Es ist ein lustvoll extrem weitgespannter Begriff von Poesie, den die Besucher des 10. Poesiefestivals Berlin in der Akademie der Künste und an anderen Orten kennen lernen können. Es sind Veranstaltungen, die in den schillerndsten Farben der Lyrik funkeln sollen.
Da tritt der Lautpoet, Spoken-Word-Künstler, Schauspieler und Musiker Saul Williams auf, der südafrikanische Dichter Keorapetse Kgositsile, die Sängerin und Musikerin Chiwoniso Maraire, der polnische Dichter Adam Wiedemann oder die kanadische Performance-Dance-Company Volcano. Man wird sagen können, dass hier die Poesie zum literarischen Vulkan wird, der den schönsten Wortzauber ausspeit. / Berliner Morgenpost 27.6.
Akademie der Künste: Hanseatenweg 10, Tiergarten. Karten: Tel. 230 99 30, Informationen: Tel. 48 52 450, heute bis 5. Juli, Programm: http://www.literaturwerkstatt.org
Im Jahr 1925 ruft Josep Maria de Sagarra die Schriftsteller seines Landes auf, endlich die „Angst vor dem Roman“ zu überwinden und Bleibendes auch jenseits der Lyrik zu schaffen. „Das katalanische Publikum verlangt unmissverständlich und mit geradezu verzweifeltem Aufschrei, dass man ihm Romane liefert“, schreibt Sagarra in einem Zeitungsartikel. Er ist 31 Jahre alt, selbst ein bekannter Lyriker und Theaterautor und fordert „Personen guten Willens, die bereit sind, mit dem Verfassen von Romanen zu beginnen“. Der Aufruf ist Baustein eines kollektiven Traums. Das katalanische Nationalbewusstsein war seit Jahrzehnten beständig gewachsen, die heimische Kultur zog mit. Nur die Prosa hinkte hinterher. Und ohne hausgemachte Romane würde Katalonien kaum zu anderen Kulturnationen aufschließen können. / MERTEN WORTHMANN, SZ 27.6.
In Karatschi (Pakistan) veranstaltete das Khana-i-Farhang (Kulturzentrum der Islamischen Republik Iran) ein Seminar zum Andenken an zwei große asiatische Dichter: Abu Abdullah Jaffer Rodaki (Vater der persischen Lyrik, 858-941) und Allama Iqbal (1877-1938). Es erwies sich als Fest für die Gehirne eines bedauernswert schmalen Publikums.
Generaldirektor Khana-i-Farhang Syed Husain Taqizade sprach auf Persisch über Rodakis Meisterschaft, die Rede wurde ins Urdu und Englische übertragen.
Die frühere Leiterin der Persischen Abteilung der Universität Karatschi Professor Dr. Rehana Afsar beleuchtete das Zeitalter der Samanidenherrschaft, in dem Rodaki lebte. Er war der Günstling des Samanidenherrschers Nasr Ibn Ahmed. Dr Jaffer Haleem bedauerte, daß von den 1.300.000 Reimpaaren des Dichters der größte Teil nicht überliefert ist.
Dr Mohammad Ali Siddiqui sagte, Iqbal sei über den kulturellen und wissenschaftlichen Niedergang der Moslems besorgt gewesen. Er habe um die Bedeutung der persischen Kultur und Sprache gewußt. Lahore, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte, war damals ein Zentrum persischer Studien. Iqbal forderte die Moslems auf, Bildung zu erwerben und alles zu lernen, was ihnen Fortschritt und Wohlstand in der modernen welt ermöglichen könnte. / Peerzada Salman , dawn.com 24.6.
