Peter Ruzickas „Recherche (im Innersten)“ wurde durch die Lyrik Paul Celans inspiriert, das Stück ist eine der Vorstudien, die der Hamburger Komponist zu seiner Celan-Oper schrieb. Das einzige Wort darin: „Jerusalem“, als Beschwörung, als Schrei, als Ruf der Freiheitshoffnung, denn für Celan besaß das Wort eine tiefe, geradezu magische Bedeutung. Es markierte die Möglichkeit einer spirituellen Existenz jenseits von Zeiten und Ereignissen. / hamburg-magazin.de
Text und Tanz
VON UND MIT Martina Hefter, Martina La Bonté
Vier sehr unterschiedlichen Bewegungssequenzen werden vier Gedichte gegenübergestellt. Dabei werden die Gedichte nicht inhaltlich, akustisch oder rhythmisch in Bewegung umgesetzt – es geht allein um das Zusammenspiel von Sprache und Bewegung, das Beobachten und Darstellen von motorischem und kognitivem Gedächtnis. Jedes Gedicht präsentiert sich so auf vier unterschiedliche Arten – vom nahezu bewegungslosen Vortrag, über das Sprechen während einfacher Bewegungsformen im Raum, bis hin zu den Extrembedingungen des Vortragens während komplexer tänzerischer Kombinationen – die Möglichkeit von „Störungen“ in diesem Zusammenspiel, etwa, dass die Stimme unter einer Bewegung den Anforderungen eines Gedichtvortrags nicht mehr gerecht wird, ist dabei ausdrücklich zugelassen. Bei jeder Performance entstehen neue Abfolgen, die, obwohl zufällig zueinander in Bezug gesetzt, neue Sinneinheiten ergeben und ebenso neue Hör- und Seheindrücke entstehen lassen.
Am Freitag, 8.4. 2011 um 20 Uhr findet im Lofft Leipzig die Präsentation des in Arbeit befindlichen Stücks 4 x 4 statt – und zwar im Rahmen einer offenen Werkstatt, d.h. gezeigt wird noch nicht das „fertige“ Stück, vielmehr präsentieren sich Ausschnitte zusammen mit Kommentaren über Entstehung, Kontext in Form einer Lecture-Performance. Gespräch und Austausch mit dem Publikum im Anschluss ist ausdrücklich erwünscht.

Etwa 400 Gedichte von 134 Dichtern aus der ganzen Welt wurden für den diesjährigen Nazım-Hikmet-Lyrikwettbewerb eingereicht, der im April beim alljährlichen Nazım-Hikmet-Lyrikfestival in North Carolina veranstaltet wird.
Das Festival wurde 2009 von der American Turkish Association of North Carolina (ATA-NC) begründet. Einsendungen kamen u.a. aus England, Kanada, Griechenland, Indien und der Türkei.
Das Festival findet am 17.4. in der Stadt Cary statt. Dabei werden die 10 Finalisten des Wettbewerbs vortragen.
Gastsprecher des diesjährigen Festivals ist Murat Nemet-Nejat, Dichter und einer der führenden Übersetzer moderner türkischer Lyrik, darunter Gedichte von Orhan Veli, ins Englische. / Today’s Zaman 22.3.

Ob Anatolien zu Europa gehört? Dem Altkanzler Kohl war es nicht bekannt. Was der deutsche Innenminister dazu sagt, kann uns am A. vorbeigehen. (Uff, nichts passiert!)
Fest steht, daß tragende Elemente der europäischen „Leitkultur“ wie die griechische Antike und das Christentum eher dort waren als in Hannover oder Berlin. Groß ist die Diana der Epheser! Voriges Jahr gelang es mir, von Süden kommend bis dort vorzudringen. Der Apostel Johannes soll gemeinsam mit Maria nach Ephesos gereist sein und dort sein Evangelium geschrieben haben.
Weit besser belegt ist das Konzil von Ephesos als das dritte ökumenische Konzil der Kirche. Es fand vom 22. Juni bis 31. Juli 431 n. Chr. statt. Kaiser Theodosius II. hatte gerufen und 250 Geistliche kamen. Sie hatten ein wichtiges theologisches Problem zu lösen. War Maria nur Christusgebärerin oder auch Gottesmutter? Letztere Ansicht setzte sich schließlich durch, was zu einer Abspaltung Andersglaubender führte. Gott oder nicht Gott, Maria war hier und soll hier gestorben sein, glauben jedenfalls die einen.
