Am Freitag, 27.11., 20.00 Uhr lesen:
Karin Fellner (München)
Gerald Fiebig (Augsburg)
Stefan Schmitzer (Graz)
Tom Schulz (Augsburg)
aus: alles außer Tiernahrung –
Neue Politische Gedichte
im CORD CLUB, Sonnenstraße 18, München
Zweitens sehe ich die Wurzeln des religiösen Fanatismus eher im saudisch-wahhabitischen Einfluss – der borniertesten, rückständigsten und aggressivsten Interpretation des Islam. In Ägypten hatten wir unsere eigene religiöse Entwicklung, die Ende des 19. Jahrhunderts mit Mohammed Abduh einsetzte: Er hat wirklich alle Türen für die ägyptische Gesellschaft aufgestossen. Kunst ist seiner Auffassung nach etwas Gutes und völlig kompatibel mit der Religion; Frauen sollen ihre inneren Werte pflegen, aber der Islam schreibt nicht vor, wie sie sich kleiden sollen. Dieser liberalen Auffassung verdankte Ägypten im 20. Jahrhundert seine kulturelle Pionierrolle. Wir hatten das erste Theater, das erste Kino, die ersten Filmstudios im arabischen Raum, die wichtigsten Musiker, Künstler und Autoren kamen aus Ägypten. Warum? Weil wir uns geöffnet hatten. Aber dann kam die Iranische Revolution, und Saudiarabien begann um seine religiöse Vormachtstellung zu fürchten; seither hat das Land Milliarden von Dollars investiert, um den Wahhabismus allenthalben zu propagieren und ihn als die einzig wahre Auslegung des Islam zu verkaufen. Bei uns wurde dieser Einfluss noch verstärkt durch die zahllosen Ägypter, die in Saudiarabien arbeiteten und dann mit wahhabitischen Wertvorstellungen zurückkamen. In Ägypten haben wir nun siebzehn – siebzehn! – wahhabitische Fernsehkanäle! / Der ägyptische Autor Alaa al-Aswani («Der Jakubijan-Bau») im Gespräch mit der NZZ, 16.11.
„Der wahre Untergrund wurde nie ausgegraben“. Zwecks dieser Feststellung kehren SOUNDBWOY BOOGIE UND DER E1NE mit nachgeladenem Lyrikmagazin auf die Landkarte des Raps zurück. Für die erste Single des in Kürze erscheinenden zweiten Albums verpflichteten SOUNDBWOY BOOGIE UND DER E1NE mit MASTA ACE eine wahre Hip Hop-Legende, die mit Alben wie „Sittin’ on Chrome“ (1995) Geschichte schrieb und die Hip Hop-Kultur in den letzten zwanzig Jahren entscheidend prägte. Mit „Hip Hop reloaded“ erlebt der Rap des Ruhrgebiets eine Renaissance. Es ist der Anstoß zum Umdenken, der lyrische Kampf gegen den Verfall der Kultur und der Anfang vom Ende nichts sagenden Raps moderner Prägung. / MZEE.com
Dieser Prozess des Fortschreibens bzw. Umschreibens lässt sich in einer schönen zweisprachigen Ausgabe des Urs-Engeler-Verlags nachvollziehen, die überdies den späten Zyklus «Dunckler Enthusiasmo» enthält. Sie gewährt faszinierenden Einblick in die Werkstatt des Dialektdichters Pasolini – und in die des Nachdichters Christian Filips. Um es vorwegzunehmen: Filips ist der immens schwierigen Aufgabe, für das Friaulische einen deutschen Dialekt (aber welchen?) zu wählen, ausgewichen, indem er den Grossteil der Gedichte in ein «vokalgeleitetes Hochdeutsch» übersetzt hat, «das mitunter vielleicht an Hofmannsthal oder Trakl erinnert und an den hohen Ton des Decadentismo gemahnt», einen kleineren Teil aber «in die mystische Innigkeit eines späten Mittelhochdeutschs» bzw. «in das prophetische Deutsch der Bibelübersetzung Martin Luthers». Gewagt ist das allemal, schon weil dadurch die Einheitlichkeit des Pasolinischen Tones verloren geht. Zu fremdartig ist die mittelhochdeutsche Stilisierung, zu wenig verfremdet das Hochdeutsch. Vielleicht hätte es eines Pastiorschen Kunstdialekts bedurft, um dem Original gerecht zu werden. Filips‘ zwitterhafte Lösung bleibt ein Angebot der Vorläufigkeit; dennoch ergreift man es gern, zumal es durchaus Reize zu entfalten vermag.
