69. FELDKIRCHER LYRIKPREIS 2009

In der Veranstaltung am Sa. 14. Nov. um 20.15 Uhr wurden die PreisträgerInnen des Feldkircher Lyrikpreis 2009 bekannt gegben:

1. PREIS MARCUS POETTLER

2. PREIS SILKE PETERS ex aequo 2. PREIS THILO KRAUSE

Jurymitglieder: Petra Ganglbauer (Autorin), Andreas Neeser (Autor, 1. Preis Feldkircher Lyrikpreis 2008), Bernd Schuchter (Limbus Verlag, Hohenems), Marie Rose Cerha (Theater am Saumarkt).

Marcus Poettler

Geboren 1977 in Hartberg, lebt und arbeitet in Graz.

Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (LICHTUNGEN, manuskripte, Ostragehege, Podium), Anthologien (zuletzt in „Lyrik von JETZT zwei“, Berlin Verlag 2008) und im Rundfunk.

2005 Literaturförderungspreis der Stadt Graz.

2007 Literaturpreis der Steiermärkischen Sparkasse

Bibliographie:

„fallen. gedichte“, Leykam, Graz 2007

Silke Peters.

Silke Peters, Jahrgang 1967, lebt in Stralsund. Nach ihrem Studium hat sie als Lehrerin, in Naturschutz- und Kunstprojekten gearbeitet. Seit 2000 veröffentlichte Silke Peters zahlreiche Gedichte in Zeitschriften, Anthologien, in Künstlerbüchern und in zwei Gedichtheften. Schreiben ist für sie ein besonderes Wahrnehmungsinstrument, um der Brüchigkeit des Daseins Nachzuspüren, Entdeckungen zu machen und sich auf die Reise zu begeben in innere und äußere Landschaften.

Thilo Krause,

geboren 1977 in Dresden, lebt in Zürich, verheiratet, eine Tochter. Forscher an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Zuletzt Gedichte in: „Versnetze_zwei – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“, Hrsg. Axel Kutsch. 2005 Heinz-Weder-Lyrikpreis (Hauptpreisträger).

2009 Werkstipendium des Kantons Zürich.

Bericht im ORF (mit Texten Poettlers) / Liechtensteiner Volksblatt

Die Preissumme beträgt 1000 für den ersten und 500 für den zweiten Platz. Zu den Sponsoren, weiß Wikipedia, „zählen die österreichische Bundesregierung, Vorarlberger Regierungsinstitutionen, Banken sowie eine Privatstiftung“. 2003 und 2004 gab es 7 Auszeichnungen, in den nächsten 3 Jahren 4 und dieses wie voriges 3, das gibt eine schöne Kurve nach unten (die vielen beteiligten Organisationen müssen sich strecken oder es wird weniger eingereicht?).

68. Scherstjanoi und Claus

Textenet

Ehrliche Fälschungen

Ausstellung mit Valeri Scherstjanoi und Carlfriedrich Claus

Einige Einblicke.

Von Bertram Reinecke (Leipzig)

Als Valeri Scherstjanoi erzählte, wie stark er von Carlfriedrich Claus beeinflußt wurde, wie er beinahe verrückt wurde über dessen Arbeiten, wie er sich zeitweise derart mit dessen Ansatz identifizierte, dass er gar dessen Handschrift erlernte, war mir sofort klar: Ich will das nicht nur selber sehen, das geht auch andere an.

Nun ist so etwas eine Zumutung für einen Künstler und wir haben Scherstjanoi zu danken, dass er offen genug war, sich dem Ansinnen, diese Arbeiten öffentlich zu zeigen, nicht zu verweigern. (Er hat über die Jahre teilweise eine große Distanz zu ihnen gewonnen.)

Diese Zumutung ist einerseits eine menschliche: Es war, äußert Scherstjanoi, wenig angenehm, mit dem Blick in die alten Mappen fortgerissen zu werden in eine schlimme Zeit, in der er, aus Russland mit dem Versprechen eines menschlichen Sozialismus in die DDR gelockt, allein in einem fremden Land seinen Weg zu finden hatte. (Insofern mag, wie zermürbend die Auseinandersetzung mit Carlfriedrich Claus auch immer gewesen ist, diese aber auch immer seine Balancierstange über einem Abgrund gewesen sein.)

