Manche Beobachter sagen, dass die eigentliche Heimat der heutigen arabischen Dichtung das Exil in den europäischen Metropolen ist. Paris, London und Berlin – in der Diaspora entstehen arabische Gedichte voller Sehnsucht und Entschlossenheit. »Meine Freunde,/ Eure Verdächtigungen kümmern mich nicht./Wie viele Intrigen schon hab ich mit dem Hammer/ Der Poesie zerschlagen?«, so schreibt Amal Al-Jubouri in ihrem Gedicht »Diaspora«. 1967 in Bagdad geboren, lebt sie heute in Berlin. »So viel Euphrat zwischen uns« – der Titel des wunderschönen Drucks der Friedenauer Presse steht für Altes und Gegenwärtiges. … Unter dem Motto des Goethe-Zitats »Für Liebende ist Bagdad nicht weit«, dichtet sie am 9. April 2003 über ihre Heimatstadt: »Herrin der Trauer/ Herrin der Wunden/ Herrin der Geduld …/ Jetzt bist du für die Eroberer nicht weit,/ doch weit bist du, sehr weit für die Liebenden.« / ND 30.1.04
Amal Al-Jubouri: So viel Euphrat zwischen uns. Gedichte. Ausgewählt von Joachim Sartorius. Friedenauer Presse. 32 Seiten, Broschur, 9,50 EUR.
Amal al-Jubouri gibt die zweisprachige Literaturzeitschrift Diwan heraus.
Am 20.6. 2003 hatte „Die Welt“ gemeldet, daß die Dichterin in ihr Land zurückgekehrt sei, aber häufig nach Berlin kommen werde. (L&P 06/2003)
Goethes Suleika: Horst-Albrecht Koch über die Geschichte der Marianne von Willemer, Die Welt 7.2.04
Die neuseeländische Autorin Janet Frame, hierzulande bekannt durch den Film „Das Piano“, der nach einem ihrer Romane gedreht wurde, ist 79jährig gestorben, meldet die NZZ, 29.1.04
Tomaž Šalamun (Beitrag 7, 2/04) war weg – hier ist er wieder, tags drauf. NZZ 5.2.04
Die Sängerin Courtney Love suche einen Verleger für ihre Tagebücher, meldet die Netzeitung. Verwunderlich, hat sie doch einiges zu bieten: offenherzige Fotos des Ehepaares C.L. + Kurt Cobain sowie Gedichte.
«In dem Buch sind Courtneys legendäre Aufzeichnungen enthalten, über die seit Jahren getuschelt und gesprochen wird, aber niemand hat sie je gesehen. Sie sind das literarische Äquivalent zu Bob Dylans «Bootleg Series».«
Hier eine Besprechung ihres ersten Solo-Albums (BLZ 9.2.04)
Über eine Bürgerfunk-Sendung „Lyrik am Abend“ des Zimmertheaters in Meschede berichtet die Westfalenpost vom 7.2.04, und die Ostsee-Zeitung vom 2.2.04*) über einen Poetry Slam in Wismar (Mecklenburg).
„Est Europa nunc unita“ – nach österreichischen Vorschlag soll so die Europahymne auf die Melodie „Freude, schöner Götterfunken“ heißen. Lateinischer text mit Übersetzung und Informationen in Die Presse, Wien, 7.2.04 (Im Leserbrief dazu die schwedische Anti-EU-Hymne)
So alle 5 Tage erreichen mich Lyrikpost-Bestellungen ohne Mailadresse (bzw. nur mit dem Wort „Ihre“ als Absender). Für alle ernstgemeinten Zuschriften muß leider gelten: Berücksichtigt wird nur, wer seine korrekte eMail-Adresse einträgt – und nichts als das, weil der Automat leider nichts anderes versteht. (Leserbriefe dagegen werden weiterhin ausschließlich von (1) Menschen gelesen & verwertet). / 7.2.04
[Der niederländische Stimmkünstler und Lautdichter Jaap] Blonk exponiert die Motive der «Ursonate» zunächst im Stechschritt, dann sanft wie ein Lamm; er keucht, stampft, springt heftig auf und nieder, so dass in der Kunstsammlung schliesslich die Alarmanlage losgeht. Der 1953 in Woerden, einer Kleinstadt westlich von Utrecht, geborene Jaap Blonk freut sich über den unerwarteten Vorfall, lächelt vergnügt und deutet auf die Bilder, die den Alarm auslösten: Das «Sternenbild» von 1920, eine Assemblage aus Öl, Schnur, Holz, Blech, Gitter und Papier auf Pappe. Und das «Kleine Seemannsheim» von 1926 aus Holz, Radspeiche, Fragment und Metall, genagelt auf Karton: «Merz»-Bilder – von Kurt Schwitters.
