053. Andrea Heuser

Musik ist nicht unbedingt ihre große Leidenschaft. Und doch taucht Andrea Heusers Name öfters im Zusammenhang mit Opern auf. Die 36-Jährige schreibt Libretti. Ihre fünfte Oper „Linkerhand“ wurde im Mai in Görlitz und Hoyerswerda uraufgeführt. „Libretti“, sagt sie über ihren Broterwerb, „sind für mich Handwerk. Da kann man keine langen Sätze schreiben und verzichtet auf die Botschaften zwischen den Zeilen.“ Den Roman betrachte sie als „Königsdisziplin“, Lyrik als „Kür“. Und genau an diesen beiden Gattungen hängt ihr Herz. / ANNE FROMM, SZ 24.8.

052. American Life in Poetry: Column 231

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

This column originates on the campus of the University of Nebraska-Lincoln, and at the beginning of each semester, we see parents helping their children move into their dorm rooms and apartments and looking a little shaken by the process. This wonderful poem by Sue Ellen Thompson of Maryland captures not only a moment like that, but a mother’s feelings as well.

Helping My Daughter Move into Her First Apartment


This is all I am to her now:
a pair of legs in running shoes,
two arms strung with braided wire.
She heaves a carton sagging with CDs
at me and I accept it gladly, lifting
with my legs, not bending over,
raising each foot high enough
to clear the step. Fortunate to be
of any use to her at all,
I wrestle, stooped and single-handed,
with her mattress in the stairwell,
saying nothing as it pins me,
sweating, to the wall. Vacuum cleaner,
spiny cactus, five-pound sacks
of rice and lentils slumped
against my heart: up one flight
of stairs and then another,
down again with nothing in my arms

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2006 by Sue Ellen Thompson, and reprinted from When She Named Fire, ed., Andrea Hollander Budy, Autumn House Press, 2009, and reprinted by permission of the poet and publisher.  First printed in The Golden Hour, Sue Ellen Thompson, Autumn House Press, 2006. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

051. NEUES VOM JETZT (1)

Man wird nur einmal 21

Gastgeber: Lettrétage
Freitag, 28. August 2009
20:00 – 22:00
Lettrétage
Methfesselstr. 23
Telefon: 6924538
E-Mail: info@letttretage.de

Freitag, 28. August 2009, 20 Uhr, Eintritt: 5,- Euro

NEUES VOM JETZT (I)
Eine Versuchsanordnung junger deutschsprachiger Gegenwartslyrik an fünf Abenden

Teil 1: Nora Gomringer und Claudia Gabler

Gastgeber: Ron Winkler und Jan Wagner

Im Jahr 2008 sind zwei Anthologien erschienen, die man zu Recht als Bestandsaufnahmen aktueller deutscher Lyrik der jüngeren Generation bezeichnen kann: Lyrik von JETZT zwei, herausgegeben von Björn Kuhligk und Jan Wagner (Berlin Verlag, 2008), sowie Neubuch, herausgegeben von Ron Winkler (yedermann Verlag, 2008). Die Autorinnen- und Autoren-Auswahl der beiden Bücher überschneidet sich, jedes setzt jedoch auch eigene markante Akzente.

Vor diesem Hintergrund ist in der Lettrétage die Idee einer kompakten Gesamtschau der aktuellen deutschsprachigen Lyrik jüngerer Autorinnen und Autoren an fünf Abenden entstanden, einer einmaligen Inventur, die sich aus den Quellen der genannten Anthologien speist, wobei Seitenarme, Gegenströmungen, Stromschnellen und Untiefen billigend in Kauf genommen werden. Jeweils zwei der genannten Anthologie-Herausgeber laden pro Abend zwei Lyriker/innen ein, um Neuestes aus ihrer Feder zu hören sowie um mit ihnen über Lyrik zu sprechen, poetologische Positionen zu diskutieren und auf jeweils einen besonderen Aspekt zu sprechen zu kommen.

Claudia Gabler, geboren 1970 in Lörrach, Studium der Publizistik und Theaterwissenschaft in Berlin; schreibt Hörspiele, Stücke und Lyrik. Zuletzt: Die kleinen Raubtiere unter ihrem Pelz, Gedichte, Rimbaud Verlag 2008; und An die Bewohner der Strandboxen, Hörspiel, SWR 2009.

