An einem langen Tag* kann man wohl auch mal zwei Gedichte lesen. Hier das Zweitgedicht, passend zum Tag. Es ist nicht ohne Härte im Abgang, aber das ist die Natur.
Juni Die Sonne steht nicht still über den Tälern, Gruben. Die Sonne. Die Elster wartet wirr neben den Tonnen, Urnen. Die Elster. Die Zombies laufen flink zwischen den Hecken, Brunnen. Die Zombies. Die Nächte werden wieder länger.
Aus: Àxel Sanjosé, Das fünfte Nichts. Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2021, S. 18.
Der morgige Tag hat schon 3 Sekunden weniger, bis Anfang Juli summiert es sich auf eine Minute. Noch bis 1. August dauert** die schon seit Mai anhaltende Phase ohne astronomische Dämmerung (während der die Sonne selbst um Mitternacht weniger als 18 Grad unter dem Horizont steht, so dass man immer noch ein kleines Leuchten im Norden sieht).
*) In Greifswald 17 Stunden, 10 Minuten und 9 Sekunden, in Köln 16 Stunden, 32 Minuten und 17 Sekunden und in München nur 16 Stunden, 4 Minuten und 10 Sekunden, mehr als eine Stunde weniger als im privilegierten Norden.
**) in Greifswald. Die Münchner können nicht mal davon träumen. So grausam ist die Natur. (Aber die Münchner zieht es dann eh in den Süden, wo die Tage noch kürzer sind.)
24. Nahbellhauptpreis 2023 an Klaus Sievers: BERECHTIGUNG DURCH BERÜHRUNG
G&GN-INSTITUT @ POESIEPREIS.DE / In diesem Jahr wird aus logistischen Gründen weder der Förderpreis noch der Nebenpreis noch der Konzeptpreis verliehen, auch gibt es nicht mehrere Hauptpreisträger, sondern nur ganz traditionell 1 einzigen Hauptpreis: Der Düsseldorfer Künstler & WORTarbeiter Klaus Sievers (geboren am 24.2.1962) erläutert im großen Nahbell-Interview, warum Kunst & Lyrik ihre „BERECHTIGUNG DURCH BERÜHRUNG“ erlangen!
Klaus Sievers
ausgerechnet jetzt ausgerechnet jetzt wo alle feiern die Wangen glühen die weißen Kleider schweben erreicht uns eine schlechte Nachricht die goldne Gans umhegt geliebt ist fort sie floh der Wächter schlief das Tor stand offen
Ausgewählte Statements des Preisträgers aus dem Interview:
>>Es entstanden Plakate und wenig später Texte, die etwas Gedichthaftes an sich hatten. Als Künstler möchte man ja berühren und ich erlebte so, dass man mit Worten jemanden genauso, vielleicht noch mehr packen kann als mit Bildern.<<
>>Ich habe tatsächlich keinerlei Verbindungen zu einer Schriftsteller- oder gar Lyriker-Szene und veröffentlicht habe ich auch noch nie etwas. Ich wüsste einfach nicht, wen ich da ansprechen soll. Offensichtlich empfinde ich meine Arbeit „am Wort“ als bildnerisch und nicht literarisch.<<
>>Jedes gute Bild hat nur ein Thema, eine Aussage, eine Pointe meinetwegen, nicht zwei oder drei. Bei einem kurzen Text wie einem Gedicht ist es genau dasselbe, es gilt alles wegzustreichen was nicht dazugehört. Das ist bisweilen brutal, muss aber sein. Ich feile in der Endphase tagelang an einzelnen Wörtern, bis alles sitzt.<<
>>Ich glaube nicht, dass meine Texte populär genug sind, um für eine Massenproduktion zu taugen. Sie sind eher was für die Nische.<<
>>Wenn etwas formal überzeugt, seriell zueinander passt und vielfältig wirkt, gibt es wenig Fragen nach der Berechtigung.<<
>>Wiedererkennbar, aber doch mit neuen Aspekten. So sieht die Jobbeschreibung für einen Künstler aus. Mit dem Begriff „Lyrik“ ist es wie mit „Kunst“. Kann man das für sich wie selbstverständlich in Anspruch nehmen oder wird es einem nicht von anderen verliehen?<<
>>Zur Frage, was Lyrik sei: Ich denke, zunächst ist es erstmal die minimalste und sparsamste Form der Literatur. Alles wird in wenigen Worten gesagt, so wenig wie möglich. Man geizt, hadert, streicht weg. Alles Überflüssige ist eine Qual. Und dann muss der Rhythmus stimmen. Ich spreche mir meine gefundenen Worte und Sätze vor und höre, ob eins zum anderen führt. Um Stolperer muss ich mich kümmern.<<
>>Man kreiert ja seine eigene Welt mit ihren Regeln, da ist es immer wichtig, jemanden zu haben, der mitdenkt und Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden kann.<<
>>Vielleicht sind meine Texte auch gar nicht wirklich zum Sprechen geeignet, sondern eher zum Lesen. Der Leser, die Leserin ist vielleicht von Ende überrascht, will gleich nochmal zum Anfang, springt zwischen den Zeilen.<<
DAS VOLLSTÄNDIGE INTERVIEW HIER:
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/24-nahbellpreis-klaus-sievers/



Von den indischen Philosophen zu chinesischen Gelehrten. Immer wieder erstaunlich, wie modern jahrtausendalte Texte sein können. Die Zahl unter dem Gedicht ist tatsächlich die Jahreszahl.
