Veröffentlicht am 31. Juli 2023 von lyrikzeitung
Ich blättere lange im zweiten Band der Gedichtauswahl „Gravitationen“ des amerikanischen Dichters Keith Waldrop, der am 27. Juli gestorben ist. Ich müsste das Buch abschreiben. Kompromiss: wenigstens 3 Texte. Heute ein kurzer.
Potential Random XV Three lists remain: The first is a list of the living, who are now dead. The second records the saints and martyrs, those who laid down their lives to be with Jesus. They fly to Him, to miss the long repose. The third list is a list of the dead.
Potential Random XV Drei Listen bleiben: Die erste ist eine Liste der Lebenden, die jetzt tot sind. Auf der zweiten Liste: die Heiligen und die Märtyrer, die ihr Leben hingaben, um mit Jesus zu sein. Sie steigen zu ihm auf, um der langen Grabesruhe zu entgehen. Die dritte Liste ist eine Liste der Toten.
Der Zyklus „Potential Random“ wurde von Tim Holland und Barbara Tax übersetzt. Aus: keith waldrop: gravitationen 2. ausgewählte gedichte (2000-2009). herausgegeben von david frühauf und jan kuhlbrodt. Frankfurt/Main: gutleut, 2018.
Veröffentlicht am 30. Juli 2023 von lyrikzeitung
L&Poe featuring Versnetze. Heute:
Bertram Reinecke
Alba, Loschwitz Vereinzelt schwimmen Lichter von den Hängen Wie Weinstein der sich setzt in trüben Flaschen Erstorben sind die hektischen und raschen Bewegungen der Stadt, nur Nebel drängen Man ahnt mehr als man sieht, paar Armeslängen Entfernt die Äste anskizziert mit laschen Pinseln, selbst die Vögel sind verwaschen Nur gries getupfte Reste von Gesängen. Ein fremder Àther hat die Stadt gefressen Von drunten wälzt sich stumm der große Fluss Als Nebel hoch und höher unermessen. Hier blieb ich gerne, nicht bloß mit Verdruss Wüsst ich nicht heimlich ebenso indessen Dass solche Pracht auch wieder schwinden muss.
Aus: Versnetze_zehn. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2017. S. 27
Veröffentlicht am 29. Juli 2023 von lyrikzeitung
Silke Peters
Das Einhorn das Einhorn in seinem Garten / wir sind eingestiegen / eingebrochen / die lockeren Ziegel fallen / unter der Mauer / der Efeu an ihren Händen / die Wirbel / die Stimme rutscht aus / dies ist kein leck geschlagenes Beisammensein / und du zahlst Dieter / diesmal nehmen wir den Rest / der Regen rauscht glatt durch / wie geschmiert / messerscharfes Klirren / der eingelegte Guppy ist das Typusexemplar / er hat sich entfärbt / das leichte Aufleuchten wenn sie sich in ihrem Glas drehen / die reinste Teleskopage ist das / dann gilt alles als ein Blatt in der Heraldik / es gibt Chancen / die du dir von der anderen Seite aus ansehen kannst / wie nachträgliche Satzzeichen
Aus: Versnetze fünf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Herausgegeben von Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2012, S. 47
Veröffentlicht am 28. Juli 2023 von lyrikzeitung
Hans Ehrenbaum-Degele
(* 24. Juli 1889 in Berlin; † 28. Juli 1915 „gefallen“ am Narew)
Der Dichter Es neigte sich die Schar der jungen Knechte Dem wirren Haar und dem zerschlißnen Rock. Die Straße weiter taperte die Rechte, Die Linke hielt sich krampfig fest am Stock. Scham schlug ihm rot empor: er war betrunken Und rang mit seinem Weg; und jäh erblaßt War er im Rinnstein stolpernd hingesunken Und raffte sich empor in wirrer Hast. Da kam's, daß er den Blick nach innen schlug, Wo er, buntwechselnd wie Geleucht der Meere, Wuchernder Blumen Fülle in sich trug. Und atemraubend gab der süße, schwere Duft seinem Sinn, der wie ein großer Falter In ihre tiefen Rätselkelche sank, Seltsamen Traum und schuf ihn zum Gestalter, Der Lust und Qual in seine Lieder zwang. So ging er, in sein Fühlen tief versunken, Betäubt von Fiebern, Künder schwüler Nächte. Man wich ihm schonend aus: er war betrunken. Es neigte sich die Schar der jungen Knechte.
