Die Sendung Kultur heute im DLF 11.06.2011 17:30 Uhr
u.a. mit
„Lyrik, wo bist Du?“ – Ein geplantes Symposium der Evangelische Akademie Loccum
Brigitte Kronauer: Es gab für mich ein Buch, das mir die Lichter aufgehen ließ, und das war das Lyrikbuch – ich selbst bin keine Gedichtschreiberin gewesen – Museum der modernen Poesie, herausgegeben 1960 von Hans Magnus Enzensberger: internationale Poesie, zweisprachig abgedruckt. Das war für mich eine ziemliche Offenbarung, dass man so Literatur schreiben konnte. Das Buch wurde eine Art Bibel für mich. Da aber klar wurde, dass ich eher zur Prosa neige, war es der „nouveau roman“. Bei beiden Abteilungen der Literatur ist es die große Einfachheit gewesen, die mich bestach.
Standard: Inwiefern ist der „nouveau roman“ eines Claude Simon, eines Alain Robbe-Grillet einfach?
Kronauer: In dem Sinne, dass auf die alten Metaphern verzichtet wurde, auf die alten Betroffenheiten. Man wird natürlich auch im Gymnasium durch die Lektüre geprägt: Die deutsche Nachkriegsliteratur bemühte sich vor allem um die jüngere Vergangenheit, und ich sah kein Durchkommen, das spannend auf mich zu beziehen.
Standard: Ihnen war diese Literatur zu betulich?
Kronauer: Die damalige Avantgarde betrieb einen Gestaltauf- und Abbau mit ganz einfachen Bausteinen. Man konnte jeden ihrer Schritte nachvollziehen. Das verstehe ich unter Einfachheit, die auf alle Arabesken verzichtet, die später durchaus für mich wichtig wurden. Damals hatte ich das Gefühl: Ich stehe nicht auf Sumpf, sondern auf festem Boden! Später, bei Autoren wie Gomringer oder Heißenbüttel, geriet ich doch auch in Gefahr, abzuschalten. Wenn eine Seite zur Gänze mit immer demselben Wort vollgeschrieben ist, und irgendwo ist dann ein einziges abweichendes Wort, dann nimmt man das zwar wahr, aber …
/ Ronald Pohl, Der Standard 11.5.
Marco Beckendorf hat dankenswerterweise für unsere Untersuchung zur Zahl der Lyrikdebüts folgende Titel seines hochroth Verlages seit Gründung zusammengestellt:
1) Von den Sümpfen, Konstantin Hanack – Gedichte. hochroth Verlag 2009, 42 Seiten, Broschur ISBN: 978-3-9812619-1-2
2) Gedichte in zwei Sprachen, G. H. H. – Gedichte. hochroth Verlag 2010, 46 Seiten, Broschur ISBN: 978-3-942161-01-5
3) Einen Zungenschlag richtig, Tini Anlauff – Gedichte. hochroth Verlag 2010, 26 Seiten, Broschur ISBN: 978-3-942161-05-3 (ist bereits auf der Seite vermerkt)
4) Am Rande von Irgendetwas, Gerhard Ortinau – Frühe Gedichte & Texte 1970-1978. hochroth Verlag 2010, 34 Seiten, Broschur ISBN: 978-3-942161-07-7
5) der Schall danach, Ivo Sachs – Gedichte. hochroth Verlag 2011, 28 Seiten, Broschur ISBN : 978-3-942161-12-1
Marco Beckendorf
www.hochroth.de
Auf dem Papier ist es eine Kombination, die auf keinen Fall funktionieren kann. Hier Ernst-Ludwig Petrowsky aus Güstrow, einer der Urväter des Jazz in der DDR. Daneben Uschi Brüning aus Leipzig, die dem legendären Günther-Fischer-Quintett an der Seite von Manfred Krug ihren Stempel aufdrückte. Und dann noch Wiglaf Droste aus Westfalen, vielleicht der scharfzüngigste Satiriker Deutschlands, nebenher aber auch ein Mann, der etwa mit seinem Spardosen-Terzett Peter Hacks-Gedichte vertonte.
