим наш тихий рай. 

[Після 22 червня 1847, 
Орська кріпость — 1850, Оренбург]

Pasolini 100

Pier Paolo Pasolini 

(* 5. März 1922 in Bologna; † 2. November 1975 in Ostia) 

Aus „Die besser Jugent / Der „Bessern Jugent“ zweite Form

Widmung zu "Gedichte an Casarsa" (1941-43)

Quell von Wasser aus meinem Dorf.
Ist kein frischer Wasser als in meinem Dorf. 
Quell von ländlicher Liebe.
Dedica

Fontana di aga dal me país.
A no è aga pí fres-cia che tal me país. 
Fontana di rustic amòur.
Widmung zu "Gedichte an Casarsa" (1974)

Born von wasser aws eyn dorff, nit meyn. 
Jst keyn wasser fawl als jn dem dorff. 
Born von lieb zu keyn.
Dedica

Fontana di aga di un país no me.
A no è aga pí vecia che tal chel país. 
Fontana di amòur par nissún.

Deutsch von Christian Filips, aus: Pier Paolo Pasolini, Dunckler Enthusiasmo. Friulanische Gedichte. Basel, Weil am Rhein: Urs Engeler Editor, 2009, S. 12f

„Dieser Band bietet eine am Verfahren der Wiederholung orientierte Auswahl aus Pasolinis friulanischen Gedichten, die 1975 unter dem Titel „La nuova gioventú“ gesammelt erschienen sind.“

Von Natur aus

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Brigitte Struzyk

Von Natur aus

Es flirrt in der Krone
Vom Stöckchen zum Zweig 
und vom Zweig bis zum Ast
Kanadischer Ahorn Essigbaum Erle


Kreuz und quer durch die Welt
San Francisco Sarajewo  
Stamm und Wurzeln so weit
weitverzweigt in der Erde kyrillischer  Zeichen


was hast du gegraben
Quecke, Melde, und  Giersch
um den Stamm herum 
lauter  neue Bäume

Zwischen den Schultern  Blätter 
Die Gedanken,  Tag und Nacht die Gedanken
Du unterhältst dich mit deinen Gedanken
Sowohl als auch  und nun das


Dasselbe wie Regen und Hagel
Aus Wasser und Wind
Blitz und Donner  
Die Gedanken sind frei frei von allem

Doch im Dämmerlicht scheint
Jenes Licht, jener Laut
Jener Fluch jenes Lied
Und du singst den Refrain

Auf die Ewigkeit:

Ewigkeit ist eine an die gebundene Zeit erkennbare, freie, von nichts verwaltete, also auch nicht beendbare Zeit (Elke Erb)


fern, fern

(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)

Angelika Janz

Wir hatten uns im Abstandnehmen verschätzt. Von Anfang an haben wir uns in der Wahl der Maßeinheit verschätzt. Wir haben uns in der Verwendbarkeit der Geräte getäuscht. Wir haben uns in der Handhabung der Geräte getäuscht. Wir hatten mit einem solchen Fehler nicht gerechnet. Wir haben nicht damit gerechnet, uns verrechnen zu können. Wir haben es einfach nicht glauben können, dass das, an das wir geglaubt hatten, einfach nicht stimmte. Wir hatten von vornherein eine unangemessene AbstandNahme ausgeschlossen.

Aus: fern, fern 1979

Prosa, Haut

(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)

Angelika Janz

PROSA, HAUT

Du berichtest. Willst
verschwunden sein.
Schwillst in nichts
in jeder Luft verändert
bliebst du rosa.

Wie du dichtest bist
du um den Stein gewunden wie
mir graut.

Hast den Duft gefunden
angeschaut
willst du weder
wie du schreibst noch
wie ganz klein
gesunden.