Aus: Versensporn 33: Hans Ehrenbaum-Degele. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 10
Veröffentlicht am 27. Juli 2023 von lyrikzeitung
Heute vor 150 Jahren starb der russische Dichter Fjodor Tjutschew.
Fjodor Tjutschew
(russisch Фёдор Иванович Тютчев, wiss. Transliteration Fëdor Ivanovič Tjutčev, * 23. Novemberjul. / 5. Dezember 1803greg. in Owstug im Gouvernement Orjol; † 15. Julijul. / 27. Juli 1873greg. in Zarskoje Selo)
Der Brunnen Sieh, wie der lichte Strahl sich ballt, Sich zur leibhaften Wolke rundet; Sich, wie sein feines Sprühen, kalt Entflammt, im Sonnenschein verdunstet. Sieh, die Fontäne steigt und steigt, Sie rührt ans Höchste, ans Ersehnte Und sinkt dann doch als Staub ganz leicht Herab – hienieden muß sie enden. O menschliches Gedankenspiel – Fontäne, niemals zu erschöpfen! Was spannt, was beugt dich, welches Ziel Ist dir bestimmt vom unerkannten Schöpfer? Mit welcher Lust drängst du nach oben!.. Doch des Schicksals unsichtbare Hand Biegt deinen strammen Strahl zum Bogen, In Spritzern sinkst du auf den Brunnenrand. 1836
Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-Deutsch. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 313
Ф. И. Тютчев Фонтан Смотри, как облаком живым Фонтан сияющий клубится; Как пламенеет, как дробится Его на солнце влажный дым. Лучом поднявшись к небу, он Коснулся высоты заветной – И снова пылью огнецветной Ниспасть на землю осужден. О смертной мысли водомет, О водомет неистощимый! Какой закон непостижимый Тебя стремит, тебя мятет? Как жадно к небу рвешься ты!.. Но длань незримо-роковая Твой луч упорный, преломляя, Свергает в брызгах с высоты.
Veröffentlicht am 26. Juli 2023 von lyrikzeitung
Irena Habalik
Wenn Tausende ertrinken Wer zählt sie? Eine Zählmaschine? Wer vergießt die Tränen? Das Meer? Wer besingt sie? Die Wellen? Wer erzählt ihr Leben? Die Fische? Wo liegen die Leichen? Am Grund? Tief, tiefer? Wer zündet die Kerzen an? Die Herzen? Der Gestrandeten? Der Ohnmächtigen? Und die Seelen? Liegen sie flach, dicht am Kadaver geklebt? Erheben sie sich nachts? Fliegen sie weg? Zu den anderen Planeten? Mars, Venus? Wir sehen sie fliehen, flimmern, uns zurufen, wir verstehen kein Wort staunen was soll der Fleck in unseren Augen Und wer sind wir auf der anderen Seite des Ufers?
Aus: Versnetze_zehn. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Frank Liebe, 2017, S. 302
Veröffentlicht am 25. Juli 2023 von lyrikzeitung
Thorsten Nesch
Gedichte sind nur Platzverschwendung Mario meint Gedichte seien nur Platzverschwendung Mag sein Aber man kriegt damit den Tag rum Ich stelle mich öfter vor den Computer Auch wenn gerade nichts Besonderes anliegt Denn mir fällt vieles erst beim Schreiben ein So dass ich mich zu den Standpunkt hingerissen fühle »Mein Computer ist kreativer als ich« So beginne ich zwischendurch Ein paar Telefonate mit Olli, Ingo, Markus, Conny Und eine Besoffene hat sich verwählt Sie will ein Taxi es wäre nett Wenn ich ihr die richtige Nummer geben könnte Dann bräuchte sie nicht noch bei der überteuerten Auskunft anzurufen Solidarität hat einen Körper: meinen Ich such ihr die Nummer von Thelemann-Mietwagen raus Und sie antwortet mit denen fahre sie grundsätzlich nicht Ein nächster Versuch Und ich habe Glück Meike meint ich wäre so lieb sie würde mich lieben Sie hätte noch gerne meine Telefonnummer Tut mir leid ich Hab noch was vor Watt machse n grad? Gedichte schreiben Ich lege auf Und gehe zurück zum Computer Und bei einem Gedicht weiß ich immer Wo ich stehen geblieben war
Aus: Kaltland Beat. Neue deutsche Szene. Hrsg. Boris Kerenski & Sergiu Stefanescu mit einem Vorwort von Peter O. Chotjewitz. Ithaka Verlag, 1999, S. 279
Veröffentlicht am 24. Juli 2023 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 23. Juli 2023 von lyrikzeitung
Noch einmal eins der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Wem das bekannt vorkommt, kann gerne hier kommentieren. Wenn nicht, auch gut, folgt am Abend die „Auflösung“.
