Der in seinem „andalusischen Schwarzwalddorf“ im Kinzigtal lebende José F.A. Oliver, Erfinder und Impressario des Hausacher Literaturfestivals „LeseLenz“, konnte im Herbst 2013 in der kaiserlichen Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya wohnen, rund 16 Kilometer vom Zentrum entfernt. Von dort aus erkundete er die 18-Millionen-Metropole, selbstverständlich auf seine unverwechselbare, durch und durch poetische Art: „IST.anbul/ somnambul“. Szenen ziehen vorüber, Sprachbilder entstehen: „die lauerbespannten flügel der möwen/ die sichtbojeninseln zwischen den küsten/ die kontinentkanten am halsfluss der wasser/ am ufer zerfleddern hürriyet-seiten/ der regen danach druckt welt in den staub“.
Kurz- und Langgedichte, manche von ihnen eher lyrische Prosa, Briefe sowie Fotografien des Autors mit kurzen Texten dazu, das alles enthält Olivers neues Buch, dem Joachim Sartorius eine kundige, freundliche Nachbemerkung beigegeben hat. Entscheidend für die Lektüre ist erstens, dass sich die heterogenen Texte im Kopf des Lesers tatsächlich zu einem Ganzen zusammenfügen, und zweitens, dass dieses Ganze ein skeptisches, kritisches, oft auch subversives Bild der gigantischen Stadt und ihrer Bewohner ergibt. „Istanbul ist nicht nur eine Wahrheit. Istanbul ist ein Menschenatlas voller Wirklichkeiten und eines ganz gewiss: Schnittwundrand und Narbe der Geschichte“. Die Stadt wandelt sich rasch, nicht unbedingt zu ihrem Besten. „Manche sagen, die sich häutende Ära hieße Postdemokratie. Nicht nur hier“. Die jüngsten politischen Entwicklungen in der Türkei waren vor drei Jahren erst vage zu erahnen. José F.A. Oliver schreibt bereits: „Der Widerspruch wird vogelfrei. Kritik? Der Staat könnte beleidigt sein […]. Wer zweifelnd hinterfragt, ist hinderlich. Der schläft nicht nur auf Steinen, der wird im besten Falle totbesteuert. Ansonsten weggesperrt“. / Klaus Hübner, literaturkritik.de
Jose F.A. Oliver: 21 Gedichte aus Istanbul 4 Briefe & 10 Fotow:orte.
Mit einem Nachwort von Joachim Sartorius.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin – Prenzlauer Berg 2016.
96 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783957572837
In manchen Weltgegenden treten gehäuft gewaltsame Tode auf, „treten auf“. In der Silvesternacht wurden in Istanbul viele Menschen Opfer politischer und religiöser Wahnideen. Eine Zusammenstellung aus Wikipedia-Listen. Am 31. wurde der bangladeschische Politiker Manjurul Islam Liton, 48, erschossen, am 29. der nigerianische Fußballspieler Uzama Douglas, 18, am 28. starb M. D. Harmon, 71, amerikanischer Journalist (Portland Press Herald), an den Folgen eines zufälligen Schusses. Am 26. wurde Kyriakos Amiridis, 59, griechischer Botschafter in Brasilien, ermordet. Am 25., ein Flugzeugabsturz ist gewiß auch gewaltsam, starben zahlreiche russische Militärs, Künstler, Journalisten beim Absturz einer Militärmaschine, die sich auf dem Flug nach Syrien befand. Am 24. wurde der amerikanische Baseballspieler John Barfield, 52, erschossen, am 23. der mexikanische Politiker Jesús Dámaso Baños Tapia (52) ermordet, am 20. der amerikanische Footballspieler Robert Eddins, 28. Und das sind nur die, die Wikipedia beobachtet.
