Mein Freund ist der Michael Krüger. … Er hat sich bitter beklagt, dass ihr seine Bücher ins Netz stellt!
[Pause für eine Internetrecherche]
Nee, ich find ihn nicht. Da ist nichts von ihm im Netz, ganz bestimmt nicht! Der kann also wieder ruhig schlafen, dein Freund! Wir stellen ja auch nur rein, wo das Interesse da ist. Gedichte, nun ja … Er muss seine Sachen selbst posten, sonst wird das nichts mit der Copyrightverletzung. Wir nennen die Leute ‚Selbstlader‘. Da gibt’s durchaus ein paar, die das machen!
(…)
Sag mal, dein Freund, der Lyriker, hat der wirklich den Kopf ins Gras gelegt und bitterlich geweint? Oder ist das nur Lyrikerkitsch?
Da war im Biergarten, ja! Für solche Aktionen ist der immer wieder mal gut. Außerdem ist er nur eine Kneipenbekanntschaft, kein Freund! / Mehr
In dem gleichen FAZ-Artikel versuchte Krüger seinem griechischen Freund „unsere Debatte um Urheberrechte zu erklären, die ich selbst kaum verstehe“. So seine Erklärung:
Hier wird, sagte ich schüchtern, gerade über das Verschwinden des Autors im Netz diskutiert. Eine kleine politische Gruppe, die sich Piraten nennt, hat der Gesellschaft eine Diskussion aufgezwungen, an der sich alle beteiligen müssen. Was im Netz steht, soll allen gehören, der Begriff „geistiges Eigentum“ wird abgeschafft, er sei „ekelhaft“. …
Und wer sind die Schurken? Die Schurken sind Verlage, die Bücher drucken, und Autoren, die sich einbilden, dafür ein Honorar verlangen zu dürfen. Wieder ein langes Schweigen.
Er: Also wirst du in Zukunft die von dir verlegten Bücher nicht mehr ins Netz stellen? Ich: Das geht leider nicht, weil wir und die Autoren auf das Geld für elektronische Bücher angewiesen sind. Und wenn wir die Bücher nicht ins Netz stellen, werden sie von Piraten ins Netz gestellt. Das Telefonat wurde langsam ungemütlich, auch weil ich mich zunehmend schämte, einem armen griechischen Schlucker die neuen Spielregeln des Netzes erklären zu müssen.
… Was sagen eigentlich die deutschen Buchhändler dazu?, kam es aus Athen. Ach, rief ich, die sind verzweifelt! Je mehr Menschen sich Texte herunterladen, desto heikler werden die Überlebenschancen für die Buchhandlungen. Manche behelfen sich schon mit Non-Book-Angeboten. Non-Book-Angebote?, kam es durch den Äther. Ja, Kerzenständer, Vasen, Geschenkartikel.
Erschrocken (oder vielmehr hoffnungsfroh) ging ich zur Homepage des Verlags. Vielleicht könnte ich einen Gedichtband des Verlegers runterladen, um meine kleine Krügersammlung aufzustocken. Es gibt nur einen, von 1982, Respekt, immer noch lieferbar, Klick auf „Inhalt“ bringt nichts, aber auf „Warenkorb“ kann man klicken. Runterladen geht gar nicht. Worüber redest du eigentlich, Väterchen?
Gut, suchen wir nach Neuerscheinungen. Derek Walcott, Weiße Reiher, erschienen Februar 2012, will ich haben, aber wo? Lizenz erwerben wär möglich, aber wieso, braucht man jetzt eine Lizenz zum Gedichtelesen? Warenkorb geht auch hier, ich probiers, aber das mach ich nicht, dann geht es über DHL vom Verlag, und die deutschen Buchhändler gehn leer aus. Nein, das will ich nicht.
Haben die nichts zum Runterladen? Nicht maln kleinen Kerzenständer, gar nix?
