Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Leseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
22
MY glasse shall not perswade me I am ould, So long as youth and thou are of one date, But when in thee times forrwes I behould, Then look I death my daies should expiate. For all that beauty that doth couer thee, Is but the seemely rayment of my heart, Which in thy brest doth liue, as thine in me, How can I then be elder then thou art? O therefore loue be of thy selfe so wary, As I not for my selfe, but for thee will, Bearing thy heart which I will keepe so chary As tender nurse her babe from faring ill, Presume not on thy heart when mine is slaine, Thou gau'st me thine not to giue backe againe.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 glasse Spiegel
2 are of one date gleich alt werden
3 forrwes furrows (Furchen, Runzeln) Gildon 1710 verbessert: sorrows
4 expiate sühnen, hier: beenden: dann hoffe ich, daß der Tod meine Tage beenden wird
6 seemely seemly (passend) rayment
9 wary wachsam
10 will: will be wary
11 chary behutsam, sanft
13 presume not on beharre/bestehe nicht auf slaine erschlagen, getötet
14 gau’st gavest
Deutsche Fassung von Stefan George:
Quellen
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Auch in Sachen Lyrik ist Sinn und Form vornehm (ich sage nicht: akademisch)[✺]. Bei deutscher Gegenwartslyrik eher zurückhaltend, lieber einem kleinen Stamm von Autoren die Treue haltend als neueste Namen riskierend. Und sonst auf Klassizität und große Namen orientiert. Das erste Heft des Jahrgangs 2017 beginnt mit dem 2016 verstorbenen französischen Dichter Yves Bonnefoy großartig mit dem Abdruck des auf Deutsch noch nicht veröffentlichten Langgedichts Weiter vereint, das Elisabeth Edl und Wolfgang Matz übersetzt haben, eine Lebensbilanz, Auszug:
Was haben wir gewollt?
Nur das, den Worten einen Sinn bewahren.
Sie waren unser Becher, die Sprache,
ich hebe ihn für euch und mit euch,
sind das unsere Stimmen, dies Durcheinander
von Echos unter dem Gewölbe, dunkel, dann diese Stille?
Mit Gewalt sind Unbekannte bei uns eingedrungen,
sie gehen wie ein Wind durch uns hindurch,
und unser Saal wird voll, wird leer.
Dem folgt eine Erinnerung an Bonnefoy von Wolfgang Matz. Der „späte“ Auftritt des Dichters in Berlin im Juni 2011 wird so beschrieben:
… und als nach den mehr oder minder lauten Auftritten der zeitgenössischen Lyrik-Szene dieser alte Mann langsam auf die Bühne ging und anhob zu seiner wie aus der Zeit gefallenen, feierlichen, sehr französischen Rezitation, da spürte man ergriffenes Staunen bei dieser Begegnung mit etwas fast Vergessenem: der großen Poesie.
Ja, so ist Sinn und Form. Staunenswert Matz‘ Bericht vom späten Bonnefoy. Am 1. Juli 2016 ist er gestorben. Wenige Wochen zuvor waren noch zwei Bücher erschienen, das eine beginnt mit dem Gedicht Weiter vereint. Das Spätwerk, schreibt Matz, verändere „in extremis den Blick auf Yves Bonnefoys gesamtes Werk, ja dieses gesamte Werk selber“. Bonnefoy, der einen 1964 begonnenen Text vernichten wollte und ihn zuvor noch einmal liest, „glaubt … zum ersten Mal seinen eigenen Text, glaubt sich selber zu verstehen und damit auch das, was das Gedicht immer unabschließbar gemacht hat“. Weder verbrennt er es noch schreibt er es einfach fort, sondern er fügt ihm eine ungewöhnliche „Selbsterforschung, Selbstdeutung“ hinzu, nicht um anderen seine Poetologie zu erklären, sondern um für sich selber herauszufinden, „was ihn angetrieben hat sein ganzes langes Leben“. An der Übersetzung dieses Buchs, „L’écharpe rouge“ (Der rote Schal) wird gearbeitet. Sinn und Form, wie ich sie liebe.
Auch Ulla Berkéwicz schreibt Erinnerungen auf. Erinnerung ist vielleicht das Schlüsselwort für die Vornehmheit dieser Zeitschrift. Nicht die Niederungen der Gegenwart sind ihr Feld, sondern die durch Erinnerung beschworene große Zeit. Sie schreibt Erinnerungen an Wolfgang Koeppen. Was für ein Elternhaus:
Koeppen kannte ich von Kindesbeinen, im Elternhaus wurde er vorgelesen, und für die Prosaverse gab’s dort ein Flügelwort: „Koeppen“. Koeppen wie Jazzen wie Rocken.