Iqbal in L&Poe: 2001 Okt # Bitter Chill of Winter; 2007 Okt #80. Petöfi auf Punjabi; 2007 Nov #40. Iqbaltag
Dreimal kam Michael Jackson zu Konzerten in die Stadt, und über den Mauerfall schrieb er ein Gedicht. Auch der Bambi wurde ihm hier überreicht. Doch als er seinen Sohn aus dem Adlon-Fenster hielt, war die Entrüstung groß …
Und wer noch Jacksons Buch „Dancing the Dream – Gedichte und Gedanken“ von 1992 im Regal stehen hat, wird vielleicht zum Gedenken mal wieder darin blättern und auch auf „Berlin 1989“ stoßen – Jacksons Version des Mauerfalls. „Sie hassten die Mauer, aber was konnten sie tun?“, heißt es einleitend, dann lässt der Dichter die Mauer selbst sprechen: „Ich lehre euch schon Mores.“ Doch da erinnern sich alle an die Verwandten drüben, versuchen in einer Art Röntgenblick der Liebe durch die Mauer zu blicken, bis sie zerbricht: „Eine Million Herzen hatten zueinander gefunden.“ / Andreas Conrad, Tagesspiegel 27.06
„Jeden Tag ein Buch lesen, wenigstens ein Drama oder eine Erzählung zu lesen, nahm ich mir vor“, notierte Bender in seinem Buch „Postkarten aus Rom“ (1989). So – oder so ähnlich – darf man sich auch heute noch den Alltag des in Köln lebenden Schriftstellers vorstellen. Einen herben Rückschlag hat Bender in diesem beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März verkraften müssen. 27.000 Dokumente hatte der Autor in der Vergangenheit auf Anraten von Heinrich Böll abgegeben. Siebzig Prozent davon sind verloren oder liegen noch unter den Schuttbergen.
„Seine Kurzgeschichten gelten heute schon als klassische Beispiele. Seine Lyrik besticht durch ihre klare und unpathetische Sprache“, rühmte Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma, als sich der mit dem Professorentitel des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnete Autor im September 2002 ins goldene Buch der Stadt eintrug. Eine bisher weitgehend unbekannte Facette offenbarte der jüngst erschienene Band „Wie es kommen wird.“ Humor und Ironie prägen Benders darin versammelte Vierzeiler aus den „Akzenten“, denen er selbst attestiert, dass sie unbrauchbar („sogar verständlich sind sie“) für die „Frankfurter Anthologie“ sind. „Vertraute Wörter, Rhythmen, Reime / vier Zeilen, leicht zu verstehn. / Schön, meine Freundinnen und Freunde / bei der Lektüre lächeln zu sehn.“ / Peter Mohr, literaturkritik.de
Hans Bender: Wie es kommen wird. Meine Vierzeiler.
Carl Hanser Verlag, München 2009.
80 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-13: 9783446233317
„Ich lese dann erstmal meine rund 800 Gedichte, und dann noch ein paar kürzere Texte“, versprach der 1958 in Essen geborene Joachim-Ringelnatz-Förderpreisträger zu Beginn.
Dass es dann doch schon nach gut zwei Stunden zu Ende war, bedauerten alle, die gerne noch viel mehr der bissigen Glossen aus „Titanic“-Tagen oder absurde Verse über deutsche Städte oder Berufe gehört hätten – und zu zwei Zugaben ließ sich der gefeierte Spaßpoet denn auch beklatschen.
„Nennt mich Gott“ lautet der Titel seiner neuesten Gedichtsammlung, aus der er reichlich vorlas, ebenso wie aus der vorletzten Buchveröffentlichung, auch aus diesem Jahr, in der freche Gedichte versammelt sind, die das Väter-Töchter-Verhältnis ironisch untersuchen. Stets erweist sich Gsella dabei als Könner klassischer Metrik und Rhetorik, wenn er den überforderten und augenscheinlich unterbelichteten Vater sich in den eloquent formulierten, metrisch hübsch alternierend rhythmisierten Fangfragen des neunmalklugen Töchterleins verlieren lässt. Oder Gsella kolportiert mit derben Pointen in vollendet gereimten Drei-Strophern peinliche Klischees über Polen, Italiener oder andere europäische Landsleute – und legt durch diesen Kunstgriff den Finger in die Wunde deutscher Befindlichkeiten und Vorurteile gegenüber Fremden. So taugt der Finne laut Gsella wenig, denn: „Der Finne ist für nichts gemacht als fürs In-Finnland-Wohnen“.
