31. Peter Geist, aus der Laudatio zum Huchelpreis für Gerhard Falkner

Es ist hohe Zeit, den Gründen nachzuspüren, warum seit Erscheinen seines ersten Gedichtbandes „so beginnen am körper die tage“ 1981 die Rezeption des Falknerschen Werkes kontinuierlich nur zwei Amplituden kennt – die begeisterte Aufnahme wie die schroffe Ablehnung, und wie diese seltsame, ihresgleichen suchende Kontinuität mit gesellschaftlichen Verfasstheiten offenbar koinzidiert. Denn die Falknersche Lyrik stach stets traumsicher in die Wundstellen jeweiliger Selbstvergewisserung deutscher Kultur der sublimeren Art, die gewohnt war, politisch zu sortieren oder grob-ästhetisch, und die nun einem Rätsel standhalten sollte. Es muss ja Gründe geben, dass 2006 ein weitaus jüngerer Lyriker, Steffen Popp, zum Erstlingswerk notierte:

„Eine Art Efeu, gelangt das Sprechen an dieser Kontur, diesen Linien aus Vergeblichkeit und Schmerzen, zu einer Form; getrieben vom Willen zur Fassung der Situation, zur Behauptung einer eigenen Wirklichkeit, entwirft Falkner seine Gedichte um Momente des Außerordentlichen, Momente des Intensiven, der unverhältnismäßigen Durchdringung oder einfach nur des Gelingens, die es gegen eine in ihren Verhältnissen ruhende Welt zu verwirklichen gilt.“

Mich an meine eigenen starken Glücksgefühle bei der ersten Lektüre des Luchterhand-Bändchens erinnernd, bin ich mir sicher, dass es kein Zufall sein kann, dass diese seltene Art von Nobilität seit einigen Jahren von nachgewachsenen Lyrikern wie Steffen Popp, André Rudolph oder Uwe Tellkamp als beerbbar gilt, angesichts des Endlosgeplappers ringsum.

Gehen wir aber zunächst fast dreißig Jahre zurück: Der Zustand weiter Bezirke der bundesrepublikanischen Lyrik Anfang der achtziger Jahre lässt sich in wenigen Stichworten beschreiben: Es dominierten Befindlichkeitsgeschwurbel, die Wiederentdeckung der Form als Häkelarbeit, Oberflächenbebilderung und Drittaufgüsse der einstmals innovativen „konkreten Poesie“. In diese Landschaft siedelte nun plötzlich eine Dichtung, deren Fahnenworte „Schönheit“, „Erhabenheit“, „Sprachraffinesse“ hießen, und als wären solche Entlegenheiten nicht genug, von Anfang an verbunden war mit essayistischer Analyse und Polemik, etwa in Richtung der Brinkmann-Adepten: „Die Warenscheinlichkeit unserer Gesellschaft und die Verschleierung der Herrschaft ist zu infam, als daß sie sich in einem Spot auf Supermärkte ‚erkenntlich’ zeigen würde. (…) Jede Kunst, die meint, es genüge, abzubilden oder zu wiederholen, was oben auf der Hand liegt, übersieht neben ihrer ostentativen Belanglosigkeit auch ihr affirmatives Agens. Die ‚ungekünstelte’ Sprache ist eine beherrschte Sprache.“ / so beginnen am körper die tage 73f.) Die Einsicht in die Warenförmigkeit auch der randständigen Lyrikproduktion ermöglichte es Falkner, illusionsloser als viele seiner Kollegen, die Zusammenhänge zwischen Herrschaftsdiskursen und Poesie auszuleuchten. …

Gerhard Falkner unternahm in den achtziger Jahren ein einsames Abenteuer, gleichsam als Foucault der deutschen Poesie. Er unterzog die Möglichkeiten poetischen Sprechens einem Härtetest, indem er poststrukturalistische Maximen wie Stimmensplitting, Dekonstruktion, Abkehr vom Individualstil, intertextuelles Verweisspiel in seinem dritten Gedichtband „wemut“ anwandte und zugleich überprüfte. Mit Verve entwand Falkner „alte“ Grundworte des Poetischen wie „Seele“, „Atem“, „Glanz“, „Asche“, „Blume“, „das Schöne“ der Vernutztheit, konfrontierte sie mit den Zeichen einer zunehmend totalitär verwalteten Digitalwelt, band sie in kühne Metaphern, in überraschungsstiftende Vorgänge ein, so dass sie wieder zu Kräften kommen konnten. …

Ich erinnere mich, in der DDR-Lyrik der siebziger/achtziger Jahre war es … etwa Usus geworden, Hölderlins „Komm ins Offene, Freund“ aus „Der Gang aufs Land“ der Deskription beengter Verhältnisse im ummauerten Land entgegenzusetzen. Dieser einleuchtenden Billigkeit binärer Konstellationen konnten sich nur Erich Arendt und Volker Braun durch Materialausfaltungen wirklich einigermaßen entziehen. Falkner dagegen ist in Teilen seiner Poetik, in der traumsicheren Beherrschung der Formenklaviatur, in der Auffassung der numinosen Dichterexistenz Hölderlin immer schon so beängstigend nahe gewesen wie kein anderer Lyriker der Gegenwart. Deshalb kann er anders ansetzen. Hierfür ein Beispiel:
Hölderlins alpine Sängerelegie „Heimkunft“ endet mit den Versen:

Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen,
Herzen schlagen und doch bleibet die Rede zurück?
Aber ein Saitenspiel leiht jeder Stunde die Töne,
Und erfreuet vielleicht Himmlische, welche sich nahn.
Das bereitet und so ist auch beinahe die Sorge
Schon befriediget, die unter das Freudige kam.
Sorgen, wie diese, muß, gern oder nicht, in der Seele
Tragen ein Sänger und oft, aber die anderen nicht.

Falkners Gedichte nehmen diesen Ton behutsam auf, sie tragen ihn an einen dritten Ort: den des entgegnenden Gedichts. So hebt sein „Karneval der Sorge“ an: „so auch / beinahe die Sorge, bey nahe / ihre krasseste sogar / so auch, ihr Sinn; groß wie Gras / gräselndes (tänzelndes) Gras“. Der erhabene Gedichtgang wird später allerdings durchstört durch moderne Kraftworte, die in dieser Textumgebung als Fremdkörper erscheinen:

„…
komplett verplant / das unermesslich traurige
Entzüken ihrer Ungerichtetheit, ihre Gunst
nicht zum Spiele genommen
der Engel Netzwerke
verplempert
(u)nd alles Erhabene nur zur Ergötzung
der Knallköpfe noch/“

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