Man mache sich nichts vor: Pasolinis «dunckler Enthusiasmo» liebt das Kryptisch-Hermetische, und dass er sich eines auch für Italienischsprachige fast unverständlichen Dialekts bedient, macht ihn noch dunkler. Doch folge man den liedhaften Intonationen, den «Kinderreimen», den Tanzrhythmen und quasi-liturgischen Aufzählungen, und manches hellt sich auf. Oder konturiert sich durch spätere Varianten. …
Im italo-friaulischen Zyklus «Dunckler Enthusiasmo» (1973–74) ist manches direkter angesprochen: Italiens faschistische Vergangenheit, «Konformismen», «falsches intellektuelles Gehabe», Resignation. Dass das Räsonnement nicht zum ideologischen Diskurs gerät, dafür sorgt die bewegliche lyrische Mischsprache, die Christian Filips – im Gedicht «Sinn des Beweinens» – folgendermassen wiedergegeben hat: «Han die trostes not? Not zu beweysen? / Was sagen sie das wieder sich vnd wieder? / Die wissen nit, wir wissen nit, die reychen, / die seyn die ersten, die sich frewn // amb wolstandt? Die Modelle des Fortschritts / waren Realität. Ist es vielleicht realistisch, / diese Realität anzunehmen? Ihre Probleme / zu unsern zu machen? (Grünanlage, Gesundheit, // Ausbildung, Altersvorsorge?) Wer hat uns / denn dieses Gemenge beschert? Wieso, // verdammt nochmal, zum Realisten werden / und beitragen zur Lösung dieser Probleme?»
An der schlechten Realität einer konsumorientierten Massengesellschaft war Pier Paolo Pasolini nicht interessiert. Er erträumte sich – kindheitsbesessen – eine bessere Welt für sich und für alle. Seine sensiblen friaulischen Gedichte sind Beweise seiner lebenslänglichen Utopie. / Ilma Rakusa, NZZ 24.11.
Zu Pasolinis Gedichten siehe auch: Schreibheft, Zeitschrift für Literatur, Nr. 73, 2009, 221 S.
Dunckler Enthusiasmo – Friulanische Gedichte Pier Paolo Pasolini. Übersetzt von Christian Filips. Urs Engeler Editor Basel / Weil am Rhein 2009, 322 S., 28 E
Dies sind Gedichte einer unbewaffneten Nachbarschaft. Der Dichter ist nicht unberührt vom Grau bürgerlicher Mittellagen, aber zwischen Alltagszwang und Befreiungswunsch, zwischen Traumzeit und Leistungszeit herrscht, währenddessen uns die Jahre unbemerkt vergehen, der rege Verkehr der nützlichen Illusionen: »Immer noch bin ich versucht,/ zu denken: morgen/ beginnt das Leben«. Dies unbegriffen gärende Ereignis Leben!, das ruppige Tatorte und charmante Unterlassungsorte zu bieten hat. Rainer Malkowski führt uns an Zweitere, wo der schönste Nachruf wäre, wir seien an unseren schweren »Verwunderungen« gestorben. / Hans-Dieter Schütt, ND 25.11.
Rainer Malkowski: Die Gedichte. Hrsg. von Nico Bleutge. Wallstein Verlag Göttingen. 764 S., geb., 29,90 €.
