Veröffentlicht am 22. April 2022 von lyrikzeitung
Unmittelbar neben dem Gedicht von Leander Sukov (L&Poe von gestern) steht dieses Gedicht der ukrainischen Autorin Taisija Najdenko.
TAISIJA NAJDENKO (2015) Odessa stand einst auf drei Juden Odessa stand einst auf drei Juden. Auf drei Juden und ’nem Griechen konstant. Der alte Grieche zu Staub ist verfallen. Die Juden haben wir im Pogrom überrannt. Odessa stand einst auf drei Ukrainern. Gab Speck und schenkte ein Dach. Den Speck aßen sie auf und in Eile verschlangen sie die Ukrainer danach. Odessa stand einst auf drei Schiffen und schwarze Wellen schlugen an Bord. Nun sind die Schiffe in fremden Gewässern. Dort ohne Verbindung hinfort. Odessa stand einst auf drei Wörtern. Doch ehrlich war keines im Mund. Sehr lang stand sie auch auf drei Sicheln und bis aufs Blut zerstach sich den Grund Sie stand auf Großvaters Krücken. Auf den Geschichten wie den Krieg er ertrug. Dreißig Jahr ist er nun schon begraben. Die Krücken waren so nicht genug. Es schaukeln Odessa die Winde und es zittert das steinerne Herz. Die einen führt Stolz, die anderen Schmerz. Doch Mutter stöhnt »Nicht auf die Schultern binden! Führ wenigstens bei der Hand mich vorwärts.«
Aus: Europa erlesen. Odessa. Hrsg. Dareg A. Zabarah. Klagenfurt: Wieser, 2017, S. 265f
Aus dem Russischen von Dareg Zabarah, als Quelle ist die Webseite https://stihi.ru/2015/04/21/ angegeben. Diese Webseite ist nicht mehr erreichbar und nicht im Internetarchiv gespeichert.
Veröffentlicht am 21. April 2022 von lyrikzeitung
Und was ist mit Odessa? Was war da? Was ist da? Hier ein Gedicht von Leander Sukov (aus dem Odessa-Band der Städtereihe „Europa erlesen“) – aus dem wir es natürlich auch nicht erfahren, es ist ein Gedicht. Sukov hat in den letzten Jahren unterschiedliche Stellungnahmen zum Geschehen in der Ukraine abgegeben. Er ist im März aus der Partei Die Linke ausgetreten und hat das mit der Haltung der Partei zur russischen Invasion begründet.
Leander Sukov
Odessa-Sonett Sie kondolieren der Ukraine, der Toten in Odessa wegen. Dies’ Jahr, das ist das Jahr der Schweine, die sich an Krieg und Tod erregen. Die Grabesreden halten jene, aus deren Reih’n die Mörder stammen. Die braucht man für die großen Pläne, braucht ihre Taten, braucht die Flammen. Entfacht, das nationale Feuer. Entfacht, der nationale Hass. Der Haß gebiert die Ungeheuer. Und Ungeheuer fordern Fraß. Es kondolier’n mit falschen Mienen, die Schweine, die am Krieg verdienen.
Aus: Europa erlesen. Odessa. Hrsg. Dareg A. Zabarah. Klagenfurt: Wieser, 2017, S. 266.
Veröffentlicht am 20. April 2022 von lyrikzeitung
Heute vor 530 Jahren geboren: Pietro Aretino, genannt „der Göttliche“, aber o weh: „ein Dichter voll Talent, aber ohne alle sittliche Würde“ (Herders Conversations-Lexikon 1854), „durch sittenlose Schriften berüchtigt“ (Brockhaus 1911). Einige der „sittenlosen“ Sonette kann man in dem von Tobias Roth herausgegebenen Band „Welt der Renaissance“ (Ausgewählt, übersetzt & erläutert von Tobias Roth. Berlin: Galiani, 2020, 2. Aufl. 2021) nachlesen. Hier ein kirchenkritisches Gedicht im italienischen Original und einer Prosaübersetzung. (Den Originaltext findet man im Internet an verschiedenen Stellen als „anonyme Schmähung“, aber in Hartmut Köhlers Anthologie „Poesie der Welt. Italien“ steht er unter Aretinos Namen).
