Ulrich Koch
DIESES GEDICHT wurde unter größten Sicherheitsvorkehrungen geschrieben, Altersfreigabe: ab 80 Jahre. Sein Arbeitstitel hieß einmal „Alarm! Zu den Tränen!“, aber dann kam der März. Alle Appelle an die Vögel, das Licht wieder auszuschalten, verhallen im Dunkel. Bald schlafen seine Vokale in zerbrochenen Eierschalen. Schon vergessen wir unsere Kosenamen, die wir uns im Winter gaben: Verlorener Schatten, Blonder Spann, Nieselnde Wasserleiche. Von unseren Körpern sollte nie wieder Einsamkeit ausgehen. Langsam zum Mitschreiben vergeht es. In seinen Fußstapfen richten sich die Buchstaben wieder auf. In immer blutigeren Wellen geht die Befriedung unserer Wünsche voran.
Aus: Ulrich Koch, Dies ist nur der Auszug aus einem viel kürzeren Text. Gedichte. Salzburg: Jung und Jung, 2021, S. 46
L&Poe Journal #03
Norbert Lange
Variationen: Die Freiheit der Übersetzer
Letzten Monat bin ich, über Rosmarie Waldrops schönes Buch über den französischen Dichter Edmond Jabès, gestolpert über ein Zitat von Maurice Blanchot über das Übersetzen: »Alle Übersetzer leben von der Differenz zwischen den Sprachen, jede Übersetzung beruht auf dieser Differenz, selbst dann, wenn sie das perverse Ziel hat, diese zu beseitigen.«
Ich musste gleich an den Turmbau zu Babel denken. Ich denke oft an den Turmbau zu Babel, wissen Sie, eigentlich nie, ohne ihn mir als großes Glück vorzustellen. Die Geschichte erzählt von der Hybris, sich über Gott erheben zu wollen. Dieser bestraft den Bauherren, den König Nimrod, indem er ihm eine Fliege durch eines seiner Nasenlöcher in den Kopf krabbeln lässt. Dort schwirrt sie für 40 Tage, verdirbt ihm den Verstand und er verstirbt. Der Turmbau wird von Nimrods Nachfolgern aber weitergeschrieben (weitergetrieben), so dass Gott, bevor die Spitze des Gebäudes an den Himmel stößt, das an dem Turm bauende Volk letztendlich mit der Sprachenverwirrung bestraft. Das hatte ganz praktische Gründe, denn keiner auf der Baustelle sollte sich noch über den Bau verständigen können. Nicht auszudenken, auf welche Strafen Gott noch gekommen wäre, hätte es zu diesem Zeitpunkt schon Menschen gegeben, die als Übersetzer arbeiten. Doch welchen Segen stellt diese Strafe Gottes dar? Immerhin wären Übersetzungen ohne Sprachenverwirrung wohl gar nicht oder nur bedingt denkbar.
Ökonomisch ist so eine Sprachenverwirrung bei einem solchen aufwendigen Projekt wie dem Turmbau eine Katastrophe. Man muss sich nur vorstellen, welche zusätzlichen Kosten etwa bei der Vorbereitung der Fußball-WM in Katar hinzukämen und welcher Katzenjammer entstünde, wenn plötzlich beim Stadionsbau keiner des anderen Sprache sprechen könnte und selbst die Dolmetscher auf den verschiedenen Ebenen der Bauhierarchie hilflos wären. Das mag bei einem 150 Milliarden Euro schweren Projekt im Wüstensand dann auch keine wesentliche Rolle mehr spielen. Und die FIFA würde sowieso zum Anpfiff blasen, solange die Zahlen stimmen. Tore lassen sich auch nach einer Sprachenverwirrung zählen und über die Spielregeln war man sich zuvor schon einig. Aber, sich nicht länger über Begriffe wie Fairness und Verhältnismäßigkeit unterhalten zu können, über moralische Werte, weil man die Worte dafür nicht mehr verstehen kann … Hätte man dann ein Problem?