«Was ich von ihm gelernt habe», sagt Blonk, «ist die Freiheit im Spiel. Bei jedem Stück. Bei jedem Kunstwerk. Man muss seine eigenen Regeln setzen. Es ist nicht nötig, gehorsam zu sein.» …
An der Universität Utrecht hat er sein Mathematik- und Physikstudium nie zu Ende gebracht. Lieber beschäftigte er sich mit anarchistischen Theorien. Über einen, der dies ebenfalls tat, ist Blonk zur Lautpoesie gelangt. Hugo Ball hat ein bisher unveröffentlichtes Brevier über den Anarchisten Michael Bakunin verfasst. In einem Workshop hörte Blonk Anfang der siebziger Jahre Balls Gedicht «Seepferdchen und Flugfische»: «zack hitti zopp / hitti betzli betzli / prusch kata / ballubasch / fasch kitti bimm». / Oliver Ruf, NZZ 5.2.04
Der Auftakt des Buchs [vom finnischen Nationaldichter Johan Ludvig Runeberg], das Gedicht «Unser Land», ist Finnlands Hymne. Mit diesen Versen schuf der konservative Runeberg, gemäss einer neueren These des Historikers Matti Klinge, einen Gegenpol zur «Marseillaise», die 1848 Europas Revolutionäre beflügelte. Im April jenes Jahres erreichten die Wogen des Aufruhrs auch Stockholm und Uppsala, während in St. Petersburg der Zar die Entwicklung mit wachsender Nervosität verfolgte. In Helsinki erhielt der Musiklehrer der Universität den Auftrag, eine Melodie zu komponieren, und auf dem Frühlingsfest vom 13. Mai setzte dann die Obrigkeit die Hymne als «Anti-Marseillaise» ein. Während Aufständische anderswo zum letzten Gefecht aufriefen, besangen die Studenten auf Helsinkis Strassen zu den Klängen der Gardemusik «Gottes Ehre in der Natur». Der Alkohol floss reichlich, wie die Rechnung des lokalen Schnapshändlers offenbart. Den Damen, die sich in ihren Equipagen dem Festzug annäherten, boten die Studenten, wie ein Professor nach St. Petersburg rapportierte, Wein und Konfekt in Mengen an. Das Fest geriet zu einer Loyalitätserklärung an den Zaren, und Finnland blieb womöglich einiges erspart. / Aldo Keel, NZZ 5.2.04
Natürlich ist sie ein Gesamtkunstwerk wie Andy Warhol – wer einen Teil wegnimmt, wird enttäuscht sein. Nur die Gedichte, nur die Musik, nur der Klang, nur ihre Zeichnungen, nur ihre Mode, ihre Erotik – es ist zu wenig. Sie ist das fehlende Glied zwischen europäischer Muse und amerikanischer Rock-’n’-Roll-Amazone, ebenso feinfühlig wie zielstrebig, sie beherrscht die Geste wie den Glauben. Man muss diesen Wallfahrtsort anfangs schnell durchmessen, an den Zeichnungen à la Artaud und Blake vorbeischauen, die kleinen Schwarzweißfoto-Ikonen betrachten, ihre Siebdruck-Serie über die Ruine der Twins umkreisen, sich in die Fotos Franz Gertschs von der legendären Lesung und Ausstellung in Köln 1977 verlieben und sie wieder loslassen, das Schlendern wieder von vorne beginnen. Und dann ein paar Stunden versinken. / Konrad Heidkamp, Die Zeit 7/04 (Heidkamps Überschrift: Man muß sie bewundern)
Die Ausstellung „The Work of Patti Smith“ ist noch bis zum 29. Februar im Haus der Kunst in München zu sehen
Da ich aber im äußersten Nordosten Deutschlands festsitze – und nicht vor Anfang März, knapp daneben**), nach München komme – mißachte ich den Rat und finde im Chaos meiner Bibliothek, was ich suche. Hier ein paar Sätze Patti Smith, aus dem Band: Patti Smith: Babel. Lieder und Texte, zweisprachig. Rowohlt 1985. Sind zwar nur Texte (bis auf Bilderanhang) – aber besser als nix:
he was scraping the attic. he must get thru. the country of the mind must have north light. a white and wide loft filled w/space composed of air and brilliant rust. i watch him. i feel excited. i know what it tastes like to be a painter. i recognize the need for this space, so like him, i dog and claw and grasp***). there is nothing. nothing. not even a vowel. like crazy horse i am under oath to retrieve no spoils. once i forgot and once i was branded. once upon a time thru time after time.****)
**) schon über eine Verlängerung nachgedacht?
***) Walter Hartmann übersetzt: scharre und kratze wie ein hund
****) Dito: vor langer zeit, und es ist ewig her.
Wer´s multimedialer will, findet mehr im Netz, vor allem hier:
Patti Smith Babelogue
Hier ein Beitrag zur „fucking“-Debatte (s. L&P 01/2004)
Noch ein Originaltext:
où est baudelaire?
by patti smith, r.e.f.m.*
[from CREEM, May 1977]
Critic does not mean criticize. It means to open the eyes. To be the translator of the demon of creation… transforming the seed into a substance soluble and palatable so that the people may eat.