Zweitens ist es sicher wenig angenehm sich selber als einem Fremden zu begegnen. „Wer war da in meinem Kopf.“ Immer wieder war dieser Satz zu hören als wir gemeinsam die alten Ordner durchblätterten.

Die Zumutung ist vor allem aber auch eine künstlerische: Wer seine Vorgeschichten und Abhängigkeiten offenlegt, stellt in den herrschenden Diskursen, die, vielleicht weil sie einem pseudoromantischen Geniegedanken immer noch nachhängen, die Geschichte der Avantgarde als eine Folge radikaler Brüche darstellen[1], seine Integrität als moderner Künstler zur Disposition.

Man sieht es mancherorts nicht gern, dass Kunst nicht nur mit Können, Wollen und Ausprobieren zu tun hat, sondern auch mit (Aus-) Üben. So wird zumindest Schriftstellern eher Weltkenntnis abverlangt als Umgang mit der eigenen Materie. (Deutsch kann ja jeder.)

Und auch Ausprobieren wird von den Apologeten der Moderne lieber mit Mut und der Anerkennung für das Beschreiten neuer Wege in Verbindung gebracht als mit Fehlschlagen, was ebenfalls ganz natürlich in diesem Wort steckt.

Nach diesen Bemerkungen sei allerdings betont: Scherstjanois Arbeiten, auch da, wo sie sichtlich große Ähnlichkeit mit denen des Vorbilds haben, sind durch die Intensität der Auseinandersetzung, die sich nicht zuletzt in der Intensität der Scherstjanoischen Arbeiten selbst widerspiegelt, sichtlich über den Status reiner Stilübungen hinausgehoben.

Auch wenn die Ähnlichkeiten teilweise derart beträchtlich sind, dass selbst ein kunstgeschultes Auge, so lange man nicht sehr nahe herantritt, sie nicht von Claus‘ Arbeiten unterscheiden kann.

Sieht man sich die Arbeiten jedoch im Detail an, werden symptomatische Unterschiede sichtbar. Wo sich auch die feineren Strukturen bei Claus oft als Buchstabenschriften erweisen, lösen sie sich zum Beispiel bei Scherstjanoi häufig in Wellenlinien auf. Findet sich hier etwa in nuce die Abkehr von einer am semantischen Unterschied hängenden Notation bereits angelegt?

Aus dieser Beinaheverzweiflung am Gegenstand zeigt die Ausstellung exemplarisch zwei Wege zur von Valeri Scherstjanoi ausgearbeiteten Kunstform der „Ars Sribendi“, die er einerseits als „scribentische Notation“, andererseits „Poesia Sonora“ fasst. (Er wird zur Finissage aus seinen Federzeichnungen lesen.)

Der eine Weg zeigt an den Glasnost-Arbeiten der späten Achziger das Weiterschreiten der inhaltlich semantischen Auseinandersetzung auf.  Carlfriedrich Claus hat ja seine Sprachblätter weniger gezeichnet, denn als Essays verfasst. (Wie Scherstjanoi begriff er sich nie als bildender Künstler, auch wenn beide in diesem Kontext oft stärker wahrgenommen wurden als von der Literatur.) Dem utopisch schamanischen Kommunisten Claus steht Scherstjanoi mit seinem Interesse an konkreten gesellschaftlichen Verbesserungen gegenüber, dem Philosophen ein Scherstjanoi mit dem Glauben an die Utopie der reinen Stimme. Glasnost, darauf weist Valeri Scherstjanoi hin, bezeichnet auch den Kirchengesang, bedeutet auch die zur Rede mit Gott befreite Stimme.

Stilistisch orientieren sich diese Arbeiten eher am russischen Futurismus-Konstruktivismus.

Ein zweiter Strang deutet den Weg von Clausschen Ausdrucksgebilden zu oft schon notativ repetetiven Strukturen an.

