Maximilian Zander †

Beitrag von Gerd Sonntag

Der Lyriker, Essayist und Aphoristiker Maximilian Zander ist am 21.11.2016 im Alter von 87 Jahren in Castrop-Rauxel gestorben.

Seit den neunziger Jahren veröffentlichte der promovierte und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Chemiker Gedichte in Zeitschriften, ehe er 2003 in der von Theo Breuer herausgegebenen Buchreihe „Edition Bauwagen“ mit „Ende der Saison“ seinen ersten Lyrikband veröffentlichte. Drei weitere Gedichtbücher und eine Sammlung von Aphorismen folgten.

Der typische Zander-Sound seiner Gedichte war lakonisch und ironisch-pointiert („Ist der Vögel fliederweiße Kacke/ jetzt ein Zeichen von oben?“) bluesig wie ein Solo von Charlie Parker („aber das Wichtigste beim Dichten ist: / ruhig atmen.“), melancholisch. (Aber: „Mißtraue der Trauer / der Dichter; / sie sind ganz verrückt / nach Dissertationen, / in denen sie vorkommen“) und inhaltlich nicht ohne Rezeptionswiderstand, der ihm als Qualitätskriterium wichtig war:

Rückblick

An dem Tag (ein Dienstag),
an dem die Theorien anfingen
mit ihren Konsequenzen Ernst zu machen,

d.h. ein riesiger Schrödinger-
STRUMPF oder SCHLUPF (das weiß man nicht)
die Maschen der Raum-Zeit zerriß,

plötzlich alle top-Quarks TRUDELTEN
(Kramer), und zwar chaotisch, d.h.
ein sog. von-Neumann-KUCHEN entstand:

eine Schönheit, aus der 1 Vögelchen flog
(vermutet ein Higgs-Teilchen), zwitschernd,
an dem die gesamte web-Wissensgesellschaft

sich zur ersten Massenmasturbation
im Internet traf, und ein gentechnisch
erzeugter JAPANER mit nachts nach-

wachsenden Extremitäten alle Kinder
entzückte … entstanden seltsame
Sorgen in uns; für kurze Zeit.

 

Es ist sehr zu bedauern, daß bei der Vielzahl angesehener Zeitschriften und Anthologien, die Zanders Gedichte in den letzten 25 Jahren annahmen, das renommierte „Jahrbuch der Lyrik“ von Christoph Buchwald diesen poeta doctus und Späteinsteiger in den literarischen Betrieb zu Lebzeiten nicht berücksichtigt hat.

In L&Poe

„My love has been crucified“ oder „Wält tobe wi du wült und wühte“

Promising not to get married was a crucial moment in the life of Anna Maria. Words spoken at a deathbed carry a lot of weight. If we keep in mind how many books with ‘last [deathbed] words’ were published and read, then we may understand how binding a promise made at a deathbed was. She kept her promise and devoted herself to her thirst for knowledge. Henceforth she would hide behind the motto of the martyr Ignatius of Antioch, ‘my love has been crucified’, a motto that referred to both celibacy and the crucified Jesus. Van Schurman would always write this motto as a kind of personal symbol near her signature in alba amicorum [friendship albums] or on multilingual pages, like two halves of one and the same stone. Sometimes she also wrote poems based on her motto. In one such poem it appears that she was confused by a marriage proposal. She wrote the German poem ‘Wält tobe wie du wült’ on a papercutting maze of hearts and crosses. After the way through the labyrinth has been completed, a beautiful, concise poem with four stanzas appears, with the refrain: ‘Although world and passion still tempt me/ my love remains crucified’ [‘ob mich schohn wält und wohl-lust reizet /bleibt meine libe doch gekreuzet’] – a variation on her personal motto:

World, rage and storm as you may
My soul yet remains unmoved
my mind, my heart and my feelings
are never bewitched by your guile.
Although world and passion still tempt me
my love remains crucified.

[Wält tobe wi du wült und wühte
Mein zihl bleibt dännoch unverrückt,
mein sün, mein härtz und mein gemühte
sein nih von deiner lust entzükt.
Ob mich schohn wält und wohl-lust reizet
bleibt meine libe doch gekreuzet.]

From: Pieta van Beek

The first female university student: Anna Maria van Schurman (1636) more

 

Pflichtlektüre

So kann man es einen Glücksfall nennen, dass der „Merkur“ eine neue Reihe zur Gegenwartslyrik eingerichtet hat, die „inter_poems“, in der jeweils deutsche Lyrikeri(innen) die Sprachgrenzen überschreiten und auf internationale Autoren aufmerksam machen. Im August-Heft beschäftigt sich die Dichterin Uljana Wolf mit der kanadischen Poetin Erin Moure, die den Versuch unternommen hat, mittelalterliche Troubadour-Lyrik in portugiesisch-galizischer Sprache in ein zeitgemäßes Englisch zu bringen. Moures Gedichtübertragungen orientieren sich, so Uljana Wolf in ihrem „Merkur“-Essay, „an den „klanglichen <Tapisserien> der Worte, ihren Wiederholungen und Mustern“.