Gestorben im Dezember
Im Januar starben außer John Berger auch
Die ersten Lyrikanthologien in meinem Besitz waren vermutlich Geschenke. Das „Deutsche Gedichtbuch“ von Uwe Berger und Günther Deicke dümpelt irgendwo in der zweiten Reihe meiner Regale. „Lyrik der Antike in klassischen Nachdichtungen“ wurde mir von der Schule „für sehr gute Leistungen“ geschenkt. Die wahrscheinlich erste Anthologie mit Gegenwartslyrik und Lyrik junger Autoren, die ich las, war „Sonnenpferde und Astronauten“, erschienen 1964 im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale), der sich in den 60er Jahren zum wichtigsten Lyrikverlag der DDR noch vor dem kulturpolitischen Leitverlag Aufbau mauserte. Kaufen konnte ich sie erst Jahre später (auch damals war die Schule nicht der Ort, wo Gegenwartsliteratur beworben wurde). Aber ich hatte Glück, etwa ab 1963 entdeckte ich die Stadtbibliothek in der Kreisstadt Weißenfels, im Sterbehaus des Dichters Novalis am Rand der Innenstadt direkt an einem schönen Park, in dem außer junger Liebe auch die Liebe zur Poesie erblühte (auf seinen Bänken las ich, ich erinnere mich, Novalis, Eichendorff). In dieser Bibliothek entdeckte ich das erste Buch des Dichters Johannes Bobrowski, eine bedeutsame Entdeckung, es war Geheimwissen, das ich den Lehrern voraus hatte. Hier gab es seltsamerweise eine Musikzeitschrift in dänischer Sprache, gewiß ein Geschenk einer dänischen Partnerinstitution der Musikstadt Weißenfels (Heinrich Schütz lebte hier, Bach, Händel, Johann Hermann Schein, Reinhard Keiser und viele andere wirkten hier) – denn die Stadt- und Kreisbibliothek hatte gewiß keine Devisen zum Ankauf ausländischer Literatur. Ich „las“ einen Artikel über Popmusik, es wurde meine erste Übersetzungsübung in einer mir unbekannten Sprache. Und ich fand diese Anthologie. „Gedichte junger Menschen“ der Untertitel. Herausgeber Gerhard Wolf wird nicht auf dem Umschlag und nicht auf der Titelseite genannt – der Name Wolf, vermute ich, war zumindest im Industriebezirk Halle 1964 heikel, denn die dortige Bezirksleitung der SED fuhr eine Kampagne gegen den Roman „Der geteilte Himmel“ seiner Ehefrau Christa Wolf, und Gerhard, so erfuhr ich Jahre später aus Insiderwissen, galt als ideologisch schlechter Einfluß auf Christa Wolf. Ein leiser aber deutlicher Hinweis auf Konflikte findet sich auf dem Vortitel, wo die Namen der 10 Autoren in alphabetischer Folge stehen, mit einer Ausnahme. Die ersten beiden Autoren sind Wolf Biermann und Volker Braun, sie erscheinen aber in umgekehrter Folge. Gedichte von Biermann, das ging gerade noch, eine Anthologie mit ihm zu eröffnen aber nicht. Braun eröffnet die Anthologie mit einem programmatischen Gedicht gegen die Verfasser „blumiger Reime“ mit ihren „Wortsteppen“ und 10 weiteren Gedichten, erst dann kommt Biermann mit ebenfalls 11 Gedichten. Biermann stand schon mit seinem Frühwerk massiv unter Kritik und wird zwei Jahre später endgültig verboten. Wolfs Anthologie bot ihm die weiteste Bühne überhaupt im kleinen Land DDR.
Beide, Braun und Biermann, waren seitdem wichtige Bezugsgrößen und schon in dieser Zusammenstellung als Weggefährten und partielle Antipoden sichtbar.
Unter den zehn Beiträgern der Anthologie sind fünf, die für die DDR-Lyrik wichtig wurden: Neben Braun und Biermann sind das Uwe Greßmann, Sarah Kirsch und Axel Schulze. Mindestens vier davon waren mir seit dieser ersten Lektüre ein Begriff, alle vier auch heute noch lesbar. Ein guter Schnitt für eine erste Anthologie. Ich muß dem Herausgeber danken, und der Stadt- und Kreisbibliothek Weißenfels; denn für neugierige unerfahrene Leser war es ein guter Anfang. Es hätte schlimmer kommen können (es kommt oft schlimmer, lernte ich später). Mit dieser Anthologie, die ich vielleicht im ersten Jahr am Gymnasium („Goethe-Oberschule / Erweiterte Oberschule“) las, kannte ich ein paar Namen und Konzepte neuer Lyrik und begann mit Unterscheidungsübungen.
