Deutsches Friedenslied

Eigentlich war ich auf der Suche nach dem Bauern-Astronomen Christoph Arnold (1650-1695). Der hatte sich autodidaktisch gebildet und auf seinem Bauernhof, den er bis zuletzt bewirtschaftete, ein kleines Observatorium gebaut, mit dem er am 15. August 1682 noch vor den Profis den Kometen entdeckte, den man später den Halleyschen nannte und der noch später sozusagen den Expressionismus einleitete.

In der Anthologie „Poetischer Hausschatz des deutschen Volkes. Vollständigste Sammlung deutscher Gedichte nach den Gattungen geordnet, begleitet von einer Einleitung, die Gesetze der Dichtkunst im Allgemeinen, so wie der einzelnen Abtheilungen insbesondere enthaltend…“ Hrsg. Oskar Ludwig Bernhard Wolff – 1. Aufl. 1836. 5. Aufl. Leipzig: Otto Wigand, 1843, fand ich seinen Namen:

Arnold, Christoph, geb. 1646, ein Bauer in Sommerfeld bei Leipzig, berühmt als Astronom, gest. 1695

A.a.O. S. 1146

Leider hat die über 1100 Seiten starke Anthologie kein Register, fast unmöglich, die über die vielen Kapitel des Buches verstreuten Gedichte zu finden. Das Unmögliche gelang mir doch, schon auf Seite 65 fand ich zwei Gedichte von Christoph Arnold. Leider aber sind sie nicht von ihm, sondern offensichtlich von einem Namensvetter und Dichter, der zwischen 1627 und 1685 lebte, der Herausgeber muss das verwechselt haben. Ich schließe das daraus, dass sich eins der Gedichte explizit auf den Friedensschluss bezieht, und da war unser Bauer noch gar nicht geboren oder nach anderen Angaben gerade mal 2 Jahre alt. Schade, ein Gedicht von diesem merk-würdigen Mann hätte ich gerne gefunden.

So aber ist das heutige Gedicht von einem anderen Christoph Arnold. Geboren am 12. April 1627 in Hersbruck, gestorben am 30. Juni  1685 in Nürnberg,  evangelischer Theologe,  Kirchenlieddichter und zugleich Dichter im Pegnesischen Blumenorden, ein veritabler Wortspieler. In diesen soeben gegründeten Orden wurde er nämlich 1645 mit gerade einmal 17 Jahren von Georg Philipp Harsdörffer als sechstes Mitglied aufgenommen, eine Art poetischer Ritterschlag. So scheint es zu passen, dass er 3 Jahre später dieses dichterkraftstrotzende Lied auf den gerade geschlossenen Frieden schrieb.

 Deutsches Friedenslied

 Freuet euch, maiet euch! Dichtet nun Lieder!
            Ihr Deutschen, ihr Brüder!
            Der Friede kommt wieder!
 Freuet euch, maiet euch! Dichtet nun Lieder!

 Euch soll der Sprachbaum jetzt Fülle bescheiden.
            Ja, Früchte zum Neiden
            In Frieden und Freuden
 Soll euch nun der Sprachbaum in Fülle bescheiden!

 Sehet, so nützt euch ein Dichter, ein Weiser.
            Wie blühen die Reiser
            Der geistigen Kaiser!
 Sehet, so nützt euch ein Dichter, ein Weiser.

 Laßt uns das Loben mit Lob auch beschließen,
            Laßt Honigthau fließen
            Zum Saiten-Versüßen!
 Laßt uns das Loben mit Lob auch beschließen!

A.a.O. S. 65

Lissabon

Gestern war der 100. Geburtstag des portugiesischen Dichters Eugénio de Andrade

(eigentlich José Fontinhas, * 19. Januar 1923 in Póvoa de Atalaia; † 13. Juni 2005 in Porto) 

Lissabon

Da sagt jemand bedächtig:
«Und Lissabon, weißt du. . . »
Ich weiß. Sie ist ein Mädchen,
mit bloßen Füßen und behende;
ein rascher frischer Wind
weht ihr durchs Haar,
und ein paar feine Falten
umlauern ihre Augen;
die Einsamkeit ist sichtlich
auf ihren Lippen, an den Fingern,
wenn sie hinuntersteigt
Stufen
um Stufen bis zum Fluss.