Aber eBooks wird es doch geben? Ja, gibt es. 20 von 179 werden angezeigt:
Interessiert mich zwar nicht, aber mal sehn. Klickt man darauf, kommt:
Fester Einband, 208 Seiten
Preis: 12.90
Wie, fester Einband? Nein, das ist garkein eBook, jetzt muß ich noch mal „ebook“ klicken, da kann mans bei Libri oder Thalia herunterladen? nein, auch nicht, erst mal ordern. Es ist sogar billiger als gedruckt, 9,99 €, aber wieviele Seiten hat es denn? Das steht nicht dabei, da muß ich Herrn Krüger noch mal fragen. Herr Krüger, wieviel Seiten hat denn das ebook von Twitteratur? Nicht daß das ne Mogelpackung ist mit dem Billigpreis!
Ach was, ich muß mich mit einem Zitat aus der Scheiße retten. Da ist es. Volker Braun hilft. Volker Braun, was sagen Sie zur Debatte?
Na also, ist das nicht dummes Geschwätz?
Jaja, beeile ich mich, aber … aber er ist gar nicht zu bremsen:
Und das wird gequasselt unterm stupiden Beifall des Auditoriums und sogleich mehrfach wiedergekaut. So schnell geht die Eskalation des Blödsinns.
(Volker Braun: Es genügt nicht die einfache Wahrheit. Notate. Leipzig: Reclam 1975, S. 65)
Und ich denke da, das waren noch Zeiten, als die Schriftsteller klare Worte fanden. Heute unterzeichnen sie zu zehntausend eine Petition, schon mal vorsorglich, bevor die Piraten die Macht übernehmen und ihnen ihre Villen im Tessin wegnehmen.
Nun haben sich die vereinten Europäer nie sonderlich für die griechische Kultur der Moderne interessiert. Die bedeutenden Dichter – Kavafis, Seferis, Elytis und Ritsos – gibt es in Übersetzungen, aber sie sind bereits Klassiker. Ihre Werke sind in der Diaspora oder im Exil entstanden, im Falle von Ritsos in griechischen Gefängnissen. Der einzige Romancier, der viel übersetzt wurde, hat in Genf gelebt: Nikos Kazantzakis. Er wird von den Touristen geschätzt, die in Griechenland Urlaub machen und am Strand einmal nicht amerikanische Schmöker verschlingen wollen. / Michael Krüger, FAZ 8.5.
Während der Revolution in Nicaragua gehörte Gioconda Belli einer geheimen Frauengruppe an. Jetzt beschreibt die Schriftstellerin, was aus dem Land geworden wäre, wenn sie die Wahl gewonnen hätten. …
Gerade hat sie mit der von ihr und einer Gruppe Freundinnen gegründeten „Partei der Erotischen Linken“ (PIE) die Wahl gewonnen und ist Präsidentin des Fantasie-Staates Faguas geworden – der „Republik der Frauen“, wie Belli ihren Roman genannt hat. Die PIE besteht nur aus Frauen und will das Land mit rein-weiblichen Methoden auf Vordermann bringen: „Ich habe eine Partei im Kopf, die sich vornimmt, dem Land das zu geben, was eine Mutter ihrem Kind gibt, es in Ordnung hält, wie eine Frau ihr Haus in Ordnung hält“, erklärt Sansón. …
PIE-Mitglieder tragen gerne T-Shirts mit ihrem Vers „Ich segne mein Geschlecht„. Und dass trotz aller Fiktion auch Ernst hinter der „Republik der Frauen“ steckt, erklärt Belli: „Die Ideen in meinem Roman sind einfach gesunder Menschenverstand. Ich bin erstaunt, dass wir Frauen sie noch nicht in die Tat umgesetzt haben.“ / Die Welt
Die Republik der Frauen (übers. v. Lutz Kliche). Droemer, München 2012, ISBN 978-3-426-19915-2.
Die Gedichte aus „Berliner Fenster“ bleiben Guerillalyrik, poetische Street Art. Ein hässlicher Fleck, der sich als Spiegel entpuppt. Sie würden sich exzellent auf Hausfassaden machen. Nicht an denen der sogenannten Problembezirke, nicht in Neukölln. Sie würden sich perfekt einpassen auf der Friedrichstraße, der Kö, dem Jungfernstieg, der Maximilianstraße. Mit Laufpublikum, das herausgefordert wird. Nicht von ungefähr beendet Bresemann seine Erklärungen mit den Worten: „Willkommen in der Mündigkeit.“ / KRISTOFFER CORNILS, taz 26.5.