Statt weiterer Kommentare drei Gedichte.
Volker Braun
Unsere Gedichte
Laßt sie ihre Verse brechen und bündeln für die Feuer des Nechruhms!
Laßt sie blumige Reime montieren als Wegzeichen in ihre Wortsteppen!
Unsere Gedichte sind Hochdruckventile im Rohrnetz der Sehnsüchte.
Unsere Gedichte sind Telegraphendrähte, endlos schwingend, voll Elektrizität.
Unsere Gedichte sprossen wie Bäume mit tausend Wurzeln im Geheimniskram
des alten Erdballs und zweigen in tausend Aussichten.
Unsere Gedichte sollen uns Wiesen zeigen unter den Brückenbögen der Gedanken.
Unsere Gedichte sollen die Träume der Nächte aufnehmen in die Wölbung des Himmels.
Unsere Gedichte sollen die Schauer der Angst von der Haut jagen.
Unsere Gedichte sollen die Brüste mit Sonne panzern.
Aus: Sonnenpferde und Astronauten. Gedichte junger Menschen. Hrsg. Gerhard Wolf. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 1964, S. 6
Wolf Biermann
Rangsdorf im August Entzündete Zungen bis in die Früh. Ein nackter und harter Schlaf, ein schwerer Schrei zu den Wolken hin, die weiß sind, fern und brav. Ein kurzer Dieb in das Erdbeerbeet, ein Blick in ein weißes Gewand, ein „guten Morgen“ zur Mittagszeit mit traumschweißnasser Hand. Ein dumpfer Ton im Sommerhaus von Hennen, Wind und Braut und nebenan ein junger Mann, der Holz in Stücke haut. Das ist Berliner Sommerlust, weit draußen vor Berlin. Es zieht mich in die Innenstadt und nach der Mauer hin.
Ebd. S. 32
Uwe Greßmann
Moderne Landschaft Stahlbäume wachsen auf den Bürgersteigen; und es zweigen die Drähte Von Baum zu Baum. Darunter brüllen Die elektrischen Tiere Mit Menschen im Herzen vorüber. Und so mancher gehet vorbei dort Und findet nichts weiter dabei; Denn die steinerne Landschaft Ist ja auch seine Mutter
Ebd. S. 47
Wirtschaftlich mag das Goldene Zeitalter der Niederlande vorbei sein, doch literarisch ist es in vollem Gang. Das bewies eine Dichterlesung am ersten Abend unserer Pressereise. Sie fand im Tolhuis statt, zu dem wir mit einer Amsterdamer Hafenfähre übersetzten. In einer Tour de Force machten uns Anneke Brassinga, Frans Budé, Rozalie Hirs, Erik Lindner, K. Michel, Menno Wigman und F. Starik mit ihrer Lyrik vertraut. Ob leidenschaftlich kühl oder, wie im Falle der Else-Lasker-Schüler-Übersetzerin Anneke Brassinga, einfach leidenschaftlich, immer war das zu Hörende raffiniert und auf virtuose Weise modern. Das Land unterstützt seine Lyriker durch viele offizielle Positionen darin, sich als Chronist des öffentlichen Lebens zu engagieren. Neben dem Amt „Dichter des Vaterlands“ leisten sich auch Städte, Vereine, Universitäten und Fernsehstationen gern einen Hausdichter. Der Buchhandel beschäftigt jedes Jahr einen Lyriker mit dem Verfassen eines Buchgeschenks, das Kunden von Gedichtbänden kostenlos dazuerhalten. / Mehr
Wolfgang Hilbig lebt und läßt sich zum 60. gratulieren
