Der Hype um den angesagten Szene-Bezirk Mitte, verpackt in ein Gedicht mit dem Titel „Mitteboy“: „Nichts wie hin, Mitteboy/ist doch der Kick!/Wie Glitterati ihren Spieltrieb inszenieren-/ komm reservieren wir der Mimik/einen Tisch im VIPrevier./Die goldene Regel laute:/ Trau keiner Hysterie,/die sich nicht selbst kopiert.“ Nur eine der vielen, alltäglichen Beobachtungen, die Boris Preckwitz literarisch verarbeitet.
Der in Berlin lebende Autor will in seinem neuen Poetry-Band „szene leben“ die Gesellschaft als Ganzes widerspiegeln. Neokommunisten, Broker, Models oder geneppte Städtereisende: Sie alle werden unter die Lupe genommen. Die Ästhetik der Texte basiert auf der Kombination von Sprache und Form. Die Gedichte funktionieren auf diese Weise „on page and on stage“, also sowohl in schriftlicher als auch in vorgetragener Form. So lautet auch der Untertitel von „szene leben“ „poems und performance“. Mitte der 1990er ist Boris Preckwitz als Student in London auf die dortige Poetry-Slam-Szene aufmerksam geworden, jener aus den USA stammenden Form des öffentlichen Lesewettbewerbs, bei dem Autoren mit eigenen Texten um die Gunst des gesamten Publikums oder einer ausgewählten Jury konkurrieren. Nach seiner Rückkehr veranstaltete und moderierte Preckwitz Poetry Slams in Hamburg und gilt somit als Wegbereiter der deutschen Poetry-Slam-Szene.
Identisch laufen deutsche und amerikanische Poetry Slams nicht ab: Hierzulande werden die Vorträge zumeist vom gesamten Publikum per Applaus bewertet, während in den USA eine kleine Jury aus den Zuschauern gewählt wird. Bei amerikanischen Slams gibt es oft einen festen Programmablauf, in Deutschland steht der reine Wettkampf im Mittelpunkt. In den deutschen Slam-Zentren, zu denen auch Berlin zählt, haben sich zudem unterschiedliche Stile und Lokalkolorite etabliert. Mittlerweile finden allein im deutschsprachigen Raum 70 regelmäßige Slams statt, die Fangemeinde ist groß. Jeder kann dabei jeden kommentieren: Der Abschied vom Autor als autonomen Kunstschaffenden, manifestiert in Live-Literatur. / Maria Selchow, Berliner Morgenpost 20.11.
Vor den ersten Sachen die letzten Dinge
Wie Carlfriedrich Claus und Valeri Scherstjanoi sich nicht als bildende Künstler verstanden, fühlen sich auch die Bildarbeiten von Ronald Lippok und Bert Papenfuß, wie sorgsam sie auch ausgeführt sein mögen, nicht unmittelbar wohl in Galerieräumen.
Dokumente einer Gegenkultur, die dem Punk entstammend langsam in die Hochkultur eingesickert ist, möchte man sagen und stockt schon, denn die Arbeiten wollen weder Dokumente in einem historischen Sinne sein, noch erschöpfen sie sich in irgend einem Dagegen. Ästhetische Diskurse sind den Künstlern wohl nur einfach Wurscht. Auch wenn (bzw. gerade weil?) sie diese kennen: Lippok hat in Weißensee Kunst studiert, Bert Papenfuß wird sicher nicht zu unrecht von den Vertretern einer avancierten Experimentalpoesie rezipiert.
Machen, was was wir gut finden, ohne Rücksichten auf irgendwelche Erwartungen lautete die renitente Devise zu Ostzeiten und da knüpfte man an. So hat sich ein erstaunliches Oeuvre angesammelt, welches hier erstmals in einem repräsentativen Querschnitt zu sehen ist. Sieht man den frühesten Arbeiten (Kassettencovern Samisdatzeitschriften usw.) auch die produktionstechnischen Limits der DDR Zeit an, lässt sich doch eine gerade Linie zu den neuen Arbeiten ziehen. Und es zeigt sich: Punk und intellektueller Anspielungsreichtum ist nur für Verächter ein Widerspruch und dem Ästheten sei versichert: auch in realistischem Stil kann man Wahrnehmungsgewohnheiten hinterfragen – wenn man kann.