Non ti maravigliar, Roma, se tanto s'indugia a far del papa la elezione, perché fra' cardinai Pier con ragione non trova chi sie degno del suo manto. La cagion è che sempre ha moglie accanto questo, e quel volentier tocca il garzone, l'altro a mensa dispùta d'un boccone e quel di inghiottir pesche si dà il vanto. Uno è falsario, l'altro è adulatore, e questo è ladro e pieno di eresia, e chi di Giuda è assai più traditore. Chi è di Spagna e chi di Francia spia e chi ben mille volte a tutte l'ore Dio venderebbe per far simonia. Sicché truovisi via di far un buon pastor fuor di conclavi, che di san Pietro riscuota le chiavi e questi uomini pravi, che la Chiesa di Dio stiman sì poco, al ciel per cortesia sbalzi col fuoco.
Wundere dich nicht, Rom, wenn man so lange zögert, die Wahl des Papstes vorzunehmen, denn unter den Kardinäleti findet Petrus mit Recht keinen, der seines Mantels würdig wäre.
Der Grund ist, daß dieser ständig ein Weib zur Seite hat, jener gerne den Knaben berührt, der andere bei Tisch um einen Bissen streitet und jener sich rühmt, Pfirsiche zu verschlingen.
Einer ist Fälscher, der andere Schmeichler, und dieser ist ein Gauner und voll Ketzerei, und mancher ist noch viel mehr Verräter als Judas.
Mancher ist ein Spion Spaniens und mancher Frankreichs, und mancher würde wohl tausendmal zu jeder Stunde Gott verkaufen, um Simonie zu treiben.
So möge sich ein Weg finden, einen guten Hirten außerhalb der Konklaven zu machen, der die Schlüssel des Hl. Petrus einholt und diese verdorbenen Leute, die die Kirche Gottes so gering achten, freundlicherweise mit Feuer bis zum Himmel schießt.
Aus:
Hartmut Köhler ( Hrsg.), Poesie der Welt: Italien. Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1985, S. 106f.
Die Auswahl der italienischen Lyrik aus acht Jahrhunderten und ihrer Übertragung traf Hartmut Köhler. Er besorgte die Prosa-Auflösungen und schrieb das Nachwort „Die italienische Lyrik und ihre deutschen Übersetzer“.
Mehr über Aretino im Lyrikwiki.
Veröffentlicht am 19. April 2022 von lyrikzeitung
Heute vor 75 Jahren wurde Norbert C. Kaser geboren. Er wurde nur 31 Jahre alt.
Norbert C. Kaser
(* 19. April 1947 in Brixen, Südtirol; † 21. August 1978 in Bruneck)
wissenschaft des schreibens weißt du maridl die ungeborenen gedichte sind immer die besten die die man selber geboren und verdaut hat die
Aus: norbert c. kaser, Gedichte. Hrsg. Sigurd Paul Scheichl. (Gesammelte Werke Band 1). Innsbruck: Haymon, 1991 (2. Aufl.), S. 198
Veröffentlicht am 18. April 2022 von lyrikzeitung
Georg Maurer
Geboren 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn; † 4. August 1971 in Potsdam
Froher Morgen Streckt euch, Zweige, erwacht! Ich habe ein Ei gegessen und weißes Brot. Mein ganzer Leib lacht. Die Nachtsorgen sind tot. Ich bin aus den Nachtsorgen gekrochen wie ein Vogel aus dem Ei. Ich habe die Schale durchbrochen und spaziere jetzt frei. Ich weiß jetzt, was die Hühner wissen, wenn sie picken. Ich weiß, wen die Raben grüßen, wenn sie mit dem Kopfe nicken.
