9. Auch ich war ein Wendegewinnler

Wenn ein Gedicht und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt dunkel, muß das nicht immer am Gedicht liegen.

Wo habe ich das gelesen oder erlebt?

Bei Gerhard Falkner: so beginnen am körper die tage. Aber es muß die zweite Ausgabe sein, die in der Sammlung Luchterhand 1984. – Die legendäre Sammlung Luchterhand. Das erste Bändchen, das ich in der Hand hielt: Serienfuß von Ernst Jandl. Das und kein andres nicht gabs in den Buchhandlungen, wo ich lebte, aber die Universitätsbibliothek in Rostock besaß einiges. Entdeckungen meiner Rostocker Studienjahre: Eben Jandl. Arno Schmidt. Oskar Pastior. e.e. cummings.

1990 oder 91 – wieder zu Luchterhand – brachte mit der Wende den Zusammenbruch des phantastischen literarischen Programms dieses Verlags. Es heißt, der Verlust der nun nicht mehr nötigen Lizenzen für Ostautoren wie Christa Wolf habe zu diesem beigetragen. Der Untergang war mein Einstieg. Ich war gerade – auch wendebedingt – in Essen. Eine Buchhandlung hatte hunderte Taschenbücher der Sammlung Luchterhand. Der Verlag verramschte seine Bestände. Vieles war damals möglich. Im Rausch der östlichen Gründerjahre kaufte ich auf gut Glück für über 500 Mark Luchterhandbände für die Greifswalder Bibliothek, im Dutzend noch mal billiger. Es gab ja fast nichts, da war das ein Grundstock. Die nahmen das damals auch: heute undenkbar. Und noch mal für mich selbst ramschte ich auch für eine dreistellige Summe. Vieles von Jandl: selbstporträt des schachspielers als tickende uhr; der gelbe hund; serienfuss; jandl für alle; Die schöne Kunst des Schreibens; Idyllen; der künstliche baum; die bearbeitung der mütze; dingfest. Die Sammlung Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in.der DDR. Bände von Hans Arp, Peter Härtling, Peter Bichsel… Nicht zu vergessen frühe Jahrgänge des damals „Luchterhand Jahrbuch der Lyrik“, das nach zwei Verlagswechseln nun verblichen ist. Es waren wilde Jahre. Nicht nur Bananen- und Altautohändler: auch ich war ein Wendegewinnler.

Ein paar Jahre später bekam ich ebenfalls aus der Ramschmasse zwölf Bände Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe (D.E.Sattler – die nicht abgeschlossene Taschenbuchausgabe aus der großen Sattlerausgabe.) Jetzt wird die 12bändige chronologische Ausgabe Sattlers verramscht – ein Fest für alle, die nicht mal eben 400 Euro für Hölderlins Gesänge ausgeben können. In Gerhard Falkners Band „Hölderlin Reparatur“ kann man schon mal studieren, was man da erwarten und was damit machen kann. Das ist keineswegs, wie ein wirklich verehrter Kollege meinte, eine Verspottung der Sattlerausgabe – im Gegenteil.

Falkners Erstlingsband war nicht in meiner 1990er Beute. Weder Zeit noch Geld noch Tragekapazität reichten, um den Fundus komplett durchzusehen. Dies und anderes fand ich ein paar Jahre später, nachdem ich über Galrev auf den Autor aufmerksam wurde. (Sascha Andersons Spitzelberichte, wie über seinen Freund Papenfuß, finde ich abscheulich, aber ich danke ihm für manche Gedichte und für viele tolle Gedichtbände von Autoren, die er gedruckt hat, das glaube ich, nicht um sie in seine Kumpanei zu ziehen, sondern weil er sie bewunderte, hidden gentlemen. Sie sollen sich nicht einreden lassen, daß sie sich der Nachbarschaft schämen müßten. Schändlich ist so vieles, mehrmals in den letzten Jahren und Wochen! war ich veranlaßt, Max Liebermanns Diktum von 1933 zu zitieren: man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen müßte. In Politik und Wirtschaft gibt es schlimmere Übelstände: aber das Ignorieren guter Bücher, guter Autoren aus Gründen moralischer Selbsterhöhung ist auch ein großes Übel. Bei Galrev erschienen Gerhard Falkner, Thomas Kunst, Richard Anders, Andreas Koziol, Thomas Böhme, Uwe Greßmann und viele andere: jeder einzelne aller Beachtung wert.

Gerhard Falkner erhält morgen in Staufen den Peter-Huchel-Preis für seinen jüngsten Band. Schon der erste war durchaus preiswürdig. Entzückt finde ich beim Blättern Zeilen, Metaphern, manche mit Bleistiftstrichlein: „allenthalben blüht schon der seidelbast“ –  „eiserne finken“ – „rosenscherbe“ – „alles das ich abgeschaut der leise gewirbelten brust, das unvorhergewünschte auf die körper gespielte licht“ – wow! Und die „aufzeichnungen aus einem kalten vierteljahr“, die noch nicht in der 1981er Ausgabe standen, auch die schon wie aus der „Hölderlin Reparatur“. Falkner ist, was immer er sonst noch ist oder sein will: auch ein Humorist. Wehe, wenn man das Grinsen hinter mancher Gebärde übersieht! L&Poe gratuliert zur allfälligen Ehrung!

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