Stan lafleur wurde 1968 in Karlsruhe geboren und lebt in Köln. Vielleicht habe ich seinen Namen zuerst von Tom de Toys gehört, der ihn vom Rhein her kannte, bevor er nach Berlin ging. In meinem Besitz sind ein paar Hefte mit Gedichten – eins der schönen auf Packpapier gedruckten Heftchen der Kölner Parasitenpresse, 2 Bände aus der Edition roadhouse und ein Heftchen mit Prosa bei SuKuLTuR, das ich für 1 Euro aus dem Automaten im Berliner Hauptbahnhof zog. (Vielleicht wird man mal sagen: Zu Mehdorns Zeiten gab es noch gute Bücher aus dem Imbißautomaten auf Bahnsteigen. Neinnein, keine Verklärung: war Mehdorn nicht der, der die Heinebuchhandlung aus dem Bahnhof Zoo ausgetrieben hat? Ich bin froh, sie noch frequentiert zu haben nach der Maueröffnung)
Mein jüngstes Stück von lafleur ist eins der schönen Bändchen der fixpoetry-Lesehefte, die Frank Milautzcki herausgibt. Aus diesem wohl erst vor Wochen erschienenen Heft wird der Autor lesen. Eine technische Besonderheit seiner Lesung – wir haben das Gespräch per Internettelefonie mit Skype geführt – bringt zwar ein paar technische Probleme mit sich, weil die Übertragung in geringer Auflösung und nicht störungsfrei abläuft. Es machte aber Spaß, das war meine erste Erfahrung mit Internettelefonie, ich habe mich eigens angemeldet, ich kann es empfehlen. Die technische Seite paßt sehr gut zum Inhalt seiner Gedichte – gleich beim ersten Gedicht werden Sie hören, wie die Bilder – zum Beispiel von Himmel, Landschaft, Stadt – medial, also auch technisch vermittelt sind. Unterhaltungselektronik und google map stehen zwischen uns und den Dingen. Eins noch: falls Sie sich beim 2. oder 3. Gedicht wundern: Das Buch heißt “Blick in den Himmel”, und dieser Titel steht auch über jedem einzelnen der gut 2 Dutzend Gedichte.
Auch stan lafleur liest heute abend virtuell in Leipzig und in Kürze hier im Video
Àxel Sanjosé wurde 1960 in Katalonien geboren, in Barcelona. (Durchaus ein Sehnsuchtsort von mir – mehr als ein paar Stunden habe ich bislang nicht geschafft, aber immerhin.) Wenn man ein bißchen Spanisch kann, ist die katalanische Sprache fremdelnd, manchmal auf den ersten Blick lustig. “De tant en tant” (von mal zu mal, dann und wann) la mort I jo (der Tod und ich) som u (sind eins), lese ich. (Bestimmt spreche ich es falsch aus, ich habe diese Sprache nicht gelernt.) Die Arbeit an der Lyrikzeitung hat es mit sich gebracht, daß ich mich seiner Expertisen in Übersetzungsdingen versichern kann. Das ist schön.
2004 erschien sein erster Gedichtband – “Gelegentlich Krähen”.
Ein Kritiker sprach von der “Beschaulichkeit” seiner Texte – ich bin nicht sicher, ob ich den Eindruck teilen kann. Es sei denn, man zerpflückt das Wort. Tatsächlich, der beschaut die Dinge, bis sie seltsam wirken, manchmal unheimlich. Seinen kurzen Zeilen und meist einfachen Sätzen kann man leicht folgen, zB hier:
Und hatten wir nicht gestern
Den Abend noch gepriesen,
War die Luft nicht seltsam grün,
Roch es nicht tatsächlich
Nach Roggen und Lupine?
Klare Konturen, aber was geschieht hier eigentlich? Sie können es weiterlesen und ein wenig jetzt hören. Ich möchte nur noch eine meiner Gedächtniszeilen zitieren – so nenne ich sie, weil sie sich in meinen Gedächtnisvorrat eingeschmuggelt hat:
Der Mund spricht ein O, eine Lüge.