Nora-Eugenie Gomringer, Jahrgang 1980, ist Schweizerin und Deutsche, Rezitatorin und Autorin. Sie lebt in Bamberg, hat vier Lyrikbände veröffentlicht (zuletzt Klimaforschung bei Voland & Quist) und wurde als Gast des Goethe Instituts nach Russland, Kanada, China und in die USA eingeladen. Derzeit ist sie Stipendiatin des Literarischen Colloquium Berlin, unterstützt durch Pro Helvetia.

Ron Winkler, geboren 1973 in Jena, lebt in Berlin, studierte Germanistik und Geschichte. Als Lyriker veröffentlichte er bislang drei selbstständige Gedichtbände, zuletzt Fragmentierte Gewässer im Berlin Verlag. Außerdem gibt es zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Als Lyrik-Übersetzer widmet er sich vorallem der neuen amerikanischen Lyrik. Zahlreiche Herausgaben, u.a. der Zeitschrift intendenzen sowie der Anthologien Schwerkraft. Junge amerikanische Lyrik und NEUBUCH.

Jan Wagner, geboren 1971 in Hamburg, Gedichtbände Probebohrung im Himmel (2001), Guerickes Sperling (2004), Achtzehn Pasteten (2007), Übersetzungen (u.a. Matthew Sweeney, James Tate), viele Preise, Stipendien und Auszeichnungen, u.a. Arbeitsstipendien des Berliner Senats und der Stiftung Preußische Seehandlung, zuletzt Max Kade Writer-in-Residence am Department of German Language and Literatures in Oberlin, Ohio (USA).

050. Die Affäre

Gleich zweimal hatte Claire Goll in den fünfziger Jahren üble Hetzkampagnen gegen Paul Celan initiiert, mit dem Ziel, ihn als Plagiator ihres Mannes Yvan Goll und als „Altmetaphernhändler“ zu denunzieren. Jürgen P. Wallmann – damals noch Student der evangelischen Theologie – hatte sehr früh Partei für Celan ergriffen und ihn in zahlreichen Artikeln gegen die haltlosen Plagiats-Vorwürfe verteidigt. Seltsam ist, dass Wallmanns Rolle in der einschlägigen Dokumentation zum Thema, Barbara Wiedemanns Textsammlung zur Goll-Affäre, sehr negativ bewertet wird. Mit der Veröffentlichung und Kommentierung der an ihn gerichteten Briefe Celans in Heft 55 von „Am Erker“ kann Wallmann diese Verdächtigungen schlüssig widerlegen. /Michael Braun, Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese August 2008, online bei Poetenladen

Am Erker 55
Daedalus Verlag, Oderstraße 25, 48145 Münster
216 Seiten, 9,- Euro.

049. Die Desillusionierung

In der Kunst der Desillusionierung sind auch die internationalen Lyriker geübt, die uns Urs Engeler in Heft 28 von „Zwischen den Zeilen“, der nach wie vor besten Lyrik-Zeitschrift im deutschsprachigen Raum, vorstellt. Da ist der Belgier Paul Bogaert, der in seinem Gedichtzyklus „Zirkuläre Systeme“ ganz kalte Inspektionen unserer Lebenswelt vorlegt. Es sind anthro­pologische Befunde in Gedichtform, in denen fast nie ein „Ich“, statt dessen ein unpersönliches „Man“ im Zentrum steht und die das Leben als Folge unauflösbarer Zwangszusammenhänge schildern. „Man stöhnt, pausiert und stöhnt / im Kausalzusammenhang“, heißt es programmatisch an einer Stelle und kurz darauf taucht ein grusliges Ebenbild des Menschen auf: „der Angsthase im Riesenrad“. /Michael Braun, Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese August 2008, online bei Poetenladen

Zwischen den Zeilen, Heft 28 (2008)
Urs Engeler Editor, Dorfstraße 33, CH-4019 Basel
156 Seiten, 10,- Euro
Heft 28 online | Zwischen den Zeilen

048. Die Platten

„Die Platten“, so hat es Klaus Theweleit einmal gesagt, „haben etwas aufgezeichnet, während sie liefen; sie haben nicht nur etwas abgespielt.“ Sie haben, so wäre zu ergänzen, das Herz der Hörer zu einem Tonraum gemacht.