„Meine ostdeutschen Adoptiveltern und ihr missratener Sohn aus dem Westen“, hat das Trio ein gemeinsames Album genannt, das im „Theater am Rand“ in Zollbrücke live aufgenommen wurde. / Mitteldeutsche Zeitung
Bei der Lesung in der Alten Schmiede in Wien, im März 2011, liest sie sehr zum Vergnügen des Publikums auch das Gedicht „Schienenersatzverkehr“ aus dem Band „Abenteuer der deutschen Grammatik“: „Werden die Schienen ersetzt oder ist es ein er, der im Verkehr ausgesetzt wird? Ein Satz macht einen großen Satz über fremde Schatten und verkehrt mit dem Sinn des Sagbaren in der umgekehrten Reihenfolge.“
Beim Interview danach sagt sie: „Alle lachen, weil ,Schienenersatzverkehr‘ doch so etwas Normales ist. Aber es ist nicht normal.“ Mit scharfem Blick analysiert und seziert Yoko Tawada deutsche Wortungetüme, spürt Auffälligem und nur scheinbar Logischem in der deutschen Grammatik nach und klopft Wörter auf ihre Doppelbedeutungen und versteckten politischen Botschaften ab. / Judith Brandner, Die Presse 11.6.
Der Kölner Schriftsteller Jürgen Becker erhält den Thüringer Literaturpreis 2011. Der Lyrik-, Prosa- und Hörbuchautor wird für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Bildungsminister Christoph Matschie (SPD) würdigte Becker, 78, der einige Jahre seiner Kindheit und Jugend in Erfurt lebte, als einen der bedeutendsten Autoren der Gegenwart. / SZ
Als Sohn eines entwurzelten Bauern und als Weltkind versteht sich Richard Pietraß. Der Dichter feiert am 11. Juni seinen 65. Geburtstag. Bei FIGARO spricht er über seine Kindheit, Heimat und Fernweh, seine Weltsicht …
Æri Tobbi (im Buch auch so: Æri-Tobbi) ist ein isländischer Dichter des 17. Jahrhunderts. Es ist nicht leicht, außerhalb Islands etwas über ihn zu erfahren. Der isländische Wikipediaeintrag verzeichnet keine Versionen in anderen Sprachen. Der 22bändige Kindler kennt ihn ebensowenig wie das kleine Lexikon Nordeuropäischer Literatur aus dem DDR-Verlag Enzyklopädie. Aber in diesem Jahr erschien (oder erscheint?) ein Band „Isländische Lyrik“ als Insel Taschenbuch im Rahmen des Island-Schwerpunkts der Frankfurter Buchmesse. Bei einer Serie von Veranstaltungen im Netzwerk der Literaturhäuser, in die, wie man hört, das Greifswalder Koeppenhaus hineingerutscht ist, weil München abgewunken hat, wird den Besuchern am Ausgang ein Vorabexemplar überreicht, das so vorgestern in meinen Besitz kam. Danke, München!
Über die Veranstaltung werde ich noch berichten.
Hier eine erste Lesefrucht, die in meine Anthologie drängt. Leider leider (erste und bislang einzige Mäkelei) haben die Herausgeber und/oder Verleger nicht nur nicht daran gedacht, die Gedichte zweisprachig zu drucken, was vielleicht aus ökonomischem Kalkül verständlich ist, sondern nicht einmal eine einzige klitzekleine Probe der isländischen Originale wenigstens aufgenommen. (Die alten und neuen Gedichte auf der Lesung im Koeppenhaus wurden dagegen durchweg in beiden Sprachen vorgetragen und einige sogar gesungen, was wunderbar klang und Neugier weckte. Zum Beispiel auf Sigtryggur Magnason, der zusammen mit der Schauspielerin Svandís Dóra Einarsdóttir die Anthologie vorstellte, der Dichter ist leider nicht in der Anthologie enthalten, trug aber zu Beginn ein paar eigene Texte vor!).
Von Æri Tobbi enthält die Sammlung zwei kurze Texte:
Über den Dänen als solchen
Zipfel Zapfen und zappzarapp gut Axt mit Zähnen,
zerschrauben zerklauben ein Torso in Tränen,
loben darf nur der Deiwel die Dänen.