Niemand wird von Gsella verschont, nicht die Piloten, nicht die Bauern und nicht einmal die Lehrer, obwohl der an Robert Gernhardt und der Neuen Frankfurter Schule gewachsene Reimer fast selber einer geworden wäre, hat er doch sein Erstes Staatsexamen erfolgreich mit einer Arbeit zu Rainer Maria Rilke abgeschlossen. Zahnärzte, die ihm sein galliges Gedicht über deren sadistische Berufsgenossen übel nahmen, wünschten sich Gsella auf den eigenen Behandlungsstuhl, damit er erfahre, was richtige Schmerzen seien. / Siegener Zeitung
Vielleicht haben Sie schon davon gehört (zuerst wusste es Tobias Lehmkuhl in der Süddeutschen Zeitung, dann Roman Bucheli etwas genauer in der Neuen Zürcher Zeitung und Kollege Jörg Sundermaier etwas umfassender in der tageszeitung; schliesslich habe ich selbst in einem Gespräch mit Nils Kahlefendt auf der Webseite des Börsenblattes ein paar Worte dazu gesagt): Der Verlag Urs Engeler Editor steht vor einer ungewissen Zukunft. Es ist eine günstige Zeit, uns zu unterstützen und unsere Bücher zu kaufen und zu lesen. Die Bücher des Frühjahres 2009 sind erschienen, wir bereiten das Programm für den Herbst 2009 vor, fast jedes Buch der Backlist ist noch lieferbar. Ob wir fortfahren können, hängt auch von Ihrem Interesse und Ihrer Neugier ab. Bestellen Sie jetzt direkt beim Verlag oder im Buchhandel. / Urs Engeler Editor
„Die andere Seite – Carlfriedrich Claus, Michael Morgner, Thomas Ranft“
Eine Ausstellung des Dokumentationszentrums Prora
2. Mai bis 28. Juni 2009 (täglich von 09:30 bis 19:00 Uhr)
Die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst hat nicht nur die „Stars“ der Neuen und Alten Leipziger Schule wie Neo Rauch oder Bernhard Heisig hervorgebracht, sondern auch die Maler der legendären Künstlergruppe „Clara Mosch“. 1977 fanden sie sich in Adelsberg, einer Vorstadt der damaligen Karl-Marx-Stadt, zusammen und formten anagrammhaft aus ihren Anfangsbuchstaben den Namen ihrer Gruppe: CLA wie Carlfriedrich Claus, RA wie Thomas Ranft und Dagmar Ranft-Schinke, MO wie Michael Morgner und SCH wie Gregor-Torsten Schade. Zusammen eröffneten sie in einem ehemaligen Tante-Emma-Laden eine der wenigen privaten Produzentengalerien in der damaligen DDR. Als eine „Notgruppe angesichts der Situation qualitätslosen Sozialistischen Realismus‘“, so Morgner, sah sich die Gruppe. Sie einte die Ablehnung des Realismus, ein eigenes Programm oder Manifest hatten sie nicht.
Das Dokumentationszentrum Prora zeigt 27 Jahre nach der Auflösung der Gruppe 1982 Radierungen und Lithografien von Carlfriedrich Claus, Michael Morgner und Thomas Ranft.
Die Grafiken von Carlfriedrich Claus faszinieren immer wieder durch die „visuelle Poesie“, die ihnen inne wohnt. Sie bestehen meist aus einer Art Mikroschrift, die sich zu einem abstrakten Gebilde zusammensetzt. Ganz anders sind die großformatigen Bilder und grafischen Blätter von Michael Morgner. Sie sind gekennzeichnet durch einen expressiven Gestus, informell-düstere Hintergründe und schwermütige Themen gekennzeichnet. Spätestens Ende der 70er Jahre fand Morgner zu seiner eigenen Formensprache. Er hat sich nie Moden unterworfen, sondern kontinuierlich an seinem eigenen Kunstverständnis gearbeitet.