Die Erforschung dieses Tonraums und der existenziell unauslöschlichen „Klangspuren“ hat sich nun die aktuelle Ausgabe, die Nummer 230 der Literaturzeitschrift „die horen“ vorgenommen. Dabei wird ein gewaltiges musikalisches Archiv persönlicher Offenbarungserlebnisse geöffnet. Über 30 Autoren – der älteste davon der mittlerweile 77jährige Manfred Peter Hein, die jüngste die 1981 geborene Marlen Pelny – haben hier ihre musikalische Initiationsszene aufgeschrieben. Und das Spektrum dieser Tiefbohrungen in der eigenen Biografie reicht von Lale Andersens unsterblicher Schnulze „Lili Marleen“ bis zur exzentrischen Soul-Sängerin Amy Winehouse. Dabei sind auch mehr oder weniger gelungene Übersetzungen und Nachdichtungen der meist englischen Stücke entstanden – nicht selten begleitet von der Klage, diese Pop-Evergreens seien unübersetzbar.

Manfred Peter Hein rekonstruiert die Erfolgsgeschichte von „Lili Marleen“, ein Song, der 1913 von dem unbekannten Dichter Hans Leip am Vorabend des Ersten Weltkriegs geschrieben worden war, aber erst im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zu ungeheurer Popularität gelangte. Das Lied vom Soldaten, der sich von seiner Liebsten unter der Laterne losreißen muss, um in die Kaserne zurückzukehren und dem Arrest zu entgehen, war – in der englischen Version – bei britischen und amerikanischen Soldaten genauso beliebt wie die deutsche Originalfassung bei Angehörigen der Wehrmacht. /Michael Braun, Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese August 2008, online bei Poetenladen

die horen, Nr. 230
Johann P. Tammen, Wurster Str. 380, 27580 Bremerhaven
240 Seiten, 14,- Euro

047. Falkner liest aus neuen Büchern

Gerhard Falkner liest auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin (ILB) nicht nur aus seinem neuen Roman, Arbeitstitel „Auf Liebe und Tod“, er wird auf dem von Silke Behl moderierten Lyrikabend auch erstmals Ausschnitte aus seinem in Arbeit befindlichen Gedichtband:

The lingistic turn. Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs

lesen.

046. Stil

Der Stil eines Ganzen verdichtet sich im stilistisch perfekten Abgang. Wo Mozart mit einem knappen Akkord schliesst, können die Romantiker nicht aufhören aufzuhören. Der Klassiker will die klare Kontur, der Romantiker das süchtige Verklingen. / Peter von Matt, NZZ 22.8.

045. Chessex über Loetscher

Ich habe erlebt, wie Hugo in einer mittelalterlichen Taverne von Cuenca die sakrosankte Siesta opferte, um mit Kunstverstand ein ganzes Spanferkel zu verzehren. Ich habe ihn, den Skeptiker, zur Messe begleitet in eine Kathedrale, die aus einer Moschee der arabischen Conquista entstanden war. Ich habe ihn bei mir zu Hause, in Ropraz, unverzüglich jenen Fuchsschädel ausfindig machen sehen, der eines meiner Gedichte inspirierte. Verschwunden, Hugo? Ich denke an Paul Eluards Worte: «Der Tod eines Dichters ist nicht der Sieg der Dunkelheit.»

Der Westschweizer Schriftsteller Jacques Chessex, NZZ 22.8.

044. „Hamgeburg“

Guten Tag, ik will mir vorstellen, kurz und sozusagen als malende „Fischboulette“, um auch Humor zu zeigen. Rainer Wieczorek aus Berlin, Jahrgang 56. Künstler-Soziologe-DADAsoph, als genauere Berufsbezeichnung.

Künstler, weil mein Werk mehr beinhaltet als Malerei und Zeichnung. Künstler auch, da ich weiter tragen und bauen werde mit den Impulsen des Joseph Beuys.