Freilich bei einem so hartnäckig suchenden Künstler wie Valeri Scherstjanoi, dessen Entwicklung von zahlreichen Rückgriffen und Wiederaufnahmen geprägt ist, der zusätzlich zeitweise mit den DDR-spezifischen Problemen eines fehlenden öffentlichen Resonanzraumes zu kämpfen hatte, muss eine solche gradlinige Darstellung eher eine Konstruktion sein als eine historische Wahrheit. Zumal ganz praktisch die Verhältnisse aus zwei Gründen im zeitgeschichtlichen Nebel verschwimmen. Einerseits musste Valeri Scherstjanoi in schlechten Zeiten einige der Clausarbeiten, die als ständig gegenwärtige Grundlage zur Auseinandersetzung bereitstanden, veräußern. Ließen sich diese Werke vielleicht noch versammeln, bliebe ein anderes Problem: Valeri Scherstjanoi hat die Angewohnheit, ältere Werke zu zerscheiden und neu collagiert z.B. als Neujahrspostkarten zu versenden. (Auch solche Beispiele zeigt die Ausstellung.)

Tondokumente aus dem Archiv Valeri Scherstjanois können in der Ausstellung ebenfalls angehört werden. Unter anderem auch Sprechkasetten, die nur zum persönlichen Gebrauch als Kontroll- und Übematerial gedacht waren, aber durch ihre suggestive ruhige Kraft zum meditativen Mitvollzug einladen. Der Künstler weist jedoch darauf hin, dass die hier vorgestellten Tondokumente aus den achtziger und frühen neunziger Jahren seinen heutigen ästhetischen Maßstäben teilweise nicht mehr entsprechen.

Blaue Übungskasette: Tonmaterial zum Hörspiel Matrjoschka, zweite Aufnahme:

Auschnitt aus: Schwarze Übungskasette:

Welimir Chlebnikov: „Heupferdchen“ und „Mein weißes göttliches Gehirn habe Russland ich dir vermacht …“ Mittschnitt aus der Veranstaltung „Segel der Zeit“ anlässlich des hundertsten Geburtstags von Welimir Chlebnikov im Lindenau Museum Altenburg 1985.

Heupferdchen:

Mein weißes göttliches Gehirn habe Russland ich dir vermacht:

 

[1] Der Kunstkritiker Daniel Buren thematisisert dieses Phänomen in seinem immer noch lesenswerten Aufsatz „Bezugspunkte“. Während die Künstler des Bruches mit radikaler Allüre die Fragen der Vorgänger mit totalitärer Geste aus dem Weg schaffen ohne sie zu beantworten,  setzt er dagegen auf die andere Seite Künstler des Risses, die sich tatsächlich auf die Suche nach Antworten auf aufgeworfene künstlerische Fragestellungen begäben. Er merkt an, dass die Künstler des Bruches dem Publikumsgeschmack entgegen kommen, insofern sie in der Regel spektakulärer seien und weniger rezeptive Kenntnisse verlangten.

67. „Was denen fehlt und was Enzensberger hat“

Auch Ulla Unseld-Berkéwicz, seine Verlegerin, gratuliert Hans Magnus Enzensberger zum 80. Geburtstag:

Immer, wenn mir in der zeitgenössischen Lyrik oder im kulturkritischen Essay ein Satz begegnet, der zünden will, aber es nicht schafft, muss ich denken: Da haben sie wieder einen Gedanken vortäuschen wollen, den Enzensberger tatsächlich gehabt hätte. Damit ist gar nicht unbedingt etwas „Inhaltliches“ gemeint, wie ein unbeholfener Ausdruck sagt, der zwischen Sprache und dem von ihr Mitgeteilten grundsätzlich an der falschen Stelle unterscheiden will. Das, was denen fehlt und was Enzensberger nicht einfach hat, sondern, viel wichtiger, macht, ist keine Sache, die sie verfehlen und die er besäße, sondern ein Verfahren, das man nur über viele Jahre erlernen kann, und nur durch Praxis: Bei ihnen schütten die armen Witze das zu, was bei ihm der reiche Witz gerade freilegt. / Die Welt 14.11.