Zu sehen noch bis 23.11. in der Werkstatt für Kunstprojekte, Karl Heine Straße 46-48
Mit einem Konzert zum 100. Geburtstag des Komponisten Jurij Winar (1909-1991) hat am Donnerstag in Bautzen das 31. Fest der sorbischen Poesie begonnen. Nach Angaben von Benedikt Dyrlich vom Sorbischen Künstlerbund stehen neben Winars Werken auch die des Dichters Jan Skala (1889-1945) im Mittelpunkt des diesjährigen Festes. Nachdem die 30. Auflage vor einem Jahr wegen ausbleibender Gelder auf der Kippe stand, hat der Künstlerbund in diesem Jahr mit einem kleineren Budget geplant. Dyrlich zufolge stehen 6.000 Euro aus öffentlichen Kassen und 3.000 Euro von der Sorbischen Stiftung zur Verfügung. Die Organisatoren haben nach eigenen Angaben überwiegend ehrenamtlich gearbeitet. …
Höhepunkt sei die Premiere einer neuen Anthologie sorbischer Poesie in slowakischer Sprache, sagte Dyrlich. Diese enthalte rund 100 Texte sorbischer Autoren und sei mit Unterstützung des Künstlerbundes erschienen. / MDR
textenet ist in der heißen Phase. jetzt ist die textenet.galerie freigeschaltet – viel Material bislang zu den Komplexen
Das Leipziger Literaturfestival im Herbst 2009
Wer an Literatur denkt, stellt sich zunächst und vor allem bewegende Bücher darunter vor, die von den großen Themen der Menschheit handeln: Liebe, Erfolg, Schicksal etc. Wenn uns aber in den Netzen unserer Orientierung ständig Text, ständig Sprache begegnet (man denke etwa an Werbung, Bedienungsanleitungen, Hinweistafeln, Gesetzbücher, aber auch an das persönliche Gespräch) kann eine Literatur, die sich als künstlerischer Umgang mit den sprachlichen Artefakten unserer Wirklichkeit versteht, mehr sein als ein zwischen Buchdeckeln eingesperrter Ausschnitt menschlicher Erfahrung. Längst hat die Literatur sich andere Wirkungsfelder und Medien erobert.
Das 1. Festival textenet.de gibt dieser Bewegung Ausdruck.
Im Oktober und November jähren sich jedoch auch die Ereignisse der friedlichen Revolution zum zwanzigsten Mal. Ein noch immer zu selten gewürdigter Aspekt der widerständigen Literatur jener Zeit ist der selbstbewusste Umgang mit der Tatsache, dass diesen Texten aus politischen Gründen der Eingang ins Buch verwehrt wurde.
Texte suchten sich in Bild und Ton neue Podien. Auf oft überraschende Weise gingen diese literarischen Strömungen Verbindungen mit Musik und Bildender Kunst ein und spielten damit eine Vorreiterrolle auf dem Weg ins Medienzeitalter.
Ausstellungen zu Valeri Scherstjanoi’s Scribentismus mit Arbeiten seines Vorbildes Carlfriedrich Claus oder neue musikalische Bearbeitungen des Werks von Bert Papenfuß erinnern daran und zeichnen diese Traditionslinien in die Gegenwart weiter. Eine Reihe von Studenten und Absolventen des deutschen Literaturinstituts fragt nach den Möglichkeiten der Literatur, Sachtexte in szenischen Lesungen künstlerisch aufzubereiten.
Im Grenzfeld zwischen Fiktion und Wirklichkeit operieren auch die Veranstaltungen mit Radjo Monk, Rainer Tetzner und Friedrich Schorlemmer. Diese Veranstaltungen widmen sich den Konflikten des Herbst ’89.
Die Rückschau auf den Zusammenbruch des sozialistischen Systems fordert aber auch die Frage nach der Gegenwart und ihren Krisen heraus. Wer könnte dafür besser einstehen als Gerhard Zwerenz und Günther Wallraff, zwei Autoren, die seit Jahrzehnten die gesellschaftlichen Prozesse in der Bundesrepublik Deutschland kritisch begleiten?
Dass in dieser Vielfalt der Stimmen und Ansätze aber auch die Traditionen der Literatur ein gewichtiges Wort mitzureden haben, dafür ist die Nacht der Autoren ein Beispiel, die in diesem Jahr das Sonett als ewig alte ewig junge Gattung in den Vordergrund stellt.