Solche Dinge lassen sich – in einem gewissen Sinn – mit Händen und Füßen darlegen, doch die Teilnehmer einer solchen Pantomime müssen sehr viel Geduld aufbringen. Selbst, wenn sie strahlend einander anlächeln zum Schluss, sie werden nie mit Gewissheit sagen können, dass sie sich verstanden haben. Jemand könnte sein Leben lang versuchen, die Handlungsweisen eines Begriffs wie Liebe in Gesten und Gesichtsausdrücken zu vervollkommnen, damit sie seinem Umfeld anschaulich werden. Er hätte seinen Kindern von allerhand willkommenen und befremdenden Situationen zu erzählen, auf welche Weise auch immer. Und am Ende wäre nach wie vor unklar, wie sie das finden.
Dementgegen, wie langweilig wäre es, wenn hier unter uns jeder dieselben Wörter und damit exakt dasselbe sagen würde? Ich bin so politisch wie die meisten Dichter, meine Empörung ist eine an ein Hobby grenzende Gewohnheit. Doch wenn ich an eine Sprachenverwirrung denke, springt mein Katastrophenmodus nicht an. Ich stelle mir allenfalls eine Krise vor, und dass diese sich verschärfen kann, sobald der Anspruch aufkommt, jeder solle dieselbe Sprache sprechen. Diese Vorstellung würde gesellschaftlich wohl einiges vereinfachen, wenn auch nicht auf unbedingt demokratische Weise. Hier kommt gleich die nächste Frage: Was wird geschehen, wenn die Sprachenverwirrten sich einigen sollen, welche Sprache sie fortan sprechen wollen? Immerhin gibt es nur Sprachenverwirrte, sie können sich nicht oder bloß unter ständigen Missverständnissen verständigen. Um die Differenz zwischen ihnen beizulegen, ist jeder von ihnen auf seine Variante der Sprachenverwirrung angewiesen, als für ihn einzig richtiger Denkart. Im Mythos entfernen sie sich an voneinander entfernte Orte und gründen eigene Gesellschaften, aus denen Völker und Nationen entstehen, die dann später erst recht Probleme machen werden.
Wie gut, dass nicht jeder ein Spindoctor ist. Wenn jeder aber als Interessenvertreter der eigenen Sprachenverwirrung auftritt, muss man sich die Frage stellen, was Verstehen dann noch ist? Welchen Sinn hätte die Information einer Mitteilung noch, außer den, von allen nicht verstanden zu werden, doch verstanden werden zu wollen? Es ist ein naiver Gedanke, weil der Vorrang von Affekten vor Fakten schon mal in einen Verstehensfuror entgleiten und zum Verlangen eskalieren kann, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Später werden Kapitole gestürmt und Menschen auf öffentlichen Plätzen eingepfercht. Wenn Verstehen darin gipfelt, sich gegenseitig für verrückt zu erklären und aufeinander loszugehen, müsste man nicht denken, dass Aussagen weniger Gewicht haben als die Handlungsweisen, zu denen sie führen? Man bräuchte auf jeden Fall eher psychologisch als übersetzerisch geschultes Personal, um die Interessenlage umzukehren und begreiflich zu machen, dass es bei einer Differenz weniger darauf ankommt, verstanden zu werden, als verstehen zu wollen.
