Georg Kulka
(* 5. Juni 1897 als Georg Christoph Kulka in Weidling/Niederösterreich; † 29. April 1929 in Wien)
DER SOHN
/ Stein, Spitze des Turms, der, wenn er fiel, nicht auf die Erde, sondern in den Himmel fällt–: / die Mutter, in einer Reihe der Steine dieser Stein, vergaß nicht, vor dem, was sie bleibend nicht wußte, die Lider zu heben, obschon sie weiser sich dem Lied entzog, ungesungen / und nie mehr vernehmbar wird! /, bedachte und dachte und wendete den Mund nicht ab von seiner Müdigkeit: in vielen Gräben versänke ihr gutes Grab, längst durchschaute Leid die Trauer; er würde zu wenig leise, als daß in ihre Scham er laut dringen dürfte – reumütig wie sie, die, Mensch an Mensch, armselig war im letzten Satz: er werde groß sein!
Aus: Georg Kulka, Werke. Hrsg. Gerhard Sauder (Frühe Texte der Moderne). München: edition text + kritik, 1987, S. 9. Erstdruck in: Die Dichtung. Folge 1. Buch 4. München 1919
Anton Pincas
(Israel Pincas, ישראל פנקס; * 28. Januar 1935 in Sofia, lebt in Tel Aviv)
DIE FÜNFZIGER JAHRE
Die fünfziger Jahre
stellten einige eindringliche Fragen
und forderten auch
rasche Lösungen:
zum Beispiel, ob
man diesen Ort als endgültig
oder provisorisch
ansehen sollte
oder den Dingen
ihren Lauf lassen.
Und es gab natürlich das Problem der Identität.
Sie waren hier nicht gerade
verwurzelt, sprachen meistens Deutsch
mit den Nachbarn in der Ben-Yehuda-Straße,
der Ort sah wirklich ›provisorisch‹ aus, mein Onkel träumte von seinen Studienjahren in Leipzig, erwähnte das Haus in Sofia, die Perserteppiche, sprach öfters von seinen Besuchen in Bayreuth, von den drei Nächten des ›Ring‹,
begnügte sich vor dem Krieg
mit einer Reise nach Beirut,
nur zwei Stunden von Haifa,
versuchte sein Glück im Verkauf von Lüstern,
nichts von der ehemaligen Pracht,
nachmittags las er Partituren,
an den Festtagen achtete er immer noch auf die Fliege am Hemd,
und wenn es am Einkommen gebrach,
kamen die Tanten zu Hilfe:
die eine strickte, die andere
buk, färbte Knöpfe oder bereitete Marmelade,
und dem Rat des Schwagers zufolge zog
eine bis in die berühmte Stadt Paris,
um sich in den Mysterien
der Kosmetik auszubilden,
und nicht lange danach kehrte sie zurück
mit einem geheimen Rezept für Gesichtscreme:
eine Salbe, gewonnen
aus Gurkenschalen.
All das ging zu rasch vorbei.
Und gleich danach
begannen die Gebrechen.
Aus: Anton Pincas: Diskurs über die Zeit. Gedichte. Ausgewählt und aus dem Hebräischen übertragen von Tuvia Rübner. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2012, S. 28f

Anton Pincas
(Israel Pincas, ישראל פנקס; * 28. Januar 1935 in Sofia, lebt in Tel Aviv)
WENN
Wenn ich schreibe, dass ich hier Freude hinterlassen möchte,
hinterlasse ich dann Freude?
Was hinterlasse ich, wenn ich schreibe,
ich möchte Freude hinterlassen?
Aus: Anton Pincas: Diskurs über die Zeit. Gedichte. Ausgewählt und aus dem Hebräischen übertragen von Tuvia Rübner. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2012, S. 31
Carl Einstein
(* 26. April 1885 in Neuwied; † 5. Juli 1940 bei Pau in Frankreich nahe der spanischen Grenze)
GEDICHT
Dies taube Liegen auf Gedanken,
Hohl wie die Rücken gleitender Messer;
Der Schmerz vor Lauten, die Gedanken widerlegen.
Es mögen sich Begriffe um das Starre ranken,
Du bohrst dich in die Leere immer besser.
Bis du erschluchzt nach irrer Schreie Segen.
Daß deine aufgedrungen starren Augen schwanken,
Daß deiner Hohlheit Tore sich verbögen
Und du in deiner Nullheit niederbrichst.
