91. Aufregende Tragik des Lebens

In der Weltwoche #47 eine Würdigung des grossen Dichters und Malers Joachim Ringelnatz zum 75. Todestag von Wiglaf Droste:

Als Vierzehnjähriger las ich erstmals eine Auswahl seiner Gedichte, war gleich hingerissen und lernte im Laufe der nächsten Jahre nicht wenige von ihnen auswendig – nicht für die Schule oder zu sonst einem Pflichtzweck, sondern ganz freiwillig und mit Freuden. Oh, war das schön, wie die Liebe sprach:

Ein männlicher Briefmark erlebte / Was Schönes, bevor er klebte. / Er war von einer Prinzessin beleckt. / Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wiederküssen, / Da hat er verreisen müssen. / So liebte er sie vergebens. / Das ist die Tragik des Lebens!

Das war komisch, das war rührend, das hatte den Mut zur tragischen Grösse genauso wie zur Ironie. Und es war wirkungsvoll: Wenn man es als Junge einem Mädchen aufsagte, wurde man von ihr anders angesehen – weniger beeindruckt als vielmehr berührt. Ganz leicht waren die Worte und ihr Klang, aber keineswegs flüchtig. Das hallte nach; und Mädchen, die sich lieber von Mopedfahrerburschen mit ihren am Lenker befestigten Fuchsschwänzen eine Impression von Männlichkeit vorsimulieren liessen, konnten einem sowieso egal sein. Das stimmte leider nicht ganz, denn einige von ihnen waren äusserst reizvoll, aber die würden ja früher oder später merken, dass wahre Männlichkeit poetisch ist. Und wenn sie es doch nicht begriffen, war man eben Teil dieser aufregenden Tragik des Lebens, die Ringelnatz so kunstvoll besang.

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