Berkéwicz schreibt wider den öffentlichen Unsinn über Koeppen. Wunderbar diese Szene:
Einmal stellte er sich: „Meine Herren, Ihre Fragen machen mich verlegen, meine Antworten werden mir schaden“, sprach er freundlich lächelnd und fuhr fort: „Ich durfte jung die Carceri von Piranesi betrachten und bin in diesem bewundernswerten grausamen Labyrinth verirrt geblieben, gefesselt, geängstigt und unbegreiflich entzückt. Es war die Gewalt des Ästhetischen, des Möglichen, des Spiels. Vielleicht aber war mir aufgegeben, nach einem Ausweg zu suchen, den ich nicht finden werde. – Vergessen Sie also alle Deutungen und das Mißgefasel. Es ist komplizierter, meine Herren. Die Idee ist zu erschreckend für die Schreibmaschine.“
Und auf die Frage: „Wie lenken Sie sich von der Verzweiflung ab?“ antwortete er: „Ich lenke mich überhaupt nicht ab, ich riskiere den Wahnsinn.“
Sinn und Form 1/ 2017. 69. Jahr. 144 Seiten, 11 Euro
aka|de|misch <Adj.>:
1. an einer Universität od. Hochschule erworben, erfolgend, üblich, vorhanden: eine -e Position; a. [vor]gebildet sein.
2. a) (bild. Kunst abwertend) herkömmlich u. formal musterhaft, aber unlebendig u. ohne Verve: eine Kunst von -er Blässe; ein a. gemaltes Porträt;
b) (abwertend) lebensfern, trocken, theoretisch, voller Abstraktionen: ein in -em Stil verfasster Aufsatz;
c) müßig, überflüssig: wenn es bei diesem Preis bleibt, wird die Frage sowieso a.
© Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 6. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM].
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Der türkische Dichter Yılmaz Odabaşı wurde am Mittwoch zu 20 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er in einer Kolumne im Jahr 2015 den Präsidenten beleidigt haben soll.
Das Innenministerium hatte im vergangenen Monat mitgeteilt, daß gegen 10.000 Menschen Untersuchungen wegen Verdachts auf „terroristische Propaganda“ oder Beleidigung hoher Beamter in sozialen Medien laufen. In den letzten 6 Monaten seien 1656 Benutzer sozialer Medien verhaftet worden. 1203 davon seinen „zur Bewährung“ entlassen worden. Die Zusammenarbeit mit Twitter, Facebook, Youtube und nationalen und internationalen Providern sei auf eine neue Stufe geführt worden.
Die neuen Verordnungen zum Ausnahmezustand vom 6. Januar erlauben es der Polizei, Informationen über die Identität von Internetnutzern einzuholen. / turkeypurge.com
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –
*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
Sie können uns bei WordPress abonnieren (siehe rechts).
Veröffentlicht am 20. Januar 2017 von lyrikzeitung
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. Heute mit: Hefter, Jeschke, Trump, Khider, Draesner, Orwell in Moskau und mehr. Weiter mit Shakespeare: Sonett 21 im Original und deutsch von Max Josef Wolf mit Anmerkungen. Viel Afrika! Im übrigen: 20. Jänner ist Lenztag und alle vier Jahre Inauguration day. Spruch der Woche: Hör auf zu leben, lies! Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
Martina Hefter
Auszug aus Die Halbtoten. Dramatische Dichtung
Der Igel da.
Was?
Er schaut so treuherzig.
Ich finde ja, er schaut kritisch.
Ich dachte erst, der Umriss des größten Igels wäre ein Feuer.
Doofe Avatare.
Ich hätt lieber was anderes gebastelt. Was Abstrakteres. Einen viereckigen belanglosen Raum.
Na da sitzt du doch tagaus tagein drin.
Gerade deswegen. Ich hätt gern ein Modell davon.
O Hybris.
Den belanglosen Raum kannst du herstellen, indem du ein kleines Fliegenpilzhäuschen auf das große klebst, und auf das kleinere noch kleineres.
Und dann noch ein kleineres.
Genau. Und noch eins. So lang, bis der kleinste Fetzen Buntpapier nicht mehr faktisch ist.
Bis ich da fertig bin, bin ich ja faktisch tot.
Tot bis du, wenn du belanglosen Raum gar nicht mehr definier kanns.
Schaut mal, ich hab mal schnell einen kleinen belanglosen Raum gebastelt. Einfach die vier Ecken eines Quadrats umgeschlagen, dann die Querseiten umgeklappt, einmal auf die andere Seite gedreht, die entstandenen Falzen an den eingeklappten Ecken rausgezogen, und dann in die Mitte ein Loch.
Wozu denn das Loch?
Damit Licht reinfällt.
Sehr schön. In der Zeit, die du da rumgebastelt hast, hast du trotzdem keinen Besuch bekommen. Da hättest du auch einen Igel basteln können.
Er hat ja eh kein Freund, die ihn besuch könnten. Alle längs tot.
Bei wem ist der belanglose Raum gerade?
Ich hab ihn! Hier, fang!
