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Veröffentlicht am 7. Juli 2023 von lyrikzeitung
Alter Kazisne (Jiddisch אַלטער קאַציזנע, Polnisch Alter Kacyzne, Russisch Алтер Кацизне)
(* 31. Mai 1885 in Wilna, Russisches Kaiserreich; ermordet am 7. Juli 1941 auf dem jüdischen Friedhof in Tarnopol, heutige Ukraine)
Ohne Heim O traute kleine Welt, mit Stroh und Lehm gedichtet, die wir uns hingestellt und heimisch eingerichtet ... Jetzt wehen böse Winde, es kommen schon die Fröst, wir haben nur noch Wind und Weh und sind verjagt vom Nest. Ohne Heim, ohne Dach, hier am Tag und da zur Nacht – wie nur sollen wir in Schnee und Kält erwarmen, wer nur wird sich unser noch erbarmen? Ohne Heim, ohne Recht, leere Tage, schwarze Nächt, unser Nest so lang zerschmettert, unsre Flügel sind gelähmt, ohne Heim, ohne Weg, und verfolgt, und verfemt. Wir irrn umher und wandern all über Meer und Land von einem Ort zum andern auf Wegen unbekannt, von allen finstern Ecken bläst eine böse Kält, aus allen öden Winkeln plagt eine böse Welt. Ohne Heim, ohne Dach, hier am Tag und da zur Nacht – wie nur sollen wir in Schnee und Kält erwarmen, wer nur wird sich unser noch erbarmen? Ohne Heim, ohne Recht, leere Tage, schwarze Nächt, unser Nest so lang zerschmettert, unsre Flügel sind gelähmt, ohne Heim, ohne Weg, und verfolgt, und verfemt.
Aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Ausgewählt und aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. Leipzig: Reclam, 1993 (5., neu durchgesehene u. veränderte Aufl.), S. 39f.
Kategorie: Jiddisch, PolenSchlagworte: Alter Kazisne, Hubert Witt
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