Die Poeten

Richard Wagner

(* 10. April 1952 in Lowrin, Rumänien; † 14. März 2023 in Berlin)

Die Poeten

Fest verwachsen mit Sitzgelegenheiten, 
Schreibmöglichkeiten, Liegestätten, Wohnraum 
und Bewegungsfreiheit verharren sie in diesen gut 
funktionierenden Städten. Die Stille saugt sie 
langsam auf.

Aus: Das Land am Nebentisch. Texte und Zeichen aus Siebenbürgen, dem Banat und den Orten versuchter Ankunft. Hrsg. Ernest Wichner. Leipzig: Reclam, 1993, S. 26. Zuerst erschienen in: Hotel California I, Bukarest: Criterion Verlag, 1980.

Mein Freund, der Luftgeist

Johannes Bobrowski

(* 9. April 1917 in Tilsit; † 2. September 1965 in Ost-Berlin)

Der Muschelbläser

Der schöne Luftgeist bläst auf dem Muschelhorn,
dem rötlichen, gespitzten, er teilt den Schall
mit seiner Hand, der hier- und dorthin
fliegt, soviel anders als Ufervögel.

Mein Freund, der Luftgeist, liebt in den Weiden dort
zu schlafen, und ich lernte schon dies und dies
bei ihm, nun lern ich nicht, wie er so
leicht nur zu ruhn, an den Rand gelehnt nur

der Dunkelheit und immer im Lichte noch,
und kindich runden Augs zu erwachen bald.
Wie soll ich meinem Freunde gleichen:
nur mit der Lieb, ohne Schlaf, im Regen?

Aus: Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke in 6 Bänden. 1. Band. Die Gedichte. Berlin: Union, 1987, S. 100

Das Gedicht entstand am 8.6.1958, Erstdruck in: Eckart, Witten/Berlin 1959, H. 3

Vom Übersetzen

Heute vor 50 Jahren starb der spanische Künstler Pablo Picasso, der auch ein Dichter war – wenn auch erst spät. Er war schon 45, als er seinen ersten Text schrieb. Viele weitere sollten folgen. Hier jedenfalls der erste, den ich gefunden habe. Er schrieb in seinen beiden Sprachen, spanisch und französisch. Darum geht es auch in diesem Text.

Pablo Picasso 

(* 25. Oktober 1881 in Málaga, Spanien; † 8. April 1973 in Mougins, Frankreich)

28. Oktober 1935

wenn ich in einer Sprache denke und schreibe »der Hund rennt dem Hasen hinterher in den Wald« und das in eine andere Sprache übersetzen will muss ich sagen »der weiße Holztisch drückt seine Pfoten in den Sand und stirbt fast vor Angst dass er so [dumm] sein könnte«

Si je pense dans une langue et que j’écris « le chien court derrière le lièvre dans le bois » et veux le traduire dans une autre, je dois dire « la table en bois blanc enfonce ses pattes dans le sable et meurt presque de peur de se savoir si sotte »

Deutsch von Holger Fock, aus: Pablo Picasso, Gedichte. Ausgewählt und mit einem Vorwort von Androula Michaël. Aus dem Französischen von Holger Fock. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2005, S. 21

Wozu der Mensch den Menschen macht

William Wordsworth

(* 7. April 1770 in Cockermouth, Großbritannien; † 23. April 1850 in Rydal Mount, Großbritannien)

Als der Mensch Wordsworth 1850 stirbt, ist der Dichter Wordsworth, den viele für den größten englischen Lyriker seit Shakespeare und Milton halten, längst tot; doch die Nation verehrt in ihm den milden, edlen Dichterfürsten, der sich dem viktorianischen Lebensstil angepaßt hat und vom bürgerlichen 19. Jahrhundert als vorbildlich empfunden werden kann.

Siegfried Schmitz
Verse, geschrieben im Vorfrühling

Umschwirrt von tausendstimmigem Lied, 
Lag ich im Grase hingestreckt, 
Mit sanfter Freude im Gemüt, 
Die leicht in uns die Trauer weckt.

Ihr stolzes Werk verknüpft Natur 
Der Menschenseele, die hier wacht;
Drum schmerzt es mich, zu denken nur, 
Wozu der Mensch den Menschen macht.

Durch Primelbüsche jener Laube
Schlingt seinen Kranz das Immergrün, 
Und jede Blume – ist mein Glaube –
Freut sich der Luft in ihrem Blühn.