Vgl. 52. Nachlese und den Kommentar dazu

66. Lyrikland Kanada

Für ein Land mit so wenigen Lyriklesern hat Kanada keinen geringen Anteil an angesehenen Lyrikpreisen. Die Gewinner von deren zwei – dem Governor General’s Literary Award for Poetry (der jahrzehntelang der wichtigste Lyrikpreis in Kanada war, bis er im Jahr 2001 von dem höher dotierten Griffin Prize ausgestochen wurde), und dem A.M. Klein Prize der Quebec Writers’ Federation – werden am 17.11. bekanntgegeben. / schreibt HAROLD HEFT,  THE MONTREAL GAZETTE 13.11. (und stellt drei Autoren der Shortlists vor: Mike Spry, Philip Kevin Paul und David W. McFadden.

Be Calm, Honey, By David W. McFadden, Mansfield Press, 129 pages, $18.95

Little Hunger, By Philip Kevin Paul, Nightwood Editions, 80 pages, $16.95

Jack, By Mike Spry, Snare Books, 76 pages, $10

65. Schöpfung

Werner May teilt seinen kleinen Bauernhof in Fahrenwalde bei Pasewalk unter anderem mit drei Ziegen, elf Hühnern und Sam, einem großen Berner Sennenhund. Doch Hundesteuer will der selbst ernannte Politik-Künstler partout nicht zahlen. Kein Mensch und keine Institution habe das Recht, eine Steuer auf eine von Gott geschaffene Kreatur zu erheben, findet der 59-Jährige. Also hat er gegen den Bescheid des Amtes Uecker-Randow-Tal in Höhe von 25,56 Euro geklagt.

Vor dem Verwaltungsgericht in Greifswald fordert May die Verwaltung auf nachzuweisen, dass Gott sein Urheberrecht an das Amt abgegeben habe. Es gehe ihm nicht ums Geld, es gehe ums Prinzip, sagt der 59-Jährige, der nach eigenen Angaben von Landwirtschaft im Eigenerwerb, wenig gefragten Politcollagen und einer Erbschaft lebt. Deshalb sei er bislang auch die jährliche Grundsteuer über 5,36 Euro schuldig geblieben. Denn auch der Grund und Boden sei Gottes Werk. Und bislang habe ihm keine Verwaltung einen schriftlichen Beleg vorlegen können, der beweise, dass Gott den Acker an irgendjemanden übertragen habe. / open report

64. Meine Anthologie: Frühling

… im November? Warum nicht. Erstens ist es heut warm wie im pommerschen Lenz: 13 Grad, bissel Sonne und manche Bäume (nicht schon sondern) noch grün oder grüngelb. Zweitens arbeite ich meine alte Netzanthologie hier sukzessiv ein, da fallen die Feste halt wie sie kommen. Und mische gelegentlich aktuelle Beiträge ein. Heute also über den Lenz:

Der Frühling fängt an
Und von neuem kehrt Dummheit
Auf Dummheit zurück.

Kobayashi Issa (1763-1827)
Aus: Ulenbrook (Hg.): Haiku. Japanische Dreizeiler. Reclam 1995

Meine Anthologie: Be-sinnlich

63. Meine Anthologie 5: die dinge leute

because it’sSpring
thingSdare to do people

(& not
the other way

round)because it

’s A
pril

Lives lead their own

persons(in
stead

of everybodyelse’s)but

what’s wholly
marvellous my

Darling

is that you &
i are more than you

& i(be

ca
us

e It’s we)

– e. e. cummings

wegen desfrühlingS
tun ringSdie dinge leute

(& nicht
umge

kehrt)weil es A

pril i
st dA

Leben die leben ihre eig

nen menschen(an
statt

sonstwessen)doch

was gänzlich
herrlich ist

Liebling

ist daß du &
ich viel mehr sind

als du &

ich
näm

l Ich wir)

(Deutsch von Michael Gratz)