Über Katzen
Rumpel die Pumpel beißen und kratzen,
warum sind hier so viele Katzen?
Schmurgel die Gurgel ein Grün sich zu laben,
schlimm ists, ihrer viel auf dem Hof zu haben.
(Deutsch von Jón Bjarni Atlason und Alexander Sitzmann)
Über Katzen gibts natürlich verschiedene Ansichten, vielleicht auch über Dänen (man muß hierzu nur wissen, daß Dänemark jahrhundertelang über Island herrschte). Aber verflucht nochmal, so leichtfüßiges Wortspiel gibts bei uns nicht im 17. Jahrhundert! Da gibts viel Gutes und Spannendes und wie immer auch Langweiliges, es gibt Gewichtiges, Graziles und Gestelztes, aber sowas! Wie klingt das wohl auf Isländisch?
Google brachte mir bislang als einzige Spur den isländischen Wikieintrag:
Æri Tobbi er skáld frá 17. öld, fæddur árið 1600. Hann hét réttu nafni Þorbjörn Þórðarson. Um ævi hans og búsetu er fátt vitað, en hann virðist hafa dvalist mest sunnanlands og vestan og starfað að járnsmíðum. Talsvert hefur varðveist af undarlegum vísum og kviðlingum eftir hann. Hér er eitt dæmi.
Leider ist mein Isländisch nicht perfekt, aber es bedeutet ungefähr soviel:
Æri Tobbi ist ein Dichter (Skalde) des 17. Jahrhunderts, der um 1600 geboren wurde. Sein eigentlicher Name ist Þorbjörn Þórðarson. (…) Hier ist eine Probe.
Vambara þambara þeysingssprettir
því eru hér svona margir kettir,
agara gagara yndisgrænum,
illt er að hafa þá marga á bænum.
Vambara þambara? Agara gagara? Das klingt wie Wortspiel und ist es auch. Und „kettir“ in Zeile 2 heißt vermutlich Kater, „að hafa“ in der 4. bestimmt auf dem Hofe, „þá marga“ also so viele… Nehme ich die Wortspiele dazu, wird fast klar, das muß es sein, das Katzengedicht haben wir! (Vielleicht findet sich jemand, der das über die Dänen besorgen kann? Oder Wiki weiter übersetzen?)
Musik und Fragen zur Person
Im Gespräch mit Michael Langer
Hans Thill, Jahrgang 1954, der für seine Gedichte u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet wurde, ist nicht nur Lyriker und Übersetzer, sondern auch Mitbegründer des Verlags Das Wunderhorn.
Außerdem leitet er das Künstlerhaus Edenkoben sowie die Übersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter“. Hans Thills Lyrikbände tragen so schöne Titel wie „Gelächter Sirenen“ oder „Kühle Religionen“. Zuletzt erschien von ihm der Band „Museum der Ungeduld“. / DLF
(…)
Manche Rezension endet hier. Diese nicht. Diese hier möchte, wo andere Kritiken ganz und gar in ihren selbstreferenziellen Leseerlebnissen herumdümpeln oder geschmäcklerisch (!) und intuitiv (– –) und seitenweise (……..) definieren, dass dieses gefiele und jenes schon längst „durch“ sei, am Rande auch noch etwas Inhalt mit. Man lese und staune.