Ich weiß; und wusstest du es auch?

Deutsch von Maria de Fátima Mesquita-Sternal und Michael Sternal. Aus: Poemas Portugueses. Portugiesische Gedichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München: dtv, 1999 (dtv zweisprachig. 2. verbess. Aufl.), S. 167

Lisboa

Alguém diz com lentidão:
«Lisboa, sabes. .. »
Eu sei. É uma rapariga
descalça e leve,
um vento súbito e claro
nos cabelos,
algumas rugas finas,
a espreitar-lhe os olhos,
a solidão aberta
nos lábios e nos dedos,
descendo os degraus
e degraus
e degraus até ao rio.

Eu sei. E tu, sabias?

Vergessen

Franz Kugler 

(* 18. Januar 1808 in Stettin; † 18. März 1858 in Berlin)

An einen vergessenen Dichter

Sprich, warum stets du mir erscheinst,
Du armes, altermüdes Haupt?
Mich dünkt, fürwahr! du warest einst
Von grünem Lorbeer dicht umlaubt.

Wohl schwand des Frühlings Licht und Glanz,
Wohl hat gebrannt der Sommer heiß,
's ist Winter nun! und von dem Kranz
Blieb nur ein dürres Dornenreis.

Dein Name, als ein Knab' ich war,
Erklang in hellem, vollem Ton;
Wer heut ihn nennt, — er thut es gar
Kaum anders als mit bitterm Hohn.

Vergessen haben sie, — es flieht
Ihr Geist vor Bildern, die so werth, —
Vergessen, wie dein holdes Lied
Der Liebe Sprache sie gelehrt;

Vergessen, wie im heil'gen Streit
Die Brust bei deinem Liede schwoll;
Vergessen, wie im tiefsten Leid
Die Tröstung deinem Lied entquoll.

Doch wo noch Treu' im Herzen ist,
Blüht fort auch deines Namens Preis:
Und wenn du einst begraben bist,
Treibt neuen Sproß dein Lorbeerreis! 

Aus: Franz Kugler: Gedichte. Stuttgart: Cotta, 1840, S. 158f

Gegen den Strom

Jorge Guillén

(* 18. Januar 1893 in Valladolid; † 6. Februar 1984 in Málaga) 

GEGEN DEN STROM

Dieser harte Stein vergeht nicht.
Zart und flüchtig kehrt die Blume immer wieder.
Die Wellen schau ich an, bewundre sie,
die immer wiederkehren, weil sie auferstehn,
und halte mich an dies Gesicht und bleibe da.

Aus dem Spanischen von Hildegard Baumgardt. Aus: Jorge Guillén, Berufung zum Sein. Ausgewählte Gedichte (Spanisch-Deutsch). München: Heyne, 1979, S. 103 (Heyne-Lyrik: eine wunderbare Buchreihe, Weltlyrik in hoher Auflage im Taschenbuch, gab es damals noch).

A CONTRACORRIENTE

Esta muy dura piedra no se extingue.
Esa flor, tan precaria, siempre torna.
Mirando y admirando el oleaje,
Que siempre torna porque resucita,
Me apoyo en mi visión y permanezco.

Der Präsident blickt unentwegt ins Leere

Kurt Bartsch 

(* 10. Juli 1937 in Berlin; zählt trotzdem zur „Sächsischen Dichterschule“. 1980 Wechsel von Ost- nach Westberlin; † 17. Januar 2010 in Berlin) 

WELTMEISTERSCHAFTEN

Das Stadion ist gefüllt. Auf der Tribüne
Nimmt Platz der Präsident; sitzt da und winkt,
Und steht gleich wieder auf, denn jetzt erklingt
Die Hymne seines Lands, die textlich kühne.