An unofficial e. e. cummings starting point

Meine Anthologie: Wortfest

62. 17. open mike – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik

Sa 14.11. 14:00 17. open mike

So 15.11. 12:00 17. open mike

Wer sagt uns alles in 15 Minuten? 21 Nachwuchsautoren lesen zwei Tage lang um den Gewinn des open mike. Jeder Teilnehmer hat 15 Minuten Zeit, um die Jury zu überzeugen und die versammelte literarische Welt auf sich aufmerksam zu machen, dann schrillt der Wecker. Ausgewählt für das Finale wurden sie aus über 700 Einsendungen von sechs Lektoren renommierter deutschsprachiger Verlage.
Am Ende entscheiden die Juroren Ursula Krechel, Kathrin Röggla und Jens Sparschuh. Sie können bis zu drei Preisträger küren, wobei einer der drei Preise für Lyrik vergeben wird. Für die Preisträger steht eine Gewinnsumme von insgesamt € 7500 zur Verfügung. Auch das Publikum kann einen eigenen Gewinner küren: Der taz-Preis der Publikumsjury beinhaltet einen Abdruck des Textes in der Tageszeitung.
Die Wettbewerbstexte erscheinen als Anthologie im Allitera Verlag und sind ab dem 12.11. in den Buchhandlungen Anakoluth, Prenzlauer Berg, und ebertundweber, Kreuzberg, und während des open mike zu erwerben, danach im Buchhandel oder unter www.allitera.de. Am 22.11.2009 um 00:05 Uhr sendet Deutschlandradio Kultur die Reportage „17. open mike“.

Ort: WABE, Danziger Str. 101, 10405 Berlin (Prenzlauer Berg) S-Bahn Prenzlauer Allee, M10 Winsstraße oder S-Bahn Greifswalder Straße

Eintritt frei!

Der 17. open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Zusammenarbeit mit der WABE und dem Allitera Verlag

Vgl. L&Poe:

25. Teilnehmer am 17. open mike 2009

61. Lyrik ohne Grenzen im Heine-Haus

Hamburger Abendblatt Lüneburg

Der zweite Abend im Rahmen der Reihe „20 Jahre Mauerfall“, am Dienstag, 24. November, steht unter dem Motto „Dichten ohne Grenzen“.

Die Lyriker Uwe Kolbe, Ulrike Almuth Sandig und Volker Sielaff stellen im Heinrich-Heine-Haus einige ihrer neuen Gedichte vor. Drei ganz unterschiedliche Stimmen der Gegenwartslyrik, was sie verbindet, ist ihr Geburtsland, die DDR. Beginn der Veranstaltung ist 20 Uhr. Eintritt: sieben Euro.

60. Semiotik in Erlangen

Seit der Romantik hadert die Literatur mit einem besonders anspruchsvollen Wahrnehmungsmodell: einer Ästhetik, die auf Andacht, Ergriffenheit, hohe Töne, große Gefühle zielt und dem Betrachter so lange Geduld abverlangt, bis er sich erweckt fühlt. Wilhelm Heinrich Wackenroders „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (1796) mit ihren frommen Geschichten über Kunst, Malerei und Literatur verkörperten diese Ästhetik eindrücklich, und prompt zog Goethe gegen das „klosterbrudisierende Unwesen“ ins Feld. Heinz Schlaffer brachte das Problem einmal auf den Punkt. Seit den Desillusionierungen der Moderne gelte die Andachtsästhetik als Kitsch. Er setzt stattdessen auf Flüchtigkeit, auf eine Schönheit, die sich nur zufällig einstellt und schnell wieder vergeht.

Dabei könnte man es belassen, wäre nicht gerade ein Gedichtband erschienen, dem die Kritik an der Andachtsästhetik zugleich sympathisch und unbefriedigend erscheint. Heinrich Detering, Dichter, Kritiker und Literaturwissenschaftler, weiß um die sentimentalen Schlagseiten der Andachtsästhetik. Wiederverzauberung der Welt durch poetische Askese lautet deshalb Deterings poetologisches Programm. Es ist ein Programm für eine Welt, der mit dem Religiösen auch ihre Ausdrucksformen, das Pathos, der hohe Ton, abhandengekommen sind. Sie kann sich ihren Mysterien nur auf umgekehrtem Weg, durch Ironie und nüchternes Silbenzählen nähern.