Aus: Die Aktion Nr. 27/28, 1916, Sp.369
Bruno Quandt (25. April 1887 Düsseldorf – 18. Februar 1918 München-Gladbach – heute Mönchengladbach)
Hier Trupps von Streikern! Dort die Gruppe
Erregter um ein Extrablatt!
Hörst du nicht, wie die ganze Stadt
Aufheult wie eine Autohuppe!
Vom Auge bricht es. Schupp um Schuppe:
Ich war schon matt und sanft und satt.
Ein Inserat im Tageblatt,
Und schlurkste in der Bürgerschluppe?
Nun taucht vor uns ein Kontinent
Jäh auf, darauf wir plündernd landen.
In jedem Blut das gleiche Branden!
In jedem Blick das gleiche Flackern!
Freischar aus Dichtern, Geldschrankknackern,
Aus Huren, Sozis! Los! Es brennt!
Aus: Versensporn 26. Bruno Quandt. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 11. Zuerst in: Erze im Feuer, Leipzig 1913.

Ulrich Koch
ZWEIUNDZWANZIGSTER APRIL
Ich klopfe an eine Tür.
Niemand öffnet.
Es geht mir ausgezeichnet.
Ich schlafe alleine,
ich stehe alleine auf,
ich esse alleine.
Ich schäme mich
vor den Vögeln.
Es geht mir gut.
Auf der Weide steht ein Pferd.
Es grast.
Gleich wird es laufen.
Es geht mir gut.
Ich denke nach.
Ich weine.
Es geht mir gut.
Es ist zwei Uhr.
Es ist drei Uhr.
Es ist vier Uhr.
Es geht mir gut.
Ich stelle mir den Wecker.
Er klingelt.
Ich bleibe liegen.
Es geht mir sehr gut.
Ich liege im Bett und rauche.
Ich ziehe am Bleistift
und rauche auf Lunge.
Es geht mir gut.
Ich weine, als ich ins Taxi steige.
Ich weine, als ich mich wasche.
Ich weine sogar, als ich weine.
Ich weine sogar, als ich nicht weine.
Es geht mir gut.
Mit freundlicher Genehmigung d. Verf.
Die Dadaisten lachten über die Expressionisten – aber sie waren früher selber welche. 1916: Richard Huelsenbeck gehört zu den Mitbegründern von Dada in Zürich. Zwei Jahre früher veröffentlichte er expressionistische Gedichte wie dieses:
Richard Huelsenbeck
(* 23. April 1892 in Frankenau; † 20. April 1974 in Muralto, Schweiz)
Wir
Wir kennen nicht die Sterne und die Nacht,
Und nicht den Nebel, der sich wiegt auf Grüften;
Wir wiegen uns in unsern fetten Hüften,
Die Zimbel klittert und die Pauke kracht.
Wir schlafen bei den Weibern, die verderbt;
Gefängnisgitter waren oft herabgelassen,
Und öfter klang die Peitsche der Kawassen,
Die Väter haben heulend uns enterbt.
Wir sind der Wolf, der um die Plätze weht,
Auf Opfer lauernd und um Blut zu trinken.
Die Frösche knallen. Polizisten hinken.
Ein fetter Priester seine Backen bläht.
Wir wissen nicht, ob wir auch einmal enden.
Paris? Berlin? Es ist uns alles gleich.
Wir hämmern mit den giftgeschwollenen Händen
Uns unser großes Himmelreich.
Aus: Die Aktion, Nr. 11, 14.3.1914, Sp. 237
Louise Glück
(* 22. April 1943 in New York City)
Blühende Pflaume
Im Frühling verkündet die Walddrossel aus den schwarzen Ästen
des blühenden Pflaumenbaums ihre alljährliche
Botschaft vom Überleben. Woher kommt ein solches Glück,
das die Nachbarstochter in diesen Gesang hineinliest,
und einstimmt? Nachmittags sitzt sie
im Halbschatten des Pflaumenbaums, wenn der sanfte Wind
ihren unberührten Schoß mit Blüten überschwemmt, grünlich weiß
und weiß, ohne eine Spur zu hinterlassen, anders
als die Frucht, die bei stärkeren Winden
ausfransende dunkle Flecken einzeichnen wird, im Sommer.