(Das wäre das Thema Vokale)
Hören und sehen Sie Àxel Sanjosé – heute abend in Leipzig und in Kürze hier im Video
Gast bei textenet ist Angelika Janz. Sie wurde 1952 in Düsseldorf geboren und hat sich als Autorin und bildende Künstlerin seit den 70er Jahren zuerst in ihrem Herkunftsland Nordrhein-Westfalen und dann bundesweit und international bei Szenekennern einen Namen gemacht. Mancher, dem ich das sage, hält es für eine Übertreibung. Es ist aber keine. Die Betonung liegt auf Szenekennern. 1995 gab der österreichische Schriftsteller Franzobel – einer dieser Kenner mithin – in der Wiener „edition ch“ eine Auswahl ihrer Gedichte heraus, ich zitiere aus dem Nachwort:
„Längst ist überfällig, daß von Angelika Janz nun endlich auch Gedichte vorliegen. Gedichte, die auf den ersten Blick vielleicht überraschen mögen, weil sie traditioneller, vielleicht auch konventioneller gebaut sind als die von der Autorin weithin bekannten Fragmenttexte. Frühestens der zweite Blick erkennt die vor allem syntaktische Verwandtschaft zur Cutup-Methode der Fragmenttexte…“
Ihre Fragmenttexte sind in einem halb Dutzend schmaler Bände abgedruckt und finden auch den Weg in Anthologien, von Franzobels „Kritzikratzi. Anthologie gegenwärtiger visueller Poesie“ bis zur Reclamsammlung „Poetische Sprachspiele“, herausgegeben von Klaus Peter Dencker, wo sie zwischen Walther von der Vogelweide und Michael Lentz gefunden werden kann – natürlich ist auch Kuhlmann dabei, Oskar Pastior, Carlfriedrich Claus, nur Valeri Scherstjanoi fehlt dort aus mir unerfindlichen Gründen…
Hinzuzufügen bleibt, daß sie vor allem seit ihrem Umzug vom Rhein nach Vorpommern vermehrt Prosa schreibt. Poetologisches – ein großes Projekt treibt sie seit Jahren um – und auch sozialkritisches. Angelika Janz ist nicht nur eine genaue Beobachterin, sondern wirkt auch seit vielen Jahren mit viel Engagement und Selbstaufopferung an sozialen Projekten im ländlichen Raum, vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Vergangenes Jahr wurde sie dafür in Leipzig mit dem Deutschen Lokalen Nachhaltigkeitspreis Zeitzeiche(N) ausgezeichnet. Auf dem festival textenet ist sie mehrfach präsent. (Klicken Sie ihren Namen in der Schlagwortwolke)
Video ihrer heutigen Lesung folgt in Kürze hier
Let us remember that in the end we go to poetry for one reason, so that we might more fully inhabit our lives and the world in which we live them, and that if we more fully inhabit these things, we might be less apt to destroy both.—Christian Wiman, Editor, Poetry
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Dienstag, 24. November 2009 um 21:30 Uhr
Werkstatt für Kunstprojekte:
Versnetze 2 – Virtuelle Lesung
Moderation: Michael Gratz
Dienstag abend gibts beim Leipziger Textenet-Festival eine ganz besondere Lesung. Vier Autoren + 3 Überraschungsgäste lesen
Axel Kutsch ist ein Kölner Lyriker und außerdem ein Anthologist vor dem Herrn. Versnetze – Das „große Buch der neuen deutschen Lyrik“ erschien 2008 mit der fruchtbaren Idee, Gedichte jenseits der Grenzen von Generationen oder ästhetischen Schulen zu versammeln. Die Netzkarte der deutschen Bahn und das Postleitzahlenbuch bieten das neutrale Ordnungsprinzip. Wer sich über Gedichte ärgert, die ihm nicht nach dem Herzen gesprochen sind, verkennt vielleicht das großherzige und, ja: demokratische Prinzip dieser Ordnung. Es war ja eine Besichtigung und für den Leser eine Einladung zur Reise durch alle Ecken des Landes von Pommern bis Baden und von Schleswig bis zur Donau. Nicht zu vergessen Ausflüge über die Grenze.