Carlfriedrich Claus in L&Poe: 2003 Okt # Gerhard Wolf 75; 2005 Aug #18. Carlfriedrich Claus – der mit Worten zeichnete; Sep #48. Schrift. Zeichen. Geste.; Okt #2. Atemlos staunend; 2006 Mrz #39. Hegewalds Luftkarten; 2006 Aug #67. Handke, Becker, Claus; 2008 Aug #67. Lautland DE; 2008 Aug #77. Scherstjanoi liest Scherstjanoi;
Do 28.5. 20:00
Du bist so nah – und wieder nicht
In Lesung und Gespräch Ilana Shmueli Autorin, Jerusalem Moderation Thomas Sparr Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. Einführung André Schmitz Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin
Ilana Shmueli (*1924 Czernowitz), die frühe und späte Freundin Paul Celans, bezeugt durch ihr Werk und ihr Leben eine ganze Epoche europäischer Lyrik. Über die Begegnung mit Celan hat sie ein Buch verfasst: „Sag, daß Jerusalem ist“ (Edition Isele 2000). Im Suhrkamp Verlag erschien 2004 ihr Briefwechsel mit Paul Celan von 1967 bis 1970. Ilana Shmueli schrieb Gedichte „Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt“ und das Buch „Ein Kind aus guter Familie. Czernowitz 1924–1944“, aktuell erschienen ist „Zeitläufe – ein Brief“ (alle Rimbaud Verlag). Im Mai wird ihr Werk mit dem Theodor Kramer Preis, vergeben für Schreiben im Widerstand und im Exil, ausgezeichnet. In der Begründung heißt es: „‚Spät und tief‘ sind die Gedichte Ilana Shmuelis auf uns gekommen, wie aus einer anderen Zeit und einem anderen Raum. Ortlosigkeit und Wortlosigkeit, die Erfahrung, unbeheimatet und sprachlos zu sein, ist eine der Wurzeln, aus denen ihre Dichtung hervorwächst. Und dennoch verbinden sich ihre Verse in äußerster Verknappung des Ausdrucks mit einem reichen Strom von Vorstellungen. Es ist eine große Lebendigkeit, die hier von sich zeugt, die gegen Enge, Kälte, Vorurteil anrennt. Shmuelis Dichtung ist ‚Zwischenruf, Einspruch, Widerwort, Aufschrei‘“. Seit 1944 lebt Ilana Shmueli in Israel und hat die Sozialpädagogik des Landes mit aufgebaut.
In Lesung und in einem Gespräch mit Thomas Sparr, Geschäftsführer des Suhrkamp Verlags, lernen wir Ilana Shmueli kennen. Auszüge aus dem Film „Der Klang der Worte – Deutsche Sprache in Jerusalem“ (2008, Regie: Gerhard Schick) machen mit ihrem Leben in Israel vertraut.
Eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Suhrkamp Verlag. Mit freundlicher Unterstützung des Goethe-Institutes.
Kontakt:
Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97/Kulturbrauerei
10435 Berlin
Verleihung des Theodor-Kramer-Preises, Der Standard / Die Jüdische
Eine verkehrte Geschichte, eine verdrehte Geschichte, eine verstellte Geschichte: Mehr als drei Jahrzehnte nach dem grausamen und bis heute nicht restlos aufgeklärten Tod des Poeten im Schmutz der vor den Toren Roms gelegenen Hafenstadt Ostia ist sein Name noch immer gegenwärtig. Nicht aber mehr sind es jedoch seine Dichtungen, obwohl sie zum Schönsten gehören, was das vorige Jahrhundert an lyrischer Poesie hervorgebracht hat: „E quale forza nel voler mutare / il mondo – questo mondo perduto / in malinconie, in allegrie pasquali…“ („Welche Kraft liegt im Wunsche, / die Welt zu verwandeln, zu erlösen / aus Schwermut zu österlichen Freuden . . . „).
Man stelle sich einmal vor, von Dante Alighieri sei nur noch das Prosawerk greifbar – und auch dieses nur unvollständig -, nicht aber mehr das große Versepos der „Divina Commedia“ und die Lyrik. Im sonst so italienfreudigen Deutschland ist eben dies die desolate Editionslage des Werks von Pier Paolo Pasolini (1922-1975). Hier ist trotz früherer Ausgaben und vorhandener Übersetzungen seit Jahren keine einzige Auswahl oder Sammlung seiner Gedichte im Buchhandel mehr lieferbar, was eine Schande ist, die man gar nicht genug beklagen kann.
Aber auch Italien scheint mit „il poeta Pasolini“, wie die Trauerrede des Freundes und Kollegen Alberto Moravia gewiss nicht nur der Alliteration wegen prononcierte – damals, als Tausende von Menschen dem Sarg mit dem von brutaler Gewalt bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichnam durch die verstopften Straßen der römischen Altstadt folgten -, eine ganze Tradition zu Grabe getragen zu haben: Seit den Tagen Dantes galt ihr der Dichter als eine persona publica, die auf gleicher Augenhöhe mit den Mächtigen an einer öffentlichen politischen Kultur teilhat.