Tao Yuanming
Empfindungen für verschmähte Gelehrte Unbegrenzt wie die kosmischen Sphären ist der Tatendrang der Menschen. Mal sind sie erfolgreich, mal scheitern sie, ohne dass man die Gründe dafür kennt. Ich aber lasse mich nicht gängeln, trotze dem Joch und steh' zu der Entbehrung. Kappe und Karosse verbürgen keinen Ruhm, der selbstgewebte Rock ist keine Schande. An meiner Anspruchslosigkeit gescheitert zieh' ich mich frohgemut aufs Land zurück, um abgeschieden von der Welt die letzten Jahre zu verbringen und allen Lockungen von Amt und Geld zu widerstehen. (403)
Aus: Abscheu. Politische Gedichte aus dem Alten China, hrsg. u. aus dem Chinesischen übersetzt von Thomas O. Höllmann. München und Schupfart: roughbook 051, 2020, S. 17

Tao Yuanming (Tao Qian), 365-427. „Gilt als bedeutendster Dichter seiner Epoche. Seine Beamtenkarriere brach er frühzeitig ab und zog sich frustriert aufs Land zurück. Zu Lebzeiten blieb ihm der Ruhm versagt, auch die Literaturkritik vernachlässigte ihn zunächst.“ (Ebd. S. 154)
Raoul Schrott
PHILOSOPHEN sie sind so scharfsinnig und tiefgründig in ihren disputen diese einschüchternd klugen professoren in rajahmundry wenn sie sich ans schlussfolgern machen ob sich am fallbeispiel der blumen die da oben im himmel blühen an der quelle des lebensbaums und seinen feucht glänzenden wurzeln zweigen und blättern welche auf erden unten den erspriesslichen leibern der frauen entspringen eher mittels einer kontingenten dekonstruktion eines a priori existierenden oder einer nichtexistenz a priori und daraus resultierender aphänomenalität ein logisches urteil darüber bilden lässt ob es nun das schamhaar gibt oder nicht anadolu evleri 23.9.21
Aus: Raoul Schrott, Inventur des Sommers. Über das Abwesende. München: Hanser, 2023, S. 58
Ilya Kaminsky
(* 18. April 1977 Odessa, ukrainisch-russisch-jüdisch-amerikanischer Dichter)
elegy Six words, Lord: please ease of song my tongue.
Elegie Sechs Wörter, Gott: Bitte nimm das Lied meinen Lippen.
Aus: Ilya Kaminsky, Republik der Taubheit. Aus dem Englischen von Anja Kampmann. München: Hanser, 2022, S. 44 (Originalausgabe Deaf Republic. Minneapolis: Graywolf Press, 2019
Hier kann man ein wortreicheres Gedicht mit dem gleichen Titel in mehreren Sprachen lesen und den Autor singen/sprechen hören, es lohnt sich. https://www.lyrikline.org/de/gedichte/elegy-10253
Heute vor 40 Jahren starb der polnische Dichter Miron Białoszewski
(* 30. Juni 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda).
Und was gibt's in Polen? – angeblich ist sonntag und es stehen schneepyramiden ––––––––– ich sehe nach meinen bananen unters bett – was für ein purpurner riesenkäfer, versteckte er sich? ... Zbysław darauf – ein heiliges tier, es wollte Ihnen etwas sagen aber was? die reden können, haben nichts zu sagen und die was zu sagen haben, denen fehlt die sprache
Aus dem Polnischen von Dagmara Kraus
A w Polsce co? – podobno niedziela i piramidy śniegu ––––––––– zagłądam do moich bananów pod łóżko – co za wielki purpurowy chrząszcz, ukrył się? . Pan Zbysław na to – święty, on chciał panu coś powiedzieć ale co? ci co mogą powiedzieç, nie mają co a ci co mają co, nie mają jak
Aus: Miron Białoszewski: M’ironien. Gedichte und Prosa. ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus. Hrsg. / Nachwort Henk Proeme. roughbook 054, 2021, S. 172f.