Dichterinhaus

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Odile Endres

Geburtshaus der Dichterin Sibylla Schwarz

traummutation

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Odile Endres

ausschnitte aus den traumtagebüchern vom rand der welt

oder

die amygdala macht sachen

traummutation. alptraumstation. die pure rote not. kalte hallen krallen laken. der traum ist muted: stumm. transmembranäre enzymmanöver. der virale feind dockt an. schwestern pfleger dottores dottoressas: gesichter wie gemartert. violette wund(er)male. von schutzmasken dornenkronen brillen. sauerstofftodnot. alles geht aus. weit offen sind die rezeptorentore. kanäle der verzweiflung. barmherzigkeit mit blanken händen. schutzlos, einsatz bis zum letzten. atemzug. statt traumbüchern scheinen statistiken auf: die alptraumkurven steigen. jeder stirbt für sich allein. ohne wort … vertraute … trost… incubo. magnolienkelche / die anderen lass an uns / vorübergehen. cauchemar. draußen steht alles still nur die särge reisen. sie sind auf wanderschaft in den dunklen tälern der nacht.  auf ewig unberührt. vom nachrichtensturm. den tsunamimetaphern. den virtuellen strömen. den schattenwürfen der quarantänen. die nervenstränge dünnen aus. #juststayhome: das gesetz verliert seinen grund. die welt im blick der drohnen. ein wunderbrunnen an zeit. italienisch lektionen. ieri, oggi e domani. unità 3: fragen. perché moriamo. alltagslektionen. io dimostro la mia ricetta. zeit für das schmoren im ofen guten willen und verbote. die lagunen der langsamkeit breiten sich aus. zu sehn die delfinsprünge der fake news. während uns der atem wegbleibt atmet die natur auf. kristalline wege * blütenträume * du hörst die bäume seufzen das gras. die anaconda der angst legt sich dir um den hals. du entkommst nicht. dieser traum ist kein schaum ist hartes faktenkliff gegen das dein lebensschiff geworfen wird diese zerbrechliche fähre die du teilst mit allen. uns bleiben die lichtbrücken der hoffnung. mit glück geheizte lufträume * soli­daritätsakte * korallengemeinsamkeit und nachts die düstere alptraumstation. zusammen arbeiten wir aug in aug gegen die traummutation.

Komm doch

(L&Poe Journal #02 Ukraine)

Konstantin Ames

Komm doch

Panzer, vom Völkerrecht gebrochen ihre Fahrer.
Atom-Alarmzustand? Das kannst du besser
Wladimir Witwenmacher
Vor Eingabe der Codes nimm zur Hand
(dein Vater entehrt, Russland kaputt)
ein Bild deiner Mutter, W. Witwenmacher
Putin, wehrhafter als dt. Lyrik, die Kiew jetzt tapfer hält.
Pootin, du und ich, wir wissen es, dass du nichts hast.
Komm doch, komm ins gaskalte Zeitenwendland.
Zeig mir, Gollum, deine Existenzberechtigung.




Das Narrenschiff

Noch ein Gedicht aus der 1996 erschienenen Anthologie „Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts“ (herausgegeben von Jurij Andruchowytsch).

Oksana Sabuschko

(Geboren 1960)

DAS NARRENSCHIFF 
(Variation zu einem Thema von S. Brant)

Wie in Noahs Arche haben wir uns hineingedrängt in diese Zeit –
Henker und Opfer, Lügner und Schmeichler und solche, denen alles ganz gleich, 
sie keuchen und drängeln, blicken zornig zum Steuer, 
solange Windstille herrscht, gehen wir noch nicht auf Grund. 
Schwer geht das Schiff in alle vier Richtungen scheinbar, 
schaukelt es sehr, dann steh dem einem Gott, dem anderen derTeufel bei...
"Du, Mann über Bord, welche Nation, welcher Glaube?" 
Dann wird gestritten, ob zu retten sich lohnt...
Zieht es einen hinab, kann man den Sarg doch sparen...
/Sich noch mit Toten abzugeben, da den Lebendgen der Platz schon nicht reicht!/ 
Groß ist die Fracht, der Laderaum kann sie kaum fassen, 
die Wasserlinie hat schon das Deck erreicht!..
Ginge es doch nur voran! So viele Jahre ist es gegangen!
Man hört noch das Triebwerk wie einen schwachen Puls...
Wie mit Absicht sind verschwunden vom Deck die Propheten, 
wer sagt uns jetzt, wie man im Nebel den Kurs bestimmt? 
Schaukelt es heftig, hält man sich kaum auf den Beinen, 
gib acht, daß sie dich nicht über Bord stoßen, leise und ohne Kampf.
/Wie herrlich die Zeit, als man wußte, auf wen zu zielen, 
und jeder wußte, woher der Schlag zu erwarten war!/ 
Doch in der Bar wird getanzt, an Deck wird Ordnung geschaffen, 
das Orchester spielt, verschütteter Rotwein wird aufgewischt. –
Der Fliegende Holländer zieht vorüber schon wie viele Male, 
und tief unter uns spürt man unhörbar beben den Grund.

Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Deutsch-Ukrainische Edition Lyrik. Auswahl und Einführung Jurij Andruchowycz. Reichelsheim: Brodina, 1996, S. 143

Оксана ЗАБУЖКО

КОРАБЕЛЬ ДУРНІВ 
(Варіація на тему С. Бранта)

Наче в Ноїв ковчег, нас упхалось в цей Час непомалу –
Кат і жертва, брехун і підбрехач, і той, кому – так, все одно, –
Всі пліч-о-пліч сопуть і усі норовлять до штурвалу, 
поки все таки штиль і покіль ще не йдемо на дно. 
Як ми трудно пливем на усі сторони на чотири!
Розгойдає – ну що ж: помагай кому Бог, кому чорт... 
Чоловіче за бортом, якої ти нації й віри? –
Розпитають, а потім розважать, – чи варт витягати на борт.. 
А як змило кого, то й таке: заощадимо труни 
/Бо ще й мертвих вози – он живим не стачає де жить!/ 
Ох, тяжкий той вантаж, що уже розпирає нам трюми, 
Що уже ватерлінія врівень з водою дрижить!..
Та вже б якось пливли – хіба ж стільки трималися років? –
Ще вібрує двигун, як нетвердо намацаний пульс...
Тільки з палуби все, як навмисне, змивало пророків –
Хто ж нам вкаже тепер, як лягти у тумані на курс?
А коли хитавиця, на двох таки важко стояти –
Ще й гляди не зіпхнули б – без шуму і без боротьби...
/Ех прекрасен був час, коли знаєш у кого стріляти, 
Коли знаєш, і звідки удару чекати тобі!/ 
...Але в барі танцюють, наводять на палубі глянець, 
Але грає оркестр, і змивають червоне вино –
І вже вкотре повз нас пропливає Летючий Голландець, 
І далеко під нами нечутно здригається дно...

Ebd. S. 142

Über die Autorin

Aufgrund ihrer Ausbildung ist O. Sabuschko als Philosophiedozentin tätig, darüber hinaus Dichterin, Kritikerin und Übersetzerin. Sie gilt als eine der aktivsten Persönlichkeiten im heutigen intellektuell-geistigen Leben der Ukraine. Sabuschko beeindruckt vor allem durch die Weite ihrer poetischen Gedankenwelt, die fast in paradoxer Weise mit einer echten femininen Leidenschaft verbunden ist. Alles, was sie zur Hand nimmt – in der Literatur, Philosophie, Publizistik – ist von starker Schaffenskraft gekennzeichnet.

Sie hat zwei Gedichtsammlungen herausgegeben: „Rauhreif im Mai“ (1985) und „Der Dirigent der letzten Kerze“ (1990). Aus diesem letzten Band stammt Das Narren Schiff. (ebd. S. 141)

Du bist eine Dichterin, sagen sie

Aus aktuellem Anlass erweitere ich den Frauenchor des L&Poe Journal um ein Gedicht in englischer Sprache von einer ukrainischen Dichterin.

Iryna Wikyrtschak 

„(ukrainisch Ірина Вікирчак; Transliteration Iryna Vikyrčak; * 17. Mai 1988 in Salischtschyky, Oblast Ternopil) ist eine ukrainische Schriftstellerin, Dichterin, Übersetzerin und Kulturmanagerin. (…) Einige Semester unterrichtete sie Englisch an der Universität von Czernowitz, sie unterrichtete Creative Writing und lebte in Lwiw. … Sie wirkt seit Herbst 2019 als Kulturmanagerin der „Olga-Tokarczuk-Stiftung“ in Breslau. Außerdem arbeitet sie beim Literaturhaus Breslau (Wrocławski Dom Literatury), weshalb sie inzwischen in Breslau lebt.“ (Wikipedia)

Originally Written in English
 
You are a poet, they say, we expect you 
to give us answers
you are a poet, they say, explain us 
everything with a poem
a painful one, strong, render your loss 
and grieve over your dead 
with some new metaphors
make the words in your language meet
in the order they’ve never met before
you are a poet, they say.

What can I answer them, as a poet, a woman, 
a friend who lost their friends 
to the monster of war? 
Who has friends and friends of friends 
who will never return? 
Who left their home libraries burn 
with the buildings destroyed by the lethal arms
so they themselves can fleet and live? 
Homeless, bookless, wordless, but yet alive.

Who am I as a poet, not coming form the regions affected, 
a war victim impostor, an empath 
with cinematographic imagination
the free verses  in my head,
not giving myself the right to speak
on the war that is not even mine. 

You are a poet, they say,
you come from THAT country
we expect you to be giving answers
to write poems, you know. 

How can I answer them with a poem, 
when anxiety cut off my voice,
played on my vocal cords, ate up my words? 
Haven’t you read it all in the
New York Times, in The Guardian and also 
your local press? 
Haven’t you used your empathy and
some visuals from movies you’ve seen? 
Would you like me to send you a link? 

I am not even writing this poem 
in the language of victims
although I should
for it’s all them who are seeking the answers, 
for it’s not up to me to know any.