Hilbig wurde am 31. August 1941 im thüringischen Meuselwitz geboren und wuchs bei seinem Großvater im Bergarbeitermilieu auf; der Vater war bei Stalingrad gefallen. Nach einer Lehre als Bohrwerkdreher arbeitete Hilbig als Heizer und versuchte sich, etwa in einem „Zirkel schreibender Arbeiter“, als Lyriker, ohne freilich eine Gelegenheit zur Publikation zu bekommen. Hilbigs erstes Buch, der Lyrikband „abwesenheit“, erschien 1979 im S. Fischer Verlag und brachte dem Autor eine Geldstrafe von zweitausend Mark und Untersuchungshaft ein, weil er „vorsätzlich entgegen den gesetzlichen Bestimmungen einen Devisenwertumlauf durchgeführt“ habe. Was in diesen Gedichten stattfand, war tatsächlich die Ummünzung einer lyrischen Tradition, die damals weder in der DDR noch im heruntergestimmten Kammerton westdeutscher Autoren hoch im Kurs stand: der expressionistischen Dichtung, die dem Poeten die doppelte Rolle des Sehers und Schmerzensmannes zugedacht hat – „die verwirrung / in worte zu kleiden hab ich / das schreiende Amt übernommen“, heißt es im Gedicht „Bewußtsein“. / FAZ 31.8.01
Thomas Kling lebt, erhält den Ernst-Jandl-Preis und lädt nach Hombroich ein
Für L&Poe ist Klingmonat. Diesmal in der Neuß-Grevenbroicher Zeitung (Lyrik siedelt nicht immer im Zentrum! Wir schlagen mal, im Ernst, vor: Basel (Schweiz), Lana (Südtirol), Hombroich (NRW). Über zwei dieser exzentrischen Orte gibt der Artikel übrigens Auskünfte):
„Sechs Lyriker aus vier Ländern an der Raketenstation. Thomas Kling bittet zum Experiment
Thomas Kling wohnt hier, nicht nur deshalb ist Hombroich eine gute Adresse für Lyrik. Zwei Abende lang bietet sich auf der Raketenstation der Museum Insel die seltene Gelegenheit, intensiv zeitgenössische Lyrik von großer Ausstrahlungskraft kennenzulernen. Kling ist gewissermaßen Gastgeber und hat in enger Abstimmung mit dem Veranstalter, dem Verein zur Förderung des Kunst- und Kulturraumes Hombroich, die sechs Kollegen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und – man staune (? – mg) – England ausgewählt.“Hier die Daten:
Hombroich: Literatur IX 2001, Freitag, 7. September, 19.30 Uhr: Anja Utler, Oswald Egger, Marcel Beyer; Samstag, 8. September, 19.30 Uhr: Michael Hofmann, Kurt Aebli, Anne Duden.
Also wer kann: hinfahren! / NGZ 30.8.01
Beat Brechbühl bedauert, daß er die Alpen nicht rechtzeitig abgesägt hat
«Schade, dass ich die Alpen (sowie die Kirchtürme) / – wie dies in meiner Jugend dringend war: – / nicht bodennah flach abgesägt habe.» Dieses Bedauern formuliert Beat Brechbühl in einem lyrischen Traum vom Meer, den er unter dem Titel «Jede Nacht und nächste Stunden» in seinen jüngsten Gedichtband aufgenommen hat. / St. Galler Tagblatt 24.8.01
Verbotene Blume
Die Gazette präsentiert zum 180. Geburtstag von Charles Baudelaire ein verbotenes Gedicht, hier die erste Strophe
Das Geschmeide
Die teure Frau war nackt, und weil mein Herz sie kennt,
Trug sie am Leibe nur ihr klingendes Geschmeide.
Und Siegerblick gab ihr die Flitterpracht; so brennt
Des Mohren Sklavin, ist sie einmal frei vom Leide. / Die Gazette 27.8.01
Sappho
Throughout history, Sappho has been labeled a genius, a pervert, a lovely blushing maiden, a homely bluestocking, a nymphomaniac, an uptight schoolmistress, a solitary, a diva, a cult leader, an abandoned lover, an irresistible seducer, the „Tenth Muse,“ a mother, a feminist, a victim, a masochist and a sadist.