Ich habe überlebt und kehrte ein paar Wochen später nach Anatolien zurück zu weiteren Erkundungen. Dabei kamen wir nach der Stadt Konya, wo der Dichter Rumi begraben ist und bis heute kultisch verehrt wird. Wir überquerten das Taurusgebirge von Süden her und kamen via Konya bis Kappadokien. Dort fließt der Fluß Kızılırmak („Roter Fluß“), der in der Antike Halys („Salzfluß“) hieß. Der Fluß entspringt nur 150 km von der Euphratquelle entfernt und mündet ins Schwarze Meer. Wir waren hauptsächlich der bizarren kappadokischen Landschaft wegen da. Vielleicht schaffe ich es aber noch einmal in die Gegend auf den Spuren der Hethiter?
Dieser Name ist aus Luthers Bibelübersetzung bekannt, aber erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert fand man bei Ausgrabungen Spuren eines Großreichs mit tausenden Schrifttafeln. Schon Herodot, der vor zweieinhalb Jahrtausenden wirkende Vater der Geschichtsschreibung, wußte nichts mehr von ihnen und hielt ihre Spuren für ägyptisch.
1915 gelang es dem tschechischen Linguisten Bedřich Hrozný (1879–1952), ihre Sprache zu entziffern. Er fand heraus, daß sie zur indogermanischen (indoeuropäischen) Sprachfamilie gehörte – die älteste überlieferte sogar. Er las “ezza”, essen, „nu“, nun, “watar”, Wasser. „Jetzt essen wir das Brot und trinken das Wasser“ ist der legendäre erste übersetzte Satz dieser Sprache.
Haben die Hethiter Verse geschrieben? Bis heute wissen wir nicht viel darüber, aber tatsächlich sind unter den zahlreichen Gesetzestexten und Berichten von den Taten der Könige auch Verse.
Labarna I gilt als Gründer des Hethiterreichs, aber es ist nicht gesichert, ob er mehr als Legende ist. Wer schreibt, bleibt. Labarna II., auch Hattusili I genannt, er lebte etwa 1586–1556 vor der Zeitrechnung, ließ seine Taten aufzeichnen. So überquerte er das Taurusgebirge und ließ einen Bericht darüber aufschreiben. Darin gibt es Passagen, die „durch Trennungslinien in Abschnitte von einer festen Zahl gleichlanger Zeilen“ eingeteilt sind, also wohl „Verse“. Man kann sie bisher nicht verstehen, nur ein paar Götternamen, woraus man schließt, daß es sich um Kultlyrik handelt.
Im Bericht von der Gebirgsquerung findet sich ein Gedicht oder Lied, „er singt“ steht darüber. Das ist bislang das einzige fragmentarisch überlieferte Gedicht der Hethiter, also wohl auch das älteste „türkische“ Gedicht. (Was ist Europa, was Turkia?) Es heißt im Wortlaut:
Nesas [waspes], nesas waspes
tija-mu tija
nu-mu annas-mas katta arnut
tija-mu tija
nu-mu uwas-mas katta arnut
tija-mu tija
In „versuchsweiser, freier“* Übersetzung heißt das:
Nesische Kleider, nesische Kleider –
komm zu mir, komm!
Führe mich zu meiner Mutter,
komm zu mir, komm!
Führe mich zu m einem …,
komm zu mir, komm!
*) Wolfgang Röllig: Altorientalische Literaturen. Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion Wiesbaden 1978 (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft), S. 243
Einige hethitische Texte auf Englisch


Der Wiesbadener luxbooks-Verlag ist binnen kurzer Zeit zu einer feinen Adresse für zeitgenössische Dichter geworden. Den Auftakt zur neu etablierten „Slavica“-Reihe bilden Gedichte des polnischen Lyrikers Tadeusz Dąbrowski. …
Wo mit dem Schwarzen Quadrat auf Kasimir Malewitschs Bild Schwarzes Quadrat auf weißem Grund (1915) angespielt wird, kann man reduzierte und abstrakte Verse erwarten. Tatsächlich sind diese Gedichte höchst präzise gearbeitet. Doch bei aller Klarheit und Konzentration seiner Sprache schreibt Dąbrowski keine fröstelige Gedankenlyrik. Es geht auch sinnlich, erotisch zu, wie etwa in dem titellosen „Aus Versehen habe ich dich aus der Tabledance-/Bar rausgetragen auf Händen direkt in mein Bett und/gründlich in den Laken verrieben“.
