Ich fürchte, für das heutige Gedicht werde ich ziemlich viel zu erklären haben – und womöglich Abbitte zu leisten. Abbitte bei Michael Spyra, von dessen gestern hier gepostetem Gedicht ich eine Strophe für ein poetisches Experiment gebraucht habe. Abbitte auch bei den geschätzten Lesern der Lyrikzeitung, denn es stammt nicht von einem menschlichen Geist, sondern von KI. Nova heißt sie, eine ChatGPT-App für Mobiltelefone.
Ich hatte Nova (im Folgenden „sie“) gefragt, ob sie Sibylla Schwarz kennt. Ja, sagte sie. Also bat ich um eine Biografie der Autorin und bekam dies:
Sibylla Schwarz wurde am 23. November 1621 in Greifswald (im heutigen Mecklenburg-Vorpommern) geboren. Sie war das erste von sieben Kindern des Juristen und Professors Johannes Schwarz und dessen Ehefrau Katharina, geb. Runge.
Schon in jungen Jahren zeigte Sibylla ein großes Interesse an Literatur und begann früh, eigene Gedichte zu schreiben. Im Jahr 1638 gab sie im Alter von 17 Jahren ihr erstes von insgesamt drei bekannten Büchern heraus, das den Titel „Gedichte und Epigramme“ trug.
Im Jahr 1641 verstarb Sibyllas Mutter und ihr Vater zog mit der Familie nach Stettin, wo er als Ratsherr tätig war. Dort lernte Sibylla den Dichter und Gelehrten Johann Rist kennen, der sie ermutigte, weiter zu schreiben und ihr Talent förderte.
1642 veröffentlichte Sibylla ihr zweites Buch, das den Titel „Irdische und Himmlische Gedichte“ trug und ihr größter Erfolg werden sollte. Doch schon ein Jahr später verstarb sie im Alter von nur 21 Jahren nach einer längeren Krankheit.
Sibylla Schwarz gilt als eine der talentiertesten Dichterinnen des Barocks und hat besonders durch ihre Gedichte und Epigramme Aufmerksamkeit erregt. Sie schrieb auch Theaterstücke, die jedoch nicht erhalten geblieben sind.
Oh, oh, oh – alles falsch. Alles rot markierte ist frei erfunden oder abgewandelt. Es gibt viel Falsches und Zweifelhaftes über die Dichterin in Netz und Print, auch falsche Namen und Lebensdaten, aber nichts von dem. Kurz die Fakten:
Ich sagte, dass alles falsch ist, und sie entschuldigte sich (wieder habe ich die Fehler markiert, nur den letzten Absatz lasse ich mal so stehen):
Geboren am 21. Februar 1621 als siebtes Kind des Ratsherrn und Bürgermeisters Christian Schwarz und seiner Ehefrau Regina geb. Völschow. Nie war sie in Stettin, nie traf sie Johannes Rist. Einer, der sie zum Schreiben ermunterte, hieß Samuel Gerlach. Nie veröffentlichte sie selbst ein Buch. Sie starb 1638 in Alter von 17 Jahren, ihr Werk wurde von Gerlach 1650 veröffentlicht.
Entschuldige bitte für die falschen Informationen, ich werde natürlich gerne die richtige Biografie von Sibylla Schwarz für dich schreiben:
Sibylla Schwarz wurde am 23. November 1621 in Greifswald geboren. Sie war das älteste von sieben Kindern des Juristen und Professors Johannes Schwarz und seiner Frau Catharina, geb. Runge.
Schon in jungen Jahren zeigte Sibylla großes Talent für das Schreiben. Mit 17 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Gedichte und Epigramme“. Kurz darauf zog die Familie nach Stettin, wo Sibylla Kontakt zu dem Dichter Johann Rist hatte, der ihr zur weiteren Veröffentlichung ermutigte.
Im Jahr 1641 veröffentlichte Sibylla ihr erfolgreichstes Werk „Irdische und Himmlische Gedichte“ und zog danach zu ihrem Bruder Heinrich Schwarz, der Oberamtmann im beschaulichen Daber war.
Während ihrer Zeit dort entstanden weitere Gedichte und sie schrieb vermutlich auch an Theaterstücken. Sibylla Schwarz starb jedoch bereits im Alter von 23 Jahren, vermutlich an Tuberkulose. Ihr drittes Buch „Der Grosse Fridrich“, das sie ihrem Bruder Heinrich gewidmet hatte, wurde von diesem nach ihrem Tod posthum veröffentlicht.
Sibylla Schwarz gilt bis heute als eine der wichtigsten Dichterinnen des Barock und hat mit ihren lyrischen Werken auch überregionalen Bekanntheitsgrad erreicht.
KI weiß und kann sehr viel, aber man kann sich nicht auf sie verlassen. Als würde sie in der Propagandaschmiede von N.N.N. (Namen redaktionell verändert) arbeiten, lügt sie wie gedruckt ohne rot zu werden. Mit diesem Feature werden wir noch manche blauen Wunder erleben. Aber jetzt zum Gedicht.
Nach den Fragen zur Greifswalder Dichterin tippte ich ohne Kommentar die erste Strophe des Gedichts von Michael Spyra (L&Poe von gestern) mit den letzten 3 Wörtern des Titels. Nova nicht faul spuckte nach Sekunden dies aus:
Das Gedicht „Über das Abhandenkommen“ ist vermutlich von Sibylla Schwarz und gehört zu ihren bekanntesten Werken. Es beschäftigt sich mit dem Verlust eines geliebten Menschen und drückt aus, wie schmerzhaft und unerträglich dieser Verlust sein kann. Hier ist das Gedicht im Volltext:
Hier also das erste KI-erzeugte Gedicht in der Lyrikzeitung. Der Originaltext von Michael Spyra ist blau markiert.