Ein Internet-Literaturwettbewerb ( vom 19. – 25.11.) in dessen Rahmen auch zwei kleine Literaturpreise (einer für den Raum Leipzig und ein überregionaler) vergeben werden, begleitet das Festival.
Ihre zweite Lesung während ihrer Zeit als Poetikdozentin in Wiesbaden musste verschoben werden, und so kam Ulrike Draesner erst jetzt ins Literaturhaus Villa Clementine, um mit der Sängerin Franziska Welti einige ihrer Gedichte zu präsentieren. „In einer Hand, die zittert, hältst du dich selbst“ ist ihr Abend mit Stimmen, Gedichten und Improvisationen überschrieben. Vor wenigen Zuhörern trugen die beiden Texte aus 15 Jahren vor, aber keineswegs chronologisch, sondern nach Klang und Gutdünken ausgewählt. Den Auftakt macht „bahn übern bogen“ über den Savignyplatz in Berlin aus dem Jahr 1995.
Bevor Draesner das Gedicht ganz klassisch vorträgt, teilt sie sich mit Welti dessen Vokale und Konsonanten: Draesner formt a, e, i, o und u, während Welti Konsonantenhaufen ins Mikrofon pfeift und säuselt. Sprachmusik, bei der Sprache und Musik gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Doch das ist nur eine der Arten, wie die beiden mit Gedichten umgehen. Immer wieder finden sie neue Formen der Lautmalerei, mal singt und spielt Welti zu den Gedichten mit Tonleitern, dann wieder zerlegt sie einzelne Sätze und Worte und treibt sie in die Höhe. Besonders gut gelingt das Zusammenspiel an diesem Abend bei Draesners Gedichtzyklus über Bert Brecht und Ruth Berlau, die Welti mit einem Trauergesang untermalt, der den Schmerz des Exils verklanglicht. / Shirin Sojitrawalla, Main-Spitze
Immer nur das Herz, in der Lyrik, klagt ein Anonymus im „Kreis-Anzeiger“ (die Homepage bietet zur Auswahl: Wetteraukreis, Vogelsbergkreis).
Doch wie ist es um die anderen Organe bestellt? Wer schrieb jemals eine Hymne auf Leber, Nieren, Nase und Ohren? Wann ist jemals etwas für Magen und Darm gedichtet worden? Und die Geschlechtsorgane, deren Gebrauch uns so große Freude bereiten, wo findet sich ihre entsprechende Bedeutung in der Lyrik? Die Augen, die uns diese Welt in ihrer ganzen Farbpracht erleben lassen, müssen sich ständig die Schmähung des französischen Dichters Antoine de Saint-Exupéry gefallen lassen, der behauptete: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Womit wir wieder beim Herzen wären.
Der Frau oder dem Mann kann geholfen werden. Freilich dominiert die Herzschmerzlyrik unseren Kanon. Beschweren Sie sich bei Anthologisten, Lehrplanmachern und anderen Kanonisten. Denn es gibt alles – man muß es nur suchen. Selbst an vielleicht unvermuteter Stelle. Bei Paul Celan treffen sich zwei der von Anonymus/Anonyma vermißten Teile:
Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis…
(Corona)
Es gibt Walt Whitman, der den perfekten elektrischen Körper von Männern und Frauen besingt. Alle dem Auge sichtbaren, der Hand tastbaren Körperteile besingt, und am Schluß sagt:
O ich sage, das sind nicht die Teile des Körpers und Gedichte des Körpers allein, sondern der Seele,
o ich sage jetzt, diese sind die Seele.
Es gibt den Chilenen Pablo Neruda, der in seinen „Elementaren Oden“ die Seeaalsuppe ebenso besingt wie: blaue Blume, Artischocke, Walt Whitman, Atom oder die nackte Schöne. Man kann bei den Tschechen nachlesen, zum Beispiel František Halas, der schreibt ein Herbstgedicht, das alles „Herbstliche“ an „ihr“ aufzählt: Ihr Kleid war herbstlich, und so weiter über Haar, Auge, Mund, Brust, Träumen, Nabel, Schoß, Lächeln… Und eine Hymne auf die alten Frauen, die nacheinander Augen, Hände, Haar, Schöße der alten Frauen besingt, jeweils in mehreren bildreichen Strophen, eine Hymne!