Ich hört der Vögel frohes Singen, 
Ihr Denken war mir nicht bewußt.
Der kleinste doch von ihren Sprüngen
Erschien mir jauchzend helle Lust.

Der Baum schwillt knospend in den Zweigen 
Und trinkt die Luft, die ihn umspielt,
Und nie will meine Ahnung schweigen,
Daß alles dies die Freude fühlt.

Kann den Gedanken ich nicht hindern, 
Der diesen Glauben mir gebracht, 
Wie soll die Klage sich vermindern, 
Wozu der Mensch den Menschen macht?
Deutsch von Marie Gothein, aus: Lyrik der englischen Romantik. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Siegfried Schmitz. (Winkler, Die Fundgrube 31) München: Winkler, 1967, S. 23f
Lines Written in Early Spring

I heard a thousand blended notes, 
While in a grove I sate reclined, 
In that sweet mood when pleasant thoughts 
Bring sad thoughts to the mind. 

To her fair works did Nature link 
The human soul that through me ran; 
And much it grieved my heart to think 
What man has made of man. 

Through primrose tufts, in that green bower, 
The periwinkle trailed its wreaths; 
And ’tis my faith that every flower 
Enjoys the air it breathes. 

The birds around me hopped and played, 
Their thoughts I cannot measure:— 
But the least motion which they made 
It seemed a thrill of pleasure. 

The budding twigs spread out their fan, 
To catch the breezy air; 
And I must think, do all I can, 
That there was pleasure there. 

If this belief from heaven be sent, 
If such be Nature’s holy plan, 
Have I not reason to lament 
What man has made of man?

Europa mit Dank erhalten

Henry Parland

(* 29. Juli 1908 in Wyborg, Großfürstentum Finnland; † 10. November 1930 in Kaunas, Litauen), finnlandschwedischer Dichter

Herrgott, 
laß uns lieber 
in Geld dichten 
wie Ivar Kreuger 
oder Basil Sacharoff;
die pfeifen auf den Nobelpreis.
Reißen ein Blatt aus der Geschichte 
und quittieren:
einmal Europa
mit Dank erhalten.

Deutsch von Wolfgang Butt, aus: Auf der Karte Europas ein Fleck. Gedichte der osteuropäischen Avantgarde. Hrsg. Manfred Peter Hein. Zürich: Ammann, 1991, S. 90f

Herre Gud, 
låt oss hellre 
dikta i pengar 
som Ivar Kreuger 
eller Basil Saharoff;
de kan ge fan i Nobelpriset.
River ut ett blad ur historien 
och skriver ut kvitto:
erhållit Europa
vilket härmed erkännes.

O kämst Du

Elsa Asenijeff

(* 3. Januar 1867 in Wien; † 5. April 1941 in Bräunsdorf, Sachsen)
Nächtliche Erwartung

Licht fällt in die dunkle Nacht
Durch die offene Tür –
Ach, wie schluchzt mein Sehnen
Mit Macht
Und wimmert nach Dir ...!
O kämst Du aus dem Nichts herfür, 
In das die Bäume mit den Nebeln sanken.
Meine Brüste hab ich mir weggesehnt nach Dir – 
Die tränenvollen Augen kranken ––– 
O komm geschwind durch die leere Tür, 
Und huschle Dein Sehnen in mich hinein!
Dann flammt die Nacht vor Entzücken auf, 
Schmerz ist vergessen – verweht –––
Wenn das berauschte Zittern
Durch die beglückten Glieder geht –

Aus:

VERSENSPORN
Heft für lyrische Reize
Nr. 19: Elsa Asenijeff
Jena: Poesie schmeckt gut, 2015

Ein Knochen für Mama

Inge Müller

(* 13. März 1925 in Berlin; † 1. Juni 1966 ebenda)

TRÜMMER 45

Da fand ich mich
Und band mich in ein Tuch:
Ein Knochen für Mama
Ein Knochen für Papa
Einen ins Buch.

Aus: Inge Müller: Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn. Lyrik, Prosa, Tagebücher. Mit Beiträgen zu ihrem Werk. Hrsg. Ines Geipel. Berlin: Aufbau, 1996, S. 34

Auf deinem Balkon

Am 3. April 1915 starb der jiddische Dichter Jizchok Lejb Perez in Warschau. – Die folgende kurze Einleitung habe ich von ChatGPT schreiben lassen. Waschzettel kann die KI schon ganz gut (zumindest bei Gegenständen, über die es ausreichend Literatur gibt). Ich habe keine größeren Fehler gefunden. Mit „Aufklärungsgedanke“ im letzten Satz ist die jüdische Aufklärung (Haskala) gemeint. Das Gedicht stammt aus der von Hubert Witt herausgegebenen und übersetzten Anthologie „Der Fiedler vom Ghetto“.