With „The Sappho Companion,“ British critic Margaret Reynolds has collected bits and pieces of all these Sapphos into a single, diverting volume. / Salon.com 1.8.01
Ur-Avantgardist
Taz besucht Amerikas Ur-Avantgardist Charles Henri Ford (93)
Die gute Dame [Gertrude Stein ] war Ford ohnehin wohlgesinnt. Seine 1929 begründete Zeitschrift Blues, die moderne Dichter wie Ezra Pound und William Carlos Williams veröffentlichte, lobte Stein als „youngest and freshest of all the little magazines which died to make verse free“. Schulabbrecher Ford, der die leider nur kurzlebige Zeitschrift ausgerechnet aus dem tiefsten amerikanischen Hinterland, seinem Geburtsort Columbus in Mississippi, publizierte, schrieb damals kurzerhand alle wichtigen Vertreter der Moderne an und bat mit Erfolg um deren Zeilen.
1931 siedelt er nach Paris und von dort nach Marokko über, wo er in Tanger „Nightwood“, das Manuskript seiner Freundin Djuna Barnes abtippt. „Von Rechtschreibung verstand die Gute erschreckend wenig“, erinnert sich Ford an das Buch, das wie kein anderes radikal mit der realistischen Erzählweise des amerikanischen Romans brach. Von 1940 bis 1947 gibt Ford, wieder zurück in New York, View heraus, die erste amerikanische Avantgardezeitschrift, mit Texten und Kunst von Exilkünstlern wie André Breton, Max Ernst, Marcel Duchamp und Yves Tanguy. Aber auch Henri Miller, Albert Camus, Jean-Paul Sartre und Jean Genet finden Einlass. So werden mit View Surrealismus und Existenzialismus erstmalig in den USA vorstellig. / taz 30.8.01
Literaturlandschaft Südtirol
Die renommierten literarischen Aktivitäten in dem Städtchen zwölf Kilometer südlich von Meran haben sich – unterstützt von der Südtiroler Landesregierung – seit 1978 kontinuierlich entwickelt. Treibende Kraft war der Lyriker Oswald Egger, unter Zuzug später von Alma Vallazza. Aus einer Buchhandlung konstituierte sich der «Verein der Bücherwürmer», und gleichzeitig wurde eine exquisite Buchreihe mit überregionalem Anspruch lanciert, «edition per procura», in der nicht nur aktuelle Literatur, sondern auch Rimbaud und Mallarmé, Blake und Zwetajewa Platz fanden. Der Verlag hat auch ein Standbein in Wien («Session Wien») und pflegt den Austausch mit anderen bibliophilen Verlagen, etwa der Zürcher Edition Howeg. Eine «Ortschaft für die Poesie» schuf Egger mit dem alle zwei Jahre verliehenen internationalen «N.-C.-Kaser-Lyrikpreis», nicht zuletzt aber mit den Veranstaltungen, vor allem den «Kulturtagen Lana». Diese schaffen weithin Verbindungen, «quere Meridiane» – wie der Initiant sich ausdrückt. Der Geschäftsführer Robert Huez, Verfasser einer Dissertation über Kaser, betreut diesen ganz besonderen literarischen Ort mit Hingabe und Humor, wirkt ganz terre à terre, führt vor, was man «mit Beharrlichkeit und Glück» aufgebaut hat: «Der Prokurist», Editionsreihe und Literaturzeitschrift, «Abmarsch», die neue «Sammlung für Poesie als Übersetzung», das jedermann zugängliche «Archiv für Poesie», eine Spezialbibliothek auch in Sachen Poetologie, den Veranstaltungsraum «Secession Lana». / NZZ 18.8.01
Strassburg – eine Stadt zwischen zwei Kulturen
Die französische Nationalhymne, «La Marseillaise», trägt ihren Namen zu Unrecht. Entstanden ist sie 1792 in Strassburg; ihr Autor, der junge Offizier Rouget de l’Isle, hatte sie ursprünglich «Le Chant de guerre de l’Armée du Rhin» betitelt. Dass der blutrünstige Ohrwurm später nach den revolutionären Hitzköpfen aus dem Süden benannt wurde, entbehrt dennoch nicht einer gewissen Logik. Die Elsässer und insbesondere die Strassburger mögen grosse Kriegsmänner hervorgebracht haben, als Umstürzler kann man sie nicht bezeichnen. Ihre inoffizielle Landeshymne beschreibt einen Menschen, der unzufrieden zwischen zwei Stühlen sitzt: «Dr Hans im Schnokeloch / Hett alles was er will / Un was er hett des will er nitt / Un was er will des hett er nitt . . .»