»Wo Leben und Eigentum bedroht werden, hören alle Unterscheidungen auf.« Aber wieso nicht diesen von Staats wegen konvervativen Satz umdrehen und es darauf ankommen lassen? »Wo Unterscheidungen aufhören, werden Leben und Eigentum bedroht.« Wieso sollte man, um langsam von meiner Turmbau-Metapher herunterzusteigen, Interesse haben an einer möglichst geringen Differenz und nicht stattdessen etwa weitere ihrer Möglichkeiten und Varianten erforschen? Wohlgemerkt, es geht um Unterscheidungen und nicht um Unterschiede. Übersetzer merzen Unterschiede nicht einfach aus, sie geben ihnen einen Twist, einen Dreh, der nicht selten auch die Vorstellung einer Übersetzung betrifft und diese vom Übersetzten unterscheidet. Sie gewöhnen einen an Differenz – ohne gegenüber Unterschieden gleichgültig zu machen. Sie erfinden möglicherweise sogar neue Sprachen und Verständnisweisen. Dürfen die das? Ich weiß es nicht, habe aber eine Tendenz und schlage vor, uns bei Nimrod für den Turmbau zu bedanken. Man trifft ihn bei Dante im Inferno, wo er in einer Mischung aus Hebräisch, Latein, Ungarisch (und welchen Sprachen noch) sagt: »Raphèl mai amècche zabì alm.« Wie man es betonen soll und was immer das heißt …
Übrigens könnte Dante selbst als Übersetzer gearbeitet haben: Er soll den Rosenroman von Guillaume de Lorris und Jean de Meung, statt in paarweise gereimten Achtsilbern, übersetzt haben in Sonetten. Jorge Luis Borges ließ seinen Pierre Menard den Don Quijote Wort für Wort neu schreiben, ohne eine einzige Stelle des Originals zu ändern. Ezra Pound übertrug mithilfe Ernest Fenollosas Notizen chinesische Gedichte und brauchte davon für eine englische Übersetzung manchmal zwei. Achim Wagner wählte zentrale Stellen aus dem Gedicht eines türkischen Dichters und kombinierte sie in einer Textcollage solange, bis daraus ein neues Gedicht entstand, das der nachgedichtete Autor quasi selbst geschrieben hat. Der Dichter bpnichol las ein Gedicht von Guillaume Apollinaire und übersetzte es im Abstand von Tagen mehrmals aus dem Gedächtnis. Anne Carson übersetzte Fragmente des vergessenen Dichters Stesichorus und rekonstruierte aus ihnen ihre »Autobiography of Red«. James Macpherson hat das altgälische Epos Ossian gar aus seiner Phantasie übersetzt. Bpnichol hat später für sein »Translating Translating Apollinaire« kryptographische Methoden angewandt, um das Original noch weiter zu verschlüsseln und gewissermaßen als Objekt zu kartographieren. Susan Howe sammelte Marginalien in Büchern sowie archivarische Paraphernalien und schrieb mit ihnen über sie Gedichte und Essays. Meret Oppenheim variierte Zeilen und sogar die Namen von Hans Arp, Henri Michaux und anderen in Anagramm-Gedichten. Jackson Mac Low, Schüler von John Cage, benutzte Computerprogramme, um Werke anderer Autoren (Djuna Barnes, Gertrude Stein, Ezra Pound) als Quelltexte einzuspeisen und mit einem Wort oder Satz als Matrize die Variationen neuer Texte und ganze Bücher zu generieren. Christian Bök hat ein Gedicht geschrieben und es von Gentechnikern in das Genom eines Bakteriums eintragen lassen, welches das Gedicht mit jeder Generation in eine wachsende Variantenzahl verwandelt. Weniger Aufwand machten die Centos byzantinischer Gelehrter, die Zeilen Vergils und anderer antiker Dichter kompilierten. Trobadore wie Arnaut Daniel paraphrasierten ganze Ovid-Passagen für ihre eigenen Zwecke. Shakespeare wurde so oft variiert, dass er verwechselt werden könnte mit sich. Fernando Pessoa variierte sich selbst in Heteronymen, die im Streit lagen und ästhetische Debatten führten. Kent Johnson gab Gedichte des Hiroshimaüberlebenden Araki Yasusada heraus, die eine