Aus: Georg Maurer, Werke in zwei Bänden. Band 1. Hrsg. Walfried Hartinger, Christel Hartinger und Eva Maurer. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1987, S. 254
Veröffentlicht am 17. April 2022 von lyrikzeitung
In der alten Kirche feierte man die ganze Woche von Palmarum bis O. (Osterwoche, Marterwoche), namentlich Gründonnerstag, Charfreitag u. Osterabend od. Großen Sabbath. Nun folgte das Fest selbst, welches 8 Tage lang mit täglichem Gottesdienst begangen, seit dem 11. Jahrh. aber die Feier auf 3 Tage, in neuester Zeit in den meisten Ländern auf 2 Tage beschränkt wurde. Die älteren Christen blieben die ganze Nacht vor dem Fest (Ostervigilie) beisammen, brachten dieselbe mit Gebet u. Administrirung des heiligen Abendmahls zu u. zündeten in der Kirche die große Osterkerze (Cereus paschalis) u. auf nahen Anhöhen ein Freudenfeuer (Osterfeuer) an. Von der Osterkerze wurde dann in den Häusern statt alles ausgelöschten Feuers neues angezündet. Vor Sonnenaufgang schöpfte man unter geheimnißvollem Stillschweigen aus einem nahen Flusse Wasser (Osterwasser, von welchem man glaubte, daß es den Körper vor Runzeln u. Flecken bewahre). Wenn man sich am Morgen des Festes begegnete, begrüßte man sich, wie noch jetzt in der Griechischen Kirche, unter einem Kusse (Osterkuß) mit dem Zuruf: Surrexit! (er ist auferstanden), u. der Erwiderung: Vere surrexit! (er ist wahrhaftig auferstanden). In den Kirchen wurden die Katechumenen getauft u. seit dem Lateranensischen Concil 1215 gesetzlich Abendmahl gehalten. Processionen zogen umher, Gefangene wurden begnadigt u. losgelassen, Sklaven freigegeben, die Bußzeit der Gefallenen endigte sich, man schickte sich gegenseitig Geschenke, bes. bunt bemalte u. mit Reimen beschriebene Eier (Ostereier), spendete den Armen Almosen u. gab sich, nach dem nun beendigten Quadragesimalfasten lauter Freude u. stattlichem Genusse hin (Osterfreude). Selbst in den Kirchen wurden Gastmähler gegeben u. die Geistlichen erzählten allerhand Märchen u. Schwänke, welche das Volk zum Lachen reizten (Ostergelächter, Risus paschalis; vgl. Öcolampadius De risu paschali, Bas. 1518, welcher erzählt, daß die Prediger in dieser Absicht auf den Kanzeln bald wie Kukuke gerufen, bald wie Gänse geschnattert hätten etc.). Die Festfeier wurde mit der Osteroctave, am Sonntag nach O. geschlossen. Schon bei der nächtlichen Feier der Ostervigilie kamen Unordnungen vor, weshalb bereits 305 das Concil in Illiberis den Weibspersonen die Theilnahme an derselben untersagte; andere Mißbräuche wurden durch die Reformation abgestellt. Die Ostervigilie u. die Osteroctave werden in der Katholischen Kirche gefeiert. Vgl. Piper, Geschichte des Osterfestes, noch 1845; Weitzel, Die Passahfeier, 1848; Hilgenfeld, Der Osterstreit, 1860.
Quelle: Pierer’s Universal-Lexikon, Band 12. Altenburg 1861, S. 410-411. http://www.zeno.org/nid/20010568883

Joachim Ringelnatz
(* 7. August 1883 in Wurzen; † 17. November 1934 in Berlin)
Ostergedicht Wenn die Schokolade keimt, Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen "Glockenklingen" sich auf "Lenzesschwingen" Endlich reimt, Und der Osterhase hinten auch schon preßt, Dann kommt bald das Osterfest. Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen Ostern naht auf Lenzesschwingen, - - - Dann mit jenen Dichterlingen Und mit deren jugendlichen Bräuten Draußen schwelgen mit berauschten Händen - - - Ach, das denk ich mir entsetzlich, Außerdem - - unter Umständen - Ungesetzlich. Aber morgens auf dem Frühstückstische Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische Eier. Und dann ganz hineingekniet! Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme Durch geheime Gänge und Gedärme In die Zukunft zieht, Und wie dankbar wir für solchen Segen Sein müssen. Ach, ich könnte alle Hennen küssen, Die so langgezogene Kugeln legen.