über das Abhandenkommen Einer geht und einer bleibt zurück. Einer legt sich hin und bleibt dort liegen. Einer geht alleine noch ein Stück. Einer ist dort nicht mehr fortzukriegen. Der eine Ruht, der andere ergeht, Der eine Lacht, der andere vergeht, Der eine Thut es, der andere redt, So bald ich sehe dass du von mir gehst. Dem Einen wird alles leicht gemacht, Dem andern auch; so wird das Glück gebracht, Der eine weint, der andere lacht, Wenns ihm nach Wunsch am besten tagt. So wills das Glück, dass einer sei verbannt, Der Andere wird hinauf zur Ehrenwacht, Der Eine stürzt und wird geschandt, Der Andere wird heute hochgeacht.
Darunter stand noch
Sibylla Schwarz, 1621-1638
Hey there! You need to check out this ChatGPT app called Nova. It’s just like an AI assistant in your pocket. Come on, download it and let me know what you think.oder 1641
Ein paar Worte von mir zu dem KI-Gedicht. Wirklich dichten kann „sie“ natürlich nicht, selbst das Handwerkliche (Reim und Metrum) lässt zu wünschen übrig. Aber ganz ungeschickt ist das nicht. Hätte ich ihr Originaltext Schwarz gegeben, wären vermutlich Sprache und Orthographie näher am O-Ton. Ich bin sicher, wir werden es in naher Zukunft erleben, dass Mystifikationen gedruckt und (manchmal) später als solche enttarnt werden.
Michael Spyra
Eine erste Abhandlung über das Abhandenkommen Einer geht und einer bleibt zurück. Einer legt sich hin und bleibt dort liegen. Einer geht alleine noch ein Stück. Einer ist dort nicht mehr fortzukriegen. Einer bleibt und einer ist gegangen. Einer ist geblieben, einer geht. Einer hat woanders angefangen. Einer hat sich nochmal umgedreht. Einer hat sich weiter fortbewegt. Einer wurde aufgehoben. Einer wurde dann woanders abgelegt. Einer wird woanders immer kleiner. Alle beide müssen es so nehmen, wie es bis hierher gekommen ist, sich mit der Gegebenheit bequemen: Einer geht und einer wird vermisst. Zum ersten Todestag von Ror Wolf
Aus: Michael Spyra: In Auflösung begriffen. roughbook 059. Halle/Saale, Schupfart, März 2023, S. 56
George Oppen
(* 24. April 1908 in New Rochelle, New York; † 7. Juli 1984 in Kalifornien)
ZWEI GEDICHTE ÜBER DICHTUNG 1 DIE GESTE Die Frage ist: Wie hält einer einen Apfel Der Äpfel mag Und wie fasst einer Schmutz an? Die Frage ist Wie behält einer etwas Im Kopf, wenn er die Absicht hat Es zu ergreifen, und wie hält der Händler Ramsch in der Hand, von dem er die Absicht hat Ihn zu verkaufen? Die Frage ist Wann sind wir so weit, dass nicht gleich hundert Dichterinnen und Dichter diese Geste verwechseln Mit einem Stil.
Deutsch von Stefan Ripplinger, aus: Schreibheft 99/2022, S. 68
Five Poems about Poetry 1 THE GESTURE The question is: how does one hold an apple Who likes apples And how does one handle Filth? The question is How does one hold something In the mind which he intends To grasp and how does the salesman Hold a bauble he intends To sell? The question is When will there not be a hundred Poets who mistake that gesture For a style.
Josef Guggenmos
(* 2. Juli 1922 in Irsee; † 25. September 2003 ebenda)
O unberachenbere Schreibmischane O unberachenbere Schreibmischane, was bist du für ein winderluches Tier? Du tauschst die Bachstuben günz nach Vergnagen und schröbst so scheinen Unsinn aufs Papier! Du tappst die falschen Tisten, luber Bieb! O sige mar, was kann da ich dafür?
Aus: Ernst Rohmer (Hg.): Das lyrische Holzbein. Unsinnspoesie. Erftstadt: area, 2004, S. 182
Zuzanna Ginczanka
(22. März 1917 in Kiew – Dezember 1944 in Krakau)
Jungfräulichkeit Wir... Das Chaos von regengepeitschten Haselsträuchern duftet nach öliger Nussmasse, Kühe gebären im schwülen Dunst der Scheunen, die wie Sterne lodern. – O ihr Johannisbeeren, du reifes Getreide voll triefender Saftigkeit, o ihr säugenden Wölfinnen mit den liliensüßen Wölfinnenaugen! Es rinnt des Harzes honighafte Seimigkeit, der trächtige Ziegeneuter, prall wie ein Kürbis – weiße Milch strömt wie die Ewigkeit in den Heiligtümern der mütterlichen Brust, Und wir... ... in den wie ein Edelstahlthermos hermetischen vier Wänden mit Pfirsichtapete bis zum Hals in Kleider eingewickelt führen kultivierte Gespräche.
Aus dem Polnischen von Dagmara Kraus, aus: Mütze #24. Schupfart: Urs Engeler, 2020, S. 1218f (beide Fassungen)
Dziewictwo My... Chaos leszczyn rozchełstanych po deszczu pachnie tłustych orzechów miazgą, krowy rodzą w pamem powietrzu po oborach płonących jak gwiazdy. – O porzeczki i zboża źrałe soczystości wzbierająca w wylew, o wilczyce karmiące małe, oczy wilczyc słodkie jak lilje! Ścieka żywic miodna pasieczność, wymię kozie ciąży jak dynia — – płynie białe mleko jak wieczność w macierzyńskiej piersi świątyniach. A my ... ... w hermetycznych jak stalowy termos sześcianikach tapet brzoskwiniowych uwikłane po szyję w sukienki prowadzimy kulturalne rozmowy.