Debatte über literarische Fälschungen anstießen. Thomas Chatterton hingegen erfand einen dichtenden Mönch aus dem 15. Jahrhundert und löste einen Skandal aus, der ihn das Leben kostete. Armand Schwerner dachte sich Tontafeln aus, übersetzte sie und erfand gleich den passenden Kommentator dazu. Jack Spicer übersetzte mit seinem Freund Federico dessen bislang unbekannte Gedichte für »After Lorca«. Jerome Rothenberg wählte Substantive und Verben aus eigenen Lorca-Übersetzungen, um seine »Lorca-Variations« zu schreiben. Er hat auch Lieder amerikanischer Ureinwohner in konkreter Poesie oder Lautpoesie übersetzt, um ihren improvisatorischen und rituellen Charakter zu unterstreichen. Louis Zukofsky schrieb mit seiner Frau Celia zusammen Verse auf Englisch, die annähernd klangen wie Catulls Verse auf Latein. Ernst Jandl übersetzte mindestens ein Gedicht von William Wordsworth, indem er deutsch klingende Worte des englischen Originals aufschrieb. Peter Manson kam so zu »The English in Mallarmé«. Man nennt es homophone Übersetzung und niemand vielleicht ist darin konsequenter gewesen als David Melnick, dessen »Men in Aida« die griechische Ilias im wahrsten Sinne des Wortes in ein homo-phones Epos verwandelt: »Men in Aida, they appeal, eh? A day, O Achilles!« Mit phonetisch und orthographisch sich ähnelnden Worten, »Falschen Freunden«, die eine assoziative, mehrsprachige Vielfalt aufdecken, arbeitet Uljana Wolf. Für ihren Essay über die postkoloniale Poetik von Theresa Hak Kyung Cha übersetzte sie einige von Chas Gedichten, deren Identitäten zwischen mindestens drei Sprachen wechseln. Charles Bernstein spricht vom Homomphone Sublime. Er versteht Übersetzen als Weiter- und Umschreiben, Wreading sagt er dazu. Als lesendes Schreiben bzw. schreibendes Lesen lässt sich auch die Arbeit des Übersetzerkollektivs Versatorium verstehen, das etwa Texte Bernsteins auf viele spielerische Weisen ins Deutsche gebracht hat. Oskar Pastior ist immer sprachverspielt gewesen und hat etwa Baudelaires »Harmonie du soir« ausgefächert in »43 intonationen«. Mathias Traxler übersetzte Álvaro Seiças portugiesische Gedichte, mal mit einem Französisch-Wörterbuch, mal mit Vergils Aneis und einem Aufnahmegerät in Musikstücken und Sprechpartituren. Christian Hawkey sagt, er hat Trakl-Gedichte in mit Regenwasser gefüllten Einmachgläsern verrotten lassen, um sie danach zu übersetzen. Emmanuel Hocquard machte Übersetzungen von den Gedichten in Michael Palmers »Sun«, die dieser wiederum in Gedichte übersetzte, die Hocquard nun erneut zu übersetzen an der Reihe wäre, würde er noch leben. Doch das muss nichts heißen. William Butler Yeats hörte auf die Stimmen, die seine Frau als Medium kontaktierte, und übersetzte deren Äußerungen in Gedichte. James Merrill und sein Mann David Jackson benutzten für eine ähnliche Korrespondenz mit den Toten ein Ouija-Board. Auch, wenn es manchmal nicht danach aussieht, die Freiheit der Übersetzer ist grenzenlos.
Januar 2022
Brandneu aus der Nummer 100 des seit 1977 erscheinenden Magazins „Schreibheft“, vor dem ich den Hut zieh.
Marianne Fritz (geb. Frieß; * 14. Dezember 1948 in Weiz / Steiermark; † 1. Oktober 2007 in Wien)
HIERHER, AURA! (g)rollt naturgemäß der Donner. Das erhellende Licht ist l(eis)er, wo-möglich. leiser wie leer, eis wie leier, ei wie er, wo-möglichst
Aus: Fragmente aus: Fuge (e)s und Naturgemäß I, in: Schreibheft 100 / 2023, S. 148
Heute wäre der 85. Geburtstag des deutsch-sorbischen Dichters Kito Lorenc. Zum Anlass ein Gedicht aus einem Heft, das zum 65. Geburtstag 2003 beim verdienstvollen Verlag Ulrich Keicher erschien, herausgegeben von seinem Freund Manfred Peter Hein.