Das erste Gedicht, das Dąbrowski als Erstklässler schrieb, widmete er seiner Lehrerin, in die er bis über beide Ohren verliebt war. Die enge Beziehung zwischen Text und Körper bildet nach wie vor einen zentralen Aspekt seiner Lyrik. Der eigene und der fremde Körper werden in ihrer Schönheit, Bedürftigkeit und Unzulänglichkeit beschrieben, bewundert oder misstrauisch beäugt, ihre Veränderung durch die Zeit protokolliert. Gelegentlich wird das Moment der Befremdung dabei weit vorangetrieben: „Heute habe ich mir aus deinem Nacktfoto ein Auge/rausgesucht und auf Bildschirmgröße gezoomt, bis/an die Grenze der Auflösung.“ / Beate Tröger, Freitag
PIW (Poetry International Web) Germany presents the fragmented and experimental work of Daniel Falb, translated into English by Brian Currid and Christian Hawkey.
Er ist nicht larmoyant, sondern auf eigenbrötlerische Art angriffslustig. Man atmet auf, liest man am Ende den „Vorsatz“: „Vielleicht ist es wirklich am besten, / Man pfeift auf die Altersgebresten, / Es komme, wie’s mag. / Man lebt in den Tag / Und freut sich des Ostens im Westen.“ / CHRISTIAN EGER, Mitteldeutsche Zeitung
Bernd Leistner: In aller Form. Altväterische Gedichte und Sprüche. VAT Verlag Andre Thiele, 105 Seiten, 14,90 Euro.
Dylan Thomas bekannte mal, dass ihm der Klang von Wörtern wichtiger sei als die Bedeutung des Geschriebenen – und das war es dann wohl, was seinem Werk, ob in gebundener oder ungebundener Sprache, den lyrischen Ton gab und einen Wirbel von Assoziationen verursachte. Die Wörter faszinierten Dylan Thomas von Kindheit an, „sie brachen über mich herein“, erklärte das Dichtergenie.
Der klein gewachsene Mann war ein Frauentyp, dessen Ehe mit Caitlin Thomas eine Drunk Story war: Denn ebenso sehr wie die Frauen liebte der Waliser Nikotin und Alkohol und schrieb selbst über Bier poetisch: „Mir gefiel der Geschmack von Bier, sein lebendiger weißer Schaum, seine kupferhellen Tiefen, die plötzlichen Welten, die sich durch die nassen braunen Glaswände hindurch auftaten, das schräge Anfluten an die Lippen und das langsame Schlucken hinunter zum verlangenden Bauch, das Salz auf der Zunge, den Schaum im Mundwinkel.“ Seine Begründung, warum er bis zur Besinnungslosigkeit trank und zum Leidwesen seiner Familie (er hatte drei Kinder) keinen Abend zu Hause verbrachte, war so einleuchtend wie prägnant: „Ich trinke, weil es jedes Mal anders ist.“ / Thomas Andre, Hamburger Abendblatt
Albert Sergel wurde 1876 in Peine geboren. Bekannt geworden ist er durch Kindergedichte. Doch er schrieb auch politische Gedichte – als Anhänger der Nationalsozialisten. Die Grünen im Peiner Stadtrat fordern daher eine Umbenennung der Straße. / Peiner Allgemeine

achim wagner
halb mattes glas
beim tumult
unter hastigen schirmen
ipek
hautnah verteilte flüche
– gekippte konstellationen –
in einer oberen etage
nur noch
das ausgesprochene der zeitungen
wo dein sommersprossiger rauch
eine weitere kleine unordnung
zu dieser zeit des tages
(nach cemal süreya)
Zum Auftakt der kleinen „Woche der türkischen Poesie“ 2011 eine Gedicht von Achim Wagner, das sich auf den Dichter Cemal Süreya bezieht. Achim Wagner schreibt: „für mein gedicht gibt es nicht das eine – bestimmte – referenzgedicht süreyas, es ist ein kleiner versuch der annäherung an süreyas lyrische position, ebenso wie der versuch der über- und hinzuschreibung aus meiner (subjektiven) sicht…“
weitere anmerkung: „ipek“ ist sowohl ein türkischer frauenname als auch das wort für „seide“…
cemal süreya:
Am 9.4. gibt es in Stuttgart im Rahmen der Langen Nacht der Museen eine Präsentation der Gemeinschaftsarbeit „devam“ (= Fortsetzung, Dauer, Weiterführung) von Tessa Knapp (Multimedia-Künstlerin) und Achim Wagner; „eine arbeit, die wir 2009 in istanbul begannen… werde selbst bei der präsentation nicht anwesend sein können, da ich am 08.04. in ankara einen literaturabend im hiesigen goethe-institut moderieren werde… achim wagner“
(Vgl. Woche der türkischen Poesie 2010, 4.4. – 11.4.)
