048. Die Platten

„Die Platten“, so hat es Klaus Theweleit einmal gesagt, „haben etwas aufgezeichnet, während sie liefen; sie haben nicht nur etwas abgespielt.“ Sie haben, so wäre zu ergänzen, das Herz der Hörer zu einem Tonraum gemacht.

Die Erforschung dieses Tonraums und der existenziell unauslöschlichen „Klangspuren“ hat sich nun die aktuelle Ausgabe, die Nummer 230 der Literaturzeitschrift „die horen“ vorgenommen. Dabei wird ein gewaltiges musikalisches Archiv persönlicher Offenbarungserlebnisse geöffnet. Über 30 Autoren – der älteste davon der mittlerweile 77jährige Manfred Peter Hein, die jüngste die 1981 geborene Marlen Pelny – haben hier ihre musikalische Initiationsszene aufgeschrieben. Und das Spektrum dieser Tiefbohrungen in der eigenen Biografie reicht von Lale Andersens unsterblicher Schnulze „Lili Marleen“ bis zur exzentrischen Soul-Sängerin Amy Winehouse. Dabei sind auch mehr oder weniger gelungene Übersetzungen und Nachdichtungen der meist englischen Stücke entstanden – nicht selten begleitet von der Klage, diese Pop-Evergreens seien unübersetzbar.

Manfred Peter Hein rekonstruiert die Erfolgsgeschichte von „Lili Marleen“, ein Song, der 1913 von dem unbekannten Dichter Hans Leip am Vorabend des Ersten Weltkriegs geschrieben worden war, aber erst im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zu ungeheurer Popularität gelangte. Das Lied vom Soldaten, der sich von seiner Liebsten unter der Laterne losreißen muss, um in die Kaserne zurückzukehren und dem Arrest zu entgehen, war – in der englischen Version – bei britischen und amerikanischen Soldaten genauso beliebt wie die deutsche Originalfassung bei Angehörigen der Wehrmacht. /Michael Braun, Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese August 2008, online bei Poetenladen

die horen, Nr. 230
Johann P. Tammen, Wurster Str. 380, 27580 Bremerhaven
240 Seiten, 14,- Euro

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