Und nun in die Vollen. Die Sammlung ist heterogen, das mögen wir (.), die Sammlung ist brav nach Themen geordnet, das mögen wir auch, auf jeder Seite steht nur 1 Text, das mögen wir ganz besonders. Noch mal Klappentext:„Die Gedichte sind so geordnet, dass sie miteinander in Dialog treten, sich ins Wort fallen, einander thematisch oder formal umkreisen. Die Lust an der Erkenntnis hat ebenso Raum wie die Sprachlogik oder das Spielerische. Auch die poetologischen Nachbemerkungen zeigen an, wie unterschiedlich die Zugänge zum Gedicht sein können, was seine unvergleichlichen (:-/) Möglichkeiten und seine Gefährdungen (=o\) sind. Allen jedoch ist eines gemein: das Nachdenken darüber, was das denn ist, ein erkenntnisschweres oder alles riskierendes oder welthaltiges oder einfach nur ein gelungenes Gedicht.“ …
Da an dieser Stelle nur ein komisches (?!?) Gedicht geht, da vorher unverschämt gealbert worden ist, sollte hic et nunc zur Komik noch ein Satz kommen, ein Sätzchen: dass nämlich in diesem Band die Komik, auch wenn sie komisch ist, nicht allein Komik um der Komik willen ist, sprich Bespaßung zum Selbstzweck, die sich hübsch wie ein verschluckbares Schokoklein teil feinster Confiserie verkonsumieren lässt. Denn jeder weiß doch, dass wahre Komik nur an der Oberfläche lachen macht, aber im Grunde sehr ernste Bereiche berührt. Die Wurzel habe tief(er) zu sitzen. Humor hat immer auch etwas Anarchisches, Demaskierendes, in aller „harmlosen“ Schalkhaftigkeit auch etwas Vernichtendes, unter Umständen Böses (^,^); durch Komik wird auch manches Tabu zugänglich; man kann drüber reden. Man lacht. Manchmal unter Schmerzen, aber man lacht. Und, pardon, Lyrik ist nichts zum Lachen. Und gleichzeitig ist sie irrsinnig anregend, erheiternd, witzig! Wobei sie – wenn sie gut ist – niemals lächerlich ist. Um die Katze aus dem Sack zu lassen: Es gibt kaum Gedichte in dieser Sammlung, bei denen man sich nicht an einer Stelle mindestens beim Schmunzeln ertappt, nicht aus Gründen der unfreiwilligen Komik, sondern aus Gründen, einer pfiffigen, gewieften, eleganten Idee aufgelaufen zu sein: da ist etwas, was einen in Bereiche entführt, oder nennen wir es: hin zu neuen Aspekten, Betrachtungswinkeln und anderen Perspektivchen, die man bisher so von selber noch nie gewonnen, oder sagen wir: erreicht hat und zu denen man sich kraft der eigenen Fantasie auch nie hinzudenken erkühnt hätte. Weil es so smart, so klasse ist – um es volksnah auszudrücken. …
Nein, ach woher, gelangweilt hat man sich nicht. Der Band ist eine Auswahl, die mit Sicherheit auch ohne Namen funktionieren würde. Gewisse Stimmen der Poeten sind eigen, artig und unartig, unverkennbar, typisch, charakteristisch, Poetinnen nicht zu vergessen. Die beiden Herausgeber präsentieren durchaus neue Dichter mit neuen und bisher unerhörten Stimmen, Dichterinnen nicht zu vergessen. Und es ist auch nicht so, dass die bereits bekannten Stimmen mit ihren bereits bekannten Anliegen sich nur noch selbst reproduzieren würden; sozusagen zum karikaturhaften (:|) Abklatsch ihrer selbst geworden, immer dasselbe Gedicht schrieben. / Armin Steigenberger, Poetenladen
[…]
Im Folgenden aber werde ich, wenn man so will, eine weibliche und komparatistische Hölderlin-Linie nachzeichnen. Der philosophische Kronzeuge und Stichwortgeber wird dabei nicht Wittgenstein, sondern Simone Weil sein. Zu entdecken in der Linie von Emily Dickinson, Simone Weil, Nelly Sachs, Ilse Aichinger und Sujata Bhatt ist ein engagiertes Schweigen, das dem literarischen Kanon nicht inhärent ist, sich ihm vielmehr zu widersetzen versucht. Wer sich aber schweigend dem Kanon zu widersetzen versucht, dem ist der eigentliche Erfolg literarischer Arbeit, das Aufnehmen in den Kanon, strenggenommen ein Scheitern. Wer etwas sagt, muss damit rechnen, dass das Gesagte vielleicht tradiert wird. Das Tradierte ist möglicherweise Teil des Kanons. Wer aber schweigt? Ziel des engagierten Schweigens ist die Nichtaufnahme in den Kanon, nicht aber unbedingt ein Vergessen des Schweigens. Im Gegenteil ist das sich widersetzende Schweigen umso mehr geeignet, in Erinnerung zu bleiben.