Im September-Heft des „Merkur“ macht sich Dagmara Kraus Gedanken über eine ganz spezifische Art von Schöpfungs-Poesie – über Dichterinnen, die ihre Mutterschaft thematisieren. Denn mit einem brüllenden Säugling vermögen Dichterinnen kaum mehr zu schreiben. Mit der polnischen Dichterkollegin Joanna Mueller stellt Dagmara Kraus indes eine Autorin vor, die ihre Mutterschaft auch poetisch fruchtbar macht, als „intima thule“ und dadurch eine Urszene schafft, so wie sie auch die Dichterin Kerstin Preiwuß schildert: „Was ist Gebären anderes als Anfang und Ende von allem.“

Es zeigt sich: Der „Merkur“, der sich lange Jahre sehr zurückhaltend zeigte in Sachen Dichtkunst, ist nun wieder Pflichtlektüre für Freunde der Poesie. / Michael Braun, Poetenladen

Merkur, Heft 8, 9, 10 /2016  externer Link
Klett-Cotta, Redaktion: Mommsenstr. 29, 10629 Berlin. Je 110 Seiten, je 12 Euro

Zwei deutsche Sätze mit Hölderlin

„Ich war in Hölderlin gut“ Helmut Kohl, deutscher Politiker

„Ich möchte wissen, welches Schwein sich hinter Hölderlin verbirgt“ Sarah Kirsch, deutsche Dichterin, die eben ihre Stasiakte gelesen hat

Risiko

Und dennoch ist Monika Rinck geerdet geblieben. Sie ist sich dessen bewusst, dass das Gedichteschreiben ein gewisses Risiko beherbergt. Das Risiko, nicht verstanden zu werden. So sagte sie es auch bei der Verleihung des Pfalzpreises für Literatur. Ein Idiot kann jeder sein. Der, der sich nicht klar ausdrückt oder eben der, der es nicht versteht. Man solle sich deshalb nie so sicher sein, auf welcher Seite man stehe. / Bericht über die Verleihung des Pfalzpreises für Literatur 2016 an Monika Rinck, SWR

Raunen hören

Ein aufgeschlagenes Buch zementiert die Teilung im Kopf.


Ich habe kürzlich etwas raunen hören, das ging so: Von Konstantin Ames erscheine derzeit gefühlt alle paar Wochen ein neuer Gedichtband. Ist doch erst im kleinen Verlag bei Carl-Walter Kottnik, Hamburg, 2015, sein [UEBER KUERZEN] erschienen (ein Buch, in dem der weiße Raum auffallend inszeniert wurde), lege er nun „schon wieder“ einen Band vor. Dicker, gehaltvoller und „zwitschernd“ vor Esprit erscheint dieser beim ersten Blättern, und keineswegs einge- oder gar überkürzt. Und es ist dies aber überraschenderweise nicht einmal der lange erwartete Band Saartiere, auf den wir (ich) schon seit, sagen wir, 2 Jahren warte(n). Oder ist er es doch? Einige Anspielungen im Buch lassen es vermuten. So oder so: Der Mann muss, so raunte es an mein Ohr, ja einiges in petto haben – einen Schwung Unveröffentlichtes! Es sehe nach Verlagsturbulenzen aus, nach Hinhaltung, nichts Genaues wisse man da, es lasse sich nur erahnen. Für Spekulationen, was, wo, wann, wie oder warum etwas (nicht) erscheinen wird, ist hier kein Platz. Von einer Trilogie ist länger schon die Rede, da folgt auf sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen nun Teil 2 (zwi). Es scheint einmal mehr darauf hinauszulaufen, dass aller guten Dinge drei sind.

Ein Kopf, aufgeschlagen daliegend, kann sich einem Notizbuch mitteilen.

/ Armin Steigenberger, Signaturen

Konstantin Ames: sTiL.e(zwi)Schenspiele. Poesien. Saarbrücken (Saarländisches Künstlerhaus -Topicana Nr. 30) 2016. 108 Seiten. 12,00 Euro. 