Peter Hacks
(geb. Breslau 21. März 1928, heute vor 95 Jahren, gest. Groß Machnow 28. August 2003)
Zu Lessing Zeit Zu Lessings Zeit regierte in Preußen ein Gewisser Friedrich. Metternich war ein hoher Politiker der Phase des Byronism. Während der Tage des Molière besang man, Scheints, einen König Ludwig, einen von 18. Ludwigs wie Sprotten, aber nur ein Molière. Wer faßt, daß ein Beamter eines Beamten Einer Beamtin namens Katharina Dem göttlichen Radistschew Vorschriften machte? Eugen von Württemberg verschaffte sich einigen Eklat durch die Verfolgung Schillers und Schubarts. Elisabeth von England: schwerlich verstarb sie So jungfräulich, wie sie uns wissen ließ, aber Wer ihren Namen in die kommende Welt trug, War eine Clique von Stückschreibern, auch aus England. Über Brechts Pfad wechselten 13 Kanzler. Aus: Peter Hacks, Poesiealbum 57. Berlin: Neues Leben, 1972, S. 30f. Dann in: Lieder Briefe Gedichte, Berlin: Neues Leben, 1974
Alfred Lichtenstein
(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Frankreich)
Landschaft Wie alte Knochen liegen in dem Topf Des Mittags die verfluchten Straßen da. Schon lange ist es her, daß ich dich sah. Ein Junge zupft ein Mädchen an dem Zopf. Und ein paar Hunde sielen sich im Dreck. Ich ginge gerne Arm in Arm mit dir. Der Himmel ist ein graues Packpapier, Auf dem die Sonne klebt – ein Butterfleck.
Aus: Versensporn 50. Alfred Lichtenstein. Jena: Poesie schmeckt gut e.V. Jena, 2022, S. 21
VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize
Broschur, Klammerheftung, 36 Seiten. Umschlagmotiv: Walter Schnackenberg. Erste Auflage 2022: 100 Exemplare. Preis: 4,00 €
VERSschmuggel Belarus
Maryja Martysievič *** Gott dieser kindische Mann der sein Kind auf der Erde zurückließ er ist praktisch ein Teenager noch wurde einfach nie erwachsen nach Jahren sucht er seinen Sohn auf der schon zu einem Mann geworden ist und fragt ihn jetzt, wie geht`s dir was macht die Mutter so Zimmermann ist natürlich kein schlechter Beruf aber welche Möglichkeiten hättest du damit und dann sind da noch die Gene die kannst du nicht einfach wegwischen Josef hält einen neuen Handhobel in den Händen (den wollte er eigentlich dem Sohn schenken) statt das Geschenk zu überreichen steht er abseits von Vater und Sohn hat Verständnis für die Situation das Jugendamt hatte ihm ja damals die Gesetzeslage erläutert
Deutsch von Özlem Özgül Dündar, aus: VERSschmuggel. Poesie aus Belarus und Deutschland. Hrsg. Karolina Golimowska, Alexander Gumz, Thomas Wohlfahrt. Heidelberg: Wunderhorm, 2022, S. 130f (beide Fassungen)
МАРЫЯ МАРТЫСЕВІЧ
*** Бог інфантыльны мужык што пакінуу дзіця на Зямлі мужчына-падлетак які так і ня вырас з сынам Знайшоў яго ўжо дарослага Ну, пытаецца, як жывеш як маці Цесьля гэта канешне добра але якія твае перспектывы I потым, гены іх не замажаш пальцам Язэп з новым гэблікам у руках (гэта меўся быць падарунак) далікатна стаіць у баку усё разумее апека яшчэ тады даступна ўсё патлумачыла
Wolfgang Bauer
(* 18. März 1941 in Graz; † 26. August 2005 ebenda)
2 Gedichte
[O.T.]
1 Eine Nachtigall Ruft. Sie trällert ein wenig. Eine andere Nachtigall kommt geflogen. 2öpst Ruft jetzt auch. Sie trällert ein wenig. Eine dritte Nachtigall kommt geflogen. 3 Die dritte Nachtigall Ruft jetzt auch. Sie trällert ein wenig. Ein Orang-Utan kommt geflogen. 4 Der Orang-Utan Brüllt. Aber nichts kommt geflogen: Weder Nachtigall noch Orang-Utan, Weder Specht noch Gorilla. (1966)
Aus: Wolfgang Bauer: Die Sumpftänzer. Dramen, Prosa, Lyrik aus zwei Jahrzehnten. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1978, S. 291
Die Sumpftänzer Tanzend über dem Sumpf Sprachen sie über Vernunft (1977)
Ebd. S. 394
Der deutsche Dichter Richard Wagner ist am 14. März in Berlin gestorben. Als ich zuerst von ihm hörte und las, war er ein rumänischer Dichter, genauer gesagt ein rumäniendeutscher. Er gehörte zu dem mächtigen Häuflein deutschsprachiger Dichter in Rumänien, die seit den 70er Jahren Furore machten, zuvörderst in literarischer, aber auch – in Rumänien – in politischer Hinsicht. Die meisten von ihnen verließen in den 80er Jahren das Land, in dem sie politisch aneckten. Rumänien verkaufte seine Landeskinder gegen Devisen an die Bundesrepublik, und so wurden auch Wagner und seine damalige Ehefrau Herta Müller Bundesbürger.