[…]
Engagiertes Schweigen ist demnach ein bewusstes, ausdrücklich gewolltes und herbeigeführtes Schweigen, kein Schweigen aus Verlegenheit und Nichtwissen, sondern aus einem Wissen und aus einem Engagement heraus. Unter diesem Engagement hat man sich ein fundamentales Misstrauen gegen Bestehendes, einen Widerstand gegen alles Konforme und Festgelegte vorzustellen. Aichinger führt entsprechend in ihrer Dankrede weiter aus: „Im Namen von Nelly Sachs mit der Freude konfrontiert zu werden, heißt aber zugleich, mit einer Angst konfrontiert zu werden, die sich durchsteht, mit Finsternis, die sich nicht ausweicht, mit Trauer, die allem offenbleibt.“ Aichinger legt mit ihrer Dankrede eine überaus treffende Analyse und Interpretation des Schweigens bei Sachs vor.
Doch ist in Aichingers Ausführungen zu Sachs mindestens genauso sehr sie selbst als Dichterin angesprochen. Aichinger sieht sich offenbar als eine der „Wachen an den Rändern der Welt“, als eine von Sachs’ genauen Lesern. In der Tat hatte Aichinger schon 25 Jahre vor ihrer Dortmunder Dankrede zu einem fundamentalen Misstrauen und zu Widerstand aufgerufen. „Sich selbst müssen Sie mißtrauen!“ heißt es in ihrem „Aufruf zum Mißtrauen“. Anders als beim Misstrauen gegen das Ich bei Simone Weil steht das Ich bei Aichinger nicht in Frage, weil es gilt, die Anwesenheit Gottes zu ermöglichen, sondern das Vertrauen, das Gespräch, schließlich das Leben nach dem Krieg wieder möglich zu machen. Dieses frühe Misstrauen gegen das Ich und der generelle Widerstand gegen Bestehendes finden sich in allen Texten Aichingers und führen wie bei Sachs und Weil zu einem engagierten Schweigen.
[…]
Einige Auszüge aus einem ihrer bekanntesten Gedichte, „Search for My Tongue“, verdeutlichen exemplarisch ein übersetzendes und wie schon bei Sachs körperlich existentielles Schweigen und Suchen: „Days my tongue slips away. / I can’t hold on to my tongue. / It’s slippery like the lizard’s tail / I try to grasp / but the lizard darts away. // (mari jeebh sarki jai chay) / I can’t speak. I speak nothing. / Nothing. // (kai nahi, hoo nathi boli shakti) / I search for my tongue. / (paranthu kya shodhu? Kya?) / (hoo dhoti dhoti jaoo choo) / But where should I start? Where? / I go running, running, / (nadi keenayray pohchee choo, nadi keenayray) / reach the river’s edge. / Silence.“
Dies sind nur Auszüge aus dem dreiteiligen, mehrstrophigen Langgedicht, das sowohl Passagen in Bhatts Muttersprache Gujarati als auch die Übersetzung dieser Passagen ins Englische, ihrer zweiten Sprache, enthält. Das Gespräch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg, das Übersetzen der Philosophie Weils in die eigene Poetik durch Sachs etwa, dieses Übersetzen ist hier Teil und Thema ein und desselben Gedichts. Das notwendige, unhintergehbare Übersetzen führt jedoch innerhalb des Sprechens einer Person immer wieder zum Schweigen: „I speak nothing. / Nothing.“
[…]
Florian Strobl / literaturkritik.de
Dass der lyrische Blick etwas freilegen kann, was auf den üblichen Wegen der Wirklichkeitsbeobachtung verborgen bleibt, kann man derzeit an einem Projekt im Politik-Teil der „Zeit“ beobachten. Elf renommierte Lyriker hat die Redaktion gebeten, ein Jahr lang das aktuelle politische Geschehen zu verfolgen und zu bedichten.