Hepp!
Gib!
Los, zu mir!
Da! Stülp ihn dir drüber!
Kuckuck!
Jetzt hört doch auf mit den Faxen. Ich will meinen Kako- Kaba- Kato-
Kakao.
Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin. Aus einem 2018 bei Kookbooks erscheinenden Buch.
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[✺]
On Martin Luther King Jr. Day, some of America’s most celebrated authors gathered on the steps of the New York Public Library to protest Donald Trump’s attacks on freedom of speech.
Poet Laureate Robert Pinsky wrote a poem for the occasion, inspired by the battles against oppression of Gwendolyn Brooks and Polish poet Czesław Miłosz. “Now my fellow dissidents, we endure a moment of charismatic indecency. Charismatic indecency and sanctimonious falsehood beyond shame. Our polish grandfather Milosz and our African American grandmother Brooks endured worse than this. First fight then fiddle, she wrote,” read Pinsky from the poem.
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[✺]
Als ich es las, hielt ich es für Parodie und mußte lange nach Anzeichen dafür suchen. Aber es gab keine, alles war blutiger Ernst. „Ein von Schottland inspiriertes Gedicht für Trumps Inauguration“ hieß die Überschrift. Das Gedicht nennt Obama einen Tyrannen, dessen usurpierte Macht ihm von Held Domhnall (schottisch für Donald) aus den Klauen gerissen wird. Held Domhnall rettet auch die Frauen, die Schwarzen und die Einwanderer (natürlich die Richtigen, z.B. Schotten, nicht die mörderischen Horden aus der Hölle Mexiko. Leider keine Parodie! Mehr hier
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[✺]
Mathias Jeschke
Inauguration
Mann TRUMP, geh mir FORD! Ich KENNEDY,
ich weiß, was für ein LINCOLN Typ du bist!
Was WILSON POLK wie du schon bewirken,
wer kauft denn schon den CARTER im BUSH!
FILMORE müsste ein ganz, ganz andrer her,
NIXON fetter GARFIELD im REAGAN wie du,
Ein Typ, sehr COOLIDGE und TAFT, ja, Mann,
das wäre HAYES, das ist TRUMAN! Nun aber:
Möge bloß der Höchste sich unsrer OBAMA!
mathiasjeschke.de
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Der Schriftsteller Abbas Khider erhält den mit 15.000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung (der 2017 zum letzten Mal vergeben wird). Mit diesem Preis wird sein bisheriges Gesamtwerk geehrt. Darin erweise sich Abbas Khider „als sprachsensibler Beobachter der Verzweiflung, Verstörtheit, Wut und Hoffnung junger Männer, die ihre Heimat verlassen müssen und Zuflucht in Europa suchen“, so die Begründung der Jury.
(…) Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad/Irak geboren. Aus politischen Gründen verfolgt, floh er 1996 aus dem Land. Vier Jahre lang zog er als illegaler Flüchtling durch Jordanien, Libyen und die Türkei. 2000 beantragte er in Deutschland Asyl, studierte in München und Potsdam Philosophie und Literaturwissenschaft. Heute lebt Abbas Khider in Berlin. Er veröffentlichte Gedichte in arabischer und in deutscher Sprache. Für seinen ersten Roman „Der falsche Inder“ (2008) erhielt er 2010 den Chamisso-Förderpreis. Mehr
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Die Frankfurter Neue Presse berichtet über die erste Poetikvorlesung von Ulrike Draesner:
Und dann erging es ihr wohl ähnlich wie in dem Lyrikband „Subsong“ von 2014, einer sehr experimentellen Sprach- und Klang-erforschungsreise in Buchform. „What is poetry?“ heißt eine Gedichtüberschrift, ziemlich zum Schluss. Doch ausgerechnet unter diesem sehr theoretischen Titel wird Draesner so handlungsprall wie kaum je zuvor. Auf einmal nämlich, wenn alle Möglichkeiten ausgelotet und Grenzen immer wieder überschritten wurden, schießen Sprache, Laut, Satz und Handlung zusammen zur Geschichte. Dem Geheimnis auf die Spur zu kommen heißt immer auch: es als solches zu akzeptieren.
(…) In den nächsten Vorlesungen wird es weitergehen mit dem Roman, der Lyrik, der Übersetzung und dem Schreiben nach der Natur.
Campus Westend, Hörsaal 1, Frankfurt, bis 7. Februar, immer dienstags, 18.15 Uhr. Am 23. Januar liest Draesner um 19.30 Uhr im Literaturhaus Frankfurt
Russischer Dichter Alexander Byvshev wird erneut wegen eines Gedichts zur Unterstützung der Ukraine angeklagt – unter sehr Orwellschen Umständen. (Sein russischer Wikieintrag ist mal vorsorglich verschwunden) Hier
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L&Poe berichtete vergangene Woche, daß die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch, Literaturnobelpreisträgerin, das russische PEN-Zentrum verlassen hat. Jetzt erklärt das PEN-Zentrum, Alexijewitsch sei nie Mitglied gewesen. Außerdem hätten nur 10% der Mitglieder protestiert, 90% unterstützten die Politik des Zentrums. Lesen Sie hier
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geht weiter mit Sonett #21: SO is it not with me as with that Muse, deutsch von Max Josef Wolff: Nicht jener Muse gleichet mein Gedicht.
Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen
Kommenden Donnerstag ist Australia Day. Wieso werden so viele Fußballer am 26.1. geboren? Diese Woche Gedenktage für einen König, der im 18. Jahrhundert Homosexuelle vorm Tode rettete, sowie für Matthias Claudius, Joseph Scaliger, John Donne, Rainer Brambach (100. Geburtstag), Jakob Michael Reinhold Lenz, Jesse Thoor, Derek Walcott, Ernst Blass, Wilhelm Klemm, Kaiser Hadrian, Peter Paul Zahl, Robert Burns, Dorothy Wordsworth, Eva Zeller, Wladimir Wyssozki, Gérard de Nerval und viele andere. Lesen Sie hier
Thomas Kling und die Poeterey der Adenauer-Generation. Fundamentalisten schaffen es nicht und sind stolz darauf. Dank des Zaubers der Poesie darf das Wort auch in Volkes Munde immer wieder werden, was es bei Hafis von Haus aus war: fromm, frech und frei. Abu Nuwas (763 ca. 813) besang in höchst provokanter und heftiger Weise den Wein, der im Islam verboten ist, und die homosexuelle Liebe. Dafür wurde er ausgelöscht. Dies und viel mehr hier. Alle bisherigen Rückblenden hier.
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des Berliner Schriftstellers Hansjürgen Bulkowski.
nach den schweren Stürmen ruht auf dem Boden ein leichter Schnee
Seit 2013 versendet Hansjürgen Bulkowski wöchentlich einen Aphorismus als Poetopie per eMail, 2013-16 sonntags in der Lyrikzeitung und von nun an jeden Freitag im L&Poe-Digest.
Veröffentlicht am 20. Januar 2017 von lyrikzeitung
Ein großartiges Gedicht des römischen Kaisers Hadrian (76-138), das mich immer fasziniert hat, besonders weil die ohnehin schwierige und rätselvolle lateinische Grammatik von einer Art Wortmetrik (nicht unähnlich den Klopstockschen Wortfüßen) beherrscht wird: 3 der 5 Verse bestehen aus 3 Wörtern. Ich wünschte, man könnte das auch so übersetzen.
Animula, vagula, blandula
Hospes comesque corporis
Quae nunc abibis in loca
Pallidula, rigida, nudula,
Nec, ut soles, dabis iocos.
Meine Rohübersetzung begänne mit
Seelchen, huschendes, holdes
Hier eine gelehrte, „zwar nicht wörtliche, aber dem Sinne nach richtige und gefällige Übersetzung“ (Quelle):
Mein Seelchen, freundliches Seelchen du,
so wanderlustig immerzu,
dein Leib war nur dein Gasthaus und nun
sollst du die letzte Reise tun
in jenes Reich,
wo alles so öd‘ und kahl und bleich,
in jene Nacht,
wo keiner mehr deine Spässchen belacht.
Hier eine von vielen englischen Übersetzungen (mehr hier)
Spirit fleeting, fluttering, seeing,
Friend and partner of my being,
Tarrying yet on earth and living;
Pallid, rigid, shalt thou roam
Sad, in shades and cheerless gloom,
Then no longer pleasure giving.
