85. „Lyriker klagen gern“

Christophe Fricker zählt zu den großen Hoffnungen der jungen, deutschsprachigen Lyrik, sagt die Zeit, die mit ihm ein Gespräch über den Sinn von Reisen und die schwindende Bedeutung der Lyrik führte. (Ich würde das Komma nach „jungen“ für falsch oder wenigstens überflüssig halten, aber die neuen Regeln, ich will sie ja nicht wissen):

Christophe Frickers Gedichtband Das schöne Auge des Betrachters (2008) wurde kürzlich mit dem Hermann Hesse Förderpreis 2009 bedacht. Der 1978 in Wiesbaden geborene Autor und Übersetzer hat nun sein Prosadebüt veröffentlicht: Larkin Terminal. Von fremden Ländern und Menschen (2009) versammelt ein Dutzend ebenso tiefsinniger wie erfrischender literarischer Reportagen. Für eine von ihnen erhielt der leidenschaftliche Reisende Fricker, der zurzeit als Germanist an der Duke University in Durham, North Carolina, tätig ist, den Merkur-Essaypreis 2007.

ZEIT ONLINE: Ihr Reportagenbuch umfasst auch Porträts von Dichtern, die Sie besucht haben. Spüren diese Leute ihre schwindende Bedeutung in der Welt?

Fricker: Lyriker beklagen sich gern darüber, dass ihnen das Publikum abhanden kommt. Sie tun dabei so, als hätten sich nicht viele von ihnen selbst vor langer Zeit vom Publikum abgewandt. Viele Gedichte sind einfach nicht besonders interessant und gefallen sich in ihrer Sterilität. Schwindende Bedeutung von Dichtern hängt oft mit schwindender Bedeutsamkeit von Gedichten zusammen.

ZEIT ONLINE: Sie sind ein Vertreter jener Dichterschule, die für die Rückkehr des metrisch regulierten Verses eintritt.

Fricker: Die Dichter, die ich vorstelle, wenden sich gegen den Trend, den ich eben, etwas überspitzt, angesprochen habe. Sie schreiben eine Lyrik, die Eleganz und Verständlichkeit mit gedanklicher Tiefe und sorgfältiger Beobachtung verbindet. Philosophische Meditationen, zynische Alltagskommentare, verspielte Liebesgedichte und kritische Naturbetrachtungen feiern die Fülle der Welt und der Sprache. Dick Davis, Timothy Steele, Joshua Mehigan, Tom Nolan, Edgar Bowers und viele andere Dichter sowie natürlich ihre Leser sind Menschen, denen Lyrik etwas sagt und denen Lyrik dabei hilft, mit der Welt in Einklang zu kommen.

Vgl. L&Poe

2009    Feb    #94.    Nicht köchelnde Rezensenten
2009    Apr    #70.    Anziehung

6 Comments on “85. „Lyriker klagen gern“

  1. Das tolle an dieser Klagemauer: dass man an jeder Ecke sein Zettelchen dazustecken kann, z.B. den:

    Lieber Herr Fricker,

    was sollte schon dagegen sprechen, sich mit dem zu beschäftigen das für viele Menschen ein sinnvoller Teil ihres Lebens ist? Obwohl ich bezweifle dass weder Sie noch ich das Sinnvolle beurteilen können. Wir könnten doch sagen, dass sinnvoll ist womit wir uns als Menschen schreibend befassen? Hätten dann Ihre, meine und beispielsweise Urs Allemanns Gedichte dieselbe sinnvolle Basis. Oder würden Sie dann vergleichen wollen, wer von uns Dreien unter den übrigen Menschen die Mehrheit hält.
    Jetzt frag ich mich: Wie sieht der Imperativ aus? Zumal wir bei Menschen angekommen sind. Ich meine, dass die Begriffe Mensch usw. ungleich komplizierter sind, als sie, ich und Urs Allemann uns das vorstellen. Auch die Versschule ist nicht mehr sie selbst. Und es soll schon vorgekommen sein, dass Menschen Dinge beschäftigt haben. Für die sie keine Worte hatten. Ist es dann sinnlos sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Sollen Gedichte einfacher sein, als es notwendig ist.

    Gruss, Wan Tan

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  2. Lieber Wan Tan,

    vielen Dank für die genaue Lektüre von Interview und Webseite. Ihre Idee einer O2-Ode ist doch nicht abwegig (auch wenn mir U2 lieber ist). Warum soll man sich als Dichter nicht mit etwas beschäftigen, was für viele Menschen ein sinnvoller Teil ihres Lebens ist? Kommt halt nur drauf an, wie man’s macht. Ich werd’s versuchen (aber versprechen kann ich’s nicht).

    Herzliche Grüße von
    Ihrem Christophe Fricker

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  3. Ach, die deutsche Lyrik ist eine Missgeburt! Solang schon. Und schon wieder. Drüben steht sie in ihren Designerschuhen und drückt sich am Kaffeeautomaten herum und fragt sich, warum jeder an ihr nur vorbeigeht ohne zu grüssen. Es wäre aber auch einfacher sie anzusprechen, wenn sie etwas mehr Grazie besässe, sich einschmeichelte oder wenigstens nicht so schief dastehen würde beim Automaten. Das wäre dem Betriebsklima förderlich. Doch bringt sie nichtmal einen geraden Satz heraus. Ich zähle die Tage bis zur nächsten Überweisung und frage mich was man da tun kann. Etwas mehr Metrum, mehr Klarheit der Strophe, den Besuch beim Orthopäden möchte man da anraten. Merkwürdig ist nur, wie ein Soviel an poetologischer Orthodoxie bei Fricker so hohl zur Tagesordnung erklärt wird – und bei Milautzcki, leider Gottes, auch.
    Ich wüsste lieber was die beiden mit den schlechten Gedichten von denen sie sich umstellt fühlen machen würden. Ein Vorschlag wäre nun das wieder-ins-Korsett-zurück-Hineinzwingen der Dame. Beispielsweise wie es Rudolf Borchardt 1926 mit Hölderlins „Hälfte des Lebens“ gemacht hat: Das Gedicht als Odenskizze ausgeben und die Leerstellen deutlich bezeichnen.
    Seltsam genug, dass hier Gedichte geschrieben werden, das ist gut. Aber orthodox urteilen ohne frischen Wind zwischen den Ohren?
    Ja, schreiben wir wieder Oden. Aber wie Urs Allemann! Ok?

    Übrigens ist ein Besuch der fricker’schen Homepage nicht uninteressant. Man sieht da, wie schön der konservative Standpunkt sich mit den Neuen Medien „vermählt“.

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    • sehr ok! aber natürlich nur, wenn Sie urs allemann heißen. die andern zurück ins glied, leiderleider. also an die klagemauer. (hallo urs, bistu mir noch böse?)

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  4. wohltuend, diese sätze von fricker zu lesen. aus der distanz sieht er das doch sehr klar. „schwindende bedeutung“ hat zu tun mit dem schwindel, den die eigenrotation der lyriker beim leser auslöst.
    frank milautzcki

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