In the past it has been the critic, one who could see for miles. The unfailing vision of Baudelaire. The critic who trumpeted the space and light of the future.
Kritiker heißt nicht kritisieren. Es heißt die Augen öffnen. Übersetzer des Dämons der Schöpfung sein… den Samen in einen löslichen und wohlschmeckenden Stoff verwandeln, auf daß die Leute essen können.
In der Vergangenheit war das der Kritker, einer der Meilen vorausschauen konnte. Die unfehlbare Vision Baudelaires. Der Kritiker, der den Raum und das Licht der Zukunft herausposaunte.
Anfang eines Textes, der hier im Original zu lesen ist. Er endet mit diesem Vierzeiler:
Going for broke
Hope I’ll reach you there
I feel the people
But où est Baudelaire
* Radio Ethiopia Field Marshall
[Stoßseufzer: wie wir uns von Politik & Medien ein Amerikabild zwischen Sister Jacksons rechter Brust und einem unzurechnungsfähigen Präsidenten aufdrängen lassen, willy nilly, aber nicht ohne Wirkung!]
Mit Panthern, Bären und Giraffen hätten die Menschen friedlich auf der Wiese gelegen. Was hier beschworen wird, ist mitnichten eine Szene aus dem Garten Eden, vielmehr eine Erinnerung vom Tag nach dem Bombardement, das in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 Dresden zerstört hat. Damals waren die Ausgebombten nach dem nächtlichen Inferno auf die nahen Elbwiesen geflüchtet, um den Brandherden und weiteren Angriffen zu entkommen. Aus dem Zoo im Grossen Garten waren indessen auch die Tiere ausgerissen, und die Reminiszenz hat später Mensch und Tier zum pastoralen Bild gefügt, als ob es sich um einen Rückfall ins Paradies gehandelt hätte. Aber Marcel Beyer, 1965 geboren und heute in Dresden lebend, entdeckt den Widerspruch in diesem Tableau. «Ohne Bomben keine freilaufenden Tiere», lautet sein Befund, denn die Raubtiere sind in Panik aus Käfig und Gehege ausgebrochen. So ist auf Erinnerungsbilder wenig Verlass, und der Historiker muss Fakten von Fiktionen trennen, während der Schriftsteller «immer Teil des Bildes» ist. / Beatrice Eichmann-Leutenegger NZZ 6.2.04 über
Lose Blätter, Heft 27, Januar 2004. Herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling, mit Fotos von Jacqueline Merz. Euro 1.50 (Ebelingstrasse 1, 10249 Berlin).
Sylvia Plath was one of the 20th century’s most important poets, a still-iconic figure who, paradoxically, has inspired some terrible poetry. Now, a film about her is adding to the myth. But, asks Christina Patterson, was she actually any good? / The Independent 6.2.04
Wie die Zügellosigkeit der Elsa von Freytag-Loringhoven Berlins Boheme inspirierte, beschreibt Hendrik Werner, Berliner Morgenpost 5.2.04 –
Der Hang zur Zote ist mir eingeboren
Von meinem Papa hab ich ihn geerbt
Sein Witz ist roh – ich bin dazu erkoren
Witzig zu sein – Geschmack völlig verderbt.
Elsa Plötz alias Endell alias Greve alias Freytag-Loringhoven
Pommern und Dada? Die Baroness stammt aus dem pommerschen Kleinstädtchen Swinemünde (heute Swinoujscie). Allmählich wird sichtbar, wie die aus Pommern Geflohene das Berliner – und später das New Yorker – Kunstleben aufmischte. George Grosz stammt aus Stolp (Slupsk), und mit Richard Huelsenbeck und Walter Serner studierten zwei der Dada-Protagonisten in Greifswald. Nicht lange nach ihrer Abreise war dada da – mich wunderts nicht.
- Die Baroness ist keine Futuristin. Sie ist die Zukunft. (Marcel Duchamp)
- Pommern ist kein Zentrum des Dadaismus, Pommern ist Dada. (Michael Gratz)
Die Dada Baroness. Das wilde Leben der Elsa von Freytag-Loringhoven“ (edition ebersbach, Berlin. 256 S., 34 Euro) Hg. von Irene Gammel
Vgl. auch frühere L&P-Ausgaben 11 und 12/ 2003.