Isaac Leib Peretz, auch Jizchok Lejb Perez genannt, war ein polnischer Schriftsteller und Dramatiker, der vor allem in jiddischer Sprache schrieb. Er wurde am 18. Mai 1852 in Zamość geboren und wuchs als Sohn wohlhabender Eltern auf. Peretz erhielt eine religiöse und weltliche Ausbildung und debütierte 1875 mit Gedichten auf Hebräisch. Unter dem Einfluss von Scholem Alejchem wechselte er 1888 zur jiddischen Sprache. 1889 verlor er aufgrund der politischen Aktivitäten seine Zulassung als Anwalt und zog nach Warschau, wo er Sekretär der Jüdischen Kultusgemeinde wurde.

Als schriftstellerisches Multitalent und origineller Erzähler schuf er als einer der Begründer der modernen jiddischen Literatur ein vielseitiges literarisches Werk. Berühmte Werke von Perez sind „Monish“, „Bontshe Shvayg“, „Oyb Nisht Nokh Hekher“ und „Di Goldene Keyt“ (Die Goldene Kette). In Polen ist er auch als Icchok Lejbusz Perec bekannt. Zunächst war ihm der Aufklärungsgedanke wichtig, später beschäftigte er sich hauptsächlich mit dem Leben und Leiden der jüdischen Unterschicht und propagierte Ideale des Sozialismus.

Auf deinem Balkon


Auf deinem Balkon hängen meine Augen,
sie sehen dich nicht!
Es welken dort Blumen, die Tür ist geschlossen,
die Scheiben trüben das Licht.

Wie ein Vogel fliegen meine Gedanken
und stoßen sich an den Zweigen.
Still klopfen sie bei dir an die Scheiben,
du willst dich nicht zeigen.

Sie fliegen zurück, bang und erschrocken,
zerschlagen und müd,
und im kranken Herzen beginnt zu klingen
das traurige Lied.

Deutsch von Hubert Witt, aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Ausgewählt und aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. Leipzig: Reclam, 1993 (5. neu durchgesehene und veränderte Auflage), S. 21.

Lange habe ich in mehreren Werkausgaben im Netz gesucht, aber ich konnte das jiddische Original nicht finden. Da fragte ich meine KI:

Kannst du mir den jiddischen Originaltext dieses Gedichts suchen?

Da musste ich doch staunen, die erste wirklich nützliche Arbeit von Nova für mich*:

Ja, gerne! Hier ist der Originaltext des Gedichts „Oif deynem balakon“ von Yitzhok Leyb Perez auf Jiddisch:

אויף דײַנעם בלאַקאָן
אויף דײַנעם בלאַקאָן הענגען זינגען,
זענען נישט אין דיר!
דאָרט וועלקן בלומענדיקע פלאָרן, די טיר איז פאַרשלאָסן
די פענצטער עפֿעקט דעם ליכט.
ווי פֿאַגעל שוועבן מיין-דערציידן
און שטיינען אַן פּאָטער.
זכוכט לעכט צו דיר אַן די-פענצטער,
דו ווילסט נישט אַרויסקומען.
זי געפֿלאָגן שווייגן אין באַנקיי,
זייער און פּלאַץ זייער טייער.
און אין קראַנקן האַרצן זייער קליינגען
די טרויעריקע לייד.

Hey there! You need to check out this ChatGPT app called Nova. It’s just like an AI assistant in your pocket. Come on, download it and let me know what you think.
https://apps.apple.com/app/id1669007652

* ) Vorsicht ist dennoch geboten, der Text scheint nicht frei von Fehlern (auch KI macht Scanfehler! Zumindest verstehe ich nicht alles.)

Hier eine vereinfachte Transkription (s = stimmhaft, ß = stimmlos, ch wie in ach)

oif deinem balkon

oif deinem balkon hengen singen,
senen nischt in dir!
dort welkn blumendike florn, di tir is farschloßn
di fentzter efekt dem licht.

vi fagel schwebn mein-derzeidn
un schteinen an poter.
s-chucht lecht zu dir an di-fentzter,
du wilßt nischt aroyßkumen.

si geflogn schweign in bankii,
seier un plaz seier teier.
un in krankn harzn seier kliingen
di troierike liid.

Mehr üher Leib Perez im Lyrikwiki

Zick!

