MOMBASA ISLAND, ZWEITER JULI, MEINE LIEBSTE
Yasmouni, arbeite hier seit gestern als
Entwicklungshelfer, brauche Ablenkung, bevor ich
Endlich wieder was mit einer Frau
Anfange, zuviel Freundschaft zuletzt immer und
Zuwenig Liebe, es ist immer das
Gleiche, bemühe ich mich um
Eine, geht sie am Rand von Sachsen
Schlittschuh laufen, beachte ich sie
Kaum, sind wir ein Paar, ich fahre
Medikamente und Tee nach Tansania und
Ins Landesinnere, da mein Zimmer direkt
Am Tiefseehafen von Kilindini Harbour
Liegt, kann ich keine Nacht schlafen, ständig
Muß ich mit anhören, wie Datteln, Trockenfische
Und Truhen verladen werden, dabei wollte ich
Doch nie nach Afrika, Rimbaud wollte dorthin, ich
Nie, überall Müll und Gemüse, Tücher, Schlangen
Und Ratten, Ratten und Schlangen, die
Garstige Trockenheit an den Wellen der Bleche, die
Barfrau im La Marina kommt aus Trondheim, auch nicht
Gerade um die Ecke, ihre Augen, ihre Haare, ihre
Schultern, theologische Vollkommenheitsbeweise
Zugunsten von Sehnsucht und Toblerone, ihre Art, nie
Mehr Fleisch anzurühren, macht aus mir einen glücklichen
Idioten, ich weiß schon gar nicht mehr, warum ich
Dir das alles schreibe, wenn du keinen Kontakt willst,
Im La Marina, mußt du dich aus allem raushalten und
Stundenlang Erdnüsse kauen, könntest du
Den Ring vom kleinen Finger an der rechten Hand
Bitte einen Finger weiter vorn tragen, davon wird dein
Innenleben heller, deine Seele
Bindungsfähiger, die letzte Nacht habe ich
An einem Container gelehnt, weil ich dachte, er
Macht nicht mehr lange, mit der Stirn und den Händen
An der versprengten Etüde eines Containers,
An den Rippen, an den Klippen eines
Sich nie mehr vom Festland loseisenden
Containers, das ist Afrika, wieviele Haare
Man in den Jahren verliert, erkennt man am
Ehesten nach Umzügen, Garantien der
Ausgekratztheit, die Flusen, die Wüste, der
Staub, dürres, regalloses, inwendiges Gras, mit einem
Hang zu gar keinem Gras, im Herzen des Landes, eine
Frau, die Gott geschickt hat, auf einem Fahrrad mit
Korb, einem Einkaufskorb, einem Einkaufskorb,
Halluzinationen, Erschütterungen, Stotterei, die
Mängel einer vergeblichen Vertrautheit, ihre
Hände nur mit einer Schachtel
Erdbeeren bekleidet, nur ihre Hände, der Rest
Spielt keine Rolle mehr, das ist Afrika, warum ich
Dir das alles schreibe, du bist vielleicht gut, ich brauche
Afrika, bevor ich endlich wieder was mit einer
Frau anfange, einer Frau, die mich selbst
In der Öffentlichkeit monströser Basare und Bibliotheken
In einer schwarzen Badestola in den Wahnsinn
Treibt, und das tust du, du
Glaubst doch wohl nicht wirklich, daß ich
Hierbleibe, nach all den Jahren der Idiotie, der
Leichtsinnigkeit, der Mitschuld und des
Verstandes.
Thomas Kunst, aus dem neuen Band „Legende vom Abholen“, Edition Rugerup / Nimrod Förlag AB
Zum Tod der Germanistin Silvia Schlenstedt schreibt Georg Fülberth in der Tageszeitung junge Welt:
Die junge Germanistikstudentin versuchte, wie sie sich 2004 in einem Interview erinnerte, »marxistisch zu arbeiten, ohne Lukács zu folgen«. Eine Gegenposition fand sie bei Brecht, über dessen »Svendborger Gedichte« sie promovierte. Literaturwissenschaft hatte für sie eine operative Aufgabe. »Eingreifen«: das galt für beides – die Arbeit der Schriftsteller und ihrer interpretierenden Begleiter. Da dies Kritik und Veränderung bestehender Zustände – auch des Sozialismus, damit er einer werden konnte – bedeutete, mußte das literarische Material Werkzeug sein, das auf Hindernisse stieß. Diese Auseinandersetzung hat die gesamte wissenschaftliche Arbeit Silvia Schlenstedts geprägt. Zusammen mit ihrem Mann, Dieter Schlenstedt, suchte und fand sie die Nähe der jungen Dichter, die zum Aufbau einer neuen Gesellschaft beitragen wollten. »Wir waren fast von Anfang an mit der in den frühen sechziger Jahren neu entstehenden Lyrik verbunden, mit Volker Braun, Karl Mickel, Heinz Czechowski usw. Die kannten wir alle, haben sie interviewt, über sie geschrieben, die waren bei uns zu Hause.« Der Arbeitskontakt reichte über Generationen, bis zu Steffen Mensching und Hans-Eckardt Wenzel.