URWORTE dreier schreibender Vorruheständler im Goethejahr Ich blick’ in die Ferne, daß ich wen töte; im Busen brennt es — ich wurde kein Goethe. Sieh da! Sieh da, schon bin ich ein Killer, mein Los, es ist ähnlich: Ich wurde kein Schiller. Gedenkt, wenn ihr von unseren Morden sprecht auch meiner mit Nachsicht: Ich wurde kein Brecht
Aus: Kito Lorenc, Achtzehn Gedichte der Jahre 1990-2002.Auswahl von Manfred Peter Hein. Warmbronn: Keicher, 2003, S. 21
Adrian Kasnitz
14.06. [An diesem Bier heißt alles Köln] An diesem Bier heißt alles Köln an diesem Morgen heißen alle Verfickt n. m. an heißem Kaffee klebt deine Zunge an dieser Aussicht klebt dein Verstand an diesem Tag ist nichts zu gewinnen an diesem Verlust kannst dich lang’ erquicken an diesem Abend ist alles Bier an dieser Nacht heißt alles Du
Aus: Adrian Kasnitz: Kalendarium #6. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2020
Kurt Marti
(* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenda)
wir müssen platz machen
hat er gesagt
platz für die jungen
es sind zu viele menschen
es ist zu wenig platz auf der welt
hat er gesagt
und jetzt
hat er platz gemacht
seine wohnung wird frei
sein parkplatz steht zur verfügung
bald fährt ein anderer seinen wagen
er steigt in keine tram mehr
fremde sitzen am mittagstisch seiner wirtschaft '
die rente kann zinstragend angelegt werden
ein neuer kunde findet beim zahnarzt zulaß
wir müssen platz machen
hat er gesagt
es ist zu wenig platz auf der welt
Aus: Poesiealbum 272: Kurt Marti. Auswahl von Helmut Braun. Grafik Martin Goppelsröder. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 12
Moriz Seeler
(geboren 1. März 1896 in Greifenberg in Pommern; am 15. August 1942 in das Ghetto Riga deportiert und nach der Ankunft ermordet)
Grab eines Dichters Immer segeln Wolken, weiße Dschunken, Über diesem Grab und schimmern blank. Doch der Hügel ist schon eingesunken, Und das Kreuz steht schräg im Untergang. Niemand haust und wohnt in diesem Grabe, Und da west kein abgestorbner Rumpf. Der drin lag, flog fort und sitzt als Rabe Irgendwo auf einem Weidenstumpf. Stumm und schwarz und frierend blieb er hocken. Aber einmal wird er gräßlich schrein — Und dann stürzt der Bau der Welt erschrocken Wie ein Ankersteinbaukasten ein.
Aus: Versensporn 24. Moriz Seeler. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 34
Mehr über den Dichter
Elfriede Jelinek
frühling
ein märzenhauch vom
knabenrot die
zunge schmeckt ein
himbeer traum
wer hackt den brunnen
wund und wund
und an dem mund
der kreidigrinne
nackenschweiß
ein zähnchen in den
finger sticht der
braut die
katze gelb und wund
erschreit
der knabe rot vom
giebel fliegt
am weißen halse
tiergelausch
sein saft läuft
taubenschenkel
lang
ein blasser nagel lieb
im frauen weiß
noch steckt
im talg
ein märzenhauch vom
knabenrot
Aus: Poesiealbum 370. Elfriede Jelinek. Auswahl Susanne Rettenwander. Grafik von Xenia Hausner. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 30f. 32 Seiten, € 5.
Christo Botew
(auch Hristo Botev, bulgarisch Христо Ботев, * 25. Dezember 1847 jul. / 6. Januar 1848 greg. in Kalofer; † 20. Mai jul. / 1. Juni 1876 greg. – bei einem Aufstand gegen die türkische Herrschaft erschossen bei Wraza)
AN MEINEN BRUDER Schwer lebt es sich, Bruder, mein treuer bei der Hohlköpfe Unverstand! Meine Seele siecht im Feuer, mein Herz im Wundenbrand — und wahrt doch in seinem Grunde die Heimat ohn’ Unterlaß! Doch ich, Bruder, ich geh vor die Hunde, weil ich diese Hohlköpfe haß! Träume düster, stürmische Gedanken haben meine Seele durchtost, ach, wer heilt denn, wer hält denn dem kranken Herzen die Hand auf zum Trost? Bruder, da findest du keinen, weder Freud hat noch Freiheit mein Herz, und es trommelt Antwort auf das Weinen des Volkes in rasendem Schmerz. Oft über dem traurigen Grabe des Volks wein ich heimlich. Doch sprich, wen sonst denn zu achten ich habe in der Welt hier, heimtückisch und siech. Niemanden! Ohne Echo bleibt die edle Stimme; und stumm bleibst auch du, wenn das Wort Gottes, das Weinen des Volks, gehet um.