Veröffentlicht am 16. April 2022 von lyrikzeitung
Sarah Kirsch
(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))
Wodka trinken Braune Vögel braune Blätter sanfter Harzfluß auf der Rinde einzeln aufgewachsner Bäume deren Spitzen Sterne schmücken Alte Marmormänner recken vor dem Schloß die schönen Glieder Amseln nisteten im Schoße einer weißen Brunnendame Innen in den großen Stühlen Löwenköpfe an den Lehnen sitzen wir und trinken Wodka der den Hals zur Wildnis macht: Rote Blumentrauben fallen auf den silberweißen Fluß und die krummen Krebse graben sich bei Mondlicht in den Grund bis die Kehlen abgehärtet bis die großen Flüssigkeiten still in uns hinunterrollen und wir immer ernster werden während alle andern johlen und sich in den Armen liegen ihren Spruch von Freundschaft sagen den sie morgen nicht mehr wissen Komm wir wollen in die Kälte. In die Dunkelheit des Mondes gehn wir auf polierten Straßen die sich um die Berge biegen
Aus: Sarah Kirsch: Landaufenthalt. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1967, S. 70f
Veröffentlicht am 15. April 2022 von lyrikzeitung
Nikolai Gumiljow
(Николай Степанович Гумилёв, * 3. April jul. / 15. April 1886 greg. in Kronstadt; † 24. August 1921 in Berngardowka bei Petrograd, hingerichtet)
Ballade Mein Freund Luzifer hat mir fünf Rosse geschenkt, einen goldenen Ring mit rubinrotem Licht, daß ich, erst in die Tiefen der Grotten versenkt, dann erschaue des Himmelsraums junges Gesicht. Und mich lockte das Schnauben, der Hufschlag ins Land, und mein Flug über Weiten der Erde hin ging; und ich glaubte, für mich sei die Sonne entbrannt, sei erglüht wie der Stein an dem goldenen Ring. Manche sternhelle Nacht, viele Tage voll Glut irrt' ich hin, sah ein Ende der Irrfahrten nicht. Und ich lachte der mächtigen Rennpferde Wut und des Spiels meines Ringes in goldenem Licht. Auf den Höhn des Bewußtseins ist Wahnsinn und Schnee. Doch mein pfeifender Hieb hat die Rosse gelenkt zu den Höhn der Erkenntnis. Und obenauf seh’ ich ein Mädchen, das traurig das Antlitz gesenkt. Ihre Stimme war leise, mit Saitenklang drin; Frag’ und Antwort im seltsamen Blick im Verein. Diesem Mädchen des Monds gab den Ring ich dahin für des Haars, des gelösten, falsch schimmernden Schein. Aber Luzifer lachend ein Tor mir erschloß, und er stieß mich verächtlich in finstere Nacht. Und als sechstes gab Luzifer mir noch ein Roß, und ihm wurde „Verzweiflung“ als Name gesagt. um 1908
Deutsch von, aus: Nikolai Gumiljow: Ausgewählte Gedichte. Ausgewählt und übertragen von Irmgard Wille. Hrsg. Siegfried Heinrichs. Berlin: Oberbaum, 1988, S. 17
БАЛЛАДА Пять коней подарил мне мой друг Люцифер И одно золотое с рубином кольцо, Чтобы мог я спускаться в глубины пещер И увидел небес молодое лицо. Кони фыркали, били копытом, ман Понестись на широком пространстве земном, И я верил, что солнце зажглось для меня, Просияв, как рубин на кольце золотом. Много звездных ночей, много огненных дней Я скитался, не зная скитанью конца, Я смеялся порывам могучих коней И игре моего золотого кольца. Там, на высях сознанья - безумье и снег, Но коней я ударил свистящим бичем, Я на выси сознанья направил их бег И увидел там деву с печальным лицом. В тихом голосе слышались звоны струны, В странном взоре сливался с ответом вопрос, И я отдал кольцо этой деве луны Да неверный оттенок разбросанных кос. И, смеясь надо мной, презирая меня, Люцифер распахнул мне ворота во тьму, Люцифер подарил мне шестого коня - И Отчаянье было названье ему.
Veröffentlicht am 14. April 2022 von lyrikzeitung
Thomas Rosenlöcher ist gestern gestorben. Im Westen wird man 90, steht irgendwo in seinen Büchern. Er hat es leider nicht geschafft. In jedem seiner Bücher ging es um den Birnbaum und den Tod, denke ich. Zwei Gedichte über den Birnbaum.
Thomas Rosenlöcher
(* 29. Juli 1947 in Dresden; † 13. April 2022 in Kreischa)
Gartenarbeit Dem Birnbaum Mut zureden. Gras wachsen lassen, wo es wächst.
Aus: Thomas Rosenlöcher, Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1982, S. 56
Requiem Ich halt mich noch schief, sprach die Mauer. Ich lehn mich noch an dich, der Zaun. Aber der Birnbaum war schon gefallen. Betreten schlich der Weg ums Haus.
Aus: Thomas Rosenlöcher: Schneebier. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1988, S. 38
Veröffentlicht am 13. April 2022 von lyrikzeitung
Àxel Sanjosé
Landschaftsbeschimpfung
Du Wald da im Hintergrund,
was zeigst du so plump deine Tannen,
ihr Berge eure müden Gipfel?