Im Freitag bespricht Thomas Wagner das Zeit-Projekt politische Lyrik und kritisiert es zu Recht:
Nun wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn eine auflagenstarke Zeitung ein weithin wahrnehmbares Forum für politische Lyrik schüfe, so wie man es begrüßen konnte, als der Deutschlandfunk sein „Gedicht des Tages“ einführte. Was stutzig macht, ist jedoch die Art und Weise, mit der die Zeit-Redakteure ihr Projekt begründen. Sie gehen davon aus, dass es das politische Gedicht eigentlich gar nicht mehr gibt. „Das ideologische Zeitalter ist vorbei, Gedichte mit parteipolitischer, gar agitatorischer Absicht sind passé“, behaupten die Journalisten.
Das klingt zunächst plausibel. Für ein nennenswertes parteigebundenes Engagement der Dichter fehlt heute tatsächlich die Grundlage.
Aber das bedeutet doch nicht, dass die politische Lyrik verschwunden ist. So erschien 2009 im Rotbuch-Verlag eine Sammlung mit neuen politischen Gedichten, die das genaue Gegenteil belegt. Gerade jüngere Lyrikerinnen und Lyriker hätten sich in den letzten Jahren verstärkt Themen wie Globalisierung oder Ausbeutung angenommen, schreibt Tom Schulz, der Herausgeber der Anthologie alles außer tiernahrung. Und die Art und Weise, wie sich der shooting-star der Szene Björn Kuhligk dem brutalen Grenzregime der EU nähert, ist zwar keineswegs agitatorisch, politisch sind seine poetischen Zugriffe auf die komplexe Wirklichkeit aber allemal. Ganz zu schweigen an dieser Stelle von den vielen Hip-Hop-Künstlern und Mundart-Dichtern, die auf zahlreichen Demonstrationen der vergangenen Jahre – zuletzt in Stuttgart – eine manchmal auch literarisch überzeugende Alternative zum oft eher drögen Agitationsjargon vieler Redefunktionäre boten. Und last but not least hat die Affäre Guttenberg gezeigt, wie twitter eine gewaltige poetische Energie zu entfesseln vermag.
Von solchen Einsichten ist die Zeit aber weit entfernt. Es fehlen ja schon weitgehend die „klassischen“ linkspolitischen Schriftsteller; ein Dietmar Dath oder ein Wiglaf Droste, von einem weniger bekannten Autor wie Michael Mäde ganz zu schweigen. Nein, das Projekt „Politische Lyrik in der Zeit“ lässt nicht erkennen, dass eine substanzielle, poetische Kritik der Verhältnisse erwünscht ist. Denn statt die Lyriker hierzu zu ermutigen, köderte man sie mit dem Angebot, große Politik aus der Nähe zu erleben. Was viele ambitionierte Journalisten auf gefährliche Abwege gebracht hat, dürfte in der Lyrik vor allem Murx zeitigen.
– Ob das Fehlen von Dath, Droste und Mäde per se bedeutet, daß substanzielle poetische Kritik nicht erwünscht sei, stehe dahin. Der Autor setzt hier Liste gegen Liste, als gäbe es auch nur annähernd Konsensmöglichkeiten oder zumindest klare Kriterien für Pro und Contra. Selbst die Akzentuierung von Björn Kuhligk als „der shooting-star der Szene“ täuscht Urteil nur vor. (Ungefähr so sprechen Zeit-Rezensenten ja auch.) Sein Kriterium scheint zu sein „Ästhetische Wertschätzung durch das (bürgerliche) Feuilleton“ bei den von der Zeit ausgewählten Dichtern hier und „klassisch linkspolitische“ Autoren da. Eine vielleicht etwas einäugige Klassifizierung, die Übersicht vortäuscht, wo genaueres Hinsehen und Fragen erwünscht ist. Wenn darüber etwas gewußt werden soll, muß man die eigenen Scheuklappen in die Betrachtung einbeziehen. Eine Kartierung gegenwärtiger Lyrik und Politik müßte anders ansetzen, jenseits eigener Gewißheiten doch. Weder sind die Zeit-Autoren ein „Lager“ (poetisch gewiß nicht, und politisch? das Raster wär eh zu eng), noch sind „klassisch linkspolitische“ die einzige Alternative. Da müßte man hinsehen, finden wollen, statt nur Gewisses zu verkünden. Der Feuilleton-Kritiker gleicht darin dem Feuilleton ganz und gar. Wer darüber nicht nachdenken will, verläßt den herablassenden Blick der Feuilleton-Generalisten auf die Lyrik-Spezialisten ebensowenig wie es das Zeit-Projekt tut.