…
1870 erkennen sich die meisten Elsässer in den Versen des Dichters Karl Friedrich Hartmann wieder: «Ein Frankenherz und deutsche Sprach / Sind dem Alsaten keine Schmach / Wie’s auch der Fremde deute.» Nicht zuletzt spielen Elsässer eine Rolle als kulturelle Vermittler: mit Übersetzungen von Goethe und Heine ins Französische, Rousseau und Chateaubriand ins Deutsche und der Gründung internationaler Buchhandlungen. / Marc Zitzmann NZZ 13.8.01
Im August 2001 starben
Mit dem Deutschlandradio sprach der französische Dichter Alain Lance über seine Erinnerungen an die DDR – und an Iran. Zitat:
„Im Iran habe ich eine neue Beziehung zur französischen Lyrik entwickelt. Wichtig war auch die Bedeutung der Lyrik in diesem Land. Oft ist es mir passiert, dass ich mit einem iranischen Lyriker-Freund in einem Café war und der Kellner kam und hat den Lyriker erkannt – und gleich auswendig ein Gedicht von ihm vorgetragen.“
Am 2.1. starb der englische Künstler, Kunstkritiker und Schriftsteller John Berger in Paris im Alter von 90 Jahren.
Er hinterlässt auch diesen Gedanken: „Was mich mehr als irgendetwas sonst mit meinem eigenen Tod aussöhnt, ist das Bild eines Ortes: eines Ortes, wo deine Gebeine und meine bestattet, unbedeckt zueinander geworfen sind. Sie sind dort wild durcheinander gestreut. Eine deiner Rippen lehnt an meinem Schädel. Ein Mittelhandknochen meiner linken Hand liegt innerhalb deines Beckens. Die hundert Knochen unserer Füße liegen verstreut wie Kies. Es ist seltsam, dass dieses Bild unserer Nähe, wo es sich doch auf nichts als Kalziumphosphat bezieht, ein Gefühl des Friedens verleihen soll. Doch das tut es. Mit dir kann ich mir einen Ort vorstellen, wo es genügt, Kalziumphosphat zu sein.“ / Frankfurter Rundschau
Eine entscheidende Wende in Bergers Leben und seiner schriftstellerischen Tätigkeit trat ein, als er sich entschloss, in einem Bergdorf in der Haute-Savoie Wohnsitz zu nehmen. Dort lebte er in engem Kontakt mit der Bevölkerung. Aus der darauf folgenden intellektuellen Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Bauerntums entstand schliesslich im Zeitraum von 15 Jahren die bemerkenswerte Trilogie «Into Their Labours», die ihm 1991 den Petrarca-Preis eintrug.
Der erste Band, «Pig Earth» (1979, dt. «Sau-Erde»), ist in fünf Prosatexte gegliedert, die mit ebenso vielen Gedichten alternieren. Mit grossem Respekt wird vom bäuerlichen Alltag berichtet, von Kälbern, die geboren, und Schweinen, die getötet werden, von Heu, das mühsam eingebracht werden muss. Im Vordergrund aber steht die Arbeitsamkeit skeptischer Männer und verbitterter, jedoch unabhängiger Frauen. / Neue Zürcher Zeitung
Süddeutsche Zeitung / Tagesspiegel / Die Zeit / Die Welt / FAZ / Deutschlandfunk / Die Presse / New Republic / Guardian / New York Times
John Berger in L&Poe
Leseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
19
DEuouring time blunt thou the Lyons pawes, And make the earth deuoure her owne sweet brood, Plucke the keene teeth from the fierce Tygers yawes, And burne the long liu’d Phaenix in her blood, Make glad and sorry seasons as thou fleet’st, And do what ere thou wilt swift-footed time To the wide world and all her fading sweets: But I forbid thee one most hainous crime, O carue not with thy howers my loues faire brow, Nor draw noe lines there with thine antique pen, Him in thy course vntainted doe allow, For beauties patterne to succeding men. Yet doe thy worst ould Time dispight thy wrong, My loue shall in my verse euer liue young.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 DEuouring devour verschlingen, fressen, wegraffen, verzehren, vernichten. Ovid Metamorphosen 15.234: tempus edax rerum, Zeit, die die Dinge verzehrt blunt stumpf machen pawes paws, Tatzen
3 plucke (pflücke) ziehe heraus keene scharf yawes jaws Kiefer, Maul
4 Phaenix phoenix, mythischer Vogel, der über 500 Jahre lebt, dann verbrennt und aus der Asche aufersteht
5 fleet’st vorbeieilst
8 hainous heinous, fürchterlich, abscheulich, gräßlich
14 euer liue in manchen Ausgaben aus Gründen des Metrums zu live ever verbessert
Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:
19
Zeit, Würgerin, bezwing des Löwen Mut,
Die eignen Kinder schling’ die Erd’ hinab.