—REV. H. M. SCARTH
Hier noch eine automatische Googleübersetzung, nicht sehr sinntreu, aber poetisch dem Original nicht ganz unnah:
Kleine Seele, huschen, blandida
Die Gäste body count
Und abfahren jetzt an Orten
Pallidula, starr, blank,
Ebenso wenig, wie Sie es gewohnt sind, werden Sie Witze geben
Veröffentlicht am 20. Januar 2017 von lyrikzeitung
Leseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
21
SO is it not with me as with that Muse,
Stird by a painted beauty to his verse,
Who heauen it selfe for ornament doth vse,
And euery faire with his faire doth reherse,
Making a coopelment of proud compare
With Sunne and Moone, with earth and seas rich gems:
With Aprills first borne flowers and all things rare,
That heauens ayre in this huge rondure hems,
O let me true in loue but truly write,
And then beleeue me, my loue is as faire,
As any mothers childe, though not so bright
As those gould candells fixt in heauens ayer:
Let them say more that like of heare-say well,
I will not prayse that purpose not to sell.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 that Muse jener Dichter (mit mir verhält es sich anders als mit jenem Dichter)
2 Stird stirred, inspiriert, stimuliert painted beauty a) übermäßig geschminkte Schönheit b) zweitrangige Darstellung
4 reherse rehearse, aufsagen, wiederholen, vielleicht: vergleichen
5 coopelment couplement, „Verkupplung“. Kann sich auch auf den Akt des Vergleichens (mit Sonne, Mond etc.) beziehen. Gildon 1710 schlägt vor: Complement Ergänzung, Vervollständigung
8 rondure Rund, hier: Erdenrund hems säumt, umrandet
10 ayer air
14 „ich will (dich) nicht anpreisen, weil ich dich nicht verkaufen will“
Deutsche Fassung von Max Josef Wolff:
Nicht jener Muse gleichet mein Gedicht, Die aufgeschminkte Reize nur entflammen, Die, sich zu putzen, von dem Himmel spricht Und alle Erdenschönheit trägt zusammen, Um sich in prunkendem Vergleich zu paaren Mit Sonne, Mond, dem Schatz der See, der Welt, Dem jungen Lenz und allem Wunderbaren, Das sich gestaltet unterm Himmelszelt. Nein, wahr, wie ich empfinde, will ich singen, Und schöner, glaubt mir, ist kein Erdenkind Als meine Liebe, wenn auf Ätherschwingen Die goldnen Leuchten auch noch schöner sind! Laß andre schwatzen, mehr will ich nicht sagen, Ich will die Liebe nicht zu Markte tragen.

Quellen
Veröffentlicht am 20. Januar 2017 von lyrikzeitung
On Martin Luther King Jr. Day, some of America’s most celebrated authors gathered on the steps of the New York Public Library to protest Donald Trump’s attacks on freedom of speech. In a protest called „Writers resist,“ Michael Cunningham, Laurie Anderson, Moustafa Bayoumi, Rick Moody, Art Spiegelman, Jacqueline Woodson, Eve Ensler, and dozens of others read poems and texts to guide contemporary Americans as they embark on the path of resistance to Trump’s administration. George Orwell, Allen Ginsberg and even Frank Zappa (offered by Art Spiegelman) were popular choices – as was, understandably, Martin Luther King.
„Our focuses used to be violation of freedom of the speech that happen abroad. We never dreamed that we would be turning our attentions at home, at the level we now need to,“ said Andrew Solomon, president of PEN America, a literary association that works to protect open expression. “As Chairman Mao and Joseph Stalin have started by going after the intellectuals whose words might form an opposition, so Trump started by going after us. We are the ground zero for his fight for total power,” he said, addressing New Yorkers holding protest banners and portraits of James Baldwin, Junot Diaz and Gwendolyn Brooks.
(…)
Poet Laureate Robert Pinsky wrote a poem for the occasion, inspired by the battles against oppression of Gwendolyn Brooks and Polish poet Czesław Miłosz. “Now my fellow dissidents, we endure a moment of charismatic indecency. Charismatic indecency and sanctimonious falsehood beyond shame. Our polish grandfather Milosz and our African American grandmother Brooks endured worse than this. First fight then fiddle, she wrote,” read Pinsky from the poem.
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“Language is the tool we use to build our political and democratic structures.” How writers are resisting Trump (and suggestions on how to give back). | Boston.com, GOOD Magazine
Veröffentlicht am 20. Januar 2017 von lyrikzeitung
Z.B. hier
„Das Abscannen von Gesichtsdaten“ nannte Thomas Kling in seiner Laudatio das poetische Verfahren von Friederike Mayröcker, und es ist, als hätten die jungen Lyriker eine Ahnin im alten Wien gefunden: eine Meisterin des physiognomischen Denkens, eine Dichterin, deren Poesie dem Körper verfallen ist, in des Wortes doppelter Bedeutung – und eine wunderliche Vortragskünstlerin: Denn was ist diese müde, mürbe, eintönige Stimme, die da aus dem schwarzen Vorhang der Haare und der lose hängenden Kleider hervordringt, wenn nicht ein leibhaftiges memento mori? / THOMAS STEINFELD, Süddeutsche 29.10.01
Und hier
„Ohne Österreich und die österreichische Literatur hätte ich einpacken können. Ich habe es geschafft, früh genug nach Wien zu gehen“, so Thomas Kling , erster Preisträger des Ernst Jandl Preises für Lyrik in seinen Dankesworten.
