(…) Und Ames ist alles andere harmlos! Er springt uns an aus seinen Texten, übt Verrisspraktiken und spielt (Vor-)Urteilssysteme durch. Er wechselt oft in eine Pseudounterwürfigkeit und bespielt Amtssituationen, also hierarchische Setups. Dabei zeigt er, wie viel Freiheit für uns verloren geht im alltäglichen Ja-Und-Amen. Ich vermute, er ist ein Anarchist, der die Herrschaft nicht akzeptieren kann, weil für ihn etwas anderes vorherrscht, also vor jeder Herrschaft kommt: die Freiheit der Sprache.
Was ich verstanden habe und auch immer noch verstehe, ist, dass all das z.B. von der Jury des Darmstädter März 2015 NICHT gesehen wurde, und also eine so renommiert besetzte und überwiegend routinierte Jury (mit einem vorneweg reitenden Drawert an der Spitze) absolut unfähig war, solche Zusammenhänge herauszuschmecken. Das ist einem Festhalten geschuldet, das gar nicht so sehr mit Sprache zu tun hat, sondern damit, ob ich dem Pathos Definitionshoheiten in meinem Leben zugestehe oder nicht. Vergleicht man (nur zum Beispiel) Ames‘sche Texte mit den Krauseschen Siegertexten, tritt dieser Grundkonflikt offen zu tage. Während Ames weg will von den alten Tränen („Zetert nicht – zerrt!“), suhlt sich Krause im Blues – und so wurde die Darmstädter Veranstaltung eine Verteidigung der großen alten Gefühle gegen den Ansturm der Offenheit, die auch wund macht. Man hat nicht Krause erwählt, sondern Pathos verteidigt, um Anderes, Aufbrechendes zu verhindern; man ist starr geblieben und sollte doch im Vitalen fischen, da es um die Kollision der Zeit mit dem Prinzip Wort geht.
Mir jedenfalls haben die Kollisionslektüren in Ames‘ Buch ausnahmslos sehr viel Freude gemacht und Lust auf Nichtstille, Beat, Sprache, Spiel – und wer weiß, wo das hinführt?
( … da seh‘ ich ein Wortspiel: Wenn ich das Fragezeichen weglasse, und zwei Buchstaben tausche, bin ich nicht mehr bei Ames, sondern bei Drawert: Der weiß wo was hinführt. Das ist der fühlbarste Unterschied: trotz – und manchmal gerade wegen – aller ichigen Erzählung ist Ames bewusst ein Frager geblieben. Drawert tut sich als schwergewichtiger Wisser dar. Mir persönlich gefällt das spielerische Hier weitaus besser als das Gebet in der persönlichen Kirche und der seraphine Ton, den bereits Benn als Kennzeichen des unzeitgemäßen Gedichtes ausmacht und wie man ihn in David Krauses Lyrik reichlich findet. (…)
Das Schöne ist immer bizarr
sagt Baudelaire in einem Essay zur Weltausstellung 1855.
Das versiegelte Codewort meiner Intimität ist nicht Fastnacht
sagt Konstantin Ames. Und der Pastor drawert in der Girche: Passte mal auf! Dem Pathos heiligt die Middel.
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