Wenn sie verklungen ist, setzt er sich wieder,
Und muß erneut aufstehn, denn jetzt marschieren
Die Sportler ein, und alle spüren:
Das ist ein Anblick, der geht in die Glieder.

Dann fängt der Wettkampf an. Es fliegen Speere;
Bald ist der grüne Rasen ganz gespickt.
Im Hochsprung ist ein Weltrekord geglückt.
Der  Präsident blickt unentwegt ins Leere.

Ein Geher kommt ins Stadion. Sieggeschrei!
Er lächelt matt, biegt in die Zielgerade.
Da krampft sie sich zusammen, seine Wade.
Die andern Geher gehn an ihm vorbei.

Ein stiller Herr, den man für friedlich hielte,
Holt eine Schußwaffe aus dem Etui.
Die Läuferinnen gehn sofort ins Knie
Und laufen los, weil einer auf sie zielte.

Das war der Startschuß, doch er ging daneben.
Die Läuferinnen blieben unverletzt.
Der Präsident hingegen ist entsetzt:
Man will mir, denkt er, sogar hier ans Leben.

Die Stabhochspringer tropfen von der Latte,
Die jetzt in gnadenloser Höhe liegt.
Den Auserwählten, der sie überfliegt‚
Empfängt Applaus und eine Schaumstoffmatte.

Der Wettkampf dauert jetzt schon vier, fünf Stunden.
Ein Wind kommt auf und läßt die Fahnen wehn.
Die Schatten werden länger, und dann drehn
Die letzten Läufer ihre letzten Runden.

Die Sieger stehn bekränzt auf den Podesten
Zwei Goldmedaillen werden noch verhängt,
Bevor man allgemein zum Ausgang drängt.
Die Sonne steht schon ziemlich weit im Westen.

Der Lärm verebbt. Ein Kind pfeift auf dem Schlüssel.
Davon erwacht der Präsident und denkt,
Es sei soweit, er würde aufgehängt.
Dann leert das Stadion sich, die große Schüssel.

Wenn alle fort sind, kommt ein Herr und hebt
Pappteller auf, an denen Mostrich klebt.

Aus: Kurt Bartsch: Weihnacht ist und Wotan reitet. Märchenhafte Gedichte. Berlin (West): Rotbuch, 1985, S. 50f.

Zeit radikal zu werden

Robert Gillett

Aus: Terroristisches Manifest

IV

Es ist Zeit, radikal zu werden.
Zeit für Kettensägen—Gedichte.

Alle, die Bäume morden,
Gehören gefällt.

Setzt die Klinge sachte
An die Kehle, Durchtrennt schleppend
Die Schlagader,
Lasst Blut reichlich
Spritzen,
Seinen wahren Zweck zu erfüllen,
Wurzelwerk—Trankopfer.

Aus dem Englischen von Andreas Lorenczuk, in: die horen 276 / 2019, S. 172

zwar bäum/ geplant

Konstantin Ames

hier gibz zwar bäum wie bei Huchel
hier hat Düttmann geplant planifiziert
hat Staat vater Staat da ist er wieder egal
hat wohl so sollen sein : schauen wir weg :
hat er da sein sein schaut er hin sind wir weg

hier grüßt man sich ganz locker desintegriert
na du jude na du hurensohn ey du schwuchtel
sei auf dein preisschild nicht so stolz zwittschern
zwischen Ulf und Dinçer nix als pinscher sein wir liberal
uff pascha schalt in uns muschis videokameras ein kek

Winter

Dieter Mucke 

(* 14. Januar 1936 in Leipzig; † 12. März 2016 in Halle (Saale))

                      
  Winter

  Die Bäume kralln sich in den Himmel und die Erde
  Wie schwarze Blitze, die am Horizont erstarrten
  Gebannt auf einen Negativfilm in Totalvision
  Wo sie auf Frühlingsstürme und -gewitter warten.
                      
  Doch eine weiße Krähe streift mit ihren Schwingen
  Die ausgefranst quer durch die Landschaft fahren
  Die letzte Hoffnung aus den totgehexten Bäumen.
  Der nächste Frühling kommt erst wieder in zehn Jahren.