Habt ihr denn gar kein Schamgefühl?
Schlimmer fast als der Bach dort
mit Blumen und Schatten und Nymphen,
he, he, hinfort ihr Schlampen,
und nehmt gleich den ganzen Wiesenkitsch mit.
Ihr nutzlosen Buchen und Weiden, was steht ihr so dumm?
Ihr Hügel sanft und Felsen schroff,
verpisst euch, unsägliche Idioten.
Und nein, das kleine Holzkreuz an der Stelle,
wo der Motorradfahrer an die Linde fuhr,
beeindruckt niemand hier und ist nicht schön.
Farben, ihr aufgebrauchtes Pack,
ich entlasse euch alle, für immer, besonders das Blau.
Und dann: Weiher. Weiher! Geht's denn noch?
Nur nebenbei: Was soll die ganze Deko
von Wolken und Nebel und Krähen?
Dazu ein miserabler Wind und Laub in Zentnern,
das gab's wohl beim Aldi, den du wohlweislich versteckst hinterm Moor.
Über die Kirchturmspitzen sag ich nichts.
Ich schäme, Landschaft, mich für dich,
so sehr, dass ich das Mohnfeld dir verzeih,
obwohl es richtig kitschig ist.
Und falls du meintest, du seist erschaffen,
von einem Schöpfer gar oder einer Landschaftsarchitektin:
Vergiss es. Reiner Zufall nur,
selbst der Big Bang ist nicht richtig bewiesen.
Weiher! Zum Verzweifeln.
Für Greta

Aus: Àxel Sanjosé, Das fünfte Nichts. (Lyrik-Taschenbuch 129). Aachen: Rimbaud, 2021, S. 30
Veröffentlicht am 12. April 2022 von lyrikzeitung
Ossip Mandelstam
(* 3.jul. / 15. Januar 1891greg. in Warschau, Russisches Kaiserreich; † 27. Dezember 1938 bei Wladiwostok in einem sowjetischen Lager)
Die Städte, die da blühn, sie mögen weiter Bedeutsam tun mit Namen und mit Schall. Nicht Rom, die Stadt, lebt fort durch Zeit und Zeiten, Es lebt des Menschen Ort – ein Ort im All. Ihn zu erobern, ziehn der Fürsten Heere, Heißen die Priester all die Kriege gut. Und ohne ihn – die Häuser, die Altäre: Verachtungswürdig, elend, Schutt. 1917 Deutsch von Paul Celan
Пусть имена цветущих городов Ласкают слух значительностью бренной. Не город Рим живет среди веков, А место человека во вселенной. Им овладеть пытаются цари, Священники оправдывают войны, И без него презрения достойны, Как жалкий сор, дома и алтари. 1917
Veröffentlicht am 11. April 2022 von lyrikzeitung
Der Dichter Christopher Smart wurde heute vor 300 Jahren in Shipbourne, Kent geboren.
Er schrieb auch unter dem Pseudonym Mrs Mary Midnight, Ebenezer Pentweazle. „Ein Dichter von Rang und tragischem Lebenslauf, dem erst in unserem Jahrhundert Anerkennung und angemessene Ausgaben zuteil wurden“ (Koppenfels/Pfister, Von Dryden bis Tennyson, München: C.H. Beck, 2000). Smart war ein hoher anglikanischer Geistlicher, der auf Betreiben seines Schwiegervaters John Newbery für Jahre ins Irrenhaus gesteckt wurde wegen „religiösen Wahns“. Während dieser Zeit schrieb er zumindest teilweise seine zwei Hauptwerke, A Song to David und Jubilate Agno (letzteres wurde erst 1939 veröffentlicht). Er starb im Gefängnis, in dem er seit dem 20. April 1770 einsaß, weil er sich verschuldet hatte. Er wurde am 26. Mai in St Paul’s Covent Garden begraben.