Ob die von der Zeit ausgewählten LyrikerInnen leichter oder genauso leicht wie Journalisten auf ausgelegte Köder hereinfallen, muß sich erst zeigen. Wer da „vor allem Murx“ erwartet, tut uns ja leid.
Und als gäb es sonst keinen Murx auf den großen Blättern, oder Bühnen. Als wären die großgeplanten Problemlösungen der wirtschaftlichen, sozialen, außenpolitischen oder technologischen … Probleme zwischen Hartz 4 und Moratorium anderes als bestenfalls Murx. Oder schlimmstenfalls Mafia. Als würden sich die Journalisten oder wenigstens Kulturkritiker da murxfrei wacker schlagen. Hah, was müssen wir jeden Tag hören oder lesen!
Neinnein, ruf ich, nein! Und zitiere, wenn sogar schon die Zeit auf dem Titelblatt der vorigen Woche mit einer Herbst-89-Wendelosung aufmacht, déjavue: „KEINE LÜGEN MEHR!“, ein paar Zeilen von Volker Braun, der vor und nach der „Wende“ klarsichtige politische Lyrik schrieb, lechts und rinks wär da zu eng:
Das fein Geplante
Ist doch zum Schrein.
Das Ungeahnte
Tritt eisern ein.
(Aus: Gemischter Chor. In Volker Braun, Langsamer knirschender Morgen, Halle-Leipzig 1987, S. 7)
Das Ungeahnte, Unsichtbare kommt, ist vielleicht schon da. Erst mal freu ich mich auf ungeahnte Gedichte Woche für Woche in der sicheren Erwartung, daß auf dieser Seite nicht allemal der Murx der Woche stehn wird. Ob eisern oder welchen Materials immer.

Die Position des Anarchisten, der sprachliche Dekonstruktionsarbeiten verrichtet, war in der Lyrikszene nach dem Tod Thomas Klings lange vakant. Am kompromisslosen Experiment versucht sich nun seit einiger Zeit der aus dem Saarland stammende, 1979 geborene Wahl-Berliner Konstantin Ames, der als selbsternannter „Schnösel vom Literaturinstitut“ schon einige exzellente Talentproben abgeliefert hat.
Nach einigen Auftritten in Zeitschriften und auf diversen Lesebühnen legt Ames nun via Direktvertrieb im Internet seinen ersten Gedichtband „Alsohäute“ vor, in der „roughbooks“-Reihe von Urs Engeler. Was Ames in einem Essay einmal als „Verhohnepiepelung“ und „forcierte Flapsigkeit“ bezeichnet hat, wird hier mit Feuereifer in zwei Dutzend Gedichten zelebriert: eine zwischen Alltagswitz, Kalauer, hohem Ton und Sprachresteverwertung balancierende Wortakrobatik, die ihren Sprachstoff unablässig grammatischen Zerreißproben unterzieht. / Michael Braun, Tagesspiegel
Konstantin Ames:Alsohäute. Gedichte. roughbook 011, Leipzig und Holderbank SO, 2011. 60 Seiten, 7,50 €. (www.roughbooks.ch)
Man darf annehmen, dass bis zu fünfzig Prozent der Hochschullehrer und Mitarbeiter des Kulturbetriebs Informanten des Geheimdienstes waren. Fast alle diese Personen leben heute in Deutschland. Sie sind die netten Rentner von nebenan. Keine Institution hierzulande fühlt sich aufgerufen, genauer hinzusehen.
Für Dieter Schlesak aber ist Oskar Pastior der wichtigste Spitzel. Jedenfalls meint er dies nach einem flüchtigen Blick in seine eigene Akte behaupten zu können. Dabei gibt es zwei eher nichtssagende Berichte von „Stein Otto“ in dieser Akte, während IM „Ludwig Leopold“, das ist der Dichter Alfred Kittner, mit über einem Dutzend zumeist gewichtigeren Berichten darin vertreten ist, ebenso die Informantin „Tatiana“, deren bürgerlicher Name noch nicht bekannt ist.