Diese liquidiert und durch die telekratische Seifenoper ersetzt zu haben, ist das Resultat der Ära Berlusconi, die einschneidender und irreversibler noch als die faschistische Ära ist, welche mit Mussolinis Abtritt so rasch zerplatzte, als habe es sie nie gegeben. / VOLKER BREIDECKER, SZ 11.5.
Pier Paolo Pasolini „Wer ich bin“. Bis zum 1. Juni im Museum Strauhof, Zürich, Augustinergasse 9; http://www.strauhof.ch. Anschließend (14.6.- 6.9.) im Centre Dürrenmatt Neuchâtel; danach (17. 9. – 22.11.) im Literaturhaus und Käthe-Kollwitz-Museum Berlin
Es ist hohe Zeit, den Gründen nachzuspüren, warum seit Erscheinen seines ersten Gedichtbandes „so beginnen am körper die tage“ 1981 die Rezeption des Falknerschen Werkes kontinuierlich nur zwei Amplituden kennt – die begeisterte Aufnahme wie die schroffe Ablehnung, und wie diese seltsame, ihresgleichen suchende Kontinuität mit gesellschaftlichen Verfasstheiten offenbar koinzidiert. Denn die Falknersche Lyrik stach stets traumsicher in die Wundstellen jeweiliger Selbstvergewisserung deutscher Kultur der sublimeren Art, die gewohnt war, politisch zu sortieren oder grob-ästhetisch, und die nun einem Rätsel standhalten sollte. Es muss ja Gründe geben, dass 2006 ein weitaus jüngerer Lyriker, Steffen Popp, zum Erstlingswerk notierte:
„Eine Art Efeu, gelangt das Sprechen an dieser Kontur, diesen Linien aus Vergeblichkeit und Schmerzen, zu einer Form; getrieben vom Willen zur Fassung der Situation, zur Behauptung einer eigenen Wirklichkeit, entwirft Falkner seine Gedichte um Momente des Außerordentlichen, Momente des Intensiven, der unverhältnismäßigen Durchdringung oder einfach nur des Gelingens, die es gegen eine in ihren Verhältnissen ruhende Welt zu verwirklichen gilt.“
Mich an meine eigenen starken Glücksgefühle bei der ersten Lektüre des Luchterhand-Bändchens erinnernd, bin ich mir sicher, dass es kein Zufall sein kann, dass diese seltene Art von Nobilität seit einigen Jahren von nachgewachsenen Lyrikern wie Steffen Popp, André Rudolph oder Uwe Tellkamp als beerbbar gilt, angesichts des Endlosgeplappers ringsum.
Gehen wir aber zunächst fast dreißig Jahre zurück: Der Zustand weiter Bezirke der bundesrepublikanischen Lyrik Anfang der achtziger Jahre lässt sich in wenigen Stichworten beschreiben: Es dominierten Befindlichkeitsgeschwurbel, die Wiederentdeckung der Form als Häkelarbeit, Oberflächenbebilderung und Drittaufgüsse der einstmals innovativen „konkreten Poesie“. In diese Landschaft siedelte nun plötzlich eine Dichtung, deren Fahnenworte „Schönheit“, „Erhabenheit“, „Sprachraffinesse“ hießen, und als wären solche Entlegenheiten nicht genug, von Anfang an verbunden war mit essayistischer Analyse und Polemik, etwa in Richtung der Brinkmann-Adepten: „Die Warenscheinlichkeit unserer Gesellschaft und die Verschleierung der Herrschaft ist zu infam, als daß sie sich in einem Spot auf Supermärkte ‚erkenntlich’ zeigen würde. (…) Jede Kunst, die meint, es genüge, abzubilden oder zu wiederholen, was oben auf der Hand liegt, übersieht neben ihrer ostentativen Belanglosigkeit auch ihr affirmatives Agens. Die ‚ungekünstelte’ Sprache ist eine beherrschte Sprache.“ / so beginnen am körper die tage 73f.) Die Einsicht in die Warenförmigkeit auch der randständigen Lyrikproduktion ermöglichte es Falkner, illusionsloser als viele seiner Kollegen, die Zusammenhänge zwischen Herrschaftsdiskursen und Poesie auszuleuchten. …