…und immer wieder die Aversion gegen die Poeterey der Adenauer-Generation: Noch liegt das Zischen der «Brandpfeile» in der Luft, die Kling in seiner Essaysammlung «Botenstoffe» gegen Enzensberger und Co. abgefeuert hat. … Kling ist Spurenleser, Zeichendeuter, Cross-Overianer, hat das Naheliegende mit dem «Fernhandel» kurzgeschlossen, fast «exzessiv» gedrängt von kulturarchäologischem Trieb und sprachlistiger Metaphernstürmerei. Bild- und Gemäldegedichte, auditiv einverleibbar, aus Zeit wird Schall und Raum, der Dichter zum «Ohr, mit dem das Hören erst erschrieben werden muss» («brennstabm»). /Alexander Marzahn , Basler Zeitung 24.10.01
„die sfd ist ein autonom verwaltetes institut, das sich inhaltlich und formal an der amerikanischen „jack kerouac-school of disembodied poetics“ orientiert. kein wunder, daß ober-beatnik allen ginsberg als einer der ersten dichtenden gastdozenten nach wien geladen wurde. die lehrkräfte werden über ein multinationales netzwerk rekrutiert, dem namhafte dichterfürsten wie ernst jandl, gerhard rühm oder gabriel garcia marquez angeschlossen sind. sechs unterrichtseinheiten à zwei stunden sind die basis der klassen; performances und symposien kommen begleitend hinzu.“
from rolling stone, dezember 1998
(Homepage der sfd )
Der kulturstiftende Spielwitz des Hafis: Mir ist in diesen Wochen kein vergleichbares Heilmittel gegen Gewalt vorgekommen. Ich habe seine Wirkung auch an den Umgangsformen gespürt, mit denen unsere Gastgeber der Gewalt in New York und Afghanistan begegnen: Sie haben von ihren Folgen mehr zu fürchten und lassen sich von dieser Furcht weniger beherrschen. Sätze wie: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Oder geiles und ahnungsloses Gerede über den „Clash of Civilizations“ kommen Leuten, die Hafis lesen können, wie er seinen Koran gelesen hat, nicht über die Lippen, auch nicht angesichts des Komplexes „Terrorismus“. … Gerade heute ist es zumutbar, in ein und derselben Person zugleich guter Amerikaner und guter Nichtamerikaner, Muslim und Nichtmuslim, Jude und Nichtjude zu sein. Fundamentalisten schaffen es nicht und sind stolz darauf. / Adolf Muschg, FR 31.10.01
Goethe stach sich mit der Nadel Botschaften zur Lebenshilfe aus dem „Divan“; jetzt erfahren wir, daß man im Iran bis heute das Hafis-Orakel befragt, vom religiösen Führer des Landes bis zum Müllmann. Und vor allen andern die Liebenden. Hafis genießt als Dichter der Liebe im nichtarabischen Persien kaum geringere Autorität als der heilige Koran, dem der Dichter seinen Ehrennamen „Hafez“ verdankt. Nur: Dieser „Bewahrer des Korans“ verfügte über 99 Lesarten von Allahs Wort, und über vier gleichermaßen bindende Kommentare dazu. Als verfügte keiner über ihn, und seine Poesie blieb vergleichsweise ungebunden. Dank ihres Zaubers darf das Wort auch in Volkes Munde immer wieder werden, was es bei Hafis von Haus aus war: fromm, frech und frei. / Adolf Muschg, FAZ 30.10.01
Am Flughafen in Mashad hatte der Taxifahrer seinen abgegriffenen Hafez am Sitz neben sich liegen, wollte zuerst wissen, wie alt ich sei und las mir dann, bevor er sich erkundigte, wohin er mich noch bringen könne, den Anfang der 37. Ghasele vor, übersetzte und legte ihn mir aus. Er setzte mich an einem der großen Hotels gegenüber des Komplexes, in dem der Heilige Schrein steht, eine golden aufglänzende Kuppel, zu der alle Straßen führen. Auch er schrieb Gedichte. / Raoul Schrott, SZ 27.10.01
In einer ähnlichen Entwicklung und im gleichen kulturellen Klima Bagdads fanden in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts großartige poetische Umwälzungen statt, die praktisch das Gegenstück zu der poetischen Revolution waren, die im 19. Jahrhundert in Frankreich stattgefunden hat. Es gab damals Dichter, die einem Baudelaire entsprachen, einem Verlaine, einem Rimbaud, sogar einem Mallarmé , eben in dem Auftreten eines sich radikal widersetzenden Individuums und die in sehr starker Weise die sprachliche Überschreitung als Motor des Gedichts geltend machten. Eines der wichtigsten Beispiele wurde von einem persischen Dichter gegeben, der aber in Arabisch schrieb, Abu Nuwas (763 ca. 813). Er war der Dichter, der in höchst provokanter und heftiger Weise den Wein besang, der im Islam verboten ist, und in seinen Amouren die homosexuelle Liebe. Das führt zur vielleicht lebendigsten Dichtung, die man heute lesen kann, in einer so lebendigen Sprache, als sei sie gestern geschrieben worden. … Wenn man zum Buchstaben des Islam zurückkehren möchte, muß man die Sufis und Theosophen verbrennen, die gewagt haben, frei zu denken wie Ibn Arabi, sie auf den Index setzen oder verbieten. Man muß die Märchen aus Tausendundeiner Nacht verbrennen und so weiter. Man wird dazu übergehen, einen sehr berühmten Dichter auszulöschen, ich habe ihn schon erwähnt, den Freidenker von Bagdad aus dem 9. Jahrhundert, Abu Nuwas . Man muß also feststellen, daß das Aufkommen dieses Islam der reinen Lehre gegen den Islam selbst als Kultur und Gesellschaftsordnung gerichtet ist./ Abdelwahab Meddeb: DIE KRANKHEIT DES ISLAM, in: Lettre international 54/ Herbst 2001
Für die Haltbarkeit und Lebensdauer von Robert Gernhardt-, Durs Grünbein-, Sarah Kirsch- oder Thomas Kling-Gedichten gibt es derzeit zwar günstige Prognosen. Eine vorauseilende Sitzplatzreservierung für Gegenwartsdichter im Lyrik-Kanon ist aber noch nicht möglich. / Michael Braun , Basler Zeitung 1.10.01
Er sah, dass Celan kein hermetischer L’art-pour-l’art-Dichter war, sondern «Realist» auf seine Weise. – Marina Dmitrieva-Einhorn hat die kostbaren Briefe, die ihr Vater und Celan zwischen 1944 und 1967 tauschten, behutsam und kenntnisreich ediert. / Beatrice von Matt, NZZ 27. Oktober 2001
I don’t say that our modern problems are properly faced as they should be; they are solved in a hugger-mugger, bad fashion; but to wait till you get absolute values which you’ll never ever achieve that is infantilism or quixotic incompetence, to say the least.
Das ist kein Kommentar zur Weltlage – jedenfalls nicht zur jüngsten. Das schreibt Vater Ginsberg an Sohn Ginsberg (Allen). Ihr Briefwechsel erschien unter dem Titel “Family Business“ bei Bloomsbury in New York. NYT 30.9.01
The Associated Press report of Billy Collins’s appointment as poet laureate in June was a document of startling philistinism. Under the headline „Popular Poet Named U.S. Laureate,“ it began: „Billy Collins, a popular poet who makes money at the job, is becoming the 11th U.S. poet laureate….Collins can collect $2,000 for a single reading of his poetry and Random House has reportedly offered him a publishing contract of at least $100,000 for three books….His one-year post as laureate will net him a $35,000 salary, a Washington office at the Library of Congress and few duties except to give more readings.“ Nor does Collins’s new publisher hesitate to beat the drum. The dust jacket of Sailing Alone Around the Room announces that Collins’s „last three collections of poems have broken sales records for poetry.“ All of this man-bites-dog astonishment condescends to poetry, where such small sums count as fortunes. Yet the very existence of a „popular poet“ is reassuring for an art seemingly doomed to ivory-tower irrelevance.
Collins’s verse makes clear, however, that his ideal reader is by no means the man on the street.
Sailing Alone Around the Room: New and Selected Poems by Billy Collins (Random House, 172 pp., $21.95) / Adam Kirsch, The New Republic 10.29.01
Geboren wurde Rozewicz am 9. Oktober 1921 im polnischen Radomsko. Der Bildungsweg (Gymnasium, erste Gedichte in kleinen Blättern) verläuft unauffällig bis zur Katastrophe der Okkupation. In der Zeit arbeitet Rozewicz in der Fabrik und wird 1943/44 Widerstandskämpfer der Untergrundarmee – 1944 gibt es ein konspiratives Gedichtmanuskript «Waldechos», 1946 einen satirischen Band mit Versen, «In einem Löffel Wasser», 1947 dann den Gedichtband «Unruhe».
«Die zahmen Gegenstände beginnen sich zu beunruhigen und wüst aufeinander zu häufen, Photographien und Bücher voll stiller Träume zischen und winden sich. Bilder und Früchte, Wände und Fenster zeigen Feuerzungen. Sie brechen plötzlich aus und brüllen.» In einem solchen Pfingstwunder des Unbelebten gingen die Worte der Menschen verloren.