Mit kurzen Texten und heiterem Trotz reibt sich der Dichter Detering an einer prosaischen Welt ohne Gott und Teufel, einer Welt, die sich mit dem materiellen Hier und Jetzt zufriedengibt. Die Texte sind lose thematisch miteinander verbunden und in vier Gruppen gegliedert: Eine erste Gruppe („Semiotik in Erlangen“) handelt von Reisen, Legenden, eigentümlichen Ereignissen, eine zweite von Vergangenheit und Tod („Leichenschatten“), eine dritte über Historisches („unter den Pappeln“) und eine vierte über die letzten Dinge. / Sandra Richter, FAZ

Heinrich Detering: „Wrist“. Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 77 S., geb., 14,90 €.

59. Der Würfelspieler

Das jetzt in einer deutsch-arabischen Ausgabe erschienene Langgedicht „Der Würfelspieler“ vereint das Beste aus beiden Phasen. Es ist Darwishs literarisches Testament.

Man sollte wie die arabischen Leser zumindest eine Ahnung haben, wer dieses Gedicht geschrieben hat. Wenn man weiß, von wem sie kommen, sind gleich die ersten Zeilen ungeheuerlich: „Wer bin ich, euch zu sagen / Was ich euch sage? / (…) Ich bin ein Würfelspieler / Zuweilen gewinne, zuweilen verliere ich / Ich bin wie ihr / Oder ein bisschen weniger.“ Während in der klassischen arabischen Poesie bis weit in die Gegenwart der Dichter eine ausgezeichnete Position beansprucht und das dichterische Selbstlob eines der beliebtesten Genres ist, steigt ausgerechnet der größte palästinensische Dichter im letzten längeren Gedicht vor seinem Tod vom Podest herab, das ihm seine Fans errichtet haben.

Der Kenner freilich ahnt, dass im Hintergrund noch eine andere Stimme am Werk ist. Es geht um die letzten Dinge, und somit steht „Der Würfelspieler“ natürlich in der Tradition von Stéphane Mallarmés berühmten Gedicht „Un coup de dés“ („Ein Würfelwurf“), das hier durch die bewusst einfache arabische Sprache Darwishs gleichsam geerdet wird. Schließlich ist der Würfelspieler niemand anderes als ein (vor)islamischer Gott, das Schicksal, wie es schon in der vorislamischen Dichtung besungen wurde, auf die Darwish im Lauf des Textes ebenso anspielt wie auf den Koran, mit der Pointe, dass das Initiationserlebnis Mohammeds, die Begegnung mit dem Erzengel Gabriel, bei Darwish als Begegnung mit einer Fata Morgana erscheint, die ihn anspricht: „Lies!“ Aber was Mohammed dann liest, sind nicht, wie in der islamischen Überlieferung, die frühesten Worte des Korans, sondern nur: „Wasser, Wasser, Wasser!“ / Stefan Weidner, FAZ

Mahmoud Darwish: „Der Würfelspieler“. Gedicht. Aus dem Arabischen von Adel Karasholi. A1 Verlag, München 2009. 92 S., geb., 12,80 €.

58. Meine Anthologie 4: Hinde

Hirez runeta    hintun in daz ora –
wildu noh – hinta –
Der Hirsch raunte    der Hindin in die Lauscher:
„Willst du noch – Hinde………..?“

(aus: Älteste deutsche Dichtungen. Übersetzt und herausgegeben von Karl Wolfskehl und Friedrich von der Leyen. Leipzig: Insel 1920, S. 50f)
10. Jahrhundert, Brüsseler Handschrift (Cod. 8860 ff. der Königlichen Bibliothek in Brüssel)

Meine Anthologie: Erotisch

57. Meine Anthologie 3: Krause

Zwischen den Schenkeln bist du eine Negerin, die krause
Rose hebt sich dunkel für die Hand von deinem Körper ab.
Ich beginne zärtlich am Fuß, aber dann zögert der Blick.
Zwischen den Schenkeln bist du eine Negerin, die krause
Rose hebt sich dunkel für die Hand von deinem Körper ab.