Brich du des nie gezähmten Tigers Wut,
Und stürz den Phönix in das Flammengrab.
Bring wechselnd trüb’ und heitre Jahreszeiten.
Mach, Flüchtige, daß deinen Zorn empfinde
Die Welt, mit ihren eiteln Lieblichkeiten;
Nur hüte dich vor einer schweren Sünde:
Oh! rühr nicht an des Freundes zarte Wangen,
Drück auf die schöne Stirne nie dein Siegel.
Laß ungekränkt im Jugendreiz ihn prangen,
Dem künftigen Geschlecht ein Schönheitsspiegel.
Doch tu dein Ärgstes, Zeit. Trotz deinen Mühen
Soll des Geliebten Lenz im Verse blühen.
Die Redaktion schreibt zum neuen Heft:
Mit Léonce Lupettes Übersetzung eines Gedichts von Reynaldo Jiménez und Lupettes Essay dazu endet unsere in Kooperation mit Daniel Graf entstandene inter_poems-Reihe. Sie war nicht zuletzt eine Rückgewinnung der Lyrik für den Merkur, in dem sie lange kaum vorkam. Wir versprechen: Diesmal bleiben wir dran.
Piqer Mascha Jacobs bei piqd:
der beste Ort für Fundstücke: Die Website UbuWeb, die der konzeptuelle Autor Kenneth Goldsmith nunmehr seit 20 Jahren füllt. Er sammelt Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern sowie Texte, Soundschnispel, Dokumentationen, Videos und Musik von Underground- und Avantgardekünstlern. Aber auch abseitiges Material von bekannten, zum Kanon gehörenden Künstlern. Wenn man nicht gezielt auf der Suche ist, nach einem Video von Yvonne Rainer, über das man schon so viel gelesen hat, weil es für den minimalistischen Tanz in den 1960er Jahren wichtig war, startet man am besten mit einem Klick auf Recent Additions, um einen Anfang zu machen. Und von da aus landet man etwa bei einer Coverversion von Joseph Beuys „Ja Ja Ja Nee Nee Nee“ von Martin Kippenberger oder klickt auf Fat Boy Slim, hinter dessen Namen sich ein fantastisches Video verbirgt, in dem Christopher Walken in einer einsamen Hotellobby tanzt. / Mehr
poet nr. 21. Literaturmagazin. Hg. Andreas Heidtmann. Leipzig (poetenladen) Herbst 2016. 252 S., 9.80 Euro. Besprochen hier von Alexandru Bulucz. Auszug:
Die Rubrik Lyrik eröffnet der stille amerikanische Poet Keith Waldrop. Fünf der sechs Gedichte übersetzte Jan Kuhlbrodt, eines – „Archipelago“ – Peggy Neidel. Kuhlbrodt folgt dabei mehr dem Sinn als der Wörtlichkeit des Originals. Aus „In the still oft he night, in bed with your only wife“ wird z.B. „In stiller Nacht und monogamen Betten“ (The Still of the Night – In der Stille der Nacht). Oder: Enden alle Strophen des Gedichts „Unlistened“ im Original mit der Zeile „Silence“, enden sie in der Übersetzung mal mit „Ruhig wird“, mal mit „Wird ruhig“. Eine einzige Strophe endet mir „Ruhig“. Das liegt an den im Englischen verwendeten Subjunktionen und Konjunktionen „while“, „though“, „but“, „as“ und „and“ und daran, dass die englische anders als die deutsche Sprache keine durchgängige Verbzweitstellungs-Regel mehr kennt. Trotz solcher und anderer Schwierigkeiten gelingt es beiden Übersetzern, Waldrops Stimme auch im Deutschen zu bewahren. Eine Stimme, die keine Effektheischerei kennt, sondern nur Diskretion, Stille und Zurückhaltung, und die um ihre Endlichkeit weiß. Im Gedicht „Der Wind lacht“ wird die Endlichkeit vom ständig wehenden und sie ignorierenden Wind kontrastiert. Ob zum Lunch, Dinner oder Frühstück: „der Wind lacht“. Und nur angesichts von Episoden der Unendlichkeit befugt uns das Ich, es zu wecken. Ansonsten gilt es: „Nicht stören“.