Soziologe, da ich gesellschaftsgestaltend arbeite. Bisher vorbereitend indem hierzulande unterschätzten bis verachteten Spielfeld der Utopie.

DADAsoph, um jenseits aller Konventionen ungestört von So-ist-es-Diktatoren aus den Weiten des Gehirns und den möglichen Unendlichkeiten der Natur Menschliches zu erbringen, das Wir der Kunst zu
erweitern.

Am St. Anscharplatz 9 wurde eine Geburt rot begossen. Hier im Souterrainerwächst die Produzentengalerie Rainer Wieczorek 2, eine Dependance auf drei Jahre. Kein hübsch inszeniertes Ambiente erwartet Sie hier, sondern eher etwas Kleines und Dreckiges. Aus dieser Melange erkratze und betanze ich das Material, zur Schönheit bringend meine Bilder. Auch Aggression, Erotik, sich erfindende Formen, Möglichkeiten. Unsere Welt neu erfinden.

Rainer Wieczorek und der lokale Kümmerer Mario Menzerolf
Produzentengalerie Rainer Wieczorek 2
St. Anscharplatz 9, 20354 Hamburg, 040 357 13 285, 0174 315 8 515

Dagmar Taubert und Rainer Wieczorek laden ein zur Vernissage am Freitag, dem 4.9.2009 von 15°° bis 20°° Uhr. Wir begrüßen Sie im Bio Dito mit einem Glas Prosecco und gegen 19°° Uhr wird es eine kleine Zeichenaktion geben.

Kunstnahrung, Malerei und Zeichnung; 5.9.09 bis 15. 11.09
Mo-Fr 7°° bis 20°° Sa/So 9°°-18°° Uhr
Bio Dito, Paul-Dessau-Straße 1 (Otto von Bahrenpark), 22761 Hamburg,
0173   2079 839

www.punapau.de
www.rainerWieczorek.de

Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph)

POSTANSCHRIFT: „Produzentengalerie Rainer Wieczorek“ Reuterstr. 85 in 12053 Berlin, 030  61 3456 2
( oder die Zeichenstube )

Evolutionsbüro zur Zeit in der Greifswalderstr. 20
mit „Streikposten 2“ und der „KUNSTdemokratie“

043. Verstörte Idylle

Lutz Rathenow hat sich früh in einen zuweilen grimmigen Humor geflüchtet, um die Absurdität der ihn umgebenden Realität ertragen zu können. »Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet« oder »Zärtlich kreist die Faust« hießen seine frühen Gedichtbände. Vielen galt er daher als »satirischer Dichter«, als »Humorist«. Ich habe ihn nie dafür gehalten. Die verstörte Idylle ist Rathenows frühe Grundstimmung. Er betrachtet die Welt unter diesem Aspekt: Wie ist sie eigentlich angelegt, im großen Bild der Schöpfung, und was machen wir Menschen aus ihr. …

Und als ein Mann, der sich sein ganzes Leben mit Literatur beschäftigte, weiß er: »Worte überdauern die Dinge«. Daher keine müßige Betrübnis über das Vergehen des Stofflichen, das sich ohnehin, wie er beobachtet, nur vorübergehend verflüchtigt, in Wahrheit in ständigem Kreislauf befindet. Die Verstörungen haben ihn sensibilisiert für die Gezeiten unseres Daseins, den Wechsel unserer Zustände. Auch dort, wo Schaden entstand, findet, wer lange nachdenkt, einen produktiven Weg: »Die Lücken im Leben mit Hoffnung füllen«. / Chaim Noll, ND 22.8.

Lutz Rathenow: Gelächter sortiert. Gedichte. Landpresse Weilerswist 112 S. geb., 20 €.

Der Schriftsteller Chaim Noll, geboren 1954, lebt in Beer Sheva, Israel.

042. Rußlands Muslime

Wird es Moskau gelingen, die muslimischen Minderheiten zu integrieren, oder wird es in absehbarer Zukunft zur Islamisierung Russlands kommen? Unter der sowjetischen Herrschaft schien es zeitweise so, als ob die Probleme der nationalen Minderheiten irgendwie gelöst seien, doch das war eine Illusion.