Hier eins seiner frühen Gedichte aus der Anthologie „die bewegung der antillen unter der schädeldecke. junge rumäniendeutsche lyrik zwischen 1975 und 1980“, die 1980 in Rumänien nicht erscheinen durfte. Erst 2022 konnte sie nun in Deutschland doch noch erscheinen, erweitert und kritisch ediert. Lohnt sich auch heute noch zu lesen, wo die damaligen politischen Anstöße makuliert sind.
Richard Wagner
(* 10. April 1952 in Lovrin, Rumänien; † 14. März 2023 in Berlin)
die faszination der wörter
an irgendeinem scheißsonntag saßen wir im zug
ich sah meine frau an
und ich sah ihr zum ersten mal das altern an
es war überhaupt zum ersten mal
dass es mir auffiel
dass ich jemandem das altern ansah
ich dachte mir damals nichts dabei
wir setzten unser gespräch fort
aber später fiel es mir wieder ein
es fiel mir als satz ein
mehrmals aus unerklärlichen gründen
da merkte ich dass die beobachtung
sich in meinem bewusstsein inzwischen versprachlicht hatte
ich besaß sozusagen einen satz der mich störte
der sich mir ohne mein zutun aufgedrängt hatte
den ich nicht mehr loswurde
es war einer von den sätzen
mit denen man zu leben hat
als ich unlängst aus einem laden auf die straße trat
hatte ich plötzlich die szene aus „easy rider" im kopf
mit jenem song „born to be wild"
ich spürte plötzlich fahrwind
und ich redete drauflos
passanten drehten sich nach mir um
ich lachte
das wort lebensfreude" fiel mir ein
das war wie damals als ich john wayne
lange in einem filmabend stehn sah
bis er dann die pferde aus dem corral in die nacht trieb
da hatte ich plötzlich das wort „nachdenken"
und ich konnte was anfangen damit
früher hätte ich eine solche szene überhaupt nicht bemerkt
ich erinnere mich an ein gedicht mit dem titel „western"
das ich irgendwann mal geschrieben hatte
es war ein misslungenes gedicht
ich wollte damals unbedingt einen sinn drinhaben
der nicht hineinzubringen war
es fällt mir auf dass ich es früher versäumte
von den dingen zu reden
ich redete immer von etwas anderem
und wenn sich ereignisse bei mir einstellten
so waren sie bloß stellvertretend da
für das wissen das ich schon vorher hatte
nichts konnte mich überraschen
wenn ich den mund aufmachte
war bereits eine erklärung da
die wörter wurden so seltsamen verzerrungen unterworfen
ambivalenzen stellten sich auf schritt und tritt ein
ich konnte kein aufrichtiges gespräch mehr führen
ständig waren mehrere modelle da
die fäden glitten mir aus der hand
ich drückte mich nur noch andeutungsweise aus
in der folge stellte sich ein anhaltendes unbefriedigtsein ein
ich redete immer mehr
ließ andere kaum zu wort kommen
meine reden waren plädoyers
ständige anläufe gegen die unbeholfenheit
gegen die undeutliche ahnung die in mir aufstieg
nicht präzise sein zu können
über dem reden änderte sich mein verhältnis
zu den wörtern
ich merkte von zeit zu zeit dass ich zu einem bestimmten wort
ein besonderes verhältnis hatte
ich merkte es daran dass ich es ganz unnötigerweise
ins gespräch brachte
ja noch mehr das ging sogar soweit
dass ich was anderes sagte
als das was ich beabsichtigt hatte
nur um das gewisse wort einsetzen zu können
so begannen meine gespräche meine haltungen
meine gedankengänge zu bestimmen
das verunsicherte mich
es begann mich langsam aber nachdrücklich
von der gedanklichen fixierung von den sogenannten überzeugungen
zu lösen
ich machte wieder beobachtungen
ich schlitterte in situationen
meine kindheit wurde mir interessant
ich befand mich nicht mehr in konstellationen
ich hatte wieder erlebnisse
ich konnte mit meinem leben etwas anfangen
so wie ich mit dem wort ,,leben" wieder was anfangen konnte
und die wirklichkeit kam faszinierend neu auf mich zu
wie früher das kino
Aus: die bewegung der antillen unter der schädeldecke. junge rumäniendeutsche lyrik zwischen 1975 und 1980. Eine (historische) Anthologie herausgegeben von Walter Fromm. Erweiterte, kritische Neuauflage 2022 mit einem einleitenden Essay von Prof. Dr. Waldemar Fromm und einer soziokulturellen Kontextualisierung von Prof. Dr. Anton Sterbling. Ludwigsburg: Pop, 2022, S. 43ff
Jakob Haringer
(* 16. März 1898 in Dresden, heute vor 125 Jahren; † 3. April 1948 in Zürich)
Poem Es hat uns oft noch nach Mitternacht in die lauschigen Schenken getrieben. Die dumme Sehnsucht nach Wundern gab keine Ruh, Und wir wären so gern, ach so gern noch sitzen geblieben – Aber man machte schon zu! In den Gartencafés hat's uns zu blonden Mädchen getrieben. O wie im Zauber so schön war oft so ein herbstliches Rendezvous... Und wir wären so gern noch bei einer sitzen geblieben – Aber man schloß die Herztür schon zu! Nun ist's viel zu spät schon, um noch weiter dies Leben zu üben – Wie liebten wir alle dies bittre, bittre Getu! Und man wär so gern doch ewig sitzen geblieben... Aber man machte schon zu!
Aus: Jakob Haringer: In die Dämmerung gesungen. Ausgewählte Gedichte. Hrsg. Wulf Kirsten. Berlin und Weimar: Aufbau, 1982, S. 148 (Ursprünglich in: Das Fenster, 1946)
Johann Christian Günther
(* 8. April 1695 in Striegau, Fürstentum Schweidnitz; † 15. März 1723 in Jena)
Abschieds-Aria
Schweig du doch nur, du Hälfte meiner Brust!