Aus: Dieter Mucke, Wetterhahn und Nachtigall. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1974, S. 46

Nicht für Menschen?

Friedrich Müller

(Johannes Friedrich Müller, genannt Maler Müller oder Teufelsmüller, * 13. Januar 1749 in Kreuznach; † 23. April 1825 in Rom)

Der seraphische Dichter

Für Engel, nicht für Menschen sang der Dichter sein Gedicht?
Was Menschen nicht erfreuet, ergötzt auch Engel nicht.

Quelle:
Friedrich Müller (Maler Müller): Werke. Band 1, Mannheim und Neustadt/Hdt. 1918, S. 140-141,177.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005413192

Illustration von Friedrich Müller zu Ludvig Holberg: Niels Klims unterirdische Reise

Willem hält sich nicht mehr zurück

Beim Blättern in einer Anthologie stieß ich auf ein kurzes Gedicht, aber es machte stutzig. Es war offensichtlich nur der Anfang eines Gedichts. Es waren provenzalische Trobadorlieder, der Verfasser, Guillem Anelier, lebte im 13. Jahrhundert in Toulouse. Er nennt gleich am Anfang die Gattung seines Gedichts: Sirventes (betont auf der letzten Silbe). Meyers Großes Konversations-Lexikon 1909 sagt darüber:

Sirventés (Rügelied), eine Gedichtgattung, die sich zuerst bei den Provenzalen findet, wo sein Inhalt sich auf Politik oder Sittenzustände bezieht, seine Form und Melodie nicht, wie die Form der Kanzone, in jedem Fall neu geschaffen zu sein braucht, sondern einer Kanzone entlehnt werden kann. Der Meister des politischen S. war Bertran de Born, des moralischen Peire Cardinal, des Kreuzliedes Pons de Capdolh. Der Name S. ist von sirvent, »Diener«, herzuleiten, also ursprünglich im Dienste eines Herrn verfaßtes Gedicht. – Das französische Serventois (spr. ßerwangtŭá) hat zunächst denselben Begriff wie das S. der Provenzalen; daneben bezeichnet es im 13. Jahrh. auch moralisierende Gedichte in Reimpaaren und im 14. Jahrh. besonders Kanzonen zum Lobe der Jungfrau Maria. Auch für das italienische Serventese (Sermintese) ist von der Definition des provenzalischen auszugehen. Doch wurde seit dem Ende des 13. Jahrh. die Benennung Serventese in Italien statt auf den Inhalt auf die Form bezogen und für Dichtungen in kurzen (meist 3–5zeiligen), durch Übergreifen der Reime und oft auch des Sinnes untereinander verketteten Strophen angewandt. Am häufigsten ist die Strophe aus drei Elfsilblern auf einen Reim und einem Fünfsilbler mit abweichendem Reime. Vgl. Witthöft, S. Joglaresc. Ein Blick auf das altfranzösische Spielmannsleben (Marburg 1891); Nickel, S. und Spruchdichtung (Berl. 1907).

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 501. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20007481519

(Echt gute Konversationen führte man damals!)

Das Fragment in Kannegießers Übersetzung lautet:

Guillem Anelier

Wohlan, nun halt ich mich nicht mehr,
Und dicht’ ein fröhlich Sirventes,
Auch dem Gedächtnis nicht zu schwer,
Nur nicht zum Singen, ich gesteh’s.
Die Reichen kümmert es nicht sehr,
Sie, deren Sinn nach Gold nur giert,
Drum vor so weltlichem Begehr
All’ edle Tatkraft sich verliert.

Die fahrenden Sänger. Liebeslieder und Gesänge der Troubadours. Ausgewählt und übersetzt von Karl Ludwig Kannegießer. Köln: Anaconda, 2012, S. 465. Im Original: Gedichte der Troubadours im Versmaß der Urschrift, Tübingen 1852, 2. Aufl. 1855, S. 454

Leider hört Kannegießers Fragment auf, bevor es richtig zur Sache geht. Ehrlich gesagt ziemlich liederlich ediert. Zum Glück gibts die Weltbibliothek, und ich fand das Original und eine Prosaübersetzung, für heute hier die ersten drei Strophen.