Alfred Kittner, der 1906 in Czernowitz geborene und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Bukarest lebende Dichter und Herausgeber, kannte sich in der literarischen Szene Bukarests bestens aus. Vielfach hatte er die jüngeren Dichter gefördert, die er anschließend bei der Securitate anschwärzte. Am 18. Juni 1968, zwei Monate nachdem Oskar Pastior sich entschieden hatte, in Deutschland zu bleiben, teilte Kittner seinem Führungsoffizier mit, Schlesak habe ihn am 10. Juni besucht „und bei dieser Gelegenheit auch über Pastiors Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, gesprochen. Schlesak nannte dies eine ,Schweinerei’, nicht nur gegenüber den Behörden, die ihm vertraut hatten, sondern auch seinen Schriftstellerkollegen gegenüber, die nun wahrscheinlich nicht mehr das gleiche Vertrauen genießen wie bisher. Seiner Meinung nach hört Oskar Pastior durch sein Wegbleiben auf, ein wertvoller Dichter zu sein, denn nur die enge Bindung an sein Land, an die spezifische Welt Siebenbürgens hat seiner Dichtung Authentizität und Wert verliehen.“ …
In Deutschland leben mittlerweile fast alle ehemaligen IMs und fast alle Opfer dieser IMs, darauf hat Herta Müller mehrfach hingewiesen. / Ernest Wichner, Tagesspiegel 7.3.
Der sich anschließende Auszug aus Mieczyslaw Weinbergs Zyklus „Jüdische Lieder auf Verse von Shmuel Halkin, op. 17“ stand in jeder Hinsicht in krassem Gegensatz zum spätromantischen Auftakt. Während Brahms’ Lieder von Liebe, Sehnsüchten und träumerischer Weltabgewandheit handeln, hat Weinbergs 1944 entstandenes Werk das Leid der jüdischen Bevölkerung im von Deutschland besetzten Polen zum Thema. … Besonders eindrucksvoll geriet „Tife griber, rote leym“. Der 1996 verstorbene Weinberg hinterließ ein umfangreiches Œuvre, in dem es noch viel zu entdecken gibt. / Manuel Wenda, Main-Spitze
Shmuel Halkin (1897-1960) war ein sowjetischer jiddischer Dichter aus Weißrußland.
„Er nahm Bilder und Themen aus Bibel, Talmud, Kabbala und dem Chassidismus auf, die er als universelle Symbole und Metaphern einsetzte. Nicht weniger wichtig war der Einfluß der russischen und deutschen Gedankendichtung, besonders Puschkin, Fjodor Tjutschew und Goethe. Der führende jiddischer Dichter Avram Sutzkever lobte Halkin für seinen ästhetischen Perfektionismus, der sich in der ‚ausgewogenen Balance von Wort und Ausdruck‘ äußerte; nach dem amerikanischen Kritiker Nakhmen Mayzel war Halkin ‚einer der am meisten komplexen und raffinierten, tiefen und jüdischen jiddischen Dichter der Sowjetunion'“. (Mikhail Krutikov)
Über Halkin:
Shmuel Halkin, “Oytobiografye,” Di goldene keyt 39 (1961): 69–86, see preface by Avrom Sutzkever; Mikhail Krutikov, “Traditsye un haynttsaytikayt in der shafung fun Shmuel Halkinen,” Sovetish heymland 7 (1987): 102–108; Nachman Mayzel, “Shmuel Halkin,” in Dos yidishe shafn un der yidisher shrayber in Sovetnfarband, pp. 253–268 (New York, 1953).
