46. Der junge Enzensberger

Seine Lyrik, obwohl artistisch-artifiziell im Stil der Zeit, war von unerhörter politischer Schärfe. Sie agitierte nicht, sie analysierte. Von einer überraschenden Metapher erhoffte sie sich mehr als von eindringlicher Belehrung und lieferte das bis heute überzeugendste Beispiel, wie politische Lyrik nach Brecht aussehen konnte. / Georg M. Oswald, Die Welt

45. Runge, Leisten, Haufs, Fels

Sammelrezension von Nico Bleutge, Stuttgarter Zeitung 10.12.:

Am besten ist Doris Runge, wenn sie mit ihrer anschaulichen Sprache ganze Welten erstehen lässt. Dann können die Wörter tatsächlich „schmuggelware“ sein: „fischschwänzige / seltsame promenadenmischungen / im friesennerz“.

Doris Runge: was da auftaucht. Gedichte. DVA, München. 89 Seiten, 14,99 Euro.

Christoph Leisten vermag es, philosophische Ideen in seine Verse zu holen, ohne doch lehrhaft zu sein. Auch die vielen Bilder von Reisen stellen ihr Wissen kaum aus, sondern öffnen Auge und Ohr für Landschaften und die Schichtungen der Kultur.

Christoph Leisten: bis zur schwerelosigkeit. Gedichte. Rimbaud Verlag, Aachen. 64 Seiten, 15 Euro

Ein skeptischer Kammerton durchzieht Rolf Haufs‚ Gedichte von jeher. Umso überraschender scheint es, dass sich der Lyriker diesmal den Erfahrungen seiner Kindheit zuwendet. Es sind die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs und der Gründerjahre, die vor den Augen des Lesers sichtbar werden.

Rolf Haufs: Tanzstunde auf See. Gedichte. Hanser Verlag, München. 96 S., 14,90 Euro.

Es ist ein Schreiben, das sich an den Beatniks orientiert, das sich an Songs entzünden kann oder am Jargon der Straße. Wenn es Ludwig Fels dabei gelingt, nicht nur einfach seine Seelenergüsse in Zeilenform zu bringen, wird für Momente jenes „tickende Herz“ spürbar, von dem er immer wieder singt.

Ludwig Fels: Egal wo das Ende der Welt liegt. Gedichte. Verlag Jung und Jung, Salzburg. 150 Seiten, 15 Euro.

 

 

44. Neue „Oktavhefte“

Zu seinem 80. Geburtstag hat der Berliner Verleger Klaus Wagenbach sowohl seine Leser als auch sich selbst beschenkt. Wie es sich gehört mit Büchern, die er immer schon einmal lesen wollte.

In blassblauer Broschur legt er Gedichtbände von Johannes Bobrowski, Christa Reinig und Kurt Bartsch vor. Diese schmalen und schlicht gestalteten „Oktavhefte“ erinnern an die ersten Publikationen des 1965 in West-Berlin gegründeten Verlags Klaus Wagenbach. …

Christa Reinig (1926-2008) blieb 1964 in der Bundesrepublik, nachdem sie bereits im Jahr 1951 wegen nonkonformistischer Haltung in der DDR mit Publikationsverbot belegt wurde. „bitte herrschaften verzeiht / solche unanständigkeit“, heißt es in der „Ballade vom blutigen Bomme“, die Reinig bekannt machte. In der Auswahl „Feuergefährlich“ dominieren Texte, die in strengen lyrischen Formen geschrieben sind. Christa Reinig wurde scheinbar alles zum Gedicht: der Pirat, Robinson, das Ahornblatt, der Turm. Sie war aber auch eine politische Autorin, wie die mehrdeutige letzte Strophe von „Der heitere Misanthrop“ zeigt: „Irgendwo inWashington / steht ein rotes Telefon. / Könnt ich doch den Draht zerschneiden / Und mich an den Folgen weiden.“ …

Kurt Bartsch hatte seine Gedichtauswahl „Tango Berlin“ noch selbst kompiliert, konnte aber, da im Januar 2010 verstorben, deren Erscheinen nicht mehr erleben. Seine Texte sind überaus anregend und könnten auch junge Menschen den nicht eben einfachen Weg zur Lyrik ebnen. Die Parallele zu Bobrowski sind Bartschs schöne lyrische Porträts: auf Jakob Lenz, Heinrich von Kleist, Rosa Luxemburg und Jakob van Hoddis etwa. / Kai Agthe, Thüringische Landeszeitung