Ein Jahr später liegt der 2. Band vor, und dazwischen gabs noch die politisch grundierte Deutschland-Anthologie. Ich sehe diese Anthologien für mich selber als unverzichtbare Quellen und für die Öffentlichkeit als Versuch, Grenzen zu durchstoßen. Grenzen, wie man sie leicht überall beobachten kann: ob bei den Sachwaltern des Literaturbetriebs im großen Feuilleton, im Buchhandel oder auch bei den Lesern, Liebhaber oder „Profis“. Vielleicht ein zum Scheitern verurteilter Versuch, aber die Bücher sind ja da. Und auch wir sind da, auch ich – wie Sie auf dem Bildschirm oder der Leinwand sehen. In dieser Lesung sollen Stimmen aus dieser Netzwelt versammelt werden. Bertram hat Vorschläge gemacht, ich habe zugestimmt, wohl auch mit Gegenvorschlägen. Einige Autoren waren aus technischen Gründen nicht erreichbar. Dafür habe ich mir erlaubt, 3 Überraschungsgäste mitzubringen.
Sie hören und sehen heute, ich folge Axel Kutschs mit Mehdorn abgestimmter Anordnung:
Außerdem drei Überraschungsgäste. Drei der vier ausgewählten Lyriker haben jeweils 15 Minuten in ein Video gelesen, außerdem liest die einzige in Person anwesende Autorin, Johanna Schwedes, live. Die Lesung wird also ca. 90 Minuten dauern.
Mathematik und Literatur gehen nicht zusammen. Die Literatur kennt keine Formeln, wie etwa eine Erzählung aufzugehen hätte, nur ungefähre Rechnungen, an die man sich halten sollte. Das Ergebnis ist dann nicht unbedingt richtig, mit ein wenig Glück aber wenigstens ganz gut.
Alfred Schreiber gelingt das Kunststück, doch beides unter einen Hut zu bringen, wenn auch nicht im oben angedeuteten Sinne einer Lösung, wie etwas zu verfassen wäre. Indem er Gedichte nach mathematischen Bewandtnissen absucht, diese literatur- und ideengeschichtlich beleuchtet und nicht zuletzt mit seinen fachlichen Kenntnissen als Mathematiker kommentiert, bringt er beides zusammen. Das darf man ruhigen Gewissens als Marotte bezeichnen, eine im besten Sinne. In ihr erweist sich Schreiber als ausgesprochene Koryphäe. Von Menschen seiner Art können die Künste gar nicht genug haben, denn nichts ist geeigneter, den Blick zu schärfen, als der Blick aus einer ganz anderen, völlig unerwarteten Perspektive. »Die Leier des Pythagoras« ist wie ein Biotop, in dem jedes Gedicht mit Mathematik gedüngt auf ganz neue Art zur Geltung kommt. So gelingt eine außergewöhnliche Fundgrube für Literaturliebhaber genauso wie für mathematisch Interessierte, da kommt sich nichts in die Quere, ganz im Gegenteil: Beide noch so widersprüchlich anmutenden Gebiete gewinnen voneinander. Die Mathematik wird da poetisch und die Poesie – die Poesie ist seit jeher allem gegenüber offen, auch dem Widersprüchlichsten. / Iven Einszehn, junge Welt 24.10.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Love predated the invention of language, but love poetry got its start as soon as we had words through which to express our feelings. Here’s a lovely example of a contemporary poem of love and longing by George Bilgere, who lives in Ohio.