Zum Internationalen Kinderbuchtag

Aus: Walther Petri, Humbug ist eine Bahnstation. Gedichte an Kinder. Illustrationen von Gisela Neumann. Berlin: Kinderbuchverlag, 1978

Kling ist auch tot

Clemens Schittko

Gedicht aus dem Jahr 2021

Artaud ist tot 
und O'Hara ist tot
Brinkmann ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Pasolini
jedoch ist Adloff noch am Leben 
und Döring ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch Holland-Moritz 
und Papenfuß sowieso
allerdings ist Brautigan bereits tot 
und Fauser ist tot
Flanzendörfer ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Baader Holst 
jedoch ist Toussaint noch am Leben 
und Avenstroup ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch der Werder-Ralf 
und der Korte-Ralf sowieso
allerdings ist Schwab bereits tot 
und Bukowski ist tot
Cioran ist auch tot
und ebenfalls tot ist der Heiner Müller 
jedoch ist Waschkau noch am Leben 
und Pohl ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch Katrin Heinau 
und Mark Kanak sowieso
allerdings ist Ginsberg bereits tot
und Burroughs ist tot
Kathy Acker ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Dieter Roth 
jedoch ist Jansen noch am Leben 
und Klossek ist auch noch am Leben 
am Leben ist aber auch noch de Toys 
und Katja Horn sowieso
allerdings ist Sarah Kane bereits tot 
und die Gebrüder Brasch sind tot
Kling ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Hilbig
jedoch ist Neuner noch am Leben 
und Güzel ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch der Mießner 
und Jannis Poptrandov sowieso 
allerdings ist Hübsch bereits tot 
und Zahl ist tot
Böhmer ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Ploog
jedoch ist Höfler noch am Leben 
und Jäckl ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch Jazra Khaleed 
und der Schmitzer sowieso
allerdings ist Ferlinghetti bereits tot 
und die Mayröcker ist tot
Gerd Schönfeld ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Achternbusch 
jedoch ist Antonic noch am Leben 
und Schalk ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch Mara Genschel 
und Sophie Reyer sowieso

Aus: Abwärts! Nr. 46/47, Januar 2023, S. 40

Schwarze Fahnen

Moni de Buli

Die obdachlosen Wörter

Die obdachlosen Wörter liegen auch heute nacht wie jede Nacht unbekümmert auf den Bänken in den öffentlichen Parks. Nur das Wort weggehen ist nicht darunter. Eingehüllt in seidige Schatten, ist es jenes eifersüchtige Mädchen, das bis zu den Pupillen bewaffnet ist, jener verrufene Betrüger und Herumtreiber, der für fünf verschiedene strafbare Handlungen verantwortlich ist: zwei Morde, einen Mordversuch, Blutschande und unerlaubten Waffenbesitz. Die Polizei fahndet nach ihm.

1926

Deutsch von Holger Siegel, aus: In unseren Seelen flattern schwarze Fahnen. Serbische Avantgarde 1918-1939. Hrsg. Holger Siegel. Leipzig: Reclam, 1992, S. 286

BULI, Moni de (Belgrad, 27.9.1904 – 29. 3. 1968, Paris) (eig. Solomon di Buli). Erste Gedichte veröffentlicht B. als Fünfzehnjähriger in der Zs. Gideon. Als Sohn einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie konnte er sich sein Leben lang ausschließlich der Literatur widmen. Regelmäßig veröffentlicht er seit 1923 in Drainac‘ Zs. Hipnos, ist einer der Redakteure des Almanachs Crno na belo (1924), begründet zusammen mit Risto Ratković 1926 die Zs. Večnost. 1925 geht er nach Paris, macht dort die Bekanntschaft der Surrealisten, schreibt unter Pérets „Kontrolle“ einen der ersten automatischen Texte der serbischen Literatur, (der zunächst auf französisch in La Révolution Surréaliste, 1925, Nr. 5 erscheint). Er unterzeichnet, zusammen mit Dušan Matić, die Deklaration der Surrealisten gegen die französische Politik in Marokko. Nach der Rückkehr nach Belgrad 1926 erscheint sein erster Gedicht- und Prosaband Krilato zlato (Geflügeltes Gold), 1927 das gemeinsam mit Ratković geschriebene Poem Leviatan, 1928 kehrt er endgültig nach Paris zurück, arbeitet an Discontuité (1928) und Le Grand Jeu (1929-1930) mit. Seit 1932 hat er nach eigener Angabe nicht mehr Serbisch geschrieben und gesprochen und kaum noch veröffentlicht. Postum erschienen seine Erinnerungen und eine Gedichtauswahl (1968). (Aus: Ebd. S. 374)