Johannes Bobrowski: Nachbarschaft; Christa Reinig: Feuergefährlich; Kurt Bartsch: Tango Berlin, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, jeweils 77 S. und 8 Euro

 

43. Bizarre Szenerien

Er baut seine Strophen nach klassischer Art und braucht keine durch Zeilenbrüche erzeugten Effekte. Ohne Kapiteleinteilung und Mottos beschreibt der Dichter wie aus einem Guss eine bizarre Szenerie, die mitunter den Gemälden des Hieronymus Bosch gleicht – obwohl Überschriften auf andere Maler verweisen: „Caspar David Friedrich“ und „Picasso“. Die Romantik Friedrichs unterwandert er durch die Begegnung mit einem Zigaretten liebenden Gorilla. Bei Picasso komponiert er Bildelemente und Figuren zu einem kurios respektlosen Potpourri, das mit einer trefflichen Pointe endet. Fast jedes Gedicht irritiert und überrascht den Leser durch in Bildern benannte und weitergedachte Analysen der virtuell durchgepixelten Gesellschaft. / Dorothea von Törne, Die Welt

Günter Herburger: Ein Loch in der Landschaft. A1 Verlag, München. 104 Seiten, 18,80 Euro

42. THOMAS KUNST im Fauser

11. Dezember

Thomas Kunst stellt nach seiner Rückkehr aus Venedig sein neues Buch erstmals in Leipzig vor.

 

Fauser Wirtschaft
Lützner Str. 100, Leipzig
0341 / 47 82 860
joerg@fauser-leipzig.de


41. Luriker

Fehlen mir die Worte, fehl ich mir selber, und komme ich nicht zu Wort, komme ich nicht zu mir selber. Nur wenn ich nur nach meinen Worten beurteilt werde, werde ich überhaupt beurteilt, und ganz beim Wort genommen, werde ich wahrgenommen. Denn ich bin Wort. Der so spricht, ist der 1963 in Egnach geborene und heute zwischen Zürich und Romanshorn pendelnde Christian Uetz, der zu den kühnsten Sprachakrobaten im deutschen Sprachraum gehört. Wer erlebt hat, wie Uetz mit seinen Texten auftritt und sie in atemberaubenden Wortkaskaden dem Publikum gleichsam in den Schlund wirft (etwa bei der Verleihung des Thurgauer Kulturpreises), wird die Performance so schnell nicht vergessen. …

«Ich bin nicht Lyriker, sondern Luriker», sagt Christian Uetz über sich selber. «Und weil Luren Huren sind, Huren sich immer anpreisen und ich meine Gedichte anpreise, bin ich ein Luriker.» So lurt Uetz über die Liebe, den Wahn, das Denken, das Reden, den Sinn der Sprache. Den Stoff holt sich der Dichter aus dem Alltag, aus Gesprächen im Bus oder mit Bekannten. Aber da ist auch die Lyrik, aus der Uetz schöpft: Gottfried Benn, Paul Celan, Ernst Jandl, Thomas Kling und andere Vertreter der hermetischen und der experimentellen Lyrik. / Mario Andreotti, Thurgauer Zeitung 10.12.

40. Dichter-Casting in Abu Dhabi

Dem besten Dichter winkt bei dieser Show ein Gewinn in Höhe von einer Million Dirham (205 000 Euro). Die Gedichte müssen in klassischem Arabisch verfasst und vorgetragen werden. Das ist bei der ebenfalls sehr beliebten zweiten Lyrikshow des emiratischen Senders anders – die Teilnehmer von «Dichter für Millionen» tragen ihre Verse im Dialekt vor. In den beiden Shows, die seit drei Jahren ausgestrahlt werden, hat noch nie eine Frau gewonnen. / Borkener Zeitung