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
We who teach creative writing have been known to tell our students that there is no subject so common and ordinary that it can’t be addressed in a poem, and this one, by Michael McFee, who lives in North Carolina, is a good example of that.
Spitwads
Little paper cuds we made
by ripping the corners or edges
from homework and class notes
then ruminating them into balls
we’d flick from our fingertips
or catapult with pencils
or (sometimes after lunch)
launch through striped straws
like deadly projectiles
toward the necks of enemies
and any other target where they’d
stick with the tiniest splat,
I hope you’re still there,
stuck to unreachable ceilings
like the beginnings of nests
by generations of wasps
too ignorant to finish them
or under desktops with blunt
stalactites of chewing gum,
little white words we learned
to shape and hold in our mouths
while waiting to let them fly,
our most tenacious utterance.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2005 by Michael McFee, whose most recent book of poetry is The Smallest Talk, Bull City Press, 2007. Poem reprinted from Shinemaster, Carnegie Mellon Univ. Press, 2006, by permission of Michael McFee and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Wagners Australien wurde noch nie betreten, es ereignet sich nur hier, wo ein Häuptling spricht: «ich bin der letzte eines volkes, / allein mit der geschichte, einer sprache, / die mit ihm untergeht». Das Gedicht heisst «hononanz», und die Tante im Gedicht, die «das thema torte / in schmale kapitel teilt» fragt: «was heisst das denn? was ist das für ein wort?» Es ist eine Vokabel, die zwischen Assonanz und Homonym schillert (und damit zwei rhetorische Grundtechniken preisgibt), in dem das deutsche Wort Hohn sich mischt mit dem lateinischen honor, Ehre. Die Friedenspfeife des Häuptlings, «das kalumet // liegt kalt im schoss», während in Assonanzen und Alliterationen «das dorf noch immer qualmt» und mit jenem «qualmt» dann doch zurückbindet an «das kalumet», das «kalt» im Schoss liegt. Ein lautlicher Firnis schliesst die Oberfläche dieser traumhaft schönen Texte ab, ein Spiegelglanz aus Laut-Lichtern, wo auf dem Jahrmarkt, den die «frühen buchführer» besuchen, vielleicht nur deshalb «anis» ausliegt, weil die Silben das Wort «papier» vorbereiten. / Angelika Overath, NZZ 2.4.
Jan Wagner: Australien. Gedichte. Berlin-Verlag, Berlin 2010. 206 S., Fr. 27.90.
Bettina Schulte: Laudatio auf Marion Poschmann zum Peter-Huchel-Preis am 3. April 2011
Wer mit Marion Poschmanns Gedichten in Berührung kommt, gerät ins Schwimmen. Das kann man zunächst buchstäblich verstehen. Das Element dieser Dichterin ist das Fluide: Wasser in allen Aggregatzuständen – als Welle, als Wolke, als Nebel, als Dampf, als Regen, als Eis, als Schnee. Man folgt ihr in Räume unter Wasser: „du hast mir Quallen, hast mir Bullaugen gegeben, /zwei runde Fenster in das unscheinbarste Meer“; in Räume voller Schäume: „sofern es mich hier gab, in diesem Raum voll Schäumen / war ich ein Badewahn vor weißer Kachelwand“; in Räume, in denen das Wasser von oben kommt: „es spritzt, es zischt. Fontänen prasseln /nieder auf mich“. Man folgt ihr – in Reminiszenz an eine Kindheit unter Brustenge und Atemnot – ins Solebad im Mülheimer Raffelbergpark mit seinem Inhalationsraum. Dort „atmen (wir) einander ein mit der Geduld der / Engel, Cumulonimbus, Cirrus, Stratus, / inhalieren unsere Schemen, es ist /nichts zu erkennen.“ …
Nein: Die Lyrikerin stellt die sinnliche Gewissheit selbst auf den Prüfstand. Sie nimmt den Prozess der Wahrnehmung selbst ins Visier, indem sie das empirische Sehen auf seine seit Platon behauptete Erkenntniskraft testet. Mit fragwürdigem Ergebnis. Die überwiegend dem Sehvorgang gewidmeten Kapitelüberschriften des Bandes sprechen eine klare Sprache: „Testbilder“, „Störbilder“, „Spiegelungen“, „Trugbilder“ und „Nachbilder“ werden angekündigt. Und das Kapitel ziemlich in der Mitte der Sammlung – es umfasst die meisten Gedichte – variiert den Titel: „die Geisterseher“.