Was man nun jede Woche lesen kann, ist keine agitatorisch-appellative Gebrauchslyrik im Retro-Look, sondern sind ebenjene verschobenen, irritierenden, manchmal lustigen Beobachtungs- und Reflexionsgeflechte, die offenbaren, was den üblichen Blick- und Datenkonstellationen entgeht. Ein produktives „Sich-aus-dem-Konzept-bringen-Lassen“ nennt der Redakteur Bernd Ulrich das. Und die Gegenwartslyrik bekommt eine Bühne jenseits ihrer üblichen Auftrittsorte.
Lassen wir uns also aus dem Konzept bringen – nicht unbedingt inhaltlich, sondern strukturell. Oder, wie es in dem soeben erschienenen Band „Helm aus Phlox“ vorgeschlagen wird, einer lustigen, irrwitzig verdrehten und in ihrer scharfsichtigen Reflektiertheit famos erhellenden Poetologie, die mit Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp und Monika Rinck fünf der eigenwilligsten und besten jungen Lyriker gemeinsam verfasst haben: „Lassen wir uns in den Kleingärten unseres Hirns metzeln!“ Und bitte die Dame mit der Lyrik schnell vergessen.*) / Wiebke Porombka, FAZ (vgl. auch vorige Meldung)
*) Welcher Dame? Welcher Lyrik? Vexierbild.
Im roughblog widerspricht Urs Engeler einem FAZ-Artikel, in dem es um die Marginalisierung der Lyrik geht. Einerseits boome sie geradezu:
Etablierte Namen wie Durs Grünbein, Lutz Seiler, Elke Erb oder Michael Lentz werden flankiert von jungen Dichtern wie Ann Cotten, Steffen Popp, Marion Poschmann, Daniel Falb, Jan Wagner, Uljana Wolf, Nico Bleutge oder Martina Hefter. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.
Bemerkenswert ist nicht nur die schiere Menge sehr guter, gerade junger Lyriker. Erstaunlich ist auch ihre Umtriebigkeit. Kaum eine Szene ist untereinander so gut vernetzt und so anspruchsvoll im Umgang mit der eigenen Arbeit: Die beständige Diskussion (etc. pp)
Wermutstropfen: sie erreichte kaum noch ihre Leser. Die größeren Verlage außer Suhrkamp brechen weg, was wird mit dem Berlin Verlag, und die etablierten Kleinverlage überleben nur mit Selbstausbeutung. Engeler steige gleich ganz aus, sinngemäß. Hier widerspricht er:
Es geht um die Rechnung, die hinter der Produktion von roughbooks steht. Diese Rechnung geht so: Die Druckkosten eines einzelnen Exemplars der Roughbooks entsprechen einem Viertel seines Verkaufspreises. Diese Rechnung gilt unabhänging von der Auflagenhöhe. Das bedeutet: Verkaufe ich einen Viertel der gesamten Auflage, dann sind die Druckkosten der gesamten Auflage gedeckt. Begonnen habe ich mit einer Auflage von 200 Exemplaren (ich hatte ja Vergleichszahlen aus meiner Zeit mit dem Buchhandel: 200 Expl, ist für Gedichte eine bereits anständige Auflage; bei einem Erstling, und bei dem ersten roughbook unter neuen Bedingungen ging es um einen Fast-Erstling, nämlich um Christian Filips Heiße Fusionen, bei einem Erstling, einem noch völlig unbekannten Autor also, ist der Vorverkauf im Buchhandel über Verlagsvertreter bei Null (0) Exemplaren – soviel zu den Erwartungen, mit denen ein Lyrikverleger rechnen muss). 200 Exemplare, das bedeutet, ich muss 50 verkaufen, um diese 200 Exemplare zu finanzieren. Bei den „Heißen Fusionen“ waren die 50 Exemplare nach wenigen Tagen verkauft, die gesamte Auflage nach wenigen Monaten (und ich spreche hier wirklich von 200 verkauften Exemplaren: Freiexemplare gibt es im Roughnodell nicht mehr). Das war vor einem Jahr. Ich hatte also Anlass, meine durch den bisherigen Buchhandel stark gedämpften Erwartungen wieder herauf zu schrauben. Die nächste Etappen waren 300 Exemplare, und auch die waren schnell vergriffen, so dass ich im Moment bei einer Startauflage von 400 Exemplaren bin. Und die Rechnung bleibt die gleiche: 100 Exemplare finanzieren die Gesamtauflage von 400 Exemplaren. Und sie garantiert, dass ein Roughbook den „Endverbraucher“ günstig zu stehen kommt. Und das garantiert, dass mehr Bücher gekauft werden, dass die Auflage steigt.