Night Flight
I am doing laps at night, alone
In the indoor pool. Outside
It is snowing, but I am warm
And weightless, suspended and out
Of time like a fly in amber.
She is thousands of miles
From here, and miles above me,
Ghosting the stratosphere,
Heading from New York to London.
Though it is late, even
At that height, I know her light
Is on, her window a square
Of gold as she reads mysteries
Above the Atlantic. I watch
The line of black tile on the pool’s
Floor, leading me down the lane.
If she looks down by moonlight,
Under a clear sky, she will see
Black water. She will see me
Swimming distantly, moving far
From shore, suspended with her
In flight through the wide gulf
As we swim toward land together.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by George Bilgere, whose most recent book of poems is Haywire, Utah State University Press, 2006. Reprinted by permission of George Bilgere. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Ein Projekt der Kinder-Akademie Uecker- Randow und des Pasewalker Kunstvereins November bis Dezember 2008
Von Angelika Janz
Walk over Pasewalk Passing
Long silly grey station, nirgends
Erschrocken die Fahrkarte 3
Junguniformierten hingehalten
noch kreischen die Bremsen
so schmerzhaft im Stand.
Antithese Paris!
Ununterbrochen
tragische Ankunft.
Zeile für Zeile entlang
offnen Kellern
carcase stink and workable motor shows
abgeschnittene Sprache
uneingerichter Not
im lichten Anstieg zu
Pommes mit Bock punkt 12
Jetzt kürassier du,
ganz oben hin zu Land
Rates Ziegel Palast,
Philosophers ` stone, out of joint.
du, Bäuerchen von der Uecker.
Der Pasewalker Stadtdetektiv ist in der Regel 5, allerhöchstens 6 Jahre alt. Er oder sie – als ein typisch vernetzter Kopfhandfußmensch, meist mit der 50-Euro-Digitalkamera und einem Beutel für Fundstücke unterwegs, liebt es, Dinge in seiner Stadt zu entdecken, die sonst niemand sieht, in einer Stadt, die traurig macht, wenn man sie nur kurz mit dem Auto passiert, depressiv, mutlos, manchmal verzweifelt oder wütend: Die Antithese zu Paris. Jedes vierte Kind ist hier akut von Armut bedroht (in den 70er Jahren war es noch jedes 70. Kind!)
Vor etwa 10.000 bis 15.000 Jahren mündete das Urstromtal, in dem die Uecker heute durch die Stadt fließt, in den Haffstausee. Auf 55 Quadratkilometern leben verstreut ungefähr elftausend Menschen der sogenannten „Modellregion“: Arbeitsverlorene und sehr viele verarmte Rentner, Trinker, Depressive und psychisch Kranke, einige wenige Junge mit dem Zwangslächeln der Gefährdeten, die diese alle Hoffnungen erstickende Gegend dienstleistungsmäßig am Leben erhalten (der Rest bleibt gen oder im Westen orientiert). An den Straßenrändern vor den Kiosken sitzen täglich seit 8 Uhr morgens die einstigen Facharbeiter von Rindermast, VEB Medizinmöbel oder die einstmals Tüchtigen vom einstigen Güterbahnhof der größten Ost-Westdrehscheibe stumm vor ihren Bierflaschen auf dunkelgrünen Plastestühlen vor dunkelgrünen Plastetischen. Sie verfolgen den Durchgangsverkehr bis Punkt 12 zur Mittagszeit, während ihre Frauen (es gibt davon hier 500 mehr als Männer) mit fast leeren Rieseneinkaufswagen durch den Supermarkt kreisen, immer herum, manchmal pausierend, lauernd, ob sich nicht eine Gelegenheit bietet, eine Leidensgenossin zu entdecken, zu begrüßen, um Zeit totzuschlagen mit dem für diese Region etwas schwerfälligen Austauschen häuslicher und außerhäuslicher Informationen, deren sparsame Bildgehalte sich wie ein Zeitlupenfilm zäh in die Länge ziehen.