In dieser Zentralabteilung wird der Leser mit „Bilokation“ und „Levitationen“ konfrontiert, zwei klassischen Phänomenen aus dem Reich des Spiritismus. Doch handelt es sich bei Marion Poschmann durchaus um irdisch-diesseitige Beobachtungen: um „Beleuchtungskörper, die in Unterführungen / unter der Decke schwebten“. Damit indes begnügt sich das Gedicht nicht. Schließlich ist die Heilige Stadt der Katholiken Rom im Spiel. Und so heißt es weiter: „zerwühltes / Licht an den Wänden, die Laken und Schweißtücher /bleicher Leiber –“. So elegant kann das Gedicht, selbst mit der Gabe der Bilokation ausgestattet, den Schauplatz wechseln und auf jene Levitation anspielen, die das Kernstück des römischen Glaubens ausmacht – um aber keineswegs abzuheben, sondern fast rüpelhaft auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen: „elektrifizierte Reliquien, /umschwirrt von Fliegen und Pißgeruch, / sie brannten“, lauten die drei desillusionierten letzten Verse des Gedichts.
Man sieht: Das ist bei aller poetischen Geisterseherei und allen poetologischen Unschärferelationen, bei allem „Dämmerungssehen“ der „Spähtrupps des Unterbewusstseins“, sehr bewusst und sehr präzise gearbeitet. Neben den vertikalen Vernetzungen im Gedicht gibt es gleichzeitig ein horizontales Verweissystem von atemberaubender Dichte. Oft sind es Gedichtpaare, die sich spiegelbildlich gegenüberstehen: „vage Einsichten“ und „vage Aussichten“, „Selbstporträt als Innozenz (nach Velàsquez)“, „Selbstporträt als Innozenz (nach Bacon)“; „Vanitasgedanken bei Nacht“, „Vanitasgedanken am Tag“ – darüber hinaus die Minizyklen „Glanz“ und „Dampf“.
Das Double „vage Einsichten“/ „vage Aussichten“ sticht durch eine Eigenheit noch hervor: Es handelt sich um gereimte Sonette. Wie Marion Poschmann die aus der Renaissance überlieferte Urform des Gedichts wiederbelebt und tauglich macht für das 21. Jahrhundert: Das ist ganz hohe Kunst. Hören Sie selbst die die virtuosen und klangschönen Verse der Dichterin.
sofern es mich hier gab, in diesem Raum voll Schäumen
war ich ein Badewahn vor weißer Kachelwand
und meinem Spiegelbild es schien mir unbekannt
ein heller Widerstand in unsichtbaren Träumen.
dies war der Stoff, aus dem sich nackte Körper bäumen.
der bleiche Wasserdampf, die ausgetilgte Hand.
ein Bild, ein Fertigteil mit ungewissem Rand
wie ist die Welt so still in Seifenblasenräumen.
es fiel mir leicht, und doch – wie wäscht man Spiegelbilder?
meins floh, es war nur schwer zu mir zurück zu bitten
aus blindem Kondensat in diese Zimmerzeit.
ich wischte weg, was war, ich sah mich mild und milder.
ich lag dort aufgebahrt in meinem Dämmerkleid
ein grauer Gegenstand, um den die Nebel glitten.
Mehr: Bericht der „Badischen Zeitung„
Seine „Metaphorik der Überraschung“ sei als „Kritik der Lahmarschigkeit“ des herkömmlichen Gedichts zu verstehen. Lerner habe mit „Die Lichtenbergfiguren“ einen „furiosen Gedichtband“ geschrieben, ein „Meisterstück moderner Sonett-Kunst“, das „lyrische Direktheit mit kluger poetologischer Reflexion verbindet“.
Lerner und sein deutscher Übersetzer, der ein Jahr ältere Steffen Popp, haben gestern Morgen den Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie erhalten.
Laudatorin Monika Rinck sagte ambitionierte Sätze wie „Die Gedichte wissen, was sie tun, indem sie mit den Dingen zusammenstoßen“ und „Wir sehen das Gewohnte, das Ungewohnte und das, woran man sich unmöglich gewöhnen kann, in der Kombination von Beidem.“ …
Lerner las mit warmer, dunkler Stimme seine Gedichte, Popp tauchte sie in seine eigene Melodie. „Gather your marginals, Mr. Specific. The End/is nigh“, schreibt Lerner. Und Popp übersetzt: „Pack deine Fußnoten ein, Dr. Akribisch. Das Ende/ ist nah.“
Man sollte ganz dringend die Gedichte von Lerner lesen. / Sabine Müller, Münstersche Zeitung
Ben Lerner: Die Lichtenbergfiguren. Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Steffen Popp. Luxbooks, 52 S., 18,50 Euro.
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