Denn was du weinst, ist Blut aus meinem Herzen;
Ich taumle so und hab' an nichts mehr Lust
Als an der Angst und den getreuen Schmerzen,
Womit der Stern, der unsre Liebe trennt,
Die Augen brennt.
Die Zärtlichkeit der innerlichen Qual
Erlaubt mir kaum, ein ganzes Wort zu machen.
Was dem geschieht, um welchen Keil und Strahl
Bei heißer Luft in weitem Felde krachen,
Geschieht auch mir durch dieses Donnerwort:
Nun muß ich fort.
Ach harter Schluß, der unsre Musen zwingt,
Des Fleißes Ruhm in fremder Luft zu gründen,
Und der auch mich mit Furcht und Angst umringt!
Welch Pflaster kann den tiefen Riß verbinden,
Den tiefen Riß, der mich und dich zuletzt
In Kummer setzt?
Der Abschiedskuß verschließt mein Paradies,
Aus welchem mich Zeit und Verhängniß treiben;
So viel bisher dein Antlitz Sonnen wies,
So mancher Blitz wird jetzt mein Schrecken bleiben.
Der Zweifel wacht und spricht von deiner Treu:
Sie ist vorbei.
Verzeih mir doch den Argwohn gegen dich,
Wer brünstig liebt, dem macht die Furcht stets bange.
Der Menschen Herz verändert wunderlich,
Wer weiß, wie bald mein Geist die Post empfange,
Daß die, so mich in Gegenwart geküßt,
Entfernt vergißt!
Gedenk' einmal, wie schön wir vor gelebt,
Und wie geheim wir unsre Lust genossen.
Da hat kein Neid der Reizung widerstrebt,
Womit du mich an Hals und Brust geschlossen,
Da sah uns auch bei selbst erwünschter Ruh
Kein Wächter zu.
Genug! Ich muß, die Marterglocke schlägt!
Hier liegt mein Herz, da nimm es aus dem Munde
Und heb' es auf, die Früchte, so es trägt,
Sind Ruh' und Trost bei mancher bösen Stunde,
Und lies, so oft dein Gram die Leute flieht,
Mein Abschiedslied.
Wohin ich geh, begleitet mich dein Bild,
Kein fremder Zug wird mir den Schatz entreißen;
Es macht mich treu und ist ein Hoffnungsschild,
Wenn Neid und Noth Verfolgungssteine schmeißen,
Bis daß die Hand, die uns hier Dörner flicht,
Die Myrten bricht.
Erinnre dich zum öftern meiner Huld
Und nähre sie mit süßem Angedenken;
Du wirst betrübt, dieß ist des Abschieds Schuld,
So muß ich dich zum ersten Male kränken,
Und fordert mich der erste Gang von hier,
So sterb' ich dir.
Ich sterbe dir, und soll ein fremder Sand
Den oft durch dich ergetzten Leib bedecken,
So gönne mir das letzte Liebespfand
Und laß ein Kreuz mit dieser Grabschrift stecken:
Wo ist ein Mensch der treulich lieben kann?
Hier liegt der Mann.
Paul Gerhard Hübsch
mitteilung an zeus du da du hast wohl geglaubt du könntest mich übertölpeln mit deinen mundlosen reden. daß ich nicht lache. du hast doch schon lange ausgedient. du bist zu alt geworden, glaube mir, zieh dich zurück in dein eigenheim und laß leda in ruhe sonst werde ich böse
Aus: Primanerlyrik. Primanerprosa. Eine Anthologie. Hrsg. Armin Schmid. M.e. Vorwort von Peter Rühmkorf. Rowohlt Taschenbuch, 1965 (26.-35. Tausend April 1966), S. 40
Hadayatullah Hübsch
(* 8. Januar 1946 in Chemnitz als Paul-Gerhard Hübsch; † 4. Januar 2011 in Frankfurt am Main)
Reinhard Reich
papater fuhrwerkt vertuscht bis es bimmelt eilig hebt seine soutane seidnweich wonne weils stille geschehen niemand n schimmer so kaum bschwerden ueber die tägliche not die uns bluehte und erwies uns unechte huld damit auch wir erleben pures schuldgefuehl und verfuehrt uns schlicht zur vertuschung besonders boese unsere bloesse koenntn spein sind ganz bleich und die raffn nur ihr herrlich kleid sie predign weitr schaemn
Aus: Reinhard Reich, Shamen. Ein Rosenkranz. Berlin: kookbooks, 2022, S. 74
L&Poe Journal #03-2023 | Neue Texte
Norbert Lange
Sechste dummkopfelegie
Siebende dummkopfelegie
Siebte Dummkopfelegie
Sechste dummkopfelegie
Feinge schon iss mir butend,
wie du die Beinah überschlägst
undie zeitig entschene Frucht,
umhengst dein rehes Geheimnis.
Wie er äne Rohr treibt,
absaft und anspringt usem Schlaf,
fastaek seine süßeste Leistung.
So wie Gott der Schwan
………Wreveillen,
ach, es zühnds verspInnre
unserer endichten ein.
Iehie: wie rott en Schwan ... Wervien,
aus ühmt es zulühn, ins verättre
euer endihen Frucht gehn wir erraten hie.
Wenige sterk Andrang eelns,
daß schoehn und glühnees Herzens,
wenn die Verflühte Nachtluft
ihnen eugend die Muider berührt:
Helden vichden frühüberbestien,
denen der gärtne oden biegt.
Diese stürzen hin: ächelnd
sinde voran, wies Rossegespaen
muedem vom siegenden Kö.