Hier zur Biografie
Hier das Lied „Tiefe griber, roiter leym“ (Tiefe Gräber, roter Lehm) Jiddisch und Englisch
In der Open Library (Steven Spielberg digital Yiddish library) gibt es einige seiner Bücher
Erich Kästner wusste besser als kein anderer, dass Lyrik im Frühling Konjunktur hat. Und wer eine emotionale Initialzündung braucht, kann sie jederzeit in Kästners Gedichten finden, wie zum Beispiel in Besagter Lenz ist da. / dradio.de
Die schön gestaltete und von den beiden Herausgebern vorzüglich kommentierte Edition der Schlayerschen Minusio-Erzählung ermöglicht einen neuen Blick auf George. Sie zeigt einen entspannten Dichter-Gott, der sich durchaus auch spielerisch-belustigt auf die Rituale seiner Sekte bezog. Dies konnte er sich im Bewusstsein der bedingungslosen Verehrung, die ihm entgegengebracht wurde, freilich problemlos leisten. Auch Schlayers Briefe sind, ungeachtet der Profilierung eines persönlicheren, man möchte sagen: menschlicheren Meisters, Dokumente der Anbetung. Sie bebt vor Ergriffenheit, wenn er ihr mit seinem Löffel vom Nachtisch abgibt oder gar eigenhändig ein Brötchen mit Hummermayonnaise für sie schmiert. Sie ist ausser sich vor Glück, wenn er in der von ihr gestrickten Wollweste, seinem «Wullewops», zum Abendessen erscheint. Jede noch so banale Geste, jedes Räuspern, jedes Lachen Georges hat das Zeug zur Offenbarung. / Manfred Koch, NZZ 22.3.
Clotilde Schlayer: Minusio. Chronik aus den letzten Lebensjahren Stefan Georges. Hrsg. und mit Erläuterungen versehen von Maik Bozza und Utel Oelmann. Wallstein-Verlag, Göttingen 2010. 346 S., Abb., Fr. 56.90

In welch verschiedene Richtungen das geschriebene und gesprochene Wort sich selbst in ein und derselben Textgattung bewegen kann, war in Leipzig am Beispiel der Lyrik zu erleben, die hier auffällig selbstbewusst ihre vielen Stimmen erhob. Selbst Tierstimmen waren darunter. Lokalmatador Clemens Meyer, der zur Leipziger Buchmesse gehört wie die geöffnete Bierflasche zu ihm, war diesmal nicht mit neuen Erzählungen zur Stelle, sondern als Übersetzer jener »Gedichte von Hunden« , die US-amerikanische Autoren ihren Tieren angedichtet haben. Ahne, Urgestein der Berliner Lesebühnenszene, hielt bei seiner alljährlichen Strandung auf der »Leseinsel der jungen Verlage« diesmal »Gedichte, die ich mal aufgeschrieben habe« in den Händen und trug etwa dieses vor: »Endlich wieder weinen können/ wünsch ich./ Tränen, die befrei’n./ Lass die Zwiebel stecken, Mutter!/ Von alleine/ soll es sein.« Auch Dietmar Dath, an dessen statt auf jeder Buchmesse mindestens eine seiner Neuerscheinungen zu entdecken ist – meist ein Roman –, trat diesmal in Gestalt seines Lyrikdebüts »Gott ruft zurück« in Erscheinung, darin er sich formal zum tot geglaubten Endreim bekennt.
Autoren hatte die Lyrik immer auf ihrer Seite. Aber ein Publikum? Aufrichtig verblüfft waren die Veranstalter der Lyriknacht in der Hochschule für Grafik und Buchkunst über den Andrang. Etwa zweihundert Menschen lauschten vier Abendstunden lang konzentriert der auch artikulatorisch höchst professionellen Gedichtlesung von Nadja Küchenmeister, Ulrike Almut Sandig, Daniela Seel und anderen – sensible, assoziative Verse, deren Schönheit und Tiefe sich nicht in der Beschreibung dinglicher Oberflächen erschöpft. Worte eher wie neuste Musik, der zu folgen ein Einlassen auf unbedingte Anstrengung erfordert. / Martin Hatzius, ND 22.3.
die meisten Dichter, die man so kennt – Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller etwa – haben vor langer Zeit gelebt und sind schon lange tot. Und Gedichte spielen im Alltag der meisten Menschen kaum eine Rolle – höchstens mal als Jux zum runden Geburtstag. / Radio Bremen
(Der verlinkte Artikel berichtet über eine Lyrikwerkstatt in Bremen)
[Außer dem „Grünen Buch“ hat der libysche Revolutionsführer Gaddafi] auch Gedichte und Geschichten veröffentlicht, in denen er sein erstaunliches Wissen über Frauen preisgibt: „Frauenärzte sagen, dass Frauen jeden Monat menstruieren, Männer aber nicht. (…) Wenn eine Frau nicht menstruiert, ist sie schwanger.“
Frauen seien darüber hinaus zarte Geschöpfe, ähnlich wie Blumen, die es zu bestäuben gilt. / shortnews.de
[Allerdings sind die short news ein wenig zu short. Die Aussagen über Frauen stammen nicht aus „Gedichten und Geschichten“, sondern aus dem „Grünen Buch“. Genaueres im Artikel der Süddeutschen Zeitung]
Das Grüne Buch gibts hier Arabisch und hier Englisch (über die Frauen im 3. Teil. Trotz allem Hanebüchenen übrigens auch mit Aussagen, die nicht für jedes arabische Land selbstverständlich sind.)