Zum Jubiläum borge ich einen Auszug aus „Jubilate Agno“. Vor diesem Abschnitt spricht er über ein religiöses Erweckungserlebnis am 13. August 1759, während er in einer privaten Heilanstalt einsaß. Er nennt etliche alttestamentarische Figuren, die mit Heuschreck und Waldschnepfe, Möwe und Eule dem Herrn lobsingen. Er aber, Smart, singt Gottes Lob mit seinem unübertrefflich schönen Kater Jeoffry, den „ich zum Anlaß nehme, den Allmächtigen Gott zu preisen“. (Und ganz nebenbei bittet er Gott für die Professores in Cambridge, „daß sie aufmerken und sich bessern“.) Das ganze Gedicht ist voll von Gotteslob und Überraschungen, es prophezeit, dass die englische Sprache die Sprache des Westens werden wird und hat viel Dunkelheit und Licht, verspielt („the great flabber dabber flat clapping fish with hands“) bis ins Absurde. Galway Kinnell schrieb über das Werk:
a profound sanity underlies this project: to repair our connection to the natural world by joining person after person – a Joram or Caleb or Ehud or Haggith, or Bernice or Shobab or Joab — with an animal, or insect, tree, plant, flower, or precious stone — almost any living, or almost living, entity would do, from the Zoony to the Great Flabber Dabber Flat Clapping Fish. This grand but unfinished work, which Smart saw as his “Magnificat,” is witty and wild in its calls-and-responses, in effect a long, healing roll-call of the earth. (Mehr)
Jetzt zu Jeoffry. (Der Originalausschnitt ist länger als die deutsche Fassung)
from Jubilate Agno BY CHRISTOPHER SMART For I will consider my Cat Jeoffry. For he is the servant of the Living God duly and daily serving him. For at the first glance of the glory of God in the East he worships in his way. For this is done by wreathing his body seven times round with elegant quickness. For then he leaps up to catch the musk, which is the blessing of God upon his prayer. For he rolls upon prank to work it in. For having done duty and received blessing he begins to consider himself. For this he performs in ten degrees. For first he looks upon his forepaws to see if they are clean. For secondly he kicks up behind to clear away there. For thirdly he works it upon stretch with the forepaws extended. For fourthly he sharpens his paws by wood. For fifthly he washes himself. For sixthly he rolls upon wash. For seventhly he fleas himself, that he may not be interrupted upon the beat. For eighthly he rubs himself against a post. For ninthly he looks up for his instructions. For tenthly he goes in quest of food. For having consider'd God and himself he will consider his neighbour. For if he meets another cat he will kiss her in kindness. For when he takes his prey he plays with it to give it a chance. For one mouse in seven escapes by his dallying. For when his day's work is done his business more properly begins. For he keeps the Lord's watch in the night against the adversary. For he counteracts the powers of darkness by his electrical skin and glaring eyes. For he counteracts the Devil, who is death, by brisking about the life. For in his morning orisons he loves the sun and the sun loves him. For he is of the tribe of Tiger. For the Cherub Cat is a term of the Angel Tiger. For he has the subtlety and hissing of a serpent, which in goodness he suppresses. For he will not do destruction, if he is well-fed, neither will he spit without provocation. For he purrs in thankfulness, when God tells him he's a good Cat. For he is an instrument for the children to learn benevolence upon. For every house is incomplete without him and a blessing is lacking in the spirit. For the Lord commanded Moses concerning the cats at the departure of the Children of Israel from Egypt. For every family had one cat at least in the bag. For the English Cats are the best in Europe. For he is the cleanest in the use of his forepaws of any quadruped. For the dexterity of his defence is an instance of the love of God to him exceedingly. For he is the quickest to his mark of any creature. For he is tenacious of his point. For he is a mixture of gravity and waggery. For he knows that God is his Saviour. For there is nothing sweeter than his peace when at rest. For there is nothing brisker than his life when in motion. For he is of the Lord's poor and so indeed is he called by benevolence perpetually—Poor Jeoffry! poor Jeoffry! the rat has bit thy throat. For I bless the name of the Lord Jesus that Jeoffry is better. For the divine spirit comes about his body to sustain it in complete cat. For his tongue is exceeding pure so that it has in purity what it wants in music. For he is docile and can learn certain things. For he can set up with gravity which is patience upon approbation. For he can fetch and carry, which is patience in employment. For he can jump over a stick which is patience upon proof positive. For he can spraggle upon waggle at the word of command. For he can jump from an eminence into his master's bosom. For he can catch the cork and toss it again. For he is hated by the hypocrite and miser. For the former is afraid of detection. For the latter refuses the charge. For he camels his back to bear the first notion of business. For he is good to think on, if a man would express himself neatly. For he made a great figure in Egypt for his signal services. For he killed the Ichneumon-rat very pernicious by land. For his ears are so acute that they sting again. For from this proceeds the passing quickness of his attention. For by stroking of him I have found out electricity. For I perceived God's light about him both wax and fire. For the Electrical fire is the spiritual substance, which God sends from heaven to sustain the bodies both of man and beast. For God has blessed him in the variety of his movements. For, tho he cannot fly, he is an excellent clamberer. For his motions upon the face of the earth are more than any other quadruped. For he can tread to all the measures upon the music. For he can swim for life. For he can creep.