Tom Bresemann: „Berliner Fenster“. Berlin Verlag, Berlin 2011, 80 Seiten, 16 Euro
Verhinderte ihr Ruf als Ikone des Feminismus den klaren Blick auf ihre Poesie? Endlich erscheint, fast 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung, ihre Hommage an das Meer in deutscher Übersetzung. Sie ist vorzüglich gelungen. Da wird die ungewöhnliche „SeaRose“ eben nicht zur profanen „Strandrose“, nichts Blumig-Süßliches haben die „See-Lilien“, oder „MeeresVeilchen“. Wenn der Leser die Klippen gängiger Theorien über die Verbindung von Hellenismus und Modernismus im Imagismus umschifft hat, bewegt er sich in einer Strömung mit Meerestieren, Pflanzen, Bäumen und von den Gezeiten geschliffenen Dingen. / Dorothea von Törne, Die Welt 26.5.
H.D.: Meeresgarten. A. d. Englischen v. Annette Kühn. Luxbooks, Wiesbaden. 132 S., 19,80 Euro.
Gedichte können durchaus süffig sein, deshalb müßte man das Jahr 2012 mit einem önologischen Vergleich wohl einen „gute Lyrikjahrgang“ nennen. Ohne Anspruch auf Repräsentativität seien an dieser Stelle vollkommen subjektiv Norbert Lange („Das Schiefe, das Harte und das Gemalene“), Marie T. Martin („Wisperzimmer“), Klaus Demus („Kosmos“), Ulrich Koch, Ludwig Steinherr und natürlich Thilo Krause genannt, deren Bände bereits erschienen sind oder demnächst noch erscheinen. Unbedingt gehört auch Jürgen Nendza in diese Reihe, dessen wunderbar komprimierte Sammlung „Apfel und Amsel“ jüngst im Verlag des Poetenladens veröffentlicht worden ist.
Apfel & Amsel, an dieser Alliteration ist nichts aufdringlich, sie gehört in den Alltag, zum eigenen Garten womöglich, und aus genau dieser vermeintlichen, allein vom Titel herausbeschworenen Bekanntheit entwickelt Jürgen Nendza eine neue und intensivere Art des Sehens, in der die Barrieren von Landschaft und Selbst allmählich füreinander durchlässig werden. Dabei zitiert jene Alliteration, nicht zufällig auf den ersten Buchstaben des Alphabets, gleichsam die traditionellen Bilder für Erkenntnis und Freiheit; und ein solches morgendliches Aufbruchserlebnis, das in dauernder Suchbewegung zwischen dem Subjekt und den Objekten oszilliert, versetzt die Gedichte in Schwingung, ins Schweben, ins pendelnde Annähern und Wieder-Abrücken. Ist das Ungenügen der Worte zu groß, bleibt die Versicherung des Sichtbaren, Greifbaren dahinter, „dieses Tasten / nach der Hand, wenn die Sätze sich verlaufen“. / Jürgen Brôcan, fixpoetry
Jürgen Nendza: Apfel und Amsel. Poetenladen, Leipzig 2012. 72 S., 16.80 Euro ISBN 978-3-940691-36-1
Es heißt „Ein Wunder“ und geht so: „Soeben noch schlaff und abgenutzt / Nach soviel Jahren Gebrauch, / Steht Er / – Was Wunder! / Er steht -, / Will von dir, mir und dir bestaunt sein, / Verlästert und nützlich zugleich.“
Das Publikum ist gespalten. Marcel Reich-Ranicki feiert den Lyriker – und besonders den erotischen – auf einer ganzen FAZ-Seite:
Es sind Verse voll Glück, voll Leid und Mitleid, doch ohne Selbstmitleid, voll Zucht und auch Nachdenklichkeit. Sie machen spürbar und erkennbar: den Rausch und die Abgeklärtheit, die Seligkeit und, zwischen den Zeilen, die Abschiedsstimmung.