Jetzt werde ich, nicht kann ich mich enthalten,
ein Sirventes machen in diesem heitern Ton, mit guten
Versen; die leicht zu behalten sind, obgleich Singen,
wie es sonst zu geschehen pflegte, mir nicht behagt.
Denn die Reichen sind so gleichgültig, dass sie darüber
den Preis dieser Welt verlieren. Denn Habsucht
gewinnt Herrschaft über sie, wesshalb Edelsinn
sinkt und zu Grunde geht.

Denn jetzt gereicht nicht zur Freude Lustbarkeit
und Kurzweil und ächte Vorzüge; vielmehr
wächst fürwahr Schlechtigkeit‚ und Falschheit
tritt der Wahrheit entgegen.
Und Adel zieht sich Schande zu durch
gemeine Betrüger, wesshalb alles Gute zu Grunde geht;
denn so sehr sind sie voll von schlechter Begierde,
dass jede gute That sich vor ihnen verbirgt.

Und wer von ihnen Gunst haben will,
wird ohne Milde, von roher Gesinnung sein,
und wird jede That um des Besitzes willen verrichten.
wenn er nur solchen habe; denn alsdann wird er darum
mehr geehrt und als ein Verwandter gehalten werden,
und sei er auch gekommen, woher er wolle (ich weiss nicht
woher); denn jetzt wird ein tüchtiger Mann nicht geschätzt,
wenn er nicht viel hat, womit er sich helfen kann (könne).

Textfassung des Instituts für katalanische Studien aus Barcelona, dort auch das Bild der Handschrift:

Quelle des Originaltexts::

Der Troubadour Guillem Anelier von Toulouse: Vier provenzalische Gedichte. Herausgegeben und erläutert von Martin Gisi. Solothurn: J. Gassmann, 1877

Charles Simic †

Charles Simic 

(* 9. Mai 1938 in Belgrad; † 9. Januar 2023 in Dover, New Hampshire) 

Kohlhaupt

Sie wollte eben den Kopf
entzweischlagen,
da ließen sie meine Worte
zaudern: «Das Kohlhaupt
symbolisiert das Geheimnis der Liebe.»

Das behauptete wenigstens Charles Fourier,
der noch viele andre wunderbare Dinge gesagt hat,
weshalb ihm die Leute nachsagten, er sei verrückt,

worauf ich ihren Nacken küßte,
sanfter denn je,

worauf sie das Kohlhaupt entzweischlug
mit einem einzigen Hieb ihres Messers.

Aus dem Amerikanischen von Hans Magnus Enzensberger, in: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek: Rowohlt, 1995, S. 340

Cabbage

She was about to chop the head 
In half, 
But I made her reconsider 
By telling her: 
«Cabbage symbolizes mysterious love.»

Or so said one Charles Fourier, 
Who said many other strange and wonderful things, 
So that people called him mad behind his back,

Whereupon I kissed the back of her neck 
Ever so gently,

Whereupon she cut the cabbage in two 
With a single stroke of her knife.

LITERATRUE IN ZEITEN DES WETTBEWERBS (Teil 2)

L&Poe Journal #03-2023

Mailwechsel zwischen Konstantin Ames und Michael Spyra

Betreff: Neid is falling Datum: 12.10.2022 11:55 Von: Konstantin Ames <—@—> An: michael spyra <—@—>