Karel Hlaváček
(* 29. August 1874 in Prag; † 15. Juni 1898, heute vor 125 Jahren, ebenda)
Blies wer Oboe ... Blies wer Oboe, blies nun schon seit Tagen, blies zu Abend immer und das gleiche weiche Lied, und nicht einmal ein Licht, kein Licht sein Ufer wies, weil jedes Feuer, heißts, hier fortschwimmt und verglüht. Blies die Oboe lang, am Ufer Dunkelheit, am Ufer endlos, wo noch niemand ging an Land: Blies er aus Gleichmut, blies er nicht aus Angst vielleicht? War er ein stiller Hirt? Ein König, der verbannt? Blies die Oboe trüb. Aus Seufzertiefen schwang die Luft von seinem Lied, dem zagen, weichen Lied ... Und wieder wasserher ihm die Oboe klang: Schein sind die Feuer, Schein, der fortschwimmt und verglüht.
Deutsch von Paul Wiens, aus: Die Glasträne. Tschechische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Berlin: Volk und Welt, 1966, S. 28
Hrál kdosi na hoboj ... Hrál kdosi na hoboj, a hrál již kolik dní, hrál vždycky navečer touž píseň mollovou a ani nerozžal si oheň pobřežní, neb všecky ohně prý tu zhasnou, uplovou. Hrál dlouze na hoboj, v tmách na pobřeží, v tmách, na plochém pobřeží, kde nikdo nepřistál: Hrál pro svou Lhostejnost, či hrál spíš pro svůj Strach? Byl tichý Pastevec, či vyděděný Král? Hrál smutně na hoboj. Vzduch zhluboka se chvěl pod písní váhavou a jemnou, mollovou… A od vod teskně zpět mu na hoboj vlhkem zněl: Jsou ohně marny, jsou, vždy zhasnou, uplovou.
René Char
(geboren 14. Juni 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue, Département Vaucluse; gestorben 19. Februar 1988 in Paris)
Meine Liebe ist traurig ...
Meine Liebe ist traurig
Denn sie ist treu
Sie kümmert sich nicht darum daß die andern vergessen
Sie fällt nicht aus dem Munde wie aus der Tasche die Zeitung
Sie ist nicht gesellig inmitten der all durchwirbelnden Angst
Sie sucht nicht die Einsamkeit auf den Inselklippen um Pessimismus zu heucheln
Meine Liebe ist traurig
Denn es liegt im ruhelosen Wesen der Liebe traurig zu sein
So auch ist traurig das Licht
Traurig das Glück
Du hast uns angelegt Freiheit dein Zaumzeug aus Sand.
Aus dem Französischen von Johannes Hübner und Lothar Klünner, aus: René Char: Und der Schatten der Sanduhr begräbt die Nacht. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1988, S. 16f
Mon amour est triste Mon amour est triste Parce qu'il est fidèle Il n'interpelle pas l'oubli des autres Il ne tombe pas de la bouche comme un journal de la poche Il n'est pas liant parmi l'angoisse qui tourbillone en commun Il ne s'isole pas sur les brisants de la presqu'ile pour simuler le pessimisme Mon amour est triste Parce qu'il est dans la nature troublée de l'amour d'être triste Comme la lumière est triste Le bonheur triste Tu nous as passé liberté tes courroies de sable.
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Christoph Meckel
(* 12. Juni 1935 in Berlin; † 29. Januar 2020 in Freiburg im Breisgau)
Leicht sind Gespräche über den neuen Minister,
die Partei, das Programm, die zweifelhaften Geschäfte
weniger leicht
vom Traum zu sprechen und von den Sachen der Liebe,
unmißverständlich vom Glück
und der Nacht in den Bergen.
Lang schon ist mir das Selbstverständliche
nicht mehr beantwortet worden und ich bin
glaubwürdig nur für mich selbst, ohne Diskutanten.