Ina Hartwig spricht in der FR von „Mut zur Blamage“:
Derlei zwiespältige Gelegenheitsverse wären vielleicht im Nachlass vornehmer verwahrt, doch ein G. G. scheint nicht der richtige Mann fürs Aufbewahren, fürs Liegenlassen zu sein.
Elke Heidenreich findet das eklig und Wiglaf Droste (taz) lästert:
salatenes Gestammel, das Grass in doppeltem Irrtum für lyrisch und für erotisch hält.
Über die Reaktion der deutschen und griechischen Regierung ist noch nichts bekannt.
Die in Berlin und São Paulo lebende Dichterin Sabine Scho wird mit dem diesjährigen Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis geehrt. Die mit 10000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 23. November in Weimar zum zweiten Mal vergeben, teilte die Deutsche Schillerstiftung mit. Die Jury lobte Verfahrensweisen und Themen der Autorin als einzigartig in der gegenwärtigen deutschsprachigen Lyrik. Scho trage in ihren Gedichten Worte aus allen Bereichen und Sprachen zusammen und erreiche dadurch eindrucksvolle Wortneuschöpfungen. / Süddeutsche Zeitung
Die im Juni 2008 errichtete Anke Bennholdt-Thomsen-Stiftung ist eine unselbständige Stiftung des bürgerlichen Rechts in Trägerschaft und Verwaltung der Deutschen Schillerstiftung von 1859. Sie fördert deutschsprachige Lyrikerinnen, die durch ihre künstlerische Leistung hervorgetreten sind. Der Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis wird alle zwei Jahre vergeben. Die Stiftung wurde errichtet durch Herrn Dr. Alfredo Guzzoni, der 1931 in Mailand geboren wurde und als Privatgelehrter in Berlin lebt.
Erste Preisträgerin war 2010 Dorothea Grünzweig.
Im Kongo-Brazzaville ist das Durchschnittseinkommen sieben Mal so hoch wie in der Demokratischen Republik Kongo (Zaire) nebenan. Die ehemals französische Kolonie heute ein Vorzeigeland? Auf der internationalen Skala der Gewalt hält sie den Platz vor Somalia. Gewalt – in den Familien, auf den Straßen, in den Lagern während des Kommunistenregimes bis 1990 – ist tragendes Thema in Dieudonné Niangounas großem Gedicht „Le Socle des Vertiges“ (Fundament des Taumels).
Niangouna, Gast auf vielen Festivals, inszenierte in Brazzaville Tschechow, Brecht und eigene kritische Texte. Französisch-klassisch gebildet, und, wie sein Bruder Criss, auch Schauspieler, geht er 2013 als Artist-in-Residence nach Avignon.
Im jüngsten seiner Tourneestücke tobt die junge Generation animalisch starktönend – und dabei kunstbewusst wie in Allen Ginsbergs Beat-Generation-Klassiker „Geheul“. / Hans Haider, Wiener Zeitung
Für seinen melodiös-expressiven Debüt-Lyrikband „ausrücken mit modellen“, erschienen 2011 bei kookbooks, wurde dem 1974 in Berlin geborenen Autor der Heidelberger Clemens-Brentano-Preis für Literatur verliehen. Der von Oberbürgermeister Dr. Eckart Würzner überreichte und mit 10 000 Euro dotierte Preis wird seit 1993 im Wechsel in den Sparten Erzählung, Essay, Roman und Lyrik an deutschsprachige Autoren vergeben, die bereits mit ihrem Erstlingswerk im Literaturbetrieb Aufsehen erregen konnten. In der Jury sitzen neben professionellen Literaturkritikern auch Studierende des Germanistischen Seminars Heidelberg – ein einzigartiges Konzept in ganz Deutschland.
Laudator Christian Döring, Verleger, Lektor und seit 2011 Herausgeber der von Hans Magnus Enzensberger ins Leben gerufenen Buchreihe „Die Andere Bibliothek“, sprach von „Küstenlandschaften“, die sich durch Gumz Werk zögen, „ankunftslose Aufbrüche“, ein „neuer Raum, das Imaginäre, besser, das Andere.“ Dabei weise kaum ein Erstlingswerk bereits so weit über seinen Anfang hinaus, so Döring.