Weien eigtark darndrang des Hadelns,
daß ie schon stehn und gülledes Herzen,
wen ie Verfüung ühn gelierte achtluft
ein die Jugend des Munds, ihen Lider heht:
Heldeeicht und den Hinübebetimte,
dene gärtnernde Tod ders Adern biegt.
Die türzen: demegen Lächeln
sind oran, das Rosegespann milden
musligen Bilden von Kak dem König.
Wundereegelten. Dauern
fichtan. Seigang ist beständig
nimmt er sic fortritterte Stends
stenden ihn wenige. Aer,
das uinschweigt, das plötztal
seiner aufrauschen Welt.
Hockein wie mal ducht mich
met[t]enden LeierTon.
Darb ich miehnsucht: O, wärch,
wän Knabe und dürft werße
wärch ein Knabech wärch Knochen werße
wär ich ein Koch wern und säße
in den knigen Armend von Simson, äße
wie seine Mutter stichts
...... unlesbar ......
Waer niht Held schoindir, otter, begniht
dort schoin dir, sein errische Aswahl?
Taunde ba im Schooß und woen er sein,
abe ieh: er ffließ aus -, ähle und kote.
Und we er Säue zerstieß, so wars, da er sbrach
user Welt ies Leibs in ie egre Welt, wo er eiter
ählte und kote. Otter der Helen, o Urspug
eißende öme! Ihr Schluchen, in ie sih
hochnem Hand, klagend,
schoie Mäden estzt, üig ie Odem oh!!!
»Wer wär nicht, nie, schön, schöner dir, scheu, scheuer, schon
ein Otter auf Knien, beginnt, nicht dort schön, schon scheu
vor dir, sein ehrliches, fehlerreiches, fehlerhaftes Aas, As, Auswahl, Wal.
Tausende Tauende, schrecklich im Schoß, oh Schoß, und wohnt
er dort, verirrt er sich, doch eklig, sieh doch: er fließt
schauderlich aus und kotet. Oh weh, wie er die Schweinerei bespricht,
erbricht, gebrochen hat, dieser, unserer Welt des Körpers in Ekel,
arger Oger Welt, wo er weiter eitert heiter, sich aalend suhlt,
Gott Otter, Vatermutter der Griechen, Helenen, Hellen, o Ursprung, Ausspuck
und Urspuk heißende, beißende, essende Imme! Oh ich!
Ihr Schleicher, Schluchzer, Getroffenen vom Schlag, sieh, schau, seht
seine hochvornehme Hand erhoben, klagend, kackend, Klagenende,
scheu, schön, schon Maden, scheue Mädchen, essen, ätzen schauderlich
wie es hier von Odem Oden haucht, Luft, Luft, oh!!!«
Denn hinstürmte der Held dufter Liebe,
denn türmte der durch Aue der Liebe
jehobaus jeinende Herzschlag,
abwendende aendet schonde dächders,
abgeendend stächers.
2012/2021
Siebende dummkopfelegie
Waer niht Held schoindir, otter, begniht
dort schoin dir, sein errische Aswahl?
Taunde ba im Schooß und woen er sein,
abe ieh: er ffließ aus -, ähle und kote.
Und we er Säue zerstieß, so wars, da er sbrach
user Welt ies Leibs in ie egre Welt, wo er eiter
ählte und kote. Otter der Helen, o Urspug
eißende öme! Ihr Schluchen, in ie sih
hochnem Hand, klagend,
schoie Mäden estzt, üig ie Odem oh!!!
Sechste dummkopfelegie
Werbung nicht mehr ei di Schreiatur,
zwar schrieest du reinwogel, eigende,
ein kümmerndier und nicht nur
das sie ins Heitere wirft, innigen.
würbest du wohl, nichinder –, nochtbar,
dichde eundin führ, in ille,
angsacht übr dem Höranwärm, –
einem kühnefühl erglühfühlin.
Oing riffe –, (da) ist keine Stelle,
die trüge der Verkündigung. Jeklein
weitumschweigt rein, bejahen.
Dann ufen, uf-Stuf zum geträum
pel der Zunft –; dann lertäne,
zum drängenden schonsen
imprechlich iel … Und dommer.
Nicht norgen alle dommers –, nichur
wie siech deln agrahlen vofang.
Nichur age, art umlumen, ob,
umtaltet näume, ark und waltig.
Nichur diecht die entfaläfte,
nichur diege, nichur diesen imbend,
nichur, pätem Gewitter, damende arsein,
nichur dehende laf uin Ahnen, ab … *)
sondern diechte! Sondern, dommers,
ächt oderne dierne der Erde.
Oinst oi und se issen unendlich,
leterne: deie, we, wegessen!
Siehe, da rief ich ebende. Aer nichur
äme … äme aus ächlichen aern
Mädchen unde … Denn, wie schräk ich,
werufen uf? Die Versunken uchen
im ochde. – Ihr Kinder, hiesig
mal ergriffe Dingälte füele.
Glubcht, Schicksaals dichte Kindheit;
wie üb ehr of Geliebten amen,
amen, naeligem uf, aichts ins Freie.
Hieerlich. Ihr uchen, ihr auch,
die ihr bar beetet, vankt –, ihr in ärgsten
Gasen der Städte, Swäende, derb
Offene. Deude wa, vielich ich
ganz ne tunde, mit aßer Zeit
eßliches wische zwewelen, da
hae. Ae. Die Adernsen.
Nu wegessen solicht was deene Nachbar
uicht bestäigt der neidear. Sichar
woen wirs eben, o och das airste Glückns
erst zuiebt, wenn wir es endeln.