(aus: Max Bense: Die präzisen Vergnügen. Versuche und Modelle. Wiesbaden: Limes, 1968 (2. Auflage), S. 46)

Meine Anthologie: Dingfest


56. Vorbild

Eigentlich war sie eine jüdische Bankierstochter aus Elberfeld. Geboren 1869. Assimiliertes deutsches Bürgertum, Klavier, Gouvernante, Lektüre. Die Mutter, beinahe noch in der Goethezeit geboren, liest nichts als Goethe. Sitzt mit ihrer jüngsten Tochter irgendwann im späten 19. Jahrhundert in Elberfeld am Rosenholztisch und dichtet mit ihr. Wenig später geht die Tochter nach Berlin, verlässt Elberfeld und die Goethezeit mit Siebenmeilenstiefeln, frequentiert die Berliner Cafés, gerät in den Sturm, die große Umwälzwoge der Jahrhundertwende, schreibt Gedichte, Prosa und Theaterstücke, heiratet, lässt sich scheiden, heiratet erneut, hat einen unehelichen Sohn, ist alleinlebend, alleinerziehend, alleinverdienend, nennt sich »der Prinz von Theben«. Eine unglaubliche Karriere, eine verstörende Erscheinung. …

In den dreißiger Jahren emigriert die Dichterin der Hebräischen Balladen zunächst nach Zürich, dann nach Jerusalem. Einer ihrer letzten Freunde und Bewunderer, der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Werner Kraft, schreibt 1942 über die einsame und ein wenig verwahrlost durch Jerusalem irrende alte Frau: »Sie kann nicht leben und nicht sterben, sie kann nur toben und hat den Grund vergessen, und er wird ihr nie mehr einfallen.« Und doch hat sie in jenen letzten Jahren ihre innigsten Gedichte geschrieben, das schönste heißt Mein blaues Klavied, das »steht im Dunkel der Kellertür, / Seitdem die Welt verrohte«, zerbrochen ist seine »Klaviatür«, und man weint um »die blaue Tote«. Das schreibt sie 1943, ein Jahr nach der Wannseekonferenz. / Zeit Thema: 50 deutsche Vorbilder

55. Leipziger Literaturfestival textenet.de

Am Donnerstag beginnt das Literaturfestival textenet.de. Das Programm klingt vielversprechend.