Deutsche Fassung von Gerrit Wustmann

du bist eine dichterin, sagen sie, wir erwarten
dass du uns antworten gibst
du bist eine dichterin, sagen sie, erkläre uns
alles mit einem gedicht
ein schmerzhaftes, starkes, zeichne 
deinen verlust und die trauer über deine toten
mit neuen metaphern
vereine worte in deiner sprache
wie sie noch nie zuvor vereint wurden
du bist eine dichterin, sagen sie

was kann ich ihnen antworten, als dichterin, als frau
als freundin, die ihre freunde verloren hat
an das monster namens krieg?
wer hat freunde und freunde von freunden
die nie zurückkehren werden?
wer ließ seine bücher brennend zurück 
die häuser zerstört von tödlichen waffen
um selbst zu flüchten und zu leben?
obdachlos, buchlos, wortlos, aber noch am leben.

wer bin ich als dichterin, die nicht aus den betroffenen regionen kommt,
eine kriegsopferdarstellerin, eine empfindende
mit cinematographischer vorstellungskraft
die freien verse in meinem kopf
geben mir nicht das recht, zu sprechen
über den krieg, der nicht meiner ist.

du bist eine dichterin, sagen sie,
du kommst aus DEM land
wir erwarten antworten von dir,
dass du gedichte schreibst, du weißt schon.

wie kann ich mit einem gedicht antworten,
wenn angst mir die stimme verschnürt,
mit meinen stimmbändern spielt, meine wörter verschlingt?
hast du es nicht alles 
in der new york times, im guardian, in der lokalzeitung
gelesen?
hast du nicht deine empathie und ein paar bilder
aus filmen, die du sahst?
soll ich dir einen link schicken?

ich schreibe dieses gedicht nichtmal
in der sprache der opfer
obwohl ich sollte
denn sie sind es, die antworten suchen,
und ich bin es nicht, die sie kennt.

Hier einige ihrer ukrainischen Gedichte auf Deutsch.

Die Sünderin

Am 27. Februar 1943 wurden bei der später so genannten »Fabrikaktion« in Deutschland tausende Juden verhaftet und in Vernichtungslager deportiert. Unter ihnen ist die Dichterin Gertrud Kolmar, die am 2. März 1943 im 32. sogenannten Osttransport ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. Sie wurde nicht als Häftling registriert, sondern vermutlich sofort nach der Ankunft am 3. März »selektiert« und in der Gaskammer ermordet.

Gertrud Kolmar 

(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz)

Die Sünderin

Wem sollte ich meine rote Hölle schenken ?
Wem meinen malvenfarbenen Himmel zwischen Abend und Nacht
Mit Lampen, dickflüssig gelb aus Eidotter gemacht,
Und der sich auf die Stadt hinlegt, lastend wie Denken?

Dieser Stadt Häuser haben seltene Türme.
Ihre Dächer steigen, Gebirg, in die freien Lüfte ein;
Sie heißen Gesetz und Sitte, manche auch Anstand und Schein.
Ummauerte Gäßchen, häßliche Namen, verkriechen sich wie Gewürme.

Mir ward all das Kriechende längst von goldenen Flammen zerrissen;
Nicht stand ich in heimlichen Toren, gierig, lachte dem Dieb,
Zuckte glänzende Schultern aus Fetzen, lüstern: Hast du mich lieb ?
Ich trug die ewig glühende Kohlenkrone, trug sie auf meinem Gewissen.

Einmal ward sie entzündet, verschlungen, gesteigert
In unendliches Wehn, feuerwipfligen Wald.
Ihre Zunge schlug in den Mund, der meinen Schenkel umkrallt,
Und nie hat sich stürzender Funke den starken, den reinen Händen des Jünglings geweigert.

Er hielt ihn hinauf in Nacht als schmerzende Leuchte,
Und hält er ihn durch sein Leben als unaufhörlichen Brand,
So wird es geklärt, erscheinend und eingeschmolzen dem Land,
Das keine erstickenden Moore schleppt voll laulicher Feuchte.

Das ist wahr. Ich bin nicht die Lasterhafte. Ich bin nicht die Böse,
Die dem Toten die Mannheit raubt, des Vogels kindliches Auge durchsticht,
Die dem vertrauenden Knaben den zarten Wirbel zerbricht.
Ich fresse mich selbst in dem sengenden Schrei: Erlöse!

Jenen, die auf dem Holzstoß prasselnde Bisse zermalmen,
Bin ich gleich, ich, das Weib, das Geschlecht, Mutter, Gebärerin.
Über die Zeugenden, die Gezeugten lodert mein Herz ewig hin.
Meine Seele kniet und singt Psalmen.

Aus: Gertrud Kolmar, Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 130f.