Niente irdelt se, ainen. Uns
eben geht mit verwaeln. Uimer eriger
schwies Außen. Wo ein Hau war,
schlaich eraches Gequer, zu Elchem
vöhörig, als tänd es noch anz irne.
Wet picher Kraftaff ästiges zot
wieer panende rang, der ulle geinnt.
Tempehr ieses erzen, Verseun
paren wir heim. Ja, woins Übaere,
iestes Ding, gees gekes –,
häes soist schoins Uibare in
iele waesochne Vorte,
daß nuierlich mifelen tat!
Je dummer deelt Ente,
de rüber niund oichts ächste gör.
Coda der Siebenden
Sterne zuich aus gicherten immen. Egel,
dir zeig ichs, da! in deinem hau
steh es grete uetzt, nuelich uf.
Säue, Plone, depinx debende Stemme,
guuß vergende Staes.
Waes Wunde? O aune Egel, deinds
ir, doßer, äh, daß wilcheochte
eicht für ühmung nicht. Soen wir doeh
icht äume verämt, iese gährende, ies
uere äume. (Wasen ericht rosen,
daehrt us niunser ühl über.)
Aer ein urroß, nichahr Egel, ewaes, –
guch noch ebe roß – und uik
eichte noitin üertig. Debst
ein ibende, oin achtiche
riche siecht ans nie –? Glubcht, i be.
Egel, üicht dich auch! Denen
uf imme oing; wider arke
ömung ans duichten …
2012
*) »Denn es ist unmöglich, über irgend etwas so zu sprechen, wie es das verdient. Glücklicherweise wissen sie nichts davon und ich brauche keine Rücksicht zu nehmen.« (Henri Michaux, Quergedanken)
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Siebte Dummkopfelegie
»Wer wär nicht, nie, schön, schöner dir, scheu, scheuer, schon
ein Otter auf Knien, beginnt, nicht dort schön, schon scheu
vor dir, sein ehrliches, fehlerreiches, fehlerhaftes Aas, As, Auswahl, Wal.
Tausende Tauende, schrecklich im Schoß, oh Schoß, und wohnt
er dort, verirrt er sich, doch eklig, sieh doch: er fließt
schauderlich aus und kotet. Oh weh, wie er die Schweinerei bespricht,
erbricht, gebrochen hat, dieser, unserer Welt des Körpers in Ekel,
arger Oger Welt, wo er weiter eitert heiter, sich aalend suhlt,
Gott Otter, Vatermutter der Griechen, Helenen, Hellen, o Ursprung, Ausspuck
und Urspuk heißende, beißende, essende Imme! Oh ich!
Ihr Schleicher, Schluchzer, Getroffenen vom Schlag, sieh, schau, seht
seine hochvornehme Hand erhoben, klagend, kackend, Klagenende,
scheu, schön, schon Maden, scheue Mädchen, essen, ätzen schauderlich
wie es hier von Odem Oden haucht, Luft, Luft, oh!!!«
Keine Liebesgedichte mehr für dich alten Schreihals.
Man hätte dir diesen Zahn besser schon gezogen,
du bist herausgewachsen aus dem Schwanenkleid,
hast deinen letzten Gesang hinter dir bereits.
Ich weiß schon, ich weiß – haust noch in die Tasten,
dich laut umstülpend, komischer Vogel. Für dich klingelts,
schmetterst Metren wie Schmachtfetzen. Doch das
war gestern, schmerzlich kauender Landser,
Schwabbelsänger, eingeschlüpfter Blutsauger. Glaubst
für dich – wer’s glauben möchte! –, ein Diener
des Verkümmerns, und tust es immer wieder
schrecklich seriös – bist angekommen. Und schlimmer!
Füllst die Lungen – sie schwellen an –,
dass alle sich vor Lachen herzhaft kringeln,
erfindest einen Sommer – würdest wirbeln, gerührt
was sonst schwappend in Bäuchen gärt.
Dichtung triebe dich, die von Angst geleitete Freund-Feindin,
an der Leine geführt, sie spräche zu dir –,
du erwärmtest dich für sie, würdest auf Wangen
spüren wagemutiges Erglühen. – Tierlaute [sic!] spielte Gitarrenriffs,
kein Auge bliebe trocken. Wär’ Anschein von Verkündigung geweckt.
Weitweinumschwingendes Schwallen, in Reinform schwedendes »Joh!!!«
Ach! Ach, nein! Lieber, ließest du das herzhafte
In-alle-Bäuche-Gluckern sein, bitte, nein!
Geh nur, die Kapitolstufen hochgepriesen, der Zunft
Zungenkunst aus den Augen … leuchte heim, stürze die Neige,
wohin du möchtest, nur fort, unsäglicher Schöner,
Bruch, Engel, Blutsauger … Blödes Grollen!
Nicht dass genörgelt wird, weil du begriffsschwer bist, nein –, nicht dass allein
man so übel verfangen in altaalendes Dahinwinden sein kann.
Nicht dass einen das Alter, nein, als leuchtete es heim, so schlimm
umzüngelt von monströsen Schlafschafen, erhaben blökend.
Nicht, dass einem nur schwindlig wird, Klugsein, bloß mit einem Schatten, nein,
nicht dass sie allein das Denken verbiegt, schon gar nicht einem allein, nein,
nicht allein dem da, der grollt, ja, der völlig hinüber ist, nein,
nicht allein in Gedanken versickert, nein, dem Denken: abgelaufen …
nein, dass du dichten sollst, das glaubst du allein! Dumme Geschichte,
keine echt lyrische Dienstleistende klatscht der Erde in die Hände, redest du.
Oh, schlecht war es nicht, doch das war gestern. Und immer noch redest du,
füllst Ohren und Köpfe, leuchtest arm, als wär’ dein Töpfchen dein Heim:
Oh je, weh, wie schön wär’s da: Vergessen!