Montag, 21. März 2011, 19:30 Uhr, Eintritt: 5,- Euro
Mary Jo Bang: Eskapaden
Kevin Prufer: Wir wollten Amerika finden
Zweisprachige Lesung
Mary Jo Bangs Dichtung ist abenteuerlustig und dynamisch, jedes ihrer Bücher findet eigene Töne, Protagonisten und Atmosphären. Ihre Sprecher und Figuren sind amorphe Kreaturen zwischen Rollen und Perspektiven, sie verkörpern die Ambiguitäten postmoderner Wahrnehmung. Sie schafft Parallelwelten voller Wiederekennungsmomente, denen Assoziationsbögen zwischen Freud, Plato, Cher und Alice im Wunderland aufgeschlagen werden. Die Gedichte Bangs sind facettenreiche Bilder gegenwärtigen Lebens und dessen messerscharfe Sektion.
„Mein Imperium fiel wie ein Blutstropfen ins Gras“ Kevin Prufers Gedichte sind Expeditionsunternehmen in ein zerrissenes, um seine Träume und Selbstbilder gebrachtes Amerika. Er hat das politische Gedicht für die Popmoderne reaktiviert und schafft es dennoch in diesem Waste Land des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts die eigentliche Poesie des Menschseins zu feiern.
Mary Jo Bang wurde 1946 in Waynesville, Missouri geboren. Sie studierte zunächst Soziologie, arbeitete dann einige Jahre als Hilfsärztin, studierte Fotografie in London und Jahre später Creative Writing an der „Columbia University“. Ihr erster Gedichtband erschien 1997 und gewann den Katharine Bakeless Nason Prize. Von 1995 bis 2005 betreute sie gemeinsam mit Timothy Donnelly die Lyriksparte der Boston Review. Zahlreiche Fellowships und Preise, darunter ein Pushcart Prize und ein Guggenheim Fellowship. 2007 gewann sie den bedeutenden National Book Critics Circle Award für ihren Band Elegy, der von der New York Times zu einem der wichtigsten Bücher des Jahres ernannt wurde. Ihre Gedichte wurden vielfach anthologisiert und erscheinen in zahlreichen Zeitschriften wie Poetry, der New York Times und in der jährlich erscheinenden Anthologie The Best American Poetry. Sie lebt und lehrt in St. Louis, Missouri.
Kevin Prufer wurde 1969 in Cleveland, Ohio geboren. Er studierte an den Universitäten Wesleyan, Hollins und Washington. Er hat vier Gedichtbände veröffentlicht. Daneben zählt er zu den wichtigsten Herausgebern zeitgenössischer Lyrikanthologien: New European Poets, The New Young American Poets und Dark Horses: Poets on Overlooked Poems. Er ist Redakteur der einflussreichen Zeitschriften Pleiades und American Book Review und ist zudem Vizepräsident des National Book Critics Circle. Er lebt in Warrensburg, Missouri.
Ein Gastspiel der crazyartists. Die Texte entstanden im Rahmen einer von Jörn Waßmund geleiteten Schreibwerkstatt, an der zwölf begabte Autoren mit der Erfahrung eines psychischen Handicaps teilnahmen.
Mit Verena Bittner, Bernhard Düformantel, Carola Gärtner, Melanie Giesen, Beate Trapp
Regie: Jörn Waßmund
1886 wurde der als Dada- und Laut-Dichter berühmt gewordene Autor im pfälzischen Pirmasens geboren. Mit 25 Veranstaltungen feiert ihn seine Geburtsstadt, wo man in Andreas Meier einen würdigen, ebenfalls sprach- und lautgewandten Ball-Preisträger ehrte.
Bekannt wurde Ball, der mit seiner späteren Frau Emmy Ball-Hennings 1915 in die Schweiz übersiedelte, als Zeitkritiker und Gründer des legendären „Cabaret Voltaire“ in Zürich. Wer Genaueres über ihn erfahren möchte, dem sei der vom Heidelberger Autor und Kritiker Michael Braun herausgegebene Band „Hugo Ball – Der magische Bischof der Avantgarde“ empfohlen. / Mannheimer Morgen 16.3.
(schöner Druckfehler: Primasens!)
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