Gerhard Falkner unternahm in den achtziger Jahren ein einsames Abenteuer, gleichsam als Foucault der deutschen Poesie. Er unterzog die Möglichkeiten poetischen Sprechens einem Härtetest, indem er poststrukturalistische Maximen wie Stimmensplitting, Dekonstruktion, Abkehr vom Individualstil, intertextuelles Verweisspiel in seinem dritten Gedichtband „wemut“ anwandte und zugleich überprüfte. Mit Verve entwand Falkner „alte“ Grundworte des Poetischen wie „Seele“, „Atem“, „Glanz“, „Asche“, „Blume“, „das Schöne“ der Vernutztheit, konfrontierte sie mit den Zeichen einer zunehmend totalitär verwalteten Digitalwelt, band sie in kühne Metaphern, in überraschungsstiftende Vorgänge ein, so dass sie wieder zu Kräften kommen konnten. …
Ich erinnere mich, in der DDR-Lyrik der siebziger/achtziger Jahre war es … etwa Usus geworden, Hölderlins „Komm ins Offene, Freund“ aus „Der Gang aufs Land“ der Deskription beengter Verhältnisse im ummauerten Land entgegenzusetzen. Dieser einleuchtenden Billigkeit binärer Konstellationen konnten sich nur Erich Arendt und Volker Braun durch Materialausfaltungen wirklich einigermaßen entziehen. Falkner dagegen ist in Teilen seiner Poetik, in der traumsicheren Beherrschung der Formenklaviatur, in der Auffassung der numinosen Dichterexistenz Hölderlin immer schon so beängstigend nahe gewesen wie kein anderer Lyriker der Gegenwart. Deshalb kann er anders ansetzen. Hierfür ein Beispiel:
Hölderlins alpine Sängerelegie „Heimkunft“ endet mit den Versen:
Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen,
Herzen schlagen und doch bleibet die Rede zurück?
Aber ein Saitenspiel leiht jeder Stunde die Töne,
Und erfreuet vielleicht Himmlische, welche sich nahn.
Das bereitet und so ist auch beinahe die Sorge
Schon befriediget, die unter das Freudige kam.
Sorgen, wie diese, muß, gern oder nicht, in der Seele
Tragen ein Sänger und oft, aber die anderen nicht.
Falkners Gedichte nehmen diesen Ton behutsam auf, sie tragen ihn an einen dritten Ort: den des entgegnenden Gedichts. So hebt sein „Karneval der Sorge“ an: „so auch / beinahe die Sorge, bey nahe / ihre krasseste sogar / so auch, ihr Sinn; groß wie Gras / gräselndes (tänzelndes) Gras“. Der erhabene Gedichtgang wird später allerdings durchstört durch moderne Kraftworte, die in dieser Textumgebung als Fremdkörper erscheinen:
„…
komplett verplant / das unermesslich traurige
Entzüken ihrer Ungerichtetheit, ihre Gunst
nicht zum Spiele genommen
der Engel Netzwerke
verplempert
(u)nd alles Erhabene nur zur Ergötzung
der Knallköpfe noch/“
Wenn der 1951 geborene Dichter Gerhard Falkner regelmäßig seine polemischen Blitze auf die Lyrik-Szene schleudert, ist es ratsam, in Deckung zu gehen. Denn der Zorn des „Minnesängers der Moderne“ (Kurt Drawert über Falkner) ist gewaltig. Falkner spricht – und die Gattung erbebt. Zuletzt hatte er in einer Philippika in der Literaturzeitschrift Bella triste Hiebe ausgeteilt und sich zum Dichterkönig inthronisiert. Der neue „Ausdrucksglanz“ der Generation der 30- bis 40-Jährigen, so ließ Falkner wissen, habe seinen Ursprung in den von ihm selbst in den 1980er Jahren entwickelten Sprechweisen. Diese programmatische Unbescheidenheit stieß auf heftigen Widerspruch.