Sieh mal, ich habe (an)gerufen. Mir nicht bloß Luft gemacht, nein, Äther,
ein äh … ähem … recht verächtlich, ach, ein heißes Eisen, nein,
eher erschlichen die Ehren, freizügig unten eher … und … Ach, schnief,
schnauf, wie verrufen ich nun bin, wen kann ich rufen? Uff!
Die Versunken umkreisen mich, schlagen Töne an – die jammern rum.
– Ihr Kleinen, die ihr mal zulangtet, das faule Ding befühltet.
Jetzt glotz ihr nur, denkt betreten an die Kinderschritte
eines Scheusals – Mandibeln zittern, Riffe auf Gitarren, sie zerschellen,
beleben wieder den grässlichen Blutsauger;
wie der rummacht und sich, in den Arm genommen, ausbreitet in Köpfen,
euch einzubläuen, er wäre eures Geistes Kind: Mach, was du willst,
Seh’s-und-mach’s-Aff äh … ähem … am Ende tut er doch
es immer schrecklich seriös, bricht sich Bahn und kommt zum Stich.
Wie herrlich, hier hör ich! Ihr Ohren, ihr tut es auch.
Ihr Angewachsenen, betet los, schlackert –, hier im ärgsten
Stadtabgas-Gezeter, Stinkschwäne, derbe
geöffnete, schamlose Hoffer! Glaubt, was ihr wollt, hebt ab,
meinetwegen, dass ich für eine Stunde ein Lyrik-Spinner war, an ab-
gekauter Frist vielverspeistes tierisches Zweifeln ernten
werdet ihr, häh… äh … habt den falschen am Strick. Ich lege mich
vielleicht dort aus und zeige vieles von mir,
bin in einer Stunde schon ganz abgekaut vom nagenden Fragen,
während Zeit mich verdaut. Doch der Zahn
wird brüchig, kariös werden. Tja, soll ich vergessen haben, Solei,
was der eine Nachbar mir durch sein Glucken nachsagt,
das/ss er ausgebrütet hat, der Neidhammel, der mir nachgeigen wollte?
Ein Prahlvogel, und häh … äh … klar ist der ein Arsch,
erzählt Geschichten (wie der Name schon sagt).
Sicher, mal hat man Lust drauf, auch das luftigste Glücken
sticht einen mal, wenn man lange davon fernbleibt.
Nicht einer, keiner irrt auf Erden mehr, verleimt den Verstand. Haben wir
halt den Falschen an der Strippe. Es ist für die Katze.
Am anderen Ende wird geschwiegen, einer schwitzt. Wo ein Vogel sitzt,
traut kein Wort sich selbst mehr über den Weg. Ein Durcheinander
ist das, Gog-Magog, klingt täuschend echt, vielleicht ein Elch. Ich hör ergriffen zu,
es greift mir ins Innere, oh Gott, mein Kopf!
War der Muskelaffe erpicht auf etwas gebrochen vom Ast?
Wie herumfaunend auf Zoten er gerangelt hat, der olle Spinner.
Dies gefühlsduselige Herzen, Versvermerzen, wir vergessen es nicht,
zahlen es heim. Ja, wo in einem der Drang wohnt, das Überüble,
dieses Unbestimmte, verschimmelt noch der stärkste Käse –,
heißt es, schon der nächste heiße Scheiß, darüber schäumt es
in dem versoffenen Schlund da, versiffte Pforte stark ertränkter Worte,
dass es mal wieder nicht anders als stinken konnte. Wie das gemüffelt hat!
Je fester die Ente mit dem Kopf draufschlägt,
desto leichter entfleucht ein Seufzen ihr – gärt Göre forte.
Coda der Siebenden
Ich Sternegroß zieh gerne Sterne groß. Die Bienen säuseln: Trottel,
werd’s dir zeigen, da! Auf deine Denkerstätte knall ich dir eine,
dass nicht mehr gradestehest du – wohl verschluckt an einer Gräte, uff!
Bescheuerte Pläne bescheuerter Sphingen zitternder Stimmen
hirnverbrannter Stämme, schütterer Schwall von vergehend-sauverkehltem Stuss!
Wen wunderts, dass er sich daran aufreibt, wen nicht? O Gesangsverein
windig-schlängelnder Blutsauger-Engel. Wie bescheuert könnt ihr
noch werden, Schmierekleckser, ach, honigweiche, verwelkte Holzbirnen,
ausgestopft mit Eichenlaub? Was soll das Mühen, das Getue,
Ruhm und Preis auf ein Muh zu bringen, einen Namen,
das angenähte Abzeichen? So sieht es doch aus?
Ich Tropf, unfertiger, unausgegoren triefender
Möchtegern-Spritz. (Dies Fleischen flacher Rosen, falscher Hengste,
verchromt, verdorrt, kippt Öl drüber!)
Wär urwüchsig wer, Rose oder so, ich schwör, dass ich keinen Engel
sondern einen Blutsauger gesehen habe, so was von –
seht selber nach, grad roch’s danach, rosig noch, ein Gaul – und wie
ich’s nötig hatte, unbedingt, mit starkem Tick. Ich Schulden-Depp,
grüner Spritzling seltsamen, beträchtlichen
Gestanks, siechen ans Nie –? Schaut doch, ich meine, pfui Teufel,
dass ihr alle in die Hölle kommt, und ihr mich auch. Dir zahl ich’s heim,
denen: später wohl.
Ich rücke mich noch grade, werd’s richten! Ohje, schon wieder heftig
ausgeprägtes Verlangen danach, zu dichten.
2021
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