Nach 50 Jahren werden die Akten des Nobelpreiskomitees der Öffentlichkeit zugänglich. Daraus erfährt man jetzt, daß auf den vorderen Plätzen der Auswahl Yasunari Kawabata, Graham Greene, W. H. Auden und Samuel Beckett standen. Der Japaner erhielt ihn 1968, Beckett 1969, während die beiden anderen nie dran kamen. Ganz vorn standen Nelly Sachs und Paul Celan, und es gab den Vorschlag, den Preis zwischen ihnen zu teilen. Das Komitee zweifelte aber, ob Celans Werk einen solchen Rang habe. Schließlich wurde der Preis zwischen Nelly Sachs und dem israelischen Autor Samuel Josef Agnon geteilt.
Da auch Akademiemitglieder keine Götter und schon gar nicht ohne Fehl und Tadel sind, bleibt mehr als ein Geschmäckle:
Sachs genoss aber Heimvorteil. 1940 vor den Nazis nach Schweden geflohen, war sie schwedische Staatsbürgerin und in der Szene vernetzt. In der Akademie sassen die Freunde Ekelöf und Lindegren, die sie ins Schwedische übersetzt hatten und die ihrerseits von Sachs übersetzt wurden, sowie drei weitere Autoren, deren Werke sie in früheren Jahren ins Deutsche übertragen hatte. Für Befangenheit hatten die achtzehn Akademiker damals kein Sensorium. 1976 zeichneten sie sogar die beiden Akademie-Kollegen Eyvind Johnson und Harry Martinson mit dem Preis der Preise aus – eine Affäre, die zwei Jahre später mit Martinsons Suizid endete. / Aldo Keel, Neue Zürcher Zeitung
Mehr
Zu den Nobelpreisen 1966 Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung / Svenska Dagbladet / Dagens Nyheter
Hilde Domin / Nelly Sachs – Wie ein großes Missverständnis
Frankfurter Rundschau–26. Dez. 2016
Jetzt als vorbildliche Edition zu haben: Die Briefe der so verbundenen und doch so verschiedenen Lyrikerinnen Hilde Domin und Nelly Sachs.
… Google fragen bringt nichts. Beweis:

Nein, nix Rosanna, nix Wake-up-call und auch nicht Preisvergleich und Heidekinder.
Morgens früh um sechs
kommt die kleine Hex‘;
und bringt die neue Lyrikzeitung. Genauer um, technisch bedingt, 6:02 Uhr. Bis dahin schauen Sie ins Archiv oder lesen den Kindervers weiter!
morgens früh um sieben
schabt sie gelbe Rüben;
morgens früh um acht
wird Kaffee gemacht;
morgens früh um neune
geht sie in die Scheune;
morgens früh um zehne
holt sie Holz und Späne;
feuert an bis elfe,
kocht dann bis um zwölfe
Fröschebein und Krebs und Fisch.
Hurtig, Kinder, kommt zu Tisch!
Freitag ist Dreikönigstag Allan-Poe-Tag L&Poe-Tag!
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