Wer nun die Gelegenheit wahrnimmt und Falkners 1981 veröffentlichten und im vergangenen Jahr wiederaufgelegten Erstling „so beginnen am körper die tage“ auf seine antizipatorische Kraft hin studiert, der erlebt tatsächlich eine Überraschung. Diese Gedichte haben auch ein Vierteljahrhundert nach ihrer Erstveröffentlichung ihre Frische bewahrt. Diese frühen Gedichte, so Falkner im Rückblick, „überfielen mich wie Schweißausbrüche…, sie gründeten nicht auf Ehrgeiz, sondern auf Erregung“. Dieses körperhafte Erregungspotenzial und ästhetische Schönheitsverlangen findet man auch in den nachfolgenden Bänden „der atem unter der erde“ von 1984 und „wemut“ von 1989. / Michael Braun, Badische Zeitung 3.4.
Bericht über die Preisverleihung in Staufen, Badische Zeitung (Poesie-Kicks eines Andersdenkenden)
Eine Aufzeichnung der Preisverleihung soll am 4. April von 14.05 bis 15 Uhr in SWR2 gesendet werden.
– Gerhard Falkner: Hölderlin Reparatur. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2008. 110 Seiten, 19,60 Euro.
– so beginnen am körper die tage. Gedichte. LyrikEdition 2000, München 2007, 104 Seiten, 11,50 Euro.
Wenn ein Gedicht und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt dunkel, muß das nicht immer am Gedicht liegen.
Wo habe ich das gelesen oder erlebt?
Bei Gerhard Falkner: so beginnen am körper die tage. Aber es muß die zweite Ausgabe sein, die in der Sammlung Luchterhand 1984. – Die legendäre Sammlung Luchterhand. Das erste Bändchen, das ich in der Hand hielt: Serienfuß von Ernst Jandl. Das und kein andres nicht gabs in den Buchhandlungen, wo ich lebte, aber die Universitätsbibliothek in Rostock besaß einiges. Entdeckungen meiner Rostocker Studienjahre: Eben Jandl. Arno Schmidt. Oskar Pastior. e.e. cummings.
1990 oder 91 – wieder zu Luchterhand – brachte mit der Wende den Zusammenbruch des phantastischen literarischen Programms dieses Verlags. Es heißt, der Verlust der nun nicht mehr nötigen Lizenzen für Ostautoren wie Christa Wolf habe zu diesem beigetragen. Der Untergang war mein Einstieg. Ich war gerade – auch wendebedingt – in Essen. Eine Buchhandlung hatte hunderte Taschenbücher der Sammlung Luchterhand. Der Verlag verramschte seine Bestände. Vieles war damals möglich. Im Rausch der östlichen Gründerjahre kaufte ich auf gut Glück für über 500 Mark Luchterhandbände für die Greifswalder Bibliothek, im Dutzend noch mal billiger. Es gab ja fast nichts, da war das ein Grundstock. Die nahmen das damals auch: heute undenkbar. Und noch mal für mich selbst ramschte ich auch für eine dreistellige Summe. Vieles von Jandl: selbstporträt des schachspielers als tickende uhr; der gelbe hund; serienfuss; jandl für alle; Die schöne Kunst des Schreibens; Idyllen; der künstliche baum; die bearbeitung der mütze; dingfest. Die Sammlung Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in.der DDR. Bände von Hans Arp, Peter Härtling, Peter Bichsel… Nicht zu vergessen frühe Jahrgänge des damals „Luchterhand Jahrbuch der Lyrik“, das nach zwei Verlagswechseln nun verblichen ist. Es waren wilde Jahre. Nicht nur Bananen- und Altautohändler: auch ich war ein Wendegewinnler.
Ein paar Jahre später bekam ich ebenfalls aus der Ramschmasse zwölf Bände Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe (D.E.Sattler – die nicht abgeschlossene Taschenbuchausgabe aus der großen Sattlerausgabe.) Jetzt wird die 12bändige chronologische Ausgabe Sattlers verramscht – ein Fest für alle, die nicht mal eben 400 Euro für Hölderlins Gesänge ausgeben können. In Gerhard Falkners Band „Hölderlin Reparatur“ kann man schon mal studieren, was man da erwarten und was damit machen kann. Das ist keineswegs, wie ein wirklich verehrter Kollege meinte, eine Verspottung der Sattlerausgabe – im Gegenteil.