Man kann bei der amerikanischen Beats suchen, oder bei den alten Franzosen. Die erfanden im 16. Jahrhundert eine eigene Gedichtgattung: Blasons, Gedichte, die summarisch und detailliert Eigenschaften bestimmter Gegenstände aufzählen. Alle Art Gegenstände, körperliche wie geistige, aufs Detail kommt es an. Nicht zuletzt der menschliche Körper. Lothar Klünner hat 1981 eine Sammlung von „Blasons auf den weiblichen Körper“ übersetzt und herausgegeben in dem wunderbaren Henssel Verlag (den es wohl auch nicht mehr gibt). Dort finden sich Gedichte von zehn Dichtern auf (Auswahl): Stirn, Ohr, Braue, Nase, Fingernagel, Brüstchen, Möschen, Popo… in jeweils langen detailreichen Gedichten.
(Zusatztip: Googlen Sie mal „Oden an die Hoden“)
Freitag, 20. November 2009 um 19:30 Uhr
Werkstatt für Kunstprojekte
Jens Paul Wollenberg und Uta Pilling – „Ein Bericht für eine Akademie“
Jens Paul Wollenberg liest „Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka, Musik: Uta Pilling
Freitag, 20. November 2009 um 20:00 Uhr
Galerie Koenitz:
Bild und Bildner – Texte zur bildenden Kunst
Texte zur Bildenden Kunst mit Interessierten aus Bildender Kunst und Literatur: u.a. Rosemarie Fret, Jutta Pillat und Ralph Grüneberger, Musik: Martin Höpfner
Freitag, 20. November 2009 um 21:00 Uhr
Galerie A und V:
Ronald M. Schernikau – Abend
Mit Tobias Amslinger und Hannes Becker
Samstag, 21. November 2009 um 16:00 Uhr
Werkstatt für Kunstprojekte:
Verlagspräsentation der Leipziger Belletristik-Verlage
Mit Verlag Faber & Faber, Plöttner Verlag – für den Verlag lesen: Reinhard Bernhof & Thomas Kunst, Poetenladen – für den Verlag lesen: Katharina Bendixen & Johanna Schwedes, Leipziger Literaturverlag – für den Verlag lesen: Viktor Kalinke & Carsten Zimmermann, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Passage Verlag, Mitteldeutscher Verlag – für den Verlag liest Jörg Jacob, PaperOne – für den Verlag treten auf: Volly Tanner & Wolfgang Flür (vom Schlagzeuger der Gruppe „Kraftwerk“ zum Schriftsteller), Zeitschrift EDIT, Carpe Plumbum, Poesiealbum neu, Buchverlag für die Frau – für den Verlag liest: Christel Foerster, edition vulcanus – für den Verlag lesen: Maren Uhlig & Elmar Schenkel, Edition TP, Ausgabe 1 – für den Verlag lesen Marcel Rabe & Thomas Jez
In der Weltwoche #47 eine Würdigung des grossen Dichters und Malers Joachim Ringelnatz zum 75. Todestag von Wiglaf Droste:
Als Vierzehnjähriger las ich erstmals eine Auswahl seiner Gedichte, war gleich hingerissen und lernte im Laufe der nächsten Jahre nicht wenige von ihnen auswendig – nicht für die Schule oder zu sonst einem Pflichtzweck, sondern ganz freiwillig und mit Freuden. Oh, war das schön, wie die Liebe sprach:
Ein männlicher Briefmark erlebte / Was Schönes, bevor er klebte. / Er war von einer Prinzessin beleckt. / Da war die Liebe in ihm erweckt.
Er wollte sie wiederküssen, / Da hat er verreisen müssen. / So liebte er sie vergebens. / Das ist die Tragik des Lebens!
Das war komisch, das war rührend, das hatte den Mut zur tragischen Grösse genauso wie zur Ironie. Und es war wirkungsvoll: Wenn man es als Junge einem Mädchen aufsagte, wurde man von ihr anders angesehen – weniger beeindruckt als vielmehr berührt. Ganz leicht waren die Worte und ihr Klang, aber keineswegs flüchtig. Das hallte nach; und Mädchen, die sich lieber von Mopedfahrerburschen mit ihren am Lenker befestigten Fuchsschwänzen eine Impression von Männlichkeit vorsimulieren liessen, konnten einem sowieso egal sein. Das stimmte leider nicht ganz, denn einige von ihnen waren äusserst reizvoll, aber die würden ja früher oder später merken, dass wahre Männlichkeit poetisch ist. Und wenn sie es doch nicht begriffen, war man eben Teil dieser aufregenden Tragik des Lebens, die Ringelnatz so kunstvoll besang.