Felix Philipp Ingold
Kaum Sympathie Für jenen Fisch Mit dem die Fut Verwandtschaft übt. Der Slip schon feucht Wie schwarz vom Blut Nicht einmal taugt Der Hunger trügt. Sein Monogramm im Falz Von bloßer Hand Beweis Er kann's. Und er war da Wer daran rührt Bekommt die Schrift Auf Stein diktiert.
Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 23
Veröffentlicht am 22. Juli 2023 von lyrikzeitung
Kai Agthe
Wolfgang Koeppen ein Gemälde Caspar David Friedrichs betrachtend Die Erinnerung Eldena verbindet des Malers fehlende Figuren. Alter Mann, endlich heimkehrend in das Gemälde, in dem er seit langem schon erwartet wurde. Versunken in einer spröden Landschaft, die Pommern heißt und fern nun liegt. Ein Blick zurück in beider Kindheit, auf das baltische Meer, wo der Butt gerufen wurde, als das Wünschen noch half.
Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Weilerswist: Ralf Liebe, 2008, S. 33
Veröffentlicht am 21. Juli 2023 von lyrikzeitung
Kornelia Koepsell
(Geboren 1955 in Gießen)
HER MIT DEM GELBFIEBER Ich liebe schmächtige Archivare, ich liebe kachektische Mönche, ich liebe die Gelbfieberkranken. Ja, da staunt ihr, ihr Wächter des Gebäudeschutts! Ich meine, daß ich mich so freiweg erkläre. Ich, die auf der Kommandobrücke nichts zu sagen hat. Mir ist eben das Stammeln der Hinfälligen lieber als der Modegesang lallender Hüpfer. Ich sage: Her mit dem Gelbfieber auf Kosten der Werkleitung.
Aus: Sinn und Form 3/2023, S. 329
Veröffentlicht am 20. Juli 2023 von lyrikzeitung
Ich bleibe noch einmal bei der wunderbaren Sammlung luxbooks.americana (ohne die wir etliche Autorinnen und Autoren gar nicht auf Deutsch hätten und die auch Jahre nach der Geschäftsaufgabe des Verlags nicht nach Gebühr gewürdigt und vermisst wird).
Kevin Prufer
(geboren am 22. Oktober 1969 in Cleveland, Ohio)
History They put a bottle in my neck and threw me from the bridge into the river where I floated on my back then sank. I slept for weeks beneath a log, then woke to the light flittering through cold water. Chilled over, thick in the tongue and sweet⎯ I could not speak, so watched instead the bits of silt that fell like dead embers over my eyes.
Geschichte Man stieß mir eine Flasche in den Nacken und warf mich von der Brücke in den Fluss, wo ich eine Weile auf dem Rücken trieb, dann unterging. Ich schlief für Wochen unter einem Holzstamm, dann weckte mich glitzerndes Licht durchs kalte Wasser. Ausgekühlt, die Zunge schwer und süß⎯ ich konnte nicht sprechen, so sah ich stattdessen dem Schlick zu, der wie erloschene Glut auf meine Augen fiel.