Es ist also völliger Unsinn, es ist üble Nachrede zu behaupten, ich arbeite an der Marginalisierung der Lyrik.
Die Deutsche Schillerstiftung wird im November 2011 den 1963 in Sachsen geborenen und in Berlin lebenden Lyriker Andreas Altmann mit der Dr. Manfred-Jahrmarkt-Ehrengabe auszeichnen. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.
Die Jury der Deutschen Schillerstiftung von 1859 hat in ihrer Entscheidungsbegründung für Andreas Altmann besonders seine in eigensinnige und magische Bilder gefassten Natur- und Landschaftsbeschreibungen hervorgehoben; seine Gedichte ermöglichen einen anderen Blick auf scheinbar Vertrautes und fordern so eine Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Wahrnehmung.
Von Andreas Altmann sind seit 1996 sechs Gedichtbände erschienen, er wurde unter anderem mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis, dem Christine-Lavant-Lyrikpreis und dem Erwin-Strittmatter-Preis ausgezeichnet.
Die Dr. Manfred-Jahrmarkt-Stiftung wurde 1997 in der Trägerschaft der Deutschen Schillerstiftung von 1859 gegründet. Der Verleger Dr. Manfred Jahrmarkt gehört als Ehrensenator der Stiftung an.
Es ist die zweite Ehrengabe, die die Deutsche Schillerstiftung von 1859 in diesem Jahr vergibt. Im Mai wurde bereits der Schriftsteller und Übersetzer Wolfgang Schlüter in Weimar für sein literarisches Werk mit der Kester-Haeusler-Ehrengabe ausgezeichnet.
Als älteste bürgerschaftlich organisierte Fördereinrichtung für Literatur vergibt die Stiftung neben den Ehrengaben auch seit 1999 im dreijährigen Rhythmus einen weiteren Literaturpreis, symbolisiert im Schiller-Ring der Deutschen Schillerstiftung von 1859. Letzter Preisträger des Schiller-Rings war der Schriftsteller Jürgen Becker (2009).
Die Dr. Manfred-Jahrmarkt-Ehrengabe wird Andreas Altmann am 13. November in Weimar durch den Vorsitzenden des Kuratoriums der Deutschen Schillerstiftung, Klaus von Trotha, vergeben. Die Laudatio wird Hanne Kulessa, Sprecherin der Jury, halten. Eine Einladung zur Veranstaltung erfolgt gesondert.
„Die Freiheit kommt / und hier stehe ich / und warte darauf / sie eines Tages kennenzulernen“: So lautet die letzte Zeile des letzten Eintrags der syrischen Bloggerin Amina Abdalla. Es handelt sich um ein Gedicht, das sie am Montagnachmittag veröffentlichte.
Nur Stunden später wurde die junge Frau nach Angaben ihrer Cousine verschleppt – von drei Männern in den Zwanzigern, mitten in Damaskus. / Spiegel
Vielleicht war es so, nur wirklich wissen kann das derzeit niemand. Wenige Stunden nach Veröffentlichung eines letzten Artikels über Amina Arraf („New York Times: Offene Fragen über Amina Arraf“) ruderte zuerst die „New York Times“ ein Stück zurück und veröffentlichte in der Nacht zum Mittwoch ein Update, das die bisher scheinbar faktenorientierte Berichterstattung über Amina unter Vorbehalt stellt. Angestoßen durch die Kritik eines externen Journalisten taten die Redakteure der „New York Times“ etwas, was man eigentlich bei allen Berichten voraussetzen würde. Sie fragten: Stimmt das alles eigentlich? / Spiegel
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