Der Pasewalker Stadtdetektiv registriert das alles ganz selbstverständlich. Er begrüßt seinen Papa dort am Tisch und besucht seine Mama im Supermarkt. Pasewalk, Kreisstadt des Landkreises Uecker-Randow, liegt nahe an der Grenze zu Polen, einstige Garnisonsstadt, Kürassierstadt einer fernen Königin, mit einem Garnisonsmuseum. Umzingelt von 15 hoch verschuldeten Landgemeinden, deren Arbeitslosigkeit hoch, deren Hoffnungsmut tief gesunken ist seit der Wende, deren versteckter oder offener Alkoholismus, Pessimismus, Rassismus bis in die armseligen Gemeindefeste hinein wuchert. Hier richtet die NPD die Kinderfeste aus und die Linken schicken ihre Spitzel dorthin.
In Pasewalk begann das Alphamonster des NS-Regimes seine Karriere – als weinerlicher Psychopath mit wochenlangen Blindheitsanfällen. Aber der Pasewalker Stadtdetektiv sieht, was die Bürger der Stadt nicht sehen: Mutmaßlich Belangloses im trüben Winterlicht, Mauersignaturen, Spuren und Relikte verborgener Sehnsüchte und Süchte, er liebt das Vorgarten- und Hofambiente besonders dort, wo morgens niemand mehr das Haus zum Arbeiten verlässt, er liebt den Millionen alten Himmel, der sich niemals verändern wird und unbekannte Silhouetten leer gezogener und halb rückgebauter Gebäude. Mitglied in der städtischen Kita Am Mühlentor oder im „Regenbogen“ heftet er gern seinen Blick konsequent auf die Erde, studiert botanisch gestaltete oder architektonisch verhöhnte Strukturen seines unmittelbaren Morgenweges zur Kita, er zielt mit der Fotolinse gegen Fenster und Balkone, gegen trübe, wochenlang nicht gewechselten Schaufensterdekorationen, denn dahinter muckert das Leben, es wimmert, hustet, schimpft, zankt und dampft, riecht komisch, aber lässt Kosmisches ahnen.
Wo der Pasewalker Stadtdetektiv hin- und hergeht, wächst das Gras noch, findet sich auch im Winter immer etwas Blühendes, da tanzen betagte Hühner in Garagen-Verschlägen den Eiertanz und die unerbittlichen Verwaltungsbeamten des unverhältnismäßig weitläufig und protzig angelegten Landratsamtes enttarnen sich als erschrockene Kettenraucher dort, wo er auftaucht und seine Kamera einfach ins lungenzugatmende Pausenleben hineinhält. Der junge Detektiv hat den Schriftzug am Bahnhof entdeckt: „Zottel, kommste heut abend zu mir einen saufen?“ Fast jeder Pasewalker Stadtdetektiv möchte nicht Detektiv bleiben. Denn was er oder sie entdecken, erzählt meist eine Geschichte mit traurigem Ende. Man möchte später lieber Polizist, Zahnärztin, Frisörin, Pferdedoktor oder Hochspringer werden und niemals Hartzvierer wie die Eltern werden. Wenn das wachsame Stadtdetektivwesen seine Streifzüge später zeichnerisch protokolliert, malt es Häuser, immer wieder Häuser, schwarze Häuser ohne Innenleben, Häuser ohne eine Spur Grün drum herum, obwohl sich so ungrün Pasewalk gar nicht gibt zwischen den Platten. Aber meistens ist das Grün Pasewalks bis ans Leben beschnitten – wie ein zu kurz geschnittener Fingernagel, schmerzend, blutend, dem Körper der Stadt unzugehörig.