Wie tief ist die gegenseitige Abneigung? Misstrauen gegenüber den Muslimen gibt es schon seit langer Zeit. Zu dem Duell, in dem der russische Dichter Michail Lermontow tödlich verwundet wurde, kam es, weil er einen Offizier seines Regiments „goretz“, also einen kaukasischen Rebellen genannt hatte. In seinem berühmten Wiegenlied erwähnt Lermontow zudem den heimtükkischen Tscheschenzen, der mit seinem Dolch bewaffnet in der Gegend herumschleicht. Aber solche Beispiele waren Ausnahmen.

Nachdem die Waffenruhe eingekehrt war, wurden die kaukasische Aristokratie in Russland als gleichwertig behandelt. Als Alexander Gribojedow, der größte russische Dramatiker seiner Zeit und auch Diplomat, einige Jahre vor dem Duell Lermontows von einer fanatischen Masse in Teheran erschlagen wurde, kam es keineswegs zu anti-islamischen Ausschreitungen in Moskau. Man trauerte um ihn, aber betrachtete den Mord als ein gewöhnliches Risiko, das Diplomaten in weniger zivilisierten Ländern eben eingehen mussten. / Walter Laqueur, Die Welt 23.8.

Ein weiteres Detail aus seinem Artikel:

Wahabiten im Sinne des Kremls haben wenig mit der saudischen Sekte zu tun. Moskau versteht unter Wahabiten schlicht Rebellen. In Wahrheit handelt es sich um junge Muslime, die für ein paar Jahre in die arabischen Länder gingen und dort ihre theologische und militärische Ausbildung erhielten.

(Naja dann…)

041. Josef Burg gestorben

Der Autor Josef Burg ist heute, Montag [9.8.], im Alter von 97 Jahren gestorben. Burg galt als letzter jiddischer Schriftsteller in Czernowitz (Ukraine) und hat seine Erzählungen auf Deutsch und auf Jiddisch verfasst, teilte die Theodor Kramer Gesellschaft in einer Aussendung mit. Burg, der 1997 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet wurde, veröffentlichte zuletzt „Ein Stück trockenes Brot“ (2008).

Josef Burg, geboren am 30.5.1912 in Wischnitz in der Bukowina, veröffentlichte 1934 seine erste Erzählung in den „tschernowizer bleter“, die 1938 zwangseingestellt wurden und von Burg ab 1990 als jiddische Monatszeitschrift wieder herausgegeben werden. / Die Presse 10.8.

In der Sowjetunion, in der es mit Birobidschan im russischen Osten gar eine autonome Provinz gab, in der das Jiddische Amtssprache war und eine jiddische Tageszeitung erschien, existierte bis in die 1990er-Jahre auch Sovietisch Heimland, eine jiddischsprachige literarische Monatszeitschrift, in der neben vielen anderen Autoren auch Josef Burg publizierte. So kann man ihn in drei Kontexten lesen: als Czernowitzer Autor und damit als im weitesten Sinne der Habsburger jüdischen Tradition entstammend; als Wiener Autor der Zwischenkriegszeit, einer Stadt, aus der er nach der Machtübernahme exiliert wurde – weshalb er auch im Lexikon der österreichischen Exilliteratur verzeichnet ist; aber auch als Teil der noch lebendigen jiddischen Literaturtradition der Sowjetunion bzw. ihrer Nachfolgestaaten. / Der Standard 3.2. 2007

040. Zwei Altmeister

Die „Presse“ ist schwer beeindruckt:

Diese jüngsten Gedichte des Altmeisters bundesrepublikanischer Intellektualität haben es – wieder einmal – in sich. Von Hans Magnus Enzensberger ist man nichts anderes gewöhnt; und man kann ihm dafür nur dankbar sein, für (beinahe) jedes Wort und jeden Gedankenstrich. …