Poetopie

so kurz der Strich zwischen den beiden Jahreszahlen dann auf deinem Grabstein

Hansjürgen Bulkowski

Lyrik im Anthropozän

(…) die zeitgenössische Poesie vermag uns emotional am meisten zu bewegen (…)

Als besonders wertvoll erweist sich Lektüre auch, weil im Spiegel allen Zerfalls die Schönheit an Bedeutung gewinnt. Wälder, Höhlen und Brachen, ja, sogar der von Juvenal Enrique Morales Flores melancholisch besungene „Ozean der Einsamkeit“ gehen in eine Feier der Farben und Düfte über. Allein in dem allpräsenten Konjunktiv schwingt wohl die Ahnung mit, dass jeder Schönheit bereits der eigene Verfall innewohnt. Umso ernster nehmen wir den Aufruf dieser Anthologie: Poetisiert die Welt, damit Neues auf ihr entstehen kann! / Björn Hayer, welt.de

Anja Bayer, Daniela Seel: all dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän. kookbooks, Berlin. 333 S., 22,90 €.

Ecclesia militans

Gegen alle Kirchenfeinde,
Glaubensgegner, Ketzer arg,
Publizierte Pater Rožeń eine Schrift,
An die hundert Bogen stark;
Fester Einband und dazu Metallbeschlag ––
Damit schlägt er alle tot, gar keine Frag‘!

Karel Havlíček Borovský (1821-1856)

Deutsch von Eduard Albert

In: Slavische Anthologie. In deutschen Übersetzungen. Mit einer Einleitung von Gregor Krek. Stuttgart: Cotta, o.J. (ca. 1895). 246 S. (Cotta’sche Bibliothek der Weltliteratur), S. 40

Die Liebe

                      Weil nuhn der dieses thut /
    der ander aber das / der eine wagt sein Bluht /
 der ander tuht es nicht / der eine wil sich lencken
 zuhr Hoffnung und Gedult / und jener wil sich hencken /
 so lohnt sie nach Verdienst : den trewen ist sie guht /
    den falschen ist sie falsch / wie kan sieß anderst machen ?

Sibylla Schwarz, aus: Etliche Sonette (1.), 1650

Poesie als Spiegelland der Kulturen

Zweisprachige Schülerinnen und Schüler präsentieren ihre Gedichte und Übersetzungen türkisch & deutsch

„Weil ich eins und doppelt bin“: Unter diesem Motto aus Goethes West-östlichem Diwan begeben sich seit fünf Jahren zweisprachige Schülerinnen und Schüler auf Erkundungsreise im rätselhaften Grenz- und Spiegelland zwischen den Sprachen Türkisch und Deutsch – und entdecken dort sich selbst. Diesmal haben sich zeitgleich zwei Kurse auf dieses Abenteuer eingelassen, der eine hat das Projekt schon erlebt, der andere stellt sich dieser Herausforderung zum ersten Mal:Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sammelkurse Türkisch Q11 und Q12 haben, angeleitet von Suzan Kozak, Karin Fellner und Tristan Marquardt, deutsche und türkische Lyrik übersetzt und in beiden Sprachen poetisch-kreativ gearbeitet. Dabei ergaben sich spannende Fragen: In welcher Sprache träumen wir? Wenn wir loben oder fluchen, wo finden wir das Wort dafür? Wie kann beim Übersetzen „das magische Potential“ eines Gedichts erhalten bleiben? Als Anregung nutzten die jungen Dichterinnen und Dichter u.a. die unterschiedlichen Bildräume beider Kulturen oder antworteten auf einen Vers Nâzim Hіkmets mit eigenen Gedichten. So vergegenwärtigen sie das Wechselspiel zwischen den Kulturen Türkisch und Deutsch als inspirierende Chance und wertvollen Reichtum – und laden nun das Publikum zum Mit-Staunen ein!

„Weil ich eins und doppelt bin“ steht im Rahmen eines seit über zehn Jahren erfolgreichen pädagogischen Modellprojekts der Stiftung Lyrik Kabinett München. Näheres dazu unter

https://www.lyrik-kabinett.de/lust-auf-lyrik/.

„Weil ich eins und doppelt bin“:  Schülerinnen und Schüler der Sammelkurse Türkisch Q11 und Q12 der Städtischen Gymnasien präsentieren ihre Gedichte & Übersetzungen (türkisch & deutsch)

Projektleitung:  Suzan Kozak, Karin Fellner und Tristan Marquardt 

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Montag, den 5. Dezember 2016, 19 Uhr; PEPPER-Theater Neuperlach; Thomas-Dehler-Straße 14, 81737 München  (U5/U7, Neuperlach Zentrum)

 

Eine Veranstaltung im Rahmen des Projekts „Lust auf Lyrik“ der Stiftung Lyrik Kabinett

In Kooperation mit dem Werner-von-Siemens-Gymnasium.