DENN ich will meinen Kater Gottfried betrachten. Denn er ist der Diener des Lebendigen Gottes, und dienet ihm täglich und pflichtgemäß. Denn bei dem ersten Strahl der Herrlichkeit Gottes im Osten betet er ihn an auf seine Weise. Denn dies geschieht, indem er seinen Leib siebenmal windet mit anmutiger Geschwindigkeit. Denn dann springt er auf, die Fliege zu fangen, die Gottes Segen auf sein Gebet ist. Denn wenn er seine Pflicht getan und Segen empfangen hat, beginnt er sich selbst zu betrachten. Denn wenn er Gott betrachtet hat und sich selbst, wird er seinen Nachbarn betrachten. Denn wenn er einer anderen Katze begegnet, wird er sie freundlich küssen. Denn wenn er seine Beute erhascht, spielt er mit ihr, um ihr eine Chance zu geben. Denn eine Maus von sieben entwischt durch sein Tändeln. Denn wenn sein Tagwerk getan ist, beginnt erst sein wahres Werk. Denn er hält die Wacht des Herrn in der Nacht wider den Feind. Denn er widersteht den Mächten der Finsternis durch sein elektrisches Fell & seine funkelnden Augen. Denn in seinen Morgengebeten liebt er die Sonne und die Sonne liebt ihn. Denn er ist vom Stamme des Tigers. Denn der Cherubinische Kater ist eine Form des Tigers Engel. Denn er besitzt die Schläue und das Zischen der Schlange, die er unterdrückt in seiner Güte. Denn er unterläßt das Werk der Zerstörung, wenn er wohlgenährt ist, noch spuckt er, wenn er nicht gereizt wird. Denn er schnurrt vor Dankbarkeit, wenn Gott ihm versichert, daß er ein braver Kater ist. Denn er ist Kindern ein Werkzeug, um Wohltätigkeit zu lernen. Denn jedes Haus ist unvollständig ohne ihn & im Geist fehlt da ein Segen. Denn die englischen Katzen sind in ganz Europa die besten. Denn er ist unter den Vierfüßlern der reinlichste durch den Gebrauch seiner Pfoten. Denn als ich ihm übers Fell strich, entdeckte ich die Elektrizität. Denn ich sah Gottes Licht um ihn wachsen und funkeln. Denn das Elektrische Feuer ist die geistige Substanz, die Gott vom Himmel schickt, die Körper von Mensch und Tier zu erhalten. Denn Gott hat ihn gesegnet in der Vielfalt seiner Bewegungen. Denn obwohl er nicht fliegen kann, ist er doch ein vorzüglicher Kletterer. Denn seine Bewegungen auf der Erdoberfläche sind abwechslungsreicher als die jedes anderen Vierfüßlers. Denn er kann zu jeder Musik den Takt tanzen. Denn er kann um sein Leben schwimmen. Denn er kann kriechen.
Deutsch von Friedhelm Kemp, aus: Englische Dichtung. Von Dryden bis Tennyson. Hrsg. Werner von Koppenfels und Manfred Pfister. München: C.H. Beck, 2000, S. 153/155
Veröffentlicht am 10. April 2022 von lyrikzeitung
Zum 70. Geburtstag des 1987 aus Rumänien nach Deutschland emigrierten deutschen Schriftstellers Richard Wagner versuche ich eine „Mutprobe“. Ich suche das erste Gedicht des ältesten Bands in meiner Sammlung, und siehe, es hält stand. Es ist nicht sein erstes Buch, sondern bereits das fünfte, aber von den in Rumänien erschienenen Büchern habe ich nur dieses eine. Erschienen ist es 1983. Texte von Wagner waren mir zuerst in der Literaturzeitschrift Neue Literatur aufgefallen. In diesem Gedicht spukt der letzte Satz von Georg Büchners „Lenz“.