Aus dem Bulgarischen von Wolfgang Köppe und Inge Kuschel, aus: Christo Botev, Gedichte und Prosa (viersprachig). Sofia: Narodna Mladesch, 1980, S. 344f.
Към брата си Тежко, брате, се живее между глупци неразбрани; душата ми в огън тлее, сърцето ми в люти рани. Отечество мило любя, неговият завет пазя; но себе си, брате, губя, тия глупци като мразя. Мечти мрачни, мисли бурни са разпалили душа млада; ах, ръка си кой ще турне на туй сърце, дето страда? Никой, никой! То не знае нито радост, ни свобода; а безумно как играе в отзив на плач из народа! Често, брате, скришом плача над народен гроб печален; но, кажи ми, що да тача в тоя мъртъв свят коварен? Нищо, нищо! Отзив няма на глас искрен, благороден, пък и твойта й душа няма на глас божий - плач народен!
Ernst Jandl
the flag
a fleck
on the flag
let’s putzen
a riss
in the flag
let’s nähen
where’s the nadel
now
that's getan
let’s throw it
werfen
into a dreck
that's
a zweck
Aus: Ernst Jandl, werke 2 (werke in 6 bänden). München: Luchterhand, 2016, S. 116
Wilhelm Busch
(* 14. April 1832 in Wiedensahl; † 9. Januar 1908 in Mechtshausen)
Aus: Balduin Bählamm,
der verhinderte Dichter
(1883)
Erstes Kapitel
Wie wohl ist dem, der dann und wann
Sich etwas Schönes dichten kann!
Der Mensch, durchtrieben und gescheit,
Bemerkte schon seit alter Zeit,
Daß ihm hienieden allerlei
Verdrießlich und zuwider sei.
Die Freude flieht auf allen Wegen;
Der Ärger kommt uns gern entgegen.
Gar mancher schleicht betrübt umher;
Sein Knopfloch ist so öd und leer.
Für manchen hat ein Mädchen Reiz,
Nur bleibt die Liebe seinerseits.
Doch gibt's noch mehr Verdrießlichkeiten.
Zum Beispiel läßt sich nicht bestreiten:
Die Sorge, wie man Nahrung findet,
Ist häufig nicht so unbegründet.
Kommt einer dann und fragt: Wie geht's?
Steht man gewöhnlich oder stets
Gewissermaßen peinlich da,
Indem man spricht: Nun, so lala!
Und nur der Heuchler lacht vergnüglich
Und gibt zur Antwort: Ei, vorzüglich!
Im Durchschnitt ist man kummervoll
Und weiß nicht, was man machen soll. –
Nicht so der Dichter. Kaum mißfällt
Ihm diese altgebackne Welt,
So knetet er aus weicher Kleie
Für sich privatim eine neue
Und zieht als freier Musensohn
In die Poetendimension,
Die fünfte, da die vierte jetzt
Von Geistern ohnehin besetzt.
Hier ist es luftig, duftig, schön,
Hier hat er nichts mehr auszustehn,
Hier aus dem mütterlichen Busen
Der ewig wohlgenährten Musen
Rinnt ihm der Stoff beständig neu
In seine saubre Molkerei.
Gleichwie die brave Bauernmutter.
Tagtäglich macht sie frische Butter.
Des Abends spät, des Morgens frühe
Zupft sie am Hinterleib der Kühe
Mit kunstgeübten Handgelenken
Und trägt, was kommt, zu kühlen Schränken,
Wo bald ihr Finger, leicht gekrümmt,
Den fetten Rahm, der oben schwimmt,
Beiseite schöpft und so in Masse
Vereint im hohen Butterfasse.
Jetzt mit durchlöchertem Pistille
Bedrängt sie die geschmeidge Fülle.