Zu jeder Art Wettbewerb gehört die entsprechende Einstellung. Und die fehlt einigen, nicht wenigen Lyriks. Ich bin nie eine Sportskanone gewesen, war aber nie unsportlich. Neid auf die Konkurrenz? Nie. Fremdscham? Fast immer. Mir ist immer klar gewesen: Die Chancen stehen 1:x … Unterfertigter hat nie gemauschelt, nie aufgrund von persönlichen Sympathiewerten Preise erhalten. Einzige Ausnahme: Ich kannte beim Lyrikpreis Meran einen Juror flüchtig. Und das trug mir die zweifelhafte Ehre ein, im Beisein eines anderen Finalisten, der leer ausging, von genau diesem Juror unter die Nase gerieben zu bekommen: „Du weißt aber schon, dass Du nur ein Kompromisskandidat warst. Ich hätte ja Person XX favorisiert. Konnte mich aber nicht durchsetzen.“ – Ich kann einfach 90 % des Personals nicht für voll nehmen, weil die (meist kinderlosen) Kollegen noch mit der eigenen Pubertät befasst sind, in jeder Hinsicht. Lyrikproduzenten und der lyrikkritische Zwischenhandel haben in Jurys ebenfalls nichts verloren, deshalb gibt es ja Fachleute für Literatur, Sprechen, Kommunikation, deren Forschung gehört in öffentlichen Foren diskutiert, daran sollte seitens der Wissenschaft ein vitales Interesse bestehen. So hielte auch ein populärerer Ton Einzug. Sonst dauert es nicht mehr lange, bis aus Fokusgruppe Lyrik ein Thinktank wird, ein poetischer Denkpanzer … sehr deutsch, und daher sehr wahrscheinlich.

Dir ist sicher noch eine Redewendung geläufig, die die Misere des Poetenlebens ziemlich gut umreißt: Jemand ist „durchgesetzt“ oder er ist eben im Begriff „durchgesetzt zu werden“. Die Rolle der Schreibenden ist dabei vollständig passiv gedacht. Und Du wirfst ja auch die Fragen auf, wie sich in Betriebssituationen zu verhalten wäre, um opportun zu handeln. Gar nicht opportun handeln! Sondern neugierig sein, v.a. freundlich solange es geht. Außer wer erzählt brühwarm Lügen über dich. Für die Begegnung mit Rufmördern sei immer eine faltbare Tür zur Hand. Neidisch wäre ich im Grund nur auf Lineale, Messbecher, und so Zeugs, die sind immer genau. Und sie bedürfen keiner Rechtfertigung. Aber sie sind auch so verdammt seelenlos. Und wenn es von etwas mehr sein dürfte, dann davon: Seele. Gänse, Häute gibz ja jenuch. Seele ist nicht da für die A)nderen oder die B)andern, sondern für dich. Hat was keine Seele, dann schreib es nicht auf. Hat was Seele, dann hat es keinen Preis nötig, erst recht keinen Lyrikscheiß. Sollen die andern Arschkrebs und Karies kriegen.

Donʼt night, good, tight, never let the spitzenteeth you bite! K.o

Betreff: Aw: Neid is falling Datum: 13.10.2022 09:18 Von: michael spyra <—@—> An: Konstantin Ames <—@—> Lieber KO,

ich habe mich über Ihren Brief sehr gefreut. Nun da wir uns eins waren, dass es weniger um den Text, als um den Autor geht und nachdem wir den Klüngel im Betrieb zum Thema hatten und dass das alles Scheiße ist, wird es niemanden interessieren, wie Sie oder ich oder wir oder sonst irgendwoher seine Lorbeeren gewonnen hat. Ob da nun einer bei zwinkert oder man als Kompromiss zur Welt gekommen ist. Egal! Die Kohle ist e immer zu wenig und läuft immer nur darauf hinaus, mit einem Preis an den nächsten zu kommen, bis dann mal irgendwas Fünfstelliges dabei ist, um sich ein Jahr auf die faule Haut legen zu können. Nein, Quatsch… Wenn die Maschine läuft, darf man sich nicht mehr rausziehen, weil ja auch immer gleich alles so schnell wieder nach- und zuwächst. Und wie die Lyris besetzt sind… Hach! Es ist ja immer auch ein hübsches Zubrot für die aus dem Alter gefallenen Kolleginnen. Schau schauen Sie den Merzliterarischen. Da geht das Geld aus den Stall an den Stall. Oder den Neutruewriter: vom Verlag an den Verlag. Man darf sich dabei auch nicht selbst im Wege stehen.

