11. Gesamtkunstwerk Patti Smith

Natürlich ist sie ein Gesamtkunstwerk wie Andy Warhol – wer einen Teil wegnimmt, wird enttäuscht sein. Nur die Gedichte, nur die Musik, nur der Klang, nur ihre Zeichnungen, nur ihre Mode, ihre Erotik – es ist zu wenig. Sie ist das fehlende Glied zwischen europäischer Muse und amerikanischer Rock-’n’-Roll-Amazone, ebenso feinfühlig wie zielstrebig, sie beherrscht die Geste wie den Glauben. Man muss diesen Wallfahrtsort anfangs schnell durchmessen, an den Zeichnungen à la Artaud und Blake vorbeischauen, die kleinen Schwarzweißfoto-Ikonen betrachten, ihre Siebdruck-Serie über die Ruine der Twins umkreisen, sich in die Fotos Franz Gertschs von der legendären Lesung und Ausstellung in Köln 1977 verlieben und sie wieder loslassen, das Schlendern wieder von vorne beginnen. Und dann ein paar Stunden versinken. / Konrad Heidkamp, Die Zeit 7/04 (Heidkamps Überschrift: Man muß sie bewundern)

Die Ausstellung „The Work of Patti Smith“ ist noch bis zum 29. Februar im Haus der Kunst in München zu sehen

Da ich aber im äußersten Nordosten Deutschlands festsitze – und nicht vor Anfang März, knapp daneben**), nach München komme – mißachte ich den Rat und finde im Chaos meiner Bibliothek, was ich suche. Hier ein paar Sätze Patti Smith, aus dem Band: Patti Smith: Babel. Lieder und Texte, zweisprachig. Rowohlt 1985. Sind zwar nur Texte (bis auf Bilderanhang) – aber besser als nix:

he was scraping the attic. he must get thru. the country of the mind must have north light. a white and wide loft filled w/space composed of air and brilliant rust. i watch him. i feel excited. i know what it tastes like to be a painter. i recognize the need for this space, so like him, i dog and claw and grasp***). there is nothing. nothing. not even a vowel. like crazy horse i am under oath to retrieve no spoils. once i forgot and once i was branded. once upon a time thru time after time.****)

**) schon über eine Verlängerung nachgedacht?
***) Walter Hartmann übersetzt: scharre und kratze wie ein hund
****) Dito: vor langer zeit, und es ist ewig her.

Wer´s multimedialer will, findet mehr im Netz, vor allem hier:

Patti Smith Babelogue
Hier ein Beitrag zur „fucking“-Debatte (s. L&P 01/2004)

Noch ein Originaltext:

où est baudelaire?
by patti smith, r.e.f.m.*
[from CREEM, May 1977]

Critic does not mean criticize. It means to open the eyes. To be the translator of the demon of creation… transforming the seed into a substance soluble and palatable so that the people may eat.
In the past it has been the critic, one who could see for miles. The unfailing vision of Baudelaire. The critic who trumpeted the space and light of the future.

Kritiker heißt nicht kritisieren. Es heißt die Augen öffnen. Übersetzer des Dämons der Schöpfung sein… den Samen in einen löslichen und wohlschmeckenden Stoff verwandeln, auf daß die Leute essen können.
In der Vergangenheit war das der Kritker, einer der Meilen vorausschauen konnte. Die unfehlbare Vision Baudelaires. Der Kritiker, der den Raum und das Licht der Zukunft herausposaunte.

Anfang eines Textes, der hier im Original zu lesen ist. Er endet mit diesem Vierzeiler:

Going for broke
Hope I’ll reach you there
I feel the people
But où est Baudelaire

* Radio Ethiopia Field Marshall

[Stoßseufzer: wie wir uns von Politik & Medien ein Amerikabild zwischen Sister Jacksons rechter Brust und einem unzurechnungsfähigen Präsidenten aufdrängen lassen, willy nilly, aber nicht ohne Wirkung!]

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