Mit freundlicher Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst und von Reinhard Gorenflos

Vom Spielen

Es gehe um „Augenblicke, in denen sich Menschen mit etwas beschäftigen, ohne dass sie damit eine Absicht verfolgen“. Schon Kinder würden auf spielerische Weise ausprobieren, was alles gehe:

„Das ist eigentlich das Kennzeichen von uns Menschen: dass wir nicht mit fertigen Programmen in die Welt hineingehen, sondern dass wir ausprobieren müssen, wie das Leben funktioniert.“

Spielen sei kreative Gestaltung, dabei entstehe etwas Schöpferisches: ein Gedicht oder Musik, sagt Hüther. In Augenblicken, in denen der „Fokus der Aufmerksamkeit“ aufhöre, kämen die „großartigsten Ideen“. Also bei Duschen oder Spazierengehen – und nicht „kurz vor der Deadline, am Schreibtisch oder mit viel Anstrengung“. / DLR

Gerald Hüther, Christoph Quarch: „Rettet das Spiel!“
Hanser Verlag 2016
224 Seiten, 20 Euro

Dresdner Lyrikpreis für Simona Racková und Guy Helminger

Der mit 5000 Euro dotierte Dresdner Lyrikpreis geht in diesem Jahr zu gleichen Teilen an die tschechische Lyrikerin Simona Racková und den in Köln lebenden Dichter Guy Helminger.

Lea Schneider bescheinigte Simona Rackovás Gedichten großen Mut und Ehrlichkeit. Als Preisträgerin von 2014 saß die Berliner Dichterin in diesem Jahr in der siebenköpfigen Hauptjury. Diese Gedichte, sagte sie, sprächen von Themen und verwendeten Sprachregister, die im literarischen Kanon verpönt seien, hätten keine Angst vor Unfertigkeit, Versuchhaftigkeit, Offenheit und Verletzlichkeit. Traurig seien sie, doch selbstbewusst. Manchmal wählten sie Albernheit als Waffe gegen das Zum-Schweigen-Gebracht-Werden. „Wie hier Klanglichkeit, Klangassoziationen, Wortspiele und aus verschiedenen Tanzstilen entlehnte Rhythmen den Inhalt der Texte formen, ohne ihn zu überformen – das ist absolut bemerkenswert.“ Eine weibliche Stimme spreche auf eigene Weise, ohne Klischees zu bedienen, auch über Mutterschaft und weibliche Körperlichkeit. (…)

Guy Helminger, 1963 in Luxemburg geboren, seit 1985 Kölner, schreibt außer Gedichten (2010 gesammelt unter dem Titel „Libellenterz“ bei Editions Phi), auch Romane, Theaterstücke, Hörspiele und moderiert literarische Veranstaltungen. Sein Vortrag kam so gut an, dass er gleich auch noch den Preis des Publikums bekam. In Gedichten wie „Einkauf“ verwandelt er eine banale Alltagssituation zu einer mehrsträngigen Geschichte, wie Urs Heftrich verdeutlichte: „eine ganze Lebensgeschichte und eine katholisch anmutende Mischung von unterdrückter Erotik und Gottesdienst“. (…) /

/ Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten

An der Wettbewerbslesung in Dresdens Villa Augustin nahmen außerdem Andrea Lydia Stenzel (Göttingen), Dan Jedlicka (Opava), Anja Kampmann, Helwig Brunner (Graz), Martin Simek (Pilsen) und Carl-Christian Elze (Leipzig) teil.
Signum Sonderheft 18, Dresdner Lyrikpreis 2016. Hrsg. von Norbert Weiß. 84 S., 8,20 Euro

Gegen Zensur, für Solidarität mit inhaftierten Autoren

Auf Initiative der Frankfurter Rundschau veröffentlichten Zeitungen und Onlinemedien gestern einen Text der besonders stark verfolgten Cumhuriyet-Redaktion.

Das Team der vor drei Monaten verbotenen Tageszeitung Özgür Gündem macht inzwischen in Deutschland weiter – und zahlreiche Autoren, darunter u.a. Alper Canigüz, Murat Uyurkulak und Nermin Yildirim, führen Asli Erdogans Kolumne fort.

Außerhalb der Türkei lebende Kollegen springen für die dort bedrohten Autoren ein, unter ihnen Gerrit Wustmann und José F.A. Oliver. Ab Ende Dezember wird die tageszeitung (taz) die Beiträge im Wochentakt übernehmen.

Lyrikpreis München 2016

Christian Schloyer erhält den Lyrikpreis München 2016. Der zweite Preis geht an Arnold Maxwill.