Das mit der Seele gefällt mir! Ja Seele muss es haben. Hat es das? Ist auch irgendwie Quatsch. Gefällt mir aber als solcher ganz wunderbar, weil es ein toller Anspruch ist. Seele kommt und geht nämlich. Und auch der Seelendetektor ist immer mal ein bisschen anders eingestellt. Wissen wir ja auch schon seit 20 Jahren, dass die Straßenlaterne, an der wir täglich vorbeikommen, erst zu einem gewissen Zeitpunkt erblüht. Dann wieder nicht und weg ist. Liest man ja auch schon Nachtlied Goethes oder der Halbzeit von Hölderlin: Wenns klappt, ist es da und man probiert es einzufangen und haltbar zu machen in der ewig missverständlichen Sprechsprache und auch da sieht es ein jeder nicht auch immer gleich so.

Ein Leben als Überzeugungstäter und Haltung im Betrieb. Integrität, Authentizität und auch diese dürfen sich mit Erfahrung und Erkenntnis ändern. Das soll nicht heißen heute so morgen so. Aber wenn die eigene Pubertät dann auch irgendwann mal kinderlos mit dem ersten Nervenzusammenbruch oder Zucker abgeschlossen sein sollte, ist auch dem schlimmsten Juror ein Haltungswechsel gestattet.

Ja, jetzt hat dieser Briefwechsel tatsächlich was Knackiges, find ich und auch persönlich. Das macht mir Freude und vielleicht kommen wir hier doch noch auf eine Lösung, die mehr ist als: „Man muss einfach sein Ding machen und die Arschgeigen geigen lassen.“?

Liebe Grüße Emmes

Betreff: Seelen duzen sich (diese Version) Datum: 14.10.2022 09:22 Von: Konstantin Ames <—@—> An: Michael Spyra <—@—>

Ik siezte nur meiner Oma Mietze/ hieß Mieschen war ein bisschen/ grauenvoll verschont von Ersäufung/ Diesen Wettbewerb hat jeder schon gewonnen./ Wirklich jeder war schon in./ Das weiß jede Seele, darum ergibt sie auch Sinn.// Bloß das Mensch drumherum/ Brennt so auf Anhäufung/ von Plunder understanding Bonzen/ Da haben wir den Kulturschizo …

Nämlich sobald nicht mehr nach Schizo-Culture gefragt wird. Und es wird seit den 1980ern nicht mehr lautstark und hörbar danach gefragt, lieber Emmes. Den literarischen Schmerz konnte man schon ganz anders erleben. Lustig war, dass am Ende der Zeremonie Krolow rezitiert wurde von einem Schauspieler. Dichtung ist aber nicht darstellendes Fach. Anfang müsste sein, Dichter Dichter lesen zu lassen. Ein Dichterleben ist auch nicht verfilmbar. Kein Film über Rilke, keiner über Celan. Brecht? Ja, aber doch den politischen Brecht, der Staatskünstler war wie Goethe. Ich meine aber das Tagesgeschäft eines Dichters. Was er arbeitet bleibt unsichtbar, es arbeitet in ihm. Und Schauspieler sind, wie Nachrichtensprecher, nun das Gegenteil eines reichen Innenlebens. Siehe Ken Constantin Schreiber. Man kann sie schulen, so zu sprechen, wie es sich spricht, in so einer sozialen Rolle. Dichter ist aber kein Rollenfach. Ein Dichter kann lernen, seiner Stimme zu vertrauen, und sie irgendwann auch zu sein, mehr hat er ja nicht. Und es endet, wenn er seine Stimme nicht findet nicht gut mit ihm. Schiller-, Hölderlin-, Lenzbeispiel. Dichtersein, das ist reine Sozialität:

Humanität. Man lässt nicht schreiben, das kann die K.I. irgendwann eh besser. Siezen Sie meine Hülle ruhig, aber meine Seele duz, dude, sonst reden wir bloß interessant. Wir müssen aber mit Stimme reden. Alles andere wäre — vergleichsweise — Luftgitarre-Spiel, eben Lyrik. Können die Karrieristen, die Literaturbeamtinnen besser.