Folgendes typisch britische Gedicht finde ich in einem Newsletter. Typisch britisch nicht wegen der darin angewandten Rassenstereotype, sondern wegen des britischen Humors (wiewohl ich weiß, daß auch Briten bierernst und bärbeißig-patriotisch sein können, davon ein andermal). Die „nordische Rasse“ reicht hier quasi bis ans Mittelmeer (zwischendurch die Ösis streifend) – also die Mittelmächte aus WWI.
Talking (and Singing) of the Nordic Man
I
Behold, my child, the Nordic man,
And be as like him, as you can;
His legs are long, his mind is slow,
His hair is lank and made of tow.
II
And here we have the Alpine Race:
Oh! What a broad and foolish face!
His skin is of a dirty yellow.
He is a most unpleasant fellow.
III
The most degraded of them all
Mediterranean we call.
His hair is crisp, and even curls,
And he is saucy with the girls.
Hilaire Belloc wurde 1870 bei Versailles von einem französischen Vater und einer englischen Mutter geboren – hauptsächlich sicher von letzterer. Vielleicht hat er deshalb seine Kindheit in England verbracht, wo er eingebürgert wurde und 1953 starb (zwischendurch redigierte er eine patriotische = antideutsche Zeitschrift und schrieb 100 Bücher).
Hier noch eine Strophe aus einem feinen Weihnachtslied, in dem das französische Wort für das Fest auf die englische „hell“ reimt, wenn man es nur oft genug, viermal reicht schon, wiederholt:
‚May all good fellows that here agree
Drink Audit Ale in heaven with me,
And may all my enemies go to hell!
Noel! Noel! Noel! Noel!
May all my enemies go to hell!
Noel! Noel!‘
Meine Anthologie: Be-sinnlich
Taoufik Ben Brik, tunesischer Journalist und Regimekritiker, der am Vorabend der Wiederwahl von Präsident Ben Ali vor vier Wochen unter dem Vorwurf aggressiven Verhaltens verhaftet wurde (er spricht von einer Polizeiprovokation), steht am 19.11. vor Gericht. Rue89 veröffentlicht ein im Gefängnis geschriebenes Gedicht. Hier die ersten zwei Strophen (Rohübersetzung aus dem Französischen):
Herr Richter,
hat der Beschuldigte Rederecht?
Wie denn, wenn Sie mich unterbrechen
ein Nein oder Ja verlangend…
Das Recht, sage ich Ihnen, Euer Ehren,
für uns anderen Araber,
die wir Liebhaber der Präliminarien sind
vor jeder Antwort!
Jetzt hören Sie mir zu…
Der Markt, der Hauptplatz, der Bauch der Stadt
sind angefüllt mit diesem Schrei:
Es gibt kein Recht in meinem Land;
das Recht ist von uns gegangen,
zurück in den Schoß des Herrn,
der macht daß nichts von Dauer ist,
sei es erhaben oder tyrannisch.
Am 10. Dezember wird Herta Müller in Stockholm mit dem Literaturnobelpreis 2009 ausgezeichnet. Wenige Tage nach ihrer Rückkehr wird sie im Haus der Berliner Festspiele von ihren Freunden, Weggefährten und Lesern mit einem abendfüllenden Programm – an dem sich die Preisträgerin auch selbst beteiligt – in einer öffentlichen Veranstaltung geehrt und gefeiert.
Ein Fest für Herta Müller
ausgerichtet von ihren Freunden
am Freitag, dem 18. Dezember 2009 um 20.00 Uhr im
Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, 10179 Berlin
Musik, Laudatio, Lesung und Performance mit Herta Müller, Michael Krüger, Joachim Sartorius, Ulrich Matthes, Aydar Gainullin, Andrei Plesu – und Überraschungsgästen
Eintritt 10,- € (erm. 6,- €). Karten unter: http://www.berlinerfestspiele.de. Info: (030) 25489-100
Veranstaltet von: Berliner Festspiele, internationales literaturfestival berlin, Literaturhaus Berlin, Literarisches Colloquium Berlin, Literaturwerkstatt Berlin, Literaturforum im Brechthaus, Stiftung Preußische Seehandlung, Robert Bosch Stiftung und Carl Hanser Verlag.