39. Exakt und detailverliebt

Macht die Reduktion Altmann zu einem „altmodischen“ Dichter? Nein, tut sie nicht, und sein Verzicht auf Experimente und Anglizismen stört mich nicht, vielmehr erfreue ich mich an dem, was seine Kunst zu einem Großteil ausmacht: Die Wiedergabe einer subjektiven Realität in Einzelbildern und Einzelheiten, aus denen er ein Ganzes zu formen vermag. Altmann transkribiert eine Momentaufnahme, ist dabei exakt und detailverliebt, gibt wieder und eröffnet Räume, hat aber gleichzeitig genug Vertrauen in seine Leserschaft, um sie nicht über die Schwelle schubsen zu müssen. / Stefan Heuer, Titel

Andreas Altmann: Das zweite Meer. Gedichte.
Poetenladen 2010. 96 Seiten. 15,80 Euro.

38. Bild und Gedicht

An die Seite ihrer Bilder hat die Künstlerin Christiane «Moni.K» Wilbers-Gonell jetzt selbst verfasste Texte gestellt. In ihrem Atelier im alten Ortskern von Heldenbergen zeigte sie eine Auswahl ihrer Bilder zum Thema «Lust und Liebe» – ergänzt und vertieft durch Texte und Gedichte. «Ich mag es, wenn Gemaltes und Lyrisches zusammentreffen», sagt Wilbers-Gonell. Erst danach habe sie das Gefühl, das Bild sei vollständig.

«Wenn Bilder Worte reden, lassen sie ihre Gedanken frei», sagt sie. Während sich ihre Bilder auf der Leinwand nach und nach entwickelten, «beginnen meine Gedanken zu fließen», erklärt die Künstlerin. Nach Fertigstellung des Bildes schreibe sie das Gedicht dazu. / Frankfurter Neue Presse 10.12.

 

37. Buchkalender des Hausacher Dichters José Oliver

Jeder Monat wird in einem Foto im Bild vorgestellt, das Oliver ausgesucht und als Inspiration für ein Gedicht benutzt hat. Wie das Jahr mit jedem Monat wächst, nimmt auch die Zeilenzahl dieser Gedichte immer jeweils um eine Zeile zu. Der befreundete Übersetzer François Mathieu (Hermann Hesse und Oliver unter anderem) hat die Gedichte ins Französische übertragen, so dass Zweisprachigkeit, auch so ein Thema des alemannischen Andalusiers Oliver, ebenfalls angesprochen ist. / Badische Zeitung 10.12.

36. Salon der arabischen Literatur

Das arabische Kulturzentrum in der belgischen Hauptstadt veranstaltet auch in diesem Jahr einen arabischen literarischen Salon, vom 9. bis 11.12. Unter dem Thema „Fitna“ werden Theateraufführungen, Lesungen und Rundtischgespräche stattfinden.

Gespräche über die Lyrik gestern und heute finden in einem Brüsseler Café nach dem Beispiel der von Bayt Al-Qassid jeden Montag in einem Café in Damaskus organisierten Runden statt.

Wie der Direktor des Salons, der belgisch-marokkanische Dichter Taha Adnan, erklärte, gehe es bei einer Reihe von Konzerten um den Versuch eines Dialogs zwischen dem geschriebenen Bild und dem instrumentalen Klang. / casafree.com 6.12.

Wikipedia gibt Nachhilfe:

Fitna (‏فتنة‎, „schwere Prüfung, Rebellion, Bürgerkrieg“) hat mehrere Bedeutungen:

  • ein Begriff in der Geschichte des Islams, siehe Fitna (Islam)
  • ein antiislamischer Kurzfilm des niederländischen Parlamentsabgeordneten Geert Wilders, siehe Fitna (Film)

 

35. Mythos Mácha

Der tschechische Dichter Karel Hynek Mácha wurde vor 200 Jahren geboren und ist heute populärer denn je

Seit Jahrzehnten kommen tschechische Schüler an seinem Gedicht „Máj“(Mai) nicht vorbei. Über 170 Jahre nach Karel Hynek Máchas Tod scheint der bedeutendste tschechische Dichter der Nationalen Wiedergeburt (Národní obrození) populärer denn je zu sein. Wie kein anderer Dichter ist er im Bewusstsein der Tschechen verankert.