Falkners Erstlingsband war nicht in meiner 1990er Beute. Weder Zeit noch Geld noch Tragekapazität reichten, um den Fundus komplett durchzusehen. Dies und anderes fand ich ein paar Jahre später, nachdem ich über Galrev auf den Autor aufmerksam wurde. (Sascha Andersons Spitzelberichte, wie über seinen Freund Papenfuß, finde ich abscheulich, aber ich danke ihm für manche Gedichte und für viele tolle Gedichtbände von Autoren, die er gedruckt hat, das glaube ich, nicht um sie in seine Kumpanei zu ziehen, sondern weil er sie bewunderte, hidden gentlemen. Sie sollen sich nicht einreden lassen, daß sie sich der Nachbarschaft schämen müßten. Schändlich ist so vieles, mehrmals in den letzten Jahren und Wochen! war ich veranlaßt, Max Liebermanns Diktum von 1933 zu zitieren: man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen müßte. In Politik und Wirtschaft gibt es schlimmere Übelstände: aber das Ignorieren guter Bücher, guter Autoren aus Gründen moralischer Selbsterhöhung ist auch ein großes Übel. Bei Galrev erschienen Gerhard Falkner, Thomas Kunst, Richard Anders, Andreas Koziol, Thomas Böhme, Uwe Greßmann und viele andere: jeder einzelne aller Beachtung wert.
Gerhard Falkner erhält morgen in Staufen den Peter-Huchel-Preis für seinen jüngsten Band. Schon der erste war durchaus preiswürdig. Entzückt finde ich beim Blättern Zeilen, Metaphern, manche mit Bleistiftstrichlein: „allenthalben blüht schon der seidelbast“ – „eiserne finken“ – „rosenscherbe“ – „alles das ich abgeschaut der leise gewirbelten brust, das unvorhergewünschte auf die körper gespielte licht“ – wow! Und die „aufzeichnungen aus einem kalten vierteljahr“, die noch nicht in der 1981er Ausgabe standen, auch die schon wie aus der „Hölderlin Reparatur“. Falkner ist, was immer er sonst noch ist oder sein will: auch ein Humorist. Wehe, wenn man das Grinsen hinter mancher Gebärde übersieht! L&Poe gratuliert zur allfälligen Ehrung!
Gedichtbände sind, ist seit je und naturgemäß umstritten. Was der eine für preiswürdig hält, ist dem andern der letzte Scheiß. Wer wüßte keine Beispiele? Man müßte ihm Kennerschaft absprechen.
Matthias Kehle hat es gefallen, in seinem Blog am 28.3. eine in der Lyrikzeitung dokumentierte Rezension der Anthologie „Laute Verse“ (nicht „Lauter“!) als schlecht zu bezeichnen. Das ist sein gutes Recht; indes seine Argumentation ist dürftig. Der Rezensent habe „offenkundig keine Ahnung von Gegenwartslyrik“ und „das nötige Vokabular“ fehle ihm auch. Argumente sind das gerade nicht, es sind Behauptungen. Die Mühe einer Beweisführung macht sich der Kritikerkritiker nicht. („Offenkundig“ ist das nicht, man müßte es schon zeigen.) Er seufzt: „Eine Kritik, die richtig weh tut.“ Und holt sich Trost: „Wie wohltuend sind da etwa die Rezensionen im Poetenladen!“
Ich meinerseits bewundere, was der „Poetenladen“ im Netz und auf Papier so alles zuwegebringt. Und ich habe großen Respekt vor Leuten, die es schaffen, im Journalismusgeschäft die Fahne der Poesie hochzuhalten, wie das Tomas Gärtner in Dresden tut. Zwölfmal in den letzten Jahren bin ich zufällig auf Relevantes in seiner Dresdner Zeitung gestoßen (die ich hier nicht zur Verfügung habe). Er hat über Gerhard Falkner, Gregor Laschen, Uwe Tellkamps Nautilusprojekt oder den tschechischen Lyriker Petr Borkovec geschrieben oder über Lesungen von Autoren wie Thomas Kunst, Franzobel oder Michel Deguy in Dresden. Namen, die nicht in jeder deutschen Tageszeitung vorkommen. Wie gut, daß es Leute wie Tomas Gärtner gibt, die nicht nur Gedichte lesen, sondern ihnen auch Platz im öffentlichen Raum jenseits unserer Poesiereservate ertrotzen!
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