Aus: SEHEN heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Herausgegeben, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brôcan. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2006, S. 103
Der bitteren – wohl mehr existenziellen als poetologischen – Bestandsaufnahme von 1962 sei heute ein etwas anderes Gedicht hinzugefügt. Mehr folgt im Lauf des Celanjahrs.
ZRTSCH
Zahniger Zorn,
ich zätsche,
zundere,
zaibe.
Es ännt
hinterm Hirn,
es gegittert.
E-e-g! E-e-g!
Ich haare, ich harsche.
Öötschst. Heringst.
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamop, 2005, S. 524.
Das Gedicht entstand am 25. Januar 1968 und war ebenfalls zu Lebzeiten unveröffentlicht. Es führt vor, dass Wortbildungs- und Satzbauregeln auch unverständlichen Äußerungen Bedeutungen mitgeben. Ob schon einmal jemand versucht hat, das in eine andere Sprache zu übersetzen?
Hölderlinjahr, Beethovenjahr, Hegeljahr… und Celanjahr. 100. Geburtstag im November (!), 50. Todestag heute!* Ich konnte mich nicht für ein Gedicht entscheiden und beschloss, etwa fünf an fünf Tagen zu präsentieren. Es sollten nicht zu bekannte und trotzdem mich bewegende Gedichte sein, Gedichte verschiedener Arten womöglich. Ich beginne mit
ARS POETICA 62 Das große Geheimnis - beim Bärlapp, da stands, auf der Wiesen. Ich hätte es pflücken können, leicht, mit zwei Zehen. Aber ich hatte zu tun, ich brachte Hyperion die Sprache bei, auf die es uns Hymnikern ankam. Er lernte gerne und brav. Beim Wort Hure wuchs ihm der braune Lorbeer schnell um Taktstock und Klaue: er hatte was man zum Reimen braucht, nach Pindar und einigen Ungarn, Finnen und Pruzzen. In seinem Vers stand die Zeit, im Licht ihrer schwäbischen Stunden, schnurrbärtig, jung und gesamtstumm. Sinnig, hört ich mich sagen, sinnig meinem andern, gestern im Schwarzwald halbierten Nachbarn, dem Mann mit der Dohle (und der vernähten Zäsur!) fehlte noch dieses Schatzwort. (Sonst wär auch die zweite Hälfte gestorben und aus- leg- bar.)
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. S. 473f.
Das Gedicht entstand am 2. und 3. Dezember 1962. An diesen beiden Tagen übertrug er auch ein Gedicht von Ossip Mandelstam: „Den steigenden Zeiten“. Eine frühere Fassung hatte als Untertitel „Eine Marginalie“. Natürlich spukt Hölderlin im Gedicht, der schwäbische Hymniker. Vielleicht auch Heidegger (mit der vernähten Zäsur) und manche Widersacher Celans in der unseligen Gollaffäre. Aber ich glaube, man kann sich in ihm bewegen auch ohne alles aufzudröseln. Celan hat es nicht selbst veröffentlicht.
*) Das Gedicht des Tages ist normalerweise Nacht-, Frühstmorgenarbeit. Diesmal war der Redakteur zu schlaftrunken und verdrehte die Daten. Wofür ich Celanfreunde um Entschuldigung bitte. Das Jahr ist noch lang, genug Zeit, Hölderlin-, Celan-, expressionistische oder einfach Gedichte zu lesen. Zum Beispiel jeden Morgen hier.
Else Lasker-Schüler
(* 11. Februar 1869 in Elberfeld; † 22. Januar 1945 in Jerusalem)
Am 19. April 1933 verließ die Dichterin auf der Flucht vor den Nazis ihr Heimatland.
DIE VERSCHEUCHTE
Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich –
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.
Wie lange war kein Herz zu meinem mild…
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
– Komm bete mit mir – denn Gott tröstet mich.
Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend – ja ich liebte dich.
Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt?
Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich
Und ich vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.
Bald haben Tränen alle Himmel weggespült.
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt –
Auch du und ich.
Aus: Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte, hrsg. von Friedhelm Kemp. 3. Aufl. – München : Kösel, 1984, S. 204
Charlotte Wohlmuth
(* 1880, ab 1942 verschollen; aus Marienbad deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet)
Wir Utopisten
Laßt uns um das Feuer scharen,
Das noch in den Herzen glimmt,
Eh’ die Lippen uns erfrieren.