In der Schule hatte sie natürlich Mácha durchgenommen, erzählt Hanka Vorálková, „in der Grundschule und im Gymnasium. Ich glaube, wir mussten den ,Máj‘ auch auswendig lernen. Das ist das Gedicht, das jeder Tscheche kennt oder von dem zumindest jeder weiß, dass es existiert“, erzählt die 24-jährige Studentin.

 

Den gesamten Artikel können Sie in der Druckausgabe der Prager Zeitung oder in ihrem ePaper lesen.

 

34. Goncourt für Lyrik

Guy Goffette (63) erhielt den diesjährigen Prix Goncourt für Lyrik. Die Jury würdigt damit sein Gesamtwerk, das etwa 20 Gedichtbände, aber auch Romane und Essays umfaßt. Es ist der erste größere Preis für den in Frankreich lebenden Belgier. / LEXPRESS.fr 8.12.

 

Neben dieser Kurzmeldung enthält die Seite des Express Links zu Kritiken, Interviews und einem Textauszug.

 

33. Poet Ilya Kaminsky Appointed Director of Harriet Monroe Poetry Institute

Will lead Poetry Foundation’s ‘think tank’ for two-year term

CHICAGO — The Poetry Foundation, publisher of Poetrymagazine, is pleased to announce the appointment of Ilya Kaminsky as the new director of the Harriet Monroe Poetry Institute (HMPI). Kaminsky—a poet, critic, and translator—will begin his tenure on January 1, 2011. He succeeds inaugural HMPI director Katharine Coles.

Born in Odessa, in the former USSR, Kaminsky came to the United States in 1993. He is the author of Dancing in Odessa(Tupelo Press, 2004) and currently teaches poetry and comparative literature at San Diego State University, where he will continue to serve as director of the MFA Program in Poetry and remain a tenured associate professor in the Department of English and Comparative Literature.

The HMPI was created in 2008 to provide a space in which fresh thinking about poetry, in both its intellectual and its practical needs, could flourish. HMPI is an independent forum, free of any allegiance other than to the best ideas. The Institute exists to identify and support solutions to benefit the art form in general. By convening poets, scholars, publishers, educators, and other thinkers from inside and outside the poetry world, it addresses issues of importance to the art form of poetry.

Under Coles’s leadership, the HMPI released the report Poetry and New Media, which brought together poets and publishers, as well as experts in law, technology, and media, to examine access to poetry. In January 2011, the Institute will issue theCode of Best Practices in Fair Use for Poetry, a project in partnership with the Center for Social Media at American University that codifies recommendations for fair use of copyrighted poems in specific instances. In addition, in spring 2011, the HMPI will publish an anthology of essays on community-based poetry programs; contributors to the volume include Elizabeth Alexander, Robert Hass, and Dana Gioia, among others.

As the director of the HMPI, Kaminsky will be responsible for a full range of Institute activities, including collaborating with members of the poetry community and innovators from outside the community; commissioning and overseeing original research to support issues related to poetry; seeking a vigorous presence for poetry in our culture; and promoting partnerships, programs, and projects that will benefit poetry as an art form.

“The Institute is a protean organization—its projects arise from the interests and needs of the poetry community, and each project takes on its own necessary shape,” said Coles. “Ilya is the perfect person to carry this work into its second phase: he’s visionary, energetic, and adaptable. I’m delighted to be handing him the reins.” Added Poetry Foundation president John Barr: “We can’t wait to see in what new directions Ilya will take the Institute. He is the ideal appointment.”

Kaminsky was featured in the March 2010 issue of Poetry in a  discussion on poetry translation with critic Adam Kirsch.

Ilya Kaminsky and Katharine Coles are available for interviews. Please call 312.799.8016 to schedule a time to speak with them.

32. Der „Kölsche Hölderlin“

Dieses Mal geht es um den Dichter Joh. Theodor Kuhlemann (1891 – 1939), genannt Ithaka oder der „Kölsche Hölderlin“, der seit Ende des Ersten Weltkriegs in der Rodenkirchener Maternusstraße wohnte und gerne und oft gesehener Gast im „Treppchen“ war.

„Die Welt ess klein un Kölle groß“ – das ist Kuhlemanns Devise. Der kölsche Poet, ein Freund des berühmten Brühler Malers Max Ernst, hat mit seinen Dichtungen das Lebensgefühl und die Sprache Kölns geprägt. / rodenkirchen.de