Aus: Christoph Meckel: Souterrain. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1987, S. 45 (zuvor Hanser 1984)
Rainer René Mueller
(* 1. Januar 1949 in Würzburg)
Lieddeutsch
Gesang auf der Kelle
inmitten des Herbstpsalms
des einhundertdritten und Walthers
Kreuzlied
Würzburgtrümmer, beflogen
Schneewittchenvogel, der Eisschaber
das Märchen Ewigkeit
Mutter wieviel Schritte
darf ich
spielt das bleiche Kind herum
gehn und spielen, das Knöchellied
das Spiel aus Draht
und Tagbleiche, dem Bildverschnitt
wir legen uns Selbstmördernamen zu
wir decken sie zu
und tanzen
alle kommen sie her und saufen das aus
sie dreschen die Trommel, das Maul
: sie lassen marschieren
Aus: Rainer René Mueller, POÈMES – POËTRA. Ausgewählte Gedichte 1981-2013. Ausgewählt von Rainer René Mueller, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dieter M. Gräf. roughbook 34. Harbouey, Heidelberg, Berlin, Ludwigshafen am Rhein, Beijing, Solothurn und Schupfart, November 2015, S. 12.
Nur wenige Dichter haben der deutschen Sprache so viel zugemutet wie Rainer René Mueller, es ist offensichtlich, dass er dies nicht aus reiner Experimentierlust tat, sondern der Not gehorchend. Wer nach Auschwitz Gedichte schreibt, sollte nicht nur zeigen, dass er das weiß und spürt, es muss doch auch die Wohlklangplatte vom Teller, jedenfalls muss etwas damit geschehen, sofern man der Meinung ist, Dichtung solle ein Instrument der Wahrheitsfindung sein und nicht eines des Vertuschens.
Dieter M. Gräf, ebd. S. 104
Die Zeitschrift „Sinn und Form“ teilt mit:
Liebe Leserinnen und Leser,
https://sinn-und-form.de/dokumentation-der-juristischen-auseinandersetzungen-um-sinn-und-form/1-202-1
aufgrund eines Urteils des Berliner Landgerichts vom 23. Februar 2023 konnte SINN UND FORM in den letzten Monaten nicht wie gewohnt erscheinen. Die Akademie der Künste hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Um Sie, liebe Leserinnen und Leser, jedoch nicht länger auf den Ausgang eines – sich möglicherweise noch länger hinziehenden – Rechtsstreits warten zu lassen, hat die Akademie der Künste die formalen Hindernisse, die das Gericht gesehen hat, überwunden. Und wir sind froh, SINN UND FORM nun wieder herausgeben zu können.
Sinn und Form Heft 2 wurde gestern ausgeliefert. Darin von Thomas Böhme
DIE WINDHOSE Steine wirbeln, Luft stürzt ab. Himmel & Erde haben die Kleider vertauscht wie Raum & Zeit ihre Badetücher. Ein grinsender Schirm treibt vorbei. Gesprenkelt mit kosmischen Sommersprossen. Aus hohem Gewölk regnen Plastikflaschen. Der Geigenschüler mit den mageren Beinen hält sein Instrument vors Gemächt. Wie soll er jemals sein Solo zu Ende bringen? Diese vertrackte Partita d-Moll für die er gern seine Jugend geopfert hätte. Jetzt fliegt ihm der Lorbeer um die glühenden Ohren. Zum Geläut eines gotischen Domes jaulen Hunde mit eingekniffenen Schwänzen. Eine Schwanenfeder setzt die Sonne in Brand. Gotisch sind auch die gekenterten Boote. Spitzwinklig ragen sie über den Horizont hinein in die angeschlagene Himmelsrosette. Schon jagen die ersten Schwimmer ihren Schirmen & Handtüchern nach. Das Schilf befeuert ihren vergeblichen Eifer. Dann verebben jäh die Geräusche. Aus der Asche ist eine neue Sonne geschlüpft. Im Geigenkasten nisten die Schwäne.
Aus: Sinn und Form 2/2023, S. 164
Gerhard Falkner
dieser wie auf frischen erdbeeren anbrechende
morgen, diese mit süßem frühjahr verbackene
luft
was hat die abgefuckte welt denn
ihresgleichen, da wir dies jahrzehnt
durchschreiten, in luxus verstrickt, in
klangharte diagramme unter zutotnahme der
regel, autistisch, zu einsamkeit ergrimmt
bis in die fingerspitzen, erblindet wie krüge
am staub enträtselter nachtlager
dem digitalen grün sehr nah, seit sie, die
rabenmutter natur, uns allesamt vor die tür
ihrer wälder gesetzt
Aus: Gerhard Falkner: so beginnen am körper die tage. gedichte und aufzeichnungen aus einem kalten vierteljahr. darmstadt und neuwied: luchterhand, 1981, S. 40
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