Scheit um Scheite werfen wir, gesparte Worte,
In die matte Glut, daß sie entbrenne,
Züngelnd, lodernd sich erkenne.
Brände fahren ungebändigt
In die fahlen Widerspiele
Unseres Namens. – Ziele
Flammen auf vor unsern Blicken!
Unsere Hände schlagen Brücken,
Unsere Leiber sind die Pfeiler!
Eingeäschert liegen Meiler
Falscher Scham. Ihr in den Bezirken
Eingeengten Atems, sehet unser Wirken!
Alle Grenzen sind vernichtet
Wir allein nur, aufgerichtet
Ragen aus dem Fall der Zeiten
In die ersten Menschlichkeiten!
Aus: Vollmer, Hartmut (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen. IGEL Verlag Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2012, S. 54. Zuerst in: Die Aktion, Jg. 8, Nr. 5/6, 9.2.1918, Sp. 55 (zus. mit einem Gedicht von
Karl Otten unter der gemeinsamen Überschrift „Wir Utopisten“ I/II)
Hier ein Porträt von Heinrich Ehmsen (1920)
Maria Benemann
(* 5. April 1887 in Herrnhut; † 11. März 1980 in Überlingen)
Herr, nun ists Zeit
Herr, nun ists Zeit. Es stehen Katastrophen,
Am Horizonte wie erstarrt in Waffen.
Herr, es ist Zeit, sie nun herbei zu raffen,
Und ein Entsetzen in das leere Gaffen,
In Deiner Völker ausgebrannten Ofen
Ein neues Grauen schwer hinein zu schaffen.
Herr, es ist Zeit, uns Späher zu vernichten,
Die wir Dich nur wie ein Phantom erdichten,
Daß wir das Unerfaßliche nicht mehr befassen.
Herr, es ist Zeit… Dich nun allein zu lassen.
Aus: Vollmer, Hartmut (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen. IGEL Verlag Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2012, S. 30. Zuerst in: Die Weißen Blätter, Jg. 1, H. 7, März 1914, S. 683
Rolf Dieter Brinkmann
(* 16. April 1940 in Vechta; † 23. April 1975 in London)
Highkuh, West
Das Geld, das
Schwein, die
Schweinerei,
der Tod.
„Das Gegenteil der Mythen
ein Embryo“
(wie da
der Embryo auch
schon eingeteilt
ist, verstanden
ist, als Gegensatz
1 Satz gegen 1 Satz
wie da).
In den Wörtern leben sie
ihr Leben, was das
ist: „Lav iß äh
mäh nie splendort
sink.“
Aus: Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2. Gedichte. Mit Fotos und Anmerkungen des Autors. Erweiterte Neuausgabe. Reinbek: Rowohlt, 2005, S. 36
(Gekürzte Erstausgabe 1975)
Erich Arendt
(* 15. April 1903 in Neuruppin; † 25. September 1984 in Wilhelmshorst)
Sterben blutenfleck
Flases Fassen bleichhaft schmerzer Stirne…
bebe Hände flarren schwirr verstorben…
strahe Blicke steinwucht weitab dumpfen
hin auf fratzer Menschenlarven Erz.
Lachrot glirre Sonnen bleisack stumpfen…
röchelt Sticken schwell in welke Hirne…
fern im Augenschliessen blahst umwoben
schmelzen Nächte milb das heisse Herz.
Mondgerisse, zucke Nächte kerben:
klaffe Wunde kriss das Sehnen rasend.
Sägezerr gehiebte Ängste blechern…
Schweres Grauen schlitzt die Munde krumm.
Donnernd steigt die Stille aus dem Sterben,
buckelt tief in Himmel glei verglasend…
Zacke Flüche löchern Himmel brechern…
Monde neigen Bahnen blutgelb, stumm.
Gleiss zerströmet gellet Schrei nach oben:
Zahllos strammte Schmerz den Pfeil gewuchtet…
Küsse gilben dünn und Wahnen lodert.
Knistern raschelt See ab stirr gebuchtet.
Schläfern fitzt Genebel knöcherfab gewoben…
Schlenker Kahn der Welt fast steht.
Sternlicht prell zertümpelt modert…
Wirre filbert — glast — verweht.
Aus: Erich Arendt, Gedichte 1925-1959. (Werke I). Berlin: Agora, 2003, S. 18
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