Wenn man schon nicht die Formel bemühen will, mit Döring und Gumz stünden sich Vertreter zweier unterschiedlicher Generationen gegenüber, so war es doch bemerkenswert, in welch unterschiedliche Sprache die beiden ihre Ausführungen kleideten. Gumz selbst, immer wieder Brentano zitierend, wirkte sachlich, nüchtern und fast ein wenig formell in seiner Dankesrede. Wie auch in seinen Gedichten stellte er lyrischer Überhöhung immer wieder unverblümte Alltagssprache gegenüber. Auch vor Anglizismen macht er dabei keinen Halt. „You name it“, „keywords“, hier ist Gumz ganz Kind seiner Zeit. / Jan Knobloch, Rhein-Neckar-Zeitung
Der Styria Premium Verlag hatte die Idee zu einer neuen Buchreihe: Österreichische Künstler/innen aus allen Bereichen – von der Philosophie bis zur Musik, von der Literatur bis zur Bühne – stellen ihre 25 Lieblingsgedichte vor. Ö1 sendet die Gedichte im Rahmen der Reihe „Du holde Kunst“ ab Juni einmal im Monat.
Friederike Mayröcker
Ernst Jandl:
das hundelvieh
Ernst Jandl:
der bernhardiner
Ernst Jandl:
der goldfisch
Ernst Jandl:
2 erscheinungen
Ernst Jandl:
in der küche ist es kalt
Thomas Kling:
ethnomühle
Friedrich Hölderlin:
Hälfte des Lebens
Friedrich Hölderlin:
Wenn aus dem Himmel …
Inger Christensen:
alphabet
Marcel Beyer :
Wespe, komm
Ilse Aichinger:
Briefwechsel
Norbert Hummelt:
aus der Kindheit
Bertolt Brecht:
Morgens und abends zu lesen
Heinrich Heine:
Loreley
Johann Wolfgang von Goethe:
Warum gabst du uns die tiefen Blicke
Gottfried Benn:
Teils-teils
Marcell Feldberg:
o. T.
Bernadette Haller:
Haiku
crauss
russischer zopf
H. C. Artmann:
mein herz
Oskar Pastior :
Francesco Petrarca Nr. 1
Oswald Egger:
Apfelspalten / Handteller, Regen
Oswald Egger:
nihilum album
Mikael Vogel:
Schizoide Gedichte für eine alte schizoide Liebe
Mikael Vogel:
Das wirre Atelier der Verlassenheit …
Johann Georg Lughofer, Dozent an der Germanistikabteilung der Universität Ljubljana, fungiert als Herausgeber eines Bandes zu Ernst Jandl im Praesens Verlag. Heide Kunzelmann meint:
Mit Lughofers Reihe soll nun auch der slowenischen und, in Ansätzen, auch der kroatischen Germanistik ein Forum geboten werden, in dem jedes Jahr das Werk eines/r Lyrikers/in in kurzen Beiträgen kommentiert, interpretiert und didaktisiert werden … Die substanzielle Unterstützung durch das österreichische Kulturforum bedeutet in diesem Kontext wohl, dass es sich in Zukunft weitgehend um LyrikerInnen österreichischer Provenienz handeln wird …
Lughofer begründet die Wahl Ernst Jandls … mit der Tatsache, dass sein Werk geradezu nach sprach-, literatur- und kulturwissenschaftlichen Interpretationen verlange. Und nicht zuletzt damit, dass Jandl als Lehrer immer „an didaktischen und pädagogischen Fragen interessiert“ gewesen sei
… Der Band beinhaltet elf Beiträge, wovon der letzte eine höchst gelungene paratextuelle Antwort des Sprachinstallateurs Martin Köhle auf ein frühes Gedicht Jandls („Da kommen sie gelaufen“, 1952 in H. C. Artmanns kurzlebiger Zeitschrift „publikationen“ erschienen) ist.