Keine 30 Tage hatten Steffen Birnbaum und Bertram Reinecke Zeit, ein Konzept auf die Beine zu stellen. Für den Verband deutscher Schriftsteller und den Förderverein Freie Literaturgesellschaft Leipzig leiten sie das Festival, mit dem einerseits eine Tradition aufgenommen wird, das andererseits aber neu, eigenständig, anders sein soll. Natürlich steckt auch die Finanzierung den Rahmen mit nicht einmal der Hälfte der 40 000 Euro, aus denen der letzte Literarische Herbst 2002 schöpfen konnte. Doch wenn es darum geht, Leipzig als einen „Ort des Lesens und literarischen Gesprächs“ beim Wort zu nehmen, wie auch der neue Kulturbürgermeister Michael Faber es tut, und dies wiederum nicht auf das die Buchmesse begleitende Festival „Leipzig liest“ zu reduzieren, dann müssen eben die Ideen rieseln und Kräfte gebündelt werden. „Innerhalb von zehn Tagen haben wir den Projekt- sowie den Kosten und Finanzierungsplan erstellt“, erzählt Birnbaum. „War früher der Herbst am Kulturamt angebunden, wurden jetzt die Fördermittel an beide Vereine ausgereicht.“ Um nicht permanent dem Vergleich mit dem Vorgänger zu begegnen, gab es die Umbenennung in textenet.de. „Als der Literarische Herbst startete, war das etwas Neues, Frisches“, ergänzt Reinecke, „wir hatten das Gefühl uns distanzieren zu müssen insofern, dass ein Revival auch ein bisschen einseitig wirkt, und haben dann geguckt: Was sind für Entwicklungen ins Land gegangen, welche anderen Möglichkeiten gibt es heute. Wir wollten das Internet zur inhaltlichen Profilierung nutzen.“ So wird es im Rahmen des Festivals „Versnetze“ geben, virtuelle Lesungen, die [… im Internet*] übertragen werden. Das Erinnern an 20 Jahre Friedliche Revolution soll zwar auch hier begleitet werden, allerdings nicht mit Gedenkveranstaltungen, sondern in Anknüpfung an Arbeits- und Organisationsformen, die damals entstanden. „Dass man sich Allianzen sucht, dass man in Galerien auftritt, dass man Kombinationen findet, die ungewöhnlich sind.“ Reinecke verweist auf den „buchfreien, den sprechenden Umgang“ mit Literatur. Vor 1989 war das aus der Not geboren, aber zukunftsträchtig. Gleichwohl gibt es inhaltliche Anknüpfungspunkte wie den Roland-M.-Schernikau-Abend „Die DDR ist richtig und die BRD ist falsch“ am 20. November in der Galerie A und V. Zwei Tage später diskutiert Friedrich Schorlemmer in der Moritzbastei mit Bert Papenfuß. Beide waren auf ihre Weise Protagonisten der Friedlichen Revolution, beide Männer des Wortes – der eine auf Dialog setzend, der andere subversiv, das Tischtuch zerschneidend. Glaubenszuversicht hier, No-Future-Bewegung da.  „Das wird nicht ganz leicht“, freut sich Reinecke, der Moderator. Damals sei der Grundstein gelegt worden für das, was heute in der Literaturszene passiert, sagt Birnbaum, gerade durch szenische Lesungen, Lesungen mit Musik, durch Auftritte in Galerien. Dass bei lyrischen Lesungen das Hör-Publikum das Buchkauf-Publikum übersteigt, hat freilich Vor- und Nachteile. Nachteile für die Verlage nämlich, von denen es in der alten, neuen Buchstadt Leipzig noch immer mehr gibt, als viele befürchten. Sie werden sich am 21. November in der Werkstatt für Kunstprojekte vorstellen – darunter Faber & Faber, der Leipziger Literaturverlag (ehemals Erata), die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, PaperOne oder Plumbum. Auch der Poetenladen, auf dessen Internetseite der Schriftsteller Gerhard Zwerenz seit September 2007 über „Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte“ schreibt, eine Fortsetzung in 99 Fragmenten. Zur textenet.de-Eröffnung am 19. November liest er daraus im Haus des Buches. Dieser längst etablierte Leseort kontrastiert mit neueren Räumen wie der Galerie A und V, MZIN oder FHL-Club. „Wir sind darauf angewiesen, Synergie-Effekte zu nutzen. Und es ist nach wie vor ein ‚Festival der heimischen Literaturvereine‘, betont Birnbaum. Sie alle wollten unbedingt auch ein paar jüngere Autoren haben, um Entdeckungen zu ermöglichen. Die stehen nun neben bekannten Autoren wie Eva Menasse, Günter Wallraff und Johano Strasser. Insgesamt lesen an 7 Tagen 107 Autoren auf 50 Veranstaltungen an 17 Orten. Es wird Buchpremieren geben, Mini-Dramen, einen Sonette-Abend, Kriminacht, Finissage, Musik, MDR-Radio-Café, Zeitschriften-Lesungen und Diskussionen. Den Schlusspunkt setzt am 25. November die Preis-Gala des Michael-Lindner-Literaturwettbewerbs. Einzige schlechte Nachricht: Harry Rowohlt hat abgesagt. Die gute: er will nächstes Jahr kommen. Die Fördermittel sind beantragt, die Hoffnung stirbt zuletzt.

textenet.de – das Literaturfestival in Leipzig 09: 19. bis 25. November. Das komplette Programm im Internet: www.textenet.de
Programmhefte in Kneipen und Veranstaltungshäusern

/ Janina Fleischer, Leipziger Volkszeitung 13.11.

*) auch hier, L&Poe