Richard Wagner
(* 10. April 1952 in Lovrin, Banat, Rumänien)
Brief Sieh mal. Wir leben. Wir leben halt. Wir müssen halt leben. So leben wir halt. Siehst du. Wir leben ja. Das wollte ich sagen.
Aus: Richard Wagner: Gegenlicht. Gedichte. Temeswar: Facla, 1983, S. 7
Veröffentlicht am 9. April 2022 von lyrikzeitung
Im Alter von 97 Jahren starb vorgestern der Dichter Franz Mon in Franklurt am Main.
Franz Mon
(* 6. Mai 1926 in Frankfurt am Main; † 7. April 2022 ebenda)
wörter voller worte
für Friederike Mayröcker
pockennarbige Wörter
kitzeln mir den gaumen
salzwasserwörter
fahren mir an die gurgel
schalltote wörter
sprießen mir aus den ohren
bauchbindenwörter
füllen meinen darm
schluckaufwörter
fallen mir um den hals
schonkostwörter
lachen sich ins fäustchen
fußbodenwörter
faßdaubenwörter
fehlfarbenwörter
fallen mir ins wort
fallen mir in den arm
nehmen mich auf den arm
schreibtischwörter
laufen mir den rücken herab
mit langem schwanz
fahren mir in die knochen
mit langen fingern
nagen mir im genick
mit langen zähnen
blasen mich ans licht
mit ihrem langen atem
herzensbrecherwörter
genickbrecherwörter
zungenbrecherwörter
wortbrüchige wörter
die mir das maul verbrennen
auch wenn sie mir auf der zunge zergehen
alle diese wörter
mit ihrem asthma
mit ihrem buckel
voller borsten
voller brechreiz
bleiben mir im rachen stecken
wörter mit haaren auf den zähnen
steifen mir den rücken
schneide ich mir aus dem fleisch
schlagen mir überm kopf zusammen
pokerwörter in senfsoße
pockenwörter mit sodbrennen
kohlrabiwörter wie sie im buche stehen
pickelhaubenwörter
prahlwörter
prall aufgeblasene Wörter voller worte
die mir die zunge im mund verdrehn

Aus: Franz Mon, Wörter voller Worte. Texte 1983-1998. Verlegt bei Klaus Ramm in Spenge. 1999, S. 47f
Veröffentlicht am 8. April 2022 von lyrikzeitung
Max Herrmann-Neiße
,(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)
Unsere schönsten Lieder Wo sind unsere schönsten Lieder geblieben, die uns blühten, wenn wir sie nicht wollten, die wir nachts schlaftrunken nicht aufschrieben, daß ins Dunkel wieder sie entrollten? Die sich plötzlich in unsre Liebesstunden hartnäckig hingen und nicht verscheuchen ließen, später haben wir sie nicht wiedergefunden, wollten wir sie in einsamer Muße genießen. Wo mögen sie sein, die schon im Entstehen sterben? Schweifen sie ruhlos? Führt sie zu kommenden Dichtern, die sie besser empfangen, ein glückhafter Wind? Oder müssen sie für ewig verderben? Leben sie nur noch als Narben in unsern Gesichtern? Wir aber wissen, daß es unsre schönsten Lieder gewesen sind.
Geschrieben im Dezember 1936 und gedruckt in der „Pariser Tageszeitung“ vom 20.12.1936. Es ist die Bearbeitung eines Gedichts von 1914:
Unsre besten Verse entgleiten uns immer! Wo sind eure und meine besten Verse geblieben, die uns plötzlich oft kamen, wenn wir sie nicht wollten, in schlafnahen Nächten, die wir niemals aufschrieben, daß vor dem ersten Erwachen sie immer entrollten? Die sich mit einem Mal in Liebesstunden hartnäckig hingen und nicht verscheuchen ließen, aber wenn wir allein sie zu reifern, runden Ringen bilden wollen, ins Nichts zerfließen! Wo sind sie geblieben, die schon im Entstandensein starben? Schweifen sie ruhlos und werden späteren Dichtem, die sie glückhaft erhalten, schöneres Angebind? Oder ist es, daß sie für ewig verdarben, oder leben sie nur noch als Narben in unsern Gesichtem? Wir aber wissen leidvoll, daß es unsre besten Verse gewesen sind! 18. 7. 1914
Aus: Max Herrmann-Neiße: Mir bleibt mein Lied. Gedichte 4. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1990 (Gesammelte Werke. Gedichte 4), S. 474 u. 532
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