K.o

Es schneit nicht mehr

Clemens Schittko

Nachruf auf eine Jahreszeit
(Berlin Version)

es schneit nicht mehr
kein Schnee fällt mehr nieder
es schneit nicht mehr 
und wenn es doch noch schneit, 
so bleibt der Schnee nicht liegen 
er schmilzt dahin, 
sobald er den Boden berührt 
doch wie gesagt:
es schneit nicht mehr 
kein Schnee fällt mehr nieder

Aus: Clemens Schittko, Artaud ist tot (XS-Verlag, Berlin 2022)

Das müssen wir verschweigen

Wassily Kandinsky

(russisch Василий Васильевич Кандинский; * 4. Dezember 1866 alten = 16. Dezember neuen Stils in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)

DER RISS

Der kleine Mann wollte die Kette zerreißen und konnte natürlich nicht. Der große Mann zerriß sie ganz leicht. Der kleine Mann wollte sofort durchschlüpfen.
Der große Mann hielt ihn am Ärmel, beugte sich zu ihm und sagte leise in’s Ohr:
»das müssen wir verschweigen«. Und sie lachten beide von Herzen.

Aus: Wassily Kandinsky: Klange. digter 1912. Klänge. Gedichte 1912. Kopenhagen: Brøndum, 1989, S. 50

Versiegt ist die Quelle des Herzens

Wassyl Stus 

(ukrainisch Василь Семенович Стус, * 8. Januar 1938 in Rachniwka, Oblast Winnyzja; † 4. September 1985 im Straflager Kutschino, Oblast Perm – die Behörden nahmen sogar noch die Leiche in Haft.) 

      Verstummt ist die Quelle des Herzens.
      Der dunkle Brunnen trocken 
      und seicht. Schmerz durchzieht die Seele!
      Wie langsam schreitet die Zeit! 
 5   Ein Vogel flattert in hundert Richtungen umher –
      er kreist und kreist und zieht davon.
      Wen mag er suchen? Deinen Schrei, 
      dein Entsetzen, deinen Schmerz?
      Wo bist du nur, du Helles Wasser, 
10  in dem die stillen Sterne blinkten, 
      in dem die weißen Wolken 
      als Schatten glitten dahin?
      Verstumme Elend, Sehnsucht 
      halt ein. Denn versiegt 
15  ist die Quelle des Herzens.
      Der Brunnen ist seicht.
      Die Sprossen der Weide 
      wachsen schreiend 
      ganz heiß empor.

Deutsch von Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Deutsch-Ukrainische Edition Lyrik. Auswahl und Einführung Jurij Andruchowycz. Reichelsheim: Brodina, 1996, S. 67

Ущухло серця джерело.
Криниця тьмяна обміліла, 
І висхла. Як душа зболіла!
Як час ступає спроквола.
В сто летів розметався птах –
Покружеляє – кружеляє 
І відлетить. Кого шукає
Той птах – твій крик, твій біль, твій жах? 
Де ти єси, Ясна водо, 
де тихі зорі полоскались, 
Де білі хмари тінню брались.
Німій, бідо моя, жадо 
Моя, бо серця джерело 
вже обміліло. Обміліла 
Криниця. І верба пустила 
Гарячі брості – в крик. Зело.

Anmerkung zur Übersetzung: Vermutlich ist die Übersetzung etwas verblümter als das Original. Mein rudimentäres Ukrainisch sagt mir ungefähr, Kommentar zu einzelnen Stellen (Zeilenangaben nach der deutschen Fassung, die etwas länger als das Original ist): 1 Die Quelle des Herzens ist versiegt (die Formulierung kommt später wieder, 14f: denn die Quelle meines Herzens ist versiegt.). 3: Wie krank die Seele ist! 9: Wo bist du, Klares Wasser? (Adjektiv großgeschrieben – Zitat?) Mein Ukrainisch ist wirklich noch nicht gut genug, ich frage nur und kann mich leicht irren.