Hammerschmids Aufgabe ist es, einleitend Jandls Stellenwert in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 zu skizzieren. Mit großem Kenntnisreichtum kommt der Autor der Aufgabe nach, deponiert jedoch deutlich, dass er Jandl für eine Art avantgardistischen Renaissance-Menschen hält, der sich an der Peripherie der tendenziell so vielfältigen wie verwirrenden Nachkriegsliteratur zum Synthetisierer aller heterogenen Strömungen der Zeit in- und außerhalb Österreichs geriert, ohne in die Grabengefechte der neo-avantgardistischen Gruppierungen der engagierten Kunst der 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahre hineingezogen zu werden. Dass Jandl, wie Hammerschmid es darstellt, nicht von der Wiener Gruppe ‚einverleibt‘ werden konnte, liegt wohl vor allem daran, dass dieser Gruppengedanke ein Konstrukt ist, dem kaum jemand außer Gerhard Rühm letztlich was abgewinnen konnte.
Dass es in der Nachkriegszeit eher um persönliche Affinitäten und das Bedürfnis nach Stärkung in einem Gruppenzusammenhang, als um programmatischen Ein- und Ausschluss ging, ist heute ebenfalls durchaus zu belegen …
Stojan Bračič’… Diskussion von Jandls poetischer Praxis vor dem Hintergrund der Frage nach Textkohärenz[:] Man erfährt, dass Jandls Texte zwar nicht den gängigen Beispielen kohärenter Texte entsprechen, dafür aber dennoch Sinn produzieren, wenn auch nicht auf herkömmlichen Wege, und dass dieser Sinn der modularen Anordnung von Wortkomplexen und Textkomponenten geschuldet ist – ansonsten jedoch nichts Neues. Soweit sogut …
Es braucht einen Herausgeber, der etwa darauf eingeht, wie die konträren Ansätze Milka Cars, deren Aufsatz sich diskurstheoretisch mit Jandls Werk auseinandersetzt, und des bereits erwähnten Linguisten Stojan Bračič, der Jandls Texten strukturalistisch begegnet, zu verbinden seien. Oder der der Frage nachgeht, wie sich die Betrachtung des Jandl’schen Werks im Kontext der klassischen Reiseliteratur (Kristian Donko) vor einem nach wie vor äußerst delikaten, Karl Riha nachempfundenen Brückenschlag zwischen klassischem Idealismus des reisenden Goethe und dem modernen Pessimismus des Jandl’schen „Ichs“ auf Reisen ausnimmt.*
* Der Ruf nach dem Herausgeber wird noch in zahlreichen anderen Absätzen thematisiert. Mag ja sein, dass hie und da auch noch zu lektorieren wäre aber geht ja gar nicht, wenn jeder Fachautor hier anfängt zu machen, was er will und grad noch die Ausländer! Muss jemand schließlich die Verantwortung übernehmen für die Ergebnisse …
Ein Sammelband zu Bachmann und dem Streit der Forschung wird unter dem Titel „Eine Lady Di des Literaturbetriebs“ von Rolf Löchel abgehandelt: „Der Zusammenhang zwischen Leben und Werk ist ein zentraler Streitpunkt innerhalb der Bachmann-Forschung“, erklärt Renate Langer …
Mag Langers Aussage auch … konsensfähig sein, so erweist sich ihr Aufsatz über die „Bruchlinien im Bachmann-Bild“ doch als lesenswert, und das beinahe schon alleine wegen des Lesevergnügens, das seine mal feine, mal maliziöse Ironie bietet, die Langer gleichermaßen den diversen Herren, die sich rühmen, mit Bachmann Brot und Bett geteilt zu haben, wie auch dem Gefolge eines „postumen Kultes“, dem Bachmann „wie eine Lady Di des Literaturbetriebs“ erscheint, zuteil werden lässt. Besagten Herren bescheinigt sie etwa eine „auffallend“ häufige „Lust am Bloßstellen“ Bachmanns. Die Belege hierfür sind, wie man weiß, zahlreich. Langer zitiert unter anderem einige besonders schäbige Ausfälle von Hermann Hakel.