Weiteres von dieser Autorin bei Textenet hier und hier
Außerdem in dieser Sparte der textenet.galerie:
Von Norbert Lange
Quellenkunde. Der Gedanke, daß Geschriebenes auf Geschriebenes zurückführt, ist nicht neu. Und obwohl der damit verbundene Begriff von Schreiben nun eigentlich zu den Basics gehört, will ich hier noch einmal darauf zurückkommen. Quellenkunde setzt ein, wenn ich das Gedicht eines anderen lese, Quellenkunde setzt aber auch ein, wenn ich mich mit meinem eigenen Gedicht auseinandersetze, um es fertigzustellen. Spreche ich von Fertigstellung, dann zielt der dichterische Begriff auf eine Arbeit, in der Wissen und Intuition austariert werden müssen. Ich kann kein Gedicht schreiben, dessen Verlauf in erster Linie die Intuition bestimmt, da sich dabei formale, für mich typische Klischees aufdrängen – Strophenform, Zeilenlänge, klangliche und grammatische Eigenschaften. Ebensowenig kann ich mich rein von meinen Verstand leiten lassen, da ich dabei zu einer Form gelange, die ich inhaltlich nicht mehr einlösen kann – das dabei Entstehende könnte man sich als Gebilde vorstellen, das die Zeilen mit Recherche füllt. Mit Recherche kommt Quellenkunde gleich wieder ins Spiel. Denn man muss sich Quellenkunde inhaltlich und formal unterteilt vorstellen; in das nämlich, was ein Dichter von einem anderen an Idee und Weltauffassung übernimmt, und in die Art und Weise wie sich der Dichter zu den Mitteln verhält, die sein Vorbild verwendet, um diese Ideen auszusprechen. Der von mir sehr geschätzte Urs Allemann beispielsweise schreibt „Hälfte des Lebens“ neu, indem er jedes Wort der Vorlage durch einen Reim ersetzt, und kommt von „Im Winde klirren die Fahnen“ zu „im kinde schwirren die ahnen“. Das ist ein denkbar einfaches Verfahren, und wie ich finde an Anschaulichkeit kaum zu überbieten, es steht hier als Referenz an eine Art des Schreibens, die mich beim Schreiben und Lesen besonders beschäftigt. Zuletzt geht es eben um die Frage, was ein Gedicht ist und welche Möglichkeiten ihm innewohnen, wie also im Winde die Fahnen klirren, aber auch von wo das Gedicht die Möglichkeiten hernimmt, um im Kinde Ahnen schwirren zu lassen. Gleichzeitig führt dieses kurze Vexierspiel von Original und Anverwandlung auf die Fährte, die ich hier einschlagen will; wenn das Schreiben eines Gedichts sich stets auf Quellen stützt, wozu auch solche gehören können, über die ich mir nicht unmittelbar bewusst bin, lässt sich davon ausgehen, daß man es bei einem Gedicht immer mit einem Palimpsest zu tun hat.
… hat man oder hat ihn nicht. Der 72-jährige CDU-Politiker und General a.D. Jörg Schönbohm, „bekannt für starke Worte und klare Meinungen“ (Morgenpost), hat ihn und die Ostdeutschen, (sein Spezialgebiet), denen er jahrelang als Innenminister dienen wollte, wofür sie ihm wenig Dank zollten, halt nicht:
Auf die Frage, welche anderen Folgen von 40 Jahren DDR bis heute noch wirken würde, nannte Schönbohm eine „weit verbreitete Stillosigkeit – im Umgang wie bei der Kleidung.“
Da wird er schon was Richtiges sagen, ist ja auch nicht weiter wichtig. (O Gott, was weiß der über meinen Umgang?!) Nur fällt mir beim Thema Stil ein, was mir meine (ostdeutsche) Mutter beigebracht hat. Es ist schlechter Stil, hat sie gesagt, wenn man allemal ausspricht, was man Schlechtes über andere Leute denkt. Wahrscheinlich, werde ich ihr sagen, hat sich halt auch der Stil in 40 Jahren Trennung auseinanderentwickelt. (Und wahrscheinlich müssen wir mehr fernsehen – per definitionem der Ort, wo gutangezogene Menschen Stilvolles reden & tun!)
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