Aus: Kevin Prufer, Wir wollten Amerika finden. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Susanna Mewe und Norbert Lange. Wiesbaden: luxbooks, 2011 (luxbooks.americana), S. 104f
Veröffentlicht am 19. Juli 2023 von lyrikzeitung
Anna Rabinowitz
(Geboren am 28. Mai 1933 in Brooklyn)
Dort⎯da drüben⎯neben dem Eisenzaun,
Sich festhaltend, wartend,
Jede Zelle ihres Fleisches ein klarer Kristall,
In Erwartung eines Schnitts⎯was eine andere Facette
Der Erfahrung sein könnte in dem Leben, das noch vor ihr liegt⎯oder eines Risses⎯
Ein Makel in dem, was als nächstes kommt⎯oder eines Herausschneidens, obwohl sie
Jetzt noch nichts weiß über
Ausgänge⎯
Nicht weiß sie, dass Kusinen, Tanten, Onkel, Großeltern
Im alten Land in ein paar Jahren vergast sein werden⎯und sie wird
Nie mit ihnen gesprochen, sie nie berührt oder den Knoblauch in ihrem Atem
Gerochen haben. Während sie posiert weiß sie nicht, dass das Kamerageschick
Die Zukunft negiert und die Vergangenheit freispricht, dass ihr Spielplatz
Gelb wird während Steckrüben in entlegenen Kellern verrotten und aus außergewöhnlichen
Geschehnissen Gift sickert⎯gegen die Vernunft, gegen die Geschichte⎯Häuser, Felder
Himmelschreiend vom Feuer⎯und blaue Flammenklauen fremde Prämissen ersticken.
Endlösungen sind zu Hand während offizielle Verleugnungen die Radiowellen beflittern.
Liebes Kind auf dem in Brooklyn gemachten Schnappschuss⎯für immer am Platz,
Die Arme um Deine polnische Puppe geschlungen⎯
aus dem Da, das nirgendwo ist
Du, die danach brennt hinauszugehen⎯um die Welt zu verbrühen mit Gründen für das Sein.
Aus dem Amerikanischen von Barbara Felicitas Tax. Aus: Anna Rabinowitz, Darkling. Wiesbaden: luxbooks, 2012, S. 21f
Veröffentlicht am 18. Juli 2023 von lyrikzeitung
Weiter mit der kleinen Serie der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Als ich anfing, Gedichte zu lesen, hätte wohl jeder Leser zeitgenössischer Lyrik den Ton und vielleicht das Gedicht erkannt. Und heute? Wer die Vorlage weiß oder rät, kann gerne Kommentare anfügen. Ansonsten werde ich sie gegen Abend nachliefern.
Felix Philipp Ingold
Der Saum Weiter als die Pracht Mit all den Augen . .. Seen. Sie sterben vor Süße hinüber In Eisgang. Die greinen Unterm Südfuß. Wie solche darben Halbwert im Staub Ihr ewig. Thesen Ausgesetzt Vor lauter Herzen Auf dem wortlosen Weg Zu deiner Nächsten.
Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 41
Veröffentlicht am 17. Juli 2023 von lyrikzeitung
Erich Ruschkewitz wurde am 16. Juli 1904 in Bütow in Hinterpommern geboren. Am 7. Dezember 1941 wird er mit 26 anderen Danziger Juden deportiert. Der Transport kam zwei Tage später im Lager Riga-Jungfernhof an, dort. verliert sich seine Spur.
Vom Beischlag, der einen anderen Buchstaben hat gewollt
Sehr frei nach Friedrich Rückert
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Dieses Gedicht, in dem die sonderbare Geschichte von einem Beischlag in der Frauengasse geschildert wird, der partout einen anderen Buchstaben hat gewollt, kann aus angeblichen Gründen der Sittlichkeit nicht veröffentlicht werden. Der Staatsanwalt würde prompt berufliches Interesse an ihm nehmen, wird dem Autor von nächststehender Seite versichert.
Und da besagtem Autor weder besonders viel daran liegt, daß die erste Auflage seines ersten Buches vom Schicksal des Einstampfens ereilt wird, noch überhaupt mit dem Staatsanwalt zu kollidieren, muß wohl oder übel jeder Versuch, in den Besitz des Gedichtes zu gelangen, zwecklos bleiben.
Auch Honorarangebote in beliebiger Höhe können – so schwer, wie es fällt – nicht erfolgreich in Versuchung führen!
Aus: Versensporn 27. Erich Ruschkewitz. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2017, S. 12
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