Nicht weniger hart geht sie andererseits mit Karin Strucks „wirrem und hochemotionalem Bachmann-Kult“ und einer bestimmten feministischen Rezeptionsrichtung ins Gericht, die Bachmann in den 1980er-Jahren „als Ikone eines feministischen Leidenskults verehrte“ … Damals aber wurde Bachmann im Zuge des ‚Opferfeminismus‘ gerne mit ihren Figuren identifiziert, wobei die „zwischen Empörung und Selbstmitleid schwankende Leserin“ sich selbst „sowohl mit der Autorin als auch mit deren Figuren“ identifizierte und sich dabei „in der Gemeinschaft der Opfer eines in seinen Strukturen durch und durch faschistischen Patriarchats gut aufgehoben fühlte“ …
Sigrid Weigels Ende des Jahrhunderts erschienener (Anti-)Biografie „Unter Wahrung des Briefgeheimnisses“ lastet sie an, die Literatin „von allen Körpersäften gesäubert, getrocknet und mit Papier ausgestopft“ zu haben, sodass in dem Buch nur noch ein „blutleerer Automat“ auftrete, „der eines Tages selber Literatur zu produzieren begann, nachdem er genügend Literatur in sich hineingefressen hatte“ …
„Wir würden nur zu einem sehr harmlosen Verständnis von Leben und Werk gelangen, wenn wir uns dem privaten Geheimnis der Werke verschließen würden“, argumentiert Hans Höller. Denn „das Private oder das Biographische fast zwanghaft mit ‚biographistisch‘ und ‚reduktionistisch‘ zu assoziieren“ und die „Vernachlässigung der unverwechselbaren Geschichte“ der VerfasserInnen komme einer „ängstlichen Verdrängung der Bedeutungsvielfalt künstlerischer Werke“ gleich. Nun trifft seine Feststellung eines „nie ganz aufzulösenden Verhältnisses von Literatur und Leben“ zwar sicher zu, doch gibt es schließlich ja tatsächlich zahlreiche Interpretationen zumal von Frauen verfasster Werke, .. die Frauen qua Geschlecht die Fähigkeit abspricht, Kunstwerke schaffen zu können, und ihnen gerade mal die Fertigkeit zugesteht, Selbsterlebtes nachzuerzählen. Ein Problem, dass ihm nicht eben unter den Nägeln zu brennen scheint.
Katya Krylowa etwa folgt der Suche nach Spuren, die Bachmann „zwischen Provinz und Moderne“ hinterließ, während Caitríona Ní Dhúill Bachmanns „Poetik des Rauchens“ nachspürt. Hannes Schwaiger lauscht nicht nur anhand von Audio-Aufzeichnungen auf „Ingeborg Bachmanns Stimme im Rauschen der biographischen Diskurse“. Der „fotografischen Konstruktion einer Dichterin“ gilt das Interesse von J. J. Long und Manfred Mittermayer hat sich die „bewegten Bachmann-Bilder im Dokumentar- und im Spielfilm“ angeschaut. Besonders erhellend aber ist Caitríona Leahys Beitrag über „Bachmann als Objekt von Porträtdarstellungen“. „Das einzig angemessene Porträt Bachmanns“ sei „eines, in dem sie sichtbar abwesend ist“, lautet ihr Resümee.
Nicht weniger lesenswert als Leahys Aufsatz ist Áine McMurtys Beitrag über Marcel Reich-Ranickis berühmt-berüchtigtes Wort von der „gefallenen Lyrikerin“, das noch immer „mit allen Konsequenzen“ nachwirke. Anders, als Reich-Ranickis „ebenso moralisierende wie krude auf das Geschlecht der Lyrikerin verweisende Anspielung“ suggeriert, sei Bachmann keineswegs „hilflos aus dem lyrischen Modus“ gefallen, sondern habe „im lyrischen Schreiben ein entscheidendes Mittel zur Bewältigung der Krisenerfahrung gewonnen, das in ihr politisch-ästhetisches Projekt der 1960er Jahre eingehen sollte“.
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