Peter Borjans-Heuser, Jahrgang 1948, „erlernte die Dichtkunst auf / großer Fahrt mit seinem Motorsegler quer / durch Europas Gewässer. Das Schiff war / löchrig wie ein Schweizer Käse. / Nur die Dichtkunst hielt ihn über Wasser. / So wurde er Dichter, sein Schiff leider nicht.“ So stellt sich der pensionierte Duisburger Schuldirektor selbst vor – kurz und knapp, und selbstironisch poetisch.
Um die Lyrik von der „Anklagebank“ zu holen, konzentriert er sich in seinem Plädoyer zunächst auf eine Sorte, die ihm selbst besonders sympathisch ist und auch beim weitläufigeren Publikum noch einen relativ guten Ruf genießt: das Gebrauchsgedicht. Die Lyrik also für den Hausgebrauch, den Lebensalltag. Gebrauchsgedichte sind der Kindervers und der Festtagsreim, der Schlagertext und der Gedenkspruch, die Lyrik in der Sprache der Reklame und von öffentlichen Bedürfnisanstalten. Wobei die Übergänge zwischen hoch entwickelter Dichtkunst und allgemeinem Reimgestammel durchaus fließend sein können. / Kultur-Szene
Christophe Fricker zählt zu den großen Hoffnungen der jungen, deutschsprachigen Lyrik, sagt die Zeit, die mit ihm ein Gespräch über den Sinn von Reisen und die schwindende Bedeutung der Lyrik führte. (Ich würde das Komma nach „jungen“ für falsch oder wenigstens überflüssig halten, aber die neuen Regeln, ich will sie ja nicht wissen):
Christophe Frickers Gedichtband Das schöne Auge des Betrachters (2008) wurde kürzlich mit dem Hermann Hesse Förderpreis 2009 bedacht. Der 1978 in Wiesbaden geborene Autor und Übersetzer hat nun sein Prosadebüt veröffentlicht: Larkin Terminal. Von fremden Ländern und Menschen (2009) versammelt ein Dutzend ebenso tiefsinniger wie erfrischender literarischer Reportagen. Für eine von ihnen erhielt der leidenschaftliche Reisende Fricker, der zurzeit als Germanist an der Duke University in Durham, North Carolina, tätig ist, den Merkur-Essaypreis 2007.
ZEIT ONLINE: Ihr Reportagenbuch umfasst auch Porträts von Dichtern, die Sie besucht haben. Spüren diese Leute ihre schwindende Bedeutung in der Welt?
Fricker: Lyriker beklagen sich gern darüber, dass ihnen das Publikum abhanden kommt. Sie tun dabei so, als hätten sich nicht viele von ihnen selbst vor langer Zeit vom Publikum abgewandt. Viele Gedichte sind einfach nicht besonders interessant und gefallen sich in ihrer Sterilität. Schwindende Bedeutung von Dichtern hängt oft mit schwindender Bedeutsamkeit von Gedichten zusammen.
ZEIT ONLINE: Sie sind ein Vertreter jener Dichterschule, die für die Rückkehr des metrisch regulierten Verses eintritt.
Fricker: Die Dichter, die ich vorstelle, wenden sich gegen den Trend, den ich eben, etwas überspitzt, angesprochen habe. Sie schreiben eine Lyrik, die Eleganz und Verständlichkeit mit gedanklicher Tiefe und sorgfältiger Beobachtung verbindet. Philosophische Meditationen, zynische Alltagskommentare, verspielte Liebesgedichte und kritische Naturbetrachtungen feiern die Fülle der Welt und der Sprache. Dick Davis, Timothy Steele, Joshua Mehigan, Tom Nolan, Edgar Bowers und viele andere Dichter sowie natürlich ihre Leser sind Menschen, denen Lyrik etwas sagt und denen Lyrik dabei hilft, mit der Welt in Einklang zu kommen.
Vgl. L&Poe
2009 Feb #94. Nicht köchelnde Rezensenten
2009 Apr #70. Anziehung
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