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„Für mich war Lyrik eine Aktion und kein Schreiben schöner Gedichte“, sagte Rozewicz einmal vor allem über seine frühen Werke. „Meine Sache waren nicht Gedichte, sondern Fakten.“ Seine Gedichte standen in starkem Widerspruch zur romantischen Tradition der polnischen Dichtung. Doch mit seiner „Poesie für Entsetzte, für Überlebende“ traf er den Nerv der Nachkriegsgeneration. / Wiener Zeitung 9.10.01
War die Poesie von Senghor und seinen Freunden zu Anfang auch „rassebedingt“, so habe sie doch, meint Jean-Paul Sartre, das Potenzial gehabt, ein „Gesang für alle“ (auch für die Europäer) zu werden. Das „Neger-Sein“ (dem Jean-Paul Sartre in seiner berühmt gewordenen Einleitung „Schwarzer Orpheus“ zu Senghors „Anthologie“ die philosophische Weihe verliehen hatte), dieses „Neger-Sein“ beinhaltet auch schon im Verständnis von Senghor und seinen Mitstreitern all die Ambivalenzen und widerstreitenden Tendenzen zwischen Autonomie, Anpassung und Kooperation. (schreibt Hans-Jürgen Heinrichs zum heutigen 95. Geburtstag des senegalesischen Autors Léopold Sédar Senghor) / FR 9.10.01
Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Reime. Diese Form bringt nicht nur ästhetische Vorteile mit sich. Eine meiner Lieblingszeilen auf meinem neuen Album heißt: „I dont trust my inner feelings. Inner feelings come and go.“ Auf diesen Satz bin ich allerdings nur deshalb gekommen, weil die Strophe davor „I know that Im forgiven, but I dont know how I know“ lautete und ich etwas brauchte, das sich auf „know“ reimt. Man ist durch die Zwänge des Reims genötigt, sich intensiver mit den Worten und letztlich auch mit deren Qualität auseinander zu setzen./ Leonard Cohen in einem taz -Interview, 13.10.01
Vielleicht ist der heurige Friedenspreisträger, der 1929 in Düsseldorf geborene Jürgen Habermas, doch im Grunde ein Lyriker? Auf eine Bitte der Zeit an Dichter, ihre Lieblingswörter zu nennen, antwortete Jürgen Habermas vor einem Jahrzehnt u. a. mit diesen Wörtern: „aber“; „sofern“; „dennoch“; „eingedenk“. / Richard Reichensperger, Der Standard 13.10.01
„Ich kenne die Namen nicht mehr, /die Namen der neuen Autoren. / Die Minister verwechsle ich meistens. / Die Namen der Hausgenossen memorier ich / anhand der Türschilder / Wer war ich wirklich? Und was bin ich selber? // Ich habe zu lange gelebt!“: Aus diesem letzten Gedicht in einer erst heuer, mit Hilfe ihres Sohns Martin Petrowsky herausgegebenen dreibändigen Gesamtausgabe ihrer Lyrik spricht Ruhe, Ironie, Zuversicht.
Erika Mitterer war, das wußte sie ohne Bitternis zu ertragen, aus der Mode gekommen. / Die Presse 16.10.01
Veröffentlicht am 20. Januar 2017 von lyrikzeitung
Eine schottische Zeitung entdeckte es zuerst. Aber ich gebe zu, als ich es las, hielt ich es für Parodie und mußte lange nach Anzeichen dafür suchen. Aber es gab keine, alles war blutiger Ernst. „Ein von Schottland inspiriertes Gedicht für Trumps Inauguration“ hieß die Überschrift. Eine amerikanische Poetenvereinigung habe ein Gedicht zu dem Anlaß vom heutigen Freitag (20.1.) geschrieben. Der preisgekrönte amerikanische Dichter Joseph Charles MacKenzie von der Society of Classical Poets habe es verfaßt und spiele darin auf Trumps schottische Wurzeln an. Dem Gedicht liege der Gedanke zugrunde, „an die klassische Tradition zu rühren, die es durch die gesamte amerikanische Geschichte hindurch gegeben habe“. Habe, spiele, sei – wie schon gesagt, es scheint kein Hoax. Das Gedicht beginnt mit der Strophe
Come out for the Domhnall, ye brave men and proud,
The scion of Torquil and best of MacLeod!
With purpose and strength he came down from his tower
To snatch from a tyrant his ill-gotten power.
Now the cry has gone up with a cheer from the crowd:
“Come out for the Domhnall, the best of MacLeod!”
Auf der Seite der klassischen Poeten erklärt der Autor:
Man weiß nicht, was schlimmer ist, der politische Inhalt oder die poetische „klassische Form“. Ein paar Aussagen in schnöde Prosa übersetzt:
Manche Zeitungen hielten das für Trumps Inaugurationsgedicht. Der Dichter höchstselbst meinte, Trump solle der erste Republikaner sein, der ein Inaugurationsgedicht habe. Kein dröge akademisches wie bei Clinton und Obama, sondern ein kraftvoll heiteres, klassisches: seins. Aber die Nachricht erreichte den Domhnall nicht mehr. Oder das Gedicht traf nicht seinen Geschmack. Oder Gedichte überhaupt sind nicht sein Fall. Oder seine Berater rieten ab. Oder oder.
Mehr davon bei http://www.scotsman.com
Oder bei dem klassischen Poetenverein selbst, wo man das Gedicht, vorgetragen „von einer wunderbaren schottischen Stimme“, anhören kann. (Ich gebe zu, für meine Ketzerohren hört sich auch der Vortrag nach Parodie an. Aber es ist ernst gemeint, das scheint sicher.)
Veröffentlicht am 20. Januar 2017 von lyrikzeitung
Gedenktage 21.-27. Januar
Sonntag 22.1.
Viele Fußballer wurden am 26.1. geboren. Was war sonst?
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