Es kullert, bullert, quitscht und quatscht,
Wird auf und nieder durchgematscht,
Bis das geplagte Element
Vor Angst in Dick und Dünn sich trennt.
Dies ist der Augenblick der Wonne.
Sie hebt das Dicke aus der Tonne,
Legt's in die Mulde, flach von Holz,
Durchknetet es und drückt und rollt's,
Und sieh, in frohen Händen hält se
Die wohlgeratne Butterwälze.
So auch der Dichter. – Stillbeglückt
Hat er sich was zurechtgedrückt
Und fühlt sich nun in jeder Richtung
Befriedigt durch die eigne Dichtung.
Doch guter Menschen Hauptbestreben
Ist, andern auch was abzugeben.
Der Dichter, dem sein Fabrikat
So viel Genuß bereitet hat,
Er sehnt sich sehr, er kann nicht ruhn,
Auch andern damit wohlzutun;
Und muß er sich auch recht bemühn,
Er sucht sich wen und findet ihn;
Und sträubt sich der vor solchen Freuden,
Er kann sein Glück mal nicht vermeiden.
Am Mittelknopfe seiner Weste
Hält ihn der Dichter dringend feste,
Führt ihn beiseit zum guten Zwecke
In eine lauschig stille Ecke,
Und schon erfolgt der Griff der rasche
Links in die warme Busentasche,
Und rauschend öffnen sich die Spalten
Des Manuskripts, die viel enthalten.
Die Lippe sprüht, das Auge leuchtet,
Des Lauschers Bart wird angefeuchtet,
Denn nah und warm, wie sanftes Flöten,
Ertönt die Stimme des Poeten. –
Vortrefflich! ruft des Dichters Freund;
Dasselbe, was der Dichter meint;
Und, was er sicher weiß, zu glauben,
Darf sich doch jeder wohl erlauben.
Wie schön, wenn dann, was er erdacht,
Empfunden und zurechtgemacht,
Wenn seines Geistes Kunstprodukt,
Im Morgenblättchen abgedruckt,
Vom treuen Kolporteur geleitet,
Sich durch die ganze Stadt verbreitet.
Das Wasser kocht. – In jedem Hause,
Hervor aus stiller Schlummerklause,
Eilt neugestärkt und neugereinigt,
Froh grüßend, weil aufs neu vereinigt,
Hausvater, Mutter, Jüngling, Mädchen
Zum Frühkaffee mit frischen Brötchen.
Sie alle bitten nach der Reihe
Das Morgenblatt sich aus, das neue,
Und jeder stutzt und jeder spricht:
Was für ein reizendes Gedicht!
Durch die Lorgnetten, durch die Brillen,
Durch weit geöffnete Pupillen,
Erst in den Kopf, dann in das Herz,
Dann kreuz und quer und niederwärts
Fließt's und durchweicht das ganze Wesen
Von allen denen, die es lesen.
Nun lebt in Leib und Seel der Leute,
Umschlossen vom Bezirk der Häute
Und andern warmen Kleidungsstücken,
Der Dichter fort, um zu beglücken,
Bis daß er schließlich abgenützt,
Verklungen oder ausgeschwitzt.
Ein schönes Los! Indessen doch
Das allerschönste blüht ihm noch.
Denn Laura, seine süße Qual,
Sein Himmelstraum, sein Ideal,
Die glühend ihm entgegenfliegt,
Besiegt in seinen Armen liegt,
Sie flüstert schmachtend inniglich:
»Göttlicher Mensch, ich schätze dich!
Und daß du so mein Herz gewannst,
Macht bloß, weil du so dichten kannst!!«
Oh, wie beglückt ist doch ein Mann,
Wenn er Gedichte machen kann!
Ursula Krechel
(* 4. Dezember 1947 in Trier)
Die Frau mit dem grausamen Mund
Die Frau mit dem grausamen Mund
durchmißt die Messe, mißt, wägt ab, handelt
trägt einen falschen Namen, der richtig ist
zwischen den Visitenkarten von Wölfen
fehlt ihre Karte, aber ihr Ruf bleibt.
