47. Hunderttausend Milliarden Gedichte

Eines der eindrücklicheren Beispiele dafür lieferte Queneau selbst mit seinen «Hunderttausend Milliarden Gedichten». Er schrieb zehn (!) Sonette, deren Zeilen beliebig ausgetauscht werden können, was zehn hoch vierzehn Kombinationen erlaubt. Geschätzte Lesezeit: je nach Tempo zwischen 90 und 190 Millionen Jahre. Kleine Lesehilfe: Die Buchseiten wurden so in Streifen geschnitten, dass sich jede Zeile einzeln umblättern lässt. Ob die Gedichte so gut sind wie der Trick, der ihnen zugrunde liegt? «Seien wir lieber intelligent als seriös», lautete jedenfalls einer der von Queneau formulierten Oulipo-Grundsätze. Bei allem Vermeiden von krampfhafter Seriosität funktioniert ein grosses Spiel wie das Oulipo nur mit konsequent eingehaltenen Regeln, und seien sie noch so skurril.

Fünfunddreissig lebende und tote Autoren gehören der Werkstatt an, Verstorbene bleiben Mitglieder, sie sind «wegen Ablebens entschuldigt». Neben Autoren wie Georges Perec, Italo Calvino und Oskar Pastior werken in dem erlesenen Kreis, in den nur aufgenommen wird, wer sich nicht dafür bewirbt, aber auch «reine» Mathematiker. Einer von ihnen, Jean Lescure, erfand das bekannte Literatur-Produktions-Verfahren «s + 7», das Ersetzen der Substantive eines Textes durch das jeweils siebtnächste im Wörterbuch. Das Spiel lässt sich natürlich auch mit anderen Zahlen durchführen, die Regel wurde rasch auf «s + n» erweitert.

«Am Anfang schuf Gott Hirn und Eintopf. Und der Eintopf war wüst und leer, und es herrschte Fisch auf der Terrine» – so beginnt die Genesis nach Marcel Bénabou, dem «definitiv provisorischen» bzw. «provisorisch definitiven» Sekretär der Literaturwerkstatt. Es handelt sich um eine Variation der «s + n»-Methode, Bénabou ersetzt jedes Substantiv durch das jeweils nächste «kulinarisch verwendbare». / Georg Renöckl, NZZ 5.12.

Bis auf die Knochen. Das Kochbuch, das jeder braucht. Herausgegeben, übersetzt sowie mit zahlreichen Zutaten und Beilagen versehen von Jürgen Ritte. Arche, Zürich 2009. 224 S., Fr. 39.–. Georges Perec: Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Klett-Cotta, Stuttgart 2009. 112 S., Fr 26.90. Jacques Roubaud: Der verlorene letzte Ball. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Wagenbach, Berlin 2009. 120 S., Fr. 26.80.

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