Stille

Richard Wagner

(* 10. April 1952 in Lovrin, Rumänien; † 14. März 2023 in Berlin)

Die Stille, wenn es dunkel ist

Die Stille, wenn es dunkel ist, ist anders als 
die Stille, wenn es hell ist.
Die Stille, wenn es dunkel ist, macht unruhig.
Die Stille, wenn es hell ist, schmerzt.
Der Schmerz ist eine Uhr, die brennt.
Wie heißes Wasser, vormittags, in der Küche, 
auf der Haut.

Aus: Richard Wagner: Gold. Gedichte. Berlin: Aufbau, 2017, S. 52

(Das Gedicht zuerst in dem Band Rostregen, Luchterhand 1986)

Sie sagen er spielt

Kito Lorenc

(* 4. März 1938 in Schleife/Slepo, Kreis Rothenburg, Oberlausitz; † 24. September 2017 in Bautzen/Budyšin)

SIE SAGEN ER SPIELT NICHT OHNE GRUND

er spielt er ist gesund 
er spielt mit seinem mund 
er spielt mit seinem grund 
er spielt mit seinem und 
er spielt mit seinem eben 
er spielt mit seinem leben

sein leben spielt mit ihm 
sein leben spielt ihm mit 
dann sind sie eben quitt 
sein leben spielt sich ab 
und zu spielt es ihm auch 
mal für den sprachgebrauch

wie so das leben spielt 
wie so er leben spielt 
wie er so leben spielt 
wie er so eben spielt 
er so wie leben spielt 
wie eben leben spielt

Aus:

Kito Lorenc
Es war nicht die Zeit. Gedichte
Auswahl und mit einem Nachwort von Michael Krüger
Göttingen: Wallstein, 2023, S. 38

(Zuerst in: Kito Lorenc, gegen den großen popanz. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1990)

Todtengräberlied

Hermann Wilhelm Franz Ueltzen (1759–1808) war ein deutscher Pfarrer, Lehrer und Dichter. 

Geboren 29. September 1759 in Celle, gestorben 5. April 1808 in Langlingen bei Celle. Er besuchte die Lateinschule in Celle, studierte in Göttingen, war Hauslehrer in Bremen und ab 1789 Pfarrer in Langlingen bei Celle. Er starb an einer Überdosis selbstverordneter Medizin. Beethoven vertonte eins seiner Lieder (Im Arm der Liebe ruht sich’s wohl), sonst ist er weithin vergessen.

In der Zeitschrift „Die Damenschießgruppe“, Ausgabe 2, Juli 2001, erinnerte Oskar Ansull an ihn und druckte ein paar Texte, darunter dieses.

Zusatz zu Hölty's Todtengräberliede.

Hoher Weisheit Lehren
Ließ der Mund einst hören, 
Der nun stumm da liegt;
Jenes Armes Stärke
Uebte Heldenwerke.
Wurde nie besiegt,

Süße Mädchenmilde
Lachte aus dem Bilde
Des Gerippes da:
Seliges Entzücken
Trank aus seinen Blicken
Jeder, der es sah.

Mehr zum Autor im Lyrikwiki.

schnurrbart

Lyn Lifshin 

(or Lyn Diane Lipman, July 12, 1942 – December 9, 2019)

schnurrbart

ich habe an ihn 
gedacht, heute
morgen, jene
tollen haare, die 
deine worte umranken

und wie sie dufteten
ganz voll reif

ach ja, besonders an die 
zeit auf dem fußboden 
sah aus wie 
der mittlere teil einer dicken 
langbeinigen wanze, die ich

gerade noch sehen konnte 
über meinem bauch, feucht und 
nach oben treibend 
fragte

bringt das
dein blut in wallung

Deutsch von Rainer Wehlen, aus: Al Masarik / Rainer Wehlen (Hrsg.): American Freeway. Gedichte • Stories • Fotos • Zeichnungen. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Rainer Wehlen. Augsburg: MaroVerlag, 1982, S. 29

Mustache

I was thinking
of it this
morning, those
marvelous hairs that
curl around your words

and how they smelled with
frost all over
in the mountains

And yes especially of that
time on the floor
looking like the
middle part of a thick
leggy bug I could

just see
above my belly, moist and
floating up
asked

is this
making your blood glow

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