Spricht sie, vergißt sich ihr Mund.
Die falschen Eröffnungen beweisen kein Ende
wo der Verdacht sitzt, bleibt die Koje geschlossen
die Frau mit dem grausamen Mund schweigt.
Ihr Mund spricht.
Aus: Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1984. Im Weltriß häuslich. Hrsg. Christoph Buchwald und Gregor Laschen. Darmstadt und Nneuwied: Luchterhand, 1984, S. 58
Salvador Espriu
(* 10. Juli 1913 in Santa Coloma de Farners; † 22. Februar 1985 in Barcelona)
SO EINFACH, DASS ES DIR NICHT GEFALLEN WIRD Müde so vieler Verse, die nicht Gesellschaft leisten — der rühmenswerten Verse von exzellenten Meistern —‚ müde der Staatsaktionen des splitternackten Kaisers, der Jammerei des Windes, des alten Widersachers, des eignen Überhebens, ohne Botschaft, sag ich euch jetzt, mit unverbrämten Worten, mit ganz spontanem Schrei, fern aller Künstlichkeit, daß ich nichts will als stillstehn auf dem Weg, ergeben zugetan der letzten Ungerechtigkeit, und mich dann niederlegen für immer, ohne Kummer, tot, auf der guten Erde.
Aus dem Katalanischen von Fritz Vogelgsang, aus: Salvador Espriu, Obra Poetica. Das lyrische Werk in drei Bänden. Katalanisch und Deutsch. Herausgegeben und übertragen von Fritz Vogelgsang. Zürich: Ammanm, 2007, S. 373
DE TAN SENZILL, NO T’AGRADARÀ Cansat de tants de versos que no fan companyia — els admirables versos de savis excel∙lents —, i de mirar com passa l’emperador tot nu, i del gran plany del vent, aquest vell adversari, i de l’excés de mi, sense missatge, ara us diré, amb paraules ben clares, amb crit elemental, lluny d’artifici, que vull només parar-me en el camí, ja decantat amic de l’última injustícia, i ajaçar-me per sempre, sense recança, mort, damunt la bona terra.
Zum 120. Geburtstag des französischen Schriftstellers Raymond Queneau, der vor allem als Oulipot bekannt wurde (Stilübungen; Zazie in der Metro; Hunderttausend Milliarden Gedichte) ein Auszug aus seinem surrealistischen Frühwerk.
Raymond Queneau
(* 21. Februar 1903 in Le Havre; † 25. Oktober 1976 in Neuilly-sur-Seine bei Paris)
Aus: Elfenbeintour*
(...)
Das Gerippe dieser Monstren eingestürzt
Aus seinem Staub entfliehen goldene Vögel
Freude der Federn Schnelligkeit der Flügel
Schleppe aus Juwelen die den Augen Verliebter entfliehen
Exaltierte Flammen durchsichtige Nacken
Brüste der Sanftheit Sternentorsos
Wachsame Wächter des schmeichelnden Morgenrots
Des kristallinen Morgenrots des immerwährenden Morgenrots
Panther mit blauem Fell
Die Liebe entsteht aus den Begegnungen
eine Krake frißt den Regenbogen
Ein parfümiertes Käuzchen schützt mit seinem Flügel
Die ironischen Gespenster und die Freunde des Verbrechens
Die geschwärzten Abhänge der Pflicht
zerbröckeln beim Beben der Müdigkeit
Noch einmal hat sich die Dämmerung in der Nacht verloren
Nachdem sie auf die Wände geschrieben hat
ES IST VERBOTEN
NICHT ZU TRÄUMEN
In »La Revolution Surrealiste«, Nr. 9/10, Okt. 1927
Deutsch von Eugen Helmlé, aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer und Petr Král. 3. korr. ju. erw. Aufl. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2000, S. 1108
(*) Im Original Wortspiel: Le Tour de l´Ivoire heißt Die Elfenbeintour und spielt auf den Elfenbeinturm (Tour d’ivoire) an.
Hier gibt es eine englische Übersetzung des kompletten Texts. Hier die Doppelseite der Originalpublikation von 1927:


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