Mit 33 Gedichtbänden gehört Tomas Šalamun zu den produktivsten und international bekanntesten Lyrikern Sloweniens. Auf Einladung der Galeristin Susanna Rüegg las er kürzlich an der Schipfe 39 aus seinem Band «Vier Fragen der Melancholie». …
Kein Stoff ist ihm heilig, während das Ich seine Masken wechselt, sich als Gott und Monstrum gebärdet und die Sprache alle Register experimentellen Spiels erprobt. Zu Šalamuns Vorbildern gehören Rimbaud und Lautréamont, der Erfinder der «Sternensprache» Welimir Chlebnikow und der slowenische «Konstruktivist» Srecko Kosovel. / Ilma Rakusa, NZZ 4.2.04
Der Link ist offenbar nicht mehr erreichbar; falls Sie die Papierausgabe suchen: Der Artikel steht – merkwürdiges Land! – nicht im Feuilleton, sondern im Lokalteil. Ob die deutsch-polnische Versöhnung besiegelt ist, wenn im Lokalteil deutscher Tageszeitungen avantgardistische polnische Dichter behandelt werden? – Aber wir sind auf dem Wege: Der Nachruf auf Czeslaw Niemen (L&P 01/2004) fand sich im Berlin-Teil der taz.
Auf Deutsch sind kürzlich erschienen: «Vier Fragen der Melancholie» und «Aber das sind Ausnahmen», übersetzt von Peter Urban, Edition Korrespondenzen, Wien 2003, 2004.
Apropos Amerika (Nr. ):
In den USA, wo er seit vielen Jahren Poetikdozenturen betreut (und von 1996 bis 1999 slowenischer Kulturattaché war), gilt er nicht nur als einer der bedeutendsten Dichter Mitteleuropas, sondern als Lyriker im Weltmassstab. Charles Simic hat ihn ediert, John Ashbery mehrfach über ihn geschrieben. «In Amerika habe ich Schüler», bekennt Šalamun nicht ohne Stolz, in Slowenien sei es dagegen still geworden um ihn. «Man ist skeptisch gegenüber einem gewissen Erfolg im Ausland.»
Bekannt in den USA, Österreich und der Schweiz – und in Deutschland**)? Fortsetzung folgt.
**) O ja, er war Gast beim Lyrikertreffen in Münster 1989 (Spartentreffen Osteuropa). Und 1972 gab es einen Band bei S. Fischer. Der Rest ist Ausland. (Gern lasse – oder heißt es ließe***)? – ich mich eines Besseren belehren!)
***) Abgesehen von den Konjunktiven ist die Prosa von de Toys absolut fehlerfrei! (HEL 2002) – Mitteilung an Tom: Die Bücher sind in Arbeit!
taz: Herr Maleu, Sie sind Geschäftsführer des SuKuLTuR-Verlags. Seit Dezember vertreiben Sie die Heftreihe „Schöner Lesen“ in elf Süßwarenautomaten in Berlin. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Literatur in Automaten zu verkaufen?
Frank Maleu: Seit die Lesehefte erscheinen, das ist seit 1996, suche ich nach ungewöhnlichen Vertriebswegen. Und die Idee mit dem Automatenverkauf ist gar nicht so originell. Der Dichter Bert Papenfuß erzählte mir beispielsweise, dass Roth-Händle in den Siebzigerjahren bereits Kurzkrimis in Zigarettenautomaten verkauft hat. Und von 1912 bis 1940 vertrieb auch Reclam Literatur auf diese Weise, zeitweise besaß der Verlag Zweitausend eigene Buchautomaten. …
Was für Texte veröffentlichen Sie in der Reihe?
Vornehmlich junge, zeitgenössische Literatur. Erzählungen, experimentelle Texte, Lyrik, aber auch kurze Theaterstücke. Also alle Sparten. Von eher bekannteren Autoren wie Dietmar Dath oder Ilse Kilic aus Wien, bis hin zu Underground-Größen wie Bdolf, den Berliner Hel oder Paul Anton Bangen. Ungewöhnlich sind aber auch die Formate. Die Hefte sind in der Regel sechzehn bis vierundzwanzig Seiten lang, also ideal für die schnelle Lektüre. Und wem der Text gefällt und wer noch mehr lesen will, kann anschließend in die Buchhandlung gehen und die dickeren und teureren Bücher des Autors kaufen.
Hel: vgl. L&P 06/2003 (Suchwort: Pommern!)
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