Enzensberger hat noch immer ein diebisches Vergnügen an bizarren Reihungen („Der Konzertflügel, die Kirsche, das Meer, / der Smaragd natürlich und das gezogene Messer. / Wenn es geregnet hat, das Kopfsteinpflaster, / die Zungenspitze und das gepellte Ei.“) und an der Subversion bestimmter Leitbilder („Schade! Von den vier Elementen / wollen sie nichts mehr wissen, / unsere Spitzenforscher“, das Gedicht heißt natürlich „Vorsokratisch“!). Qualitativ grenzwertig sind nur wenige Verse (etwa „Wo
aber das Herz flimmert, / wächst das Rettende auch“ – das Hölderlinsche Original ist einem denn doch lieber); aber das Gelungene überwiegt bei Weitem, etwa die Prosagedichte, deren Höhepunkt lautet: „Fünf Sinne sind nicht genug, um ein ganzes Jahr zu begreifen.“

Außerdem geht es in dieser Besprechung von Rüdiger Görner um John Updike:

Mit Enzensberger verbindet Updike die Neigung zum Thesenhaften (etwa im Gedicht „Beim Bäumepflanzen“, das pointiert so beginnt: „Unsere letzte Berührung mit dem Mythischen“), mit dem Aussprechen von Wahrheiten in Halbsätzen. Wie bei Enzensberger werden auch bei Updike gewisse, durch den Titel geweckte Erwartungen bewusst enttäuscht; so lautet das dritte der „Erotischen Epigramme“ ernüchternd: „In der Hoffnung, sich einen Spiegel zu formen, / poliert der Liebende so lange das Antlitz der Geliebten, / bis er einen Totenschädel vor sich hat.“

039. Kalliope

Kalliope heißt eine „Zeitschrift für Literatur und Kunst“, die den klassischen Namen sogleich mit einem Klassikerzitat pariert (Schiller). Merkwürdigerweise (das hat jetzt nichts mit der Zeitschrift zu tun) erinnert Schiller irgendwie an Ulbricht. Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben, hatte der bei der Rückkehr nach Deutschland 1945 gesagt. Schiller an seinen Freund Körner: „Das schöne Produkt darf und muß sogar regelmäßig sein, aber es muß regelfrei erscheinen.“
Diese Kalliope erscheint seit 2008 und

[…] führt alte und junge Künste mit der Besinnung auf Kalliope, die Älteste der als Musen bekannten Töchter von Mnemosyne und Zeus, zusammen und etabliert ein Forum für junge Autoren und Künstler. Diesem ist keine thematische Einschränkung gesetzt, so dass hier verschiedene Topoi und Kunstformen der Literatur, darstellenden Kunst und – soweit in diesem Rahmen möglich – der Musik, sowie wissenschaftliche Betrachtungen und Rezensionen aufeinander treffen. Entgegen der zunehmenden Separierung und Spezialisierung der vielseitigen, von je einer der Musen verkörperten Künste möchten wir gerade die innere Verwandtschaft derselben mit Bezug auf Kalliope hervorheben. Als die Muse der epischen Dichtung, gezeugt von einer Idee, trägt sie gleichsam wie unter Geschwistern in ihrer Identität die Differenzen in sich. […]

[Aus dem Editorial von Heft I/08]

Im Heft 1 des zweiten Jahrgangs ist an Lyrik enthalten:

Nadja Küchenmeister: edenkoben. nachtgestalten. mit jedem schritt / Daniel Ketteler: Sils. Speed City – Kuudes linja. Warteschleife. Donna 86 / Petja Dubarowa: Ertrunkene Sterne. Verschmelzung. Ein Traum berührt mich. Frühling. Hinter dem Schatten. (Aus dem Bulgarischen von Claudia Weise) / Francesco Marotta: occhi presi a prestito .. geliehene Augen. neve amara di un verso .. Bitterschnee eines Verses. l’inganno delle labbra .. Betrug der Lippen. (Aus dem Italienischen von Stefanie Golisch) / Grahame Davies: Adref .. Homecoming. Gwaith adeiladu .. Builging work. Margin. (Mit Übersetzungen ins Englische von Grahame Davies) / Jan-Benedikt Kersting: Kaufhausmatrix. Universalpoesie. / Uwe Tellkamp: was sinnt und singt vom sanden Schlaf.