Neopathetisch

Heute vor 805 Jahren eroberte Tschingis Khan Peking. Vor 110 Jahren fand in Berlin der erste Abend des „Neopathetischen Cabarets statt, geleitet von Jacob van Hoddis. Vor 51 Jahren lagen Yoko Ono und John Lennon in Montreal in einem Bett und spielten das Lied „Give peace a chance“ dazu. Und vor genau 30 Jahren wurde Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz.

Das Lyrikzeitung-Gedicht zum #Expressionismusjahr2020 gilt heute dem Neopathetischen Cabaret. Ausnahmsweise mit etwas Information zuvor. Ich entnehme sie dem Begleitband zur Ausstellung „all meine pfade rangen mit der nacht. jakob van hoddis 1887-1942“, erschienen 2001 bei Stroemfeld.

Die Zeit schwieg jede Ausnahmeregung tot. Erwin Loewenson über den Neuen Club (1958)

Bei Erinnerungen an Jakob van Hoddis fallen einem zuerst die Bestrebungen des „Neuen Club“ ein (von 1909 bis ’14), die im „Neopathetischen Cabaret“ verkündet und mit Beispielen vorgeführt wurden. (…) Daß die zurückhaltenden deutschen Intellektuellen den Mut hatten, den Futurismus, Kubismus, Expressionismus, den Dadaismus, den Surrealismus und Existenzialismus sich überhaupt gefallen zu lassen, das verdanken sie nicht erst den Erlebnissen der Weltkriege, sondern schon dem Wirbel, den die sogenannten Neopathetiker hervorgerufen hatten unter den schlagfertigen Geistern von Berlin, und denen, die aus München, Prag, Wien herbeieilten. Aber auch diese Wirkungen nach außen waren noch allzu einseitig. Worauf das neuartige Pathos hinauslief, das läßt sich mit einem Satz von Hegel umschreiben, mit dem wahrsten Wort, das er ausgesprochen: „Sind die Vorstellungen erst einmal revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand.“

Nichts Geringeres als ein Umbau der Wirklichkeit aufgrund einer Transformation der allgemeinen Vorstellungswelt war das Endziel, das dem Kern des Neuen Club vorschwebte mit dem harmlos-vergnüglichen Neopathetischen Cabaret, mit dem man zunächst tatkräftige „Intensivierungszentren“ auf allen Lebensgebieten, theoretischen wie praktischen, zu provozieren gedachte. Neuartiges Pathos – das hieß ihnen: vitalisierender Weltaspekt. Freilich kein in sich abgesonderter, sich selbst genießender, sondern ein solcher, der eine sinnvolle Einung von Denken, Fühlen, Wollen und Handeln hervorbringt, – jedem diejenige Einung, die sich von der konkreten Umweltnähe dem Subjekt als eine jeweils besondere „Aufgabe“ stellt.

Aber wie dies „Pathos“ für den einzelnen eine wiedergekehrte und neue Art der Belebung geworden war, nach den durchrittenen Epochen von phlegmatisch und stumm machender Skepsis und von indifferentem Ästhetizimus, so sollte es auch als eine Regenerationsbewegung in die Gegenwart eingreifen, die ja an beidem bis zur Selbsterdrosselung jeder Eigenaktivität lahm war. Mit den Resten ihrer Lebendigkeit schwieg die Zeit jede Ausnahmeregung tot, die ihr hätte helfen können: wertlos gewordenes Leben fällt ja immer über sich selbst her. In den Zuständen dieser rapiden Abbauepoche empfand dieser Kreis bereits 1912, daß man mitten in einer „Sintflut-Ara“ steckte. Aber er ließ sich nicht davon düpieren.

Wie in einem Laboratorium des Geistes stellte er Überlegungen an, die sich als Vorarbeiten für diejenige Lebenserfassung bezeichnen ließen, aus der eine neue, kulturfähige Sozialität hervor gehen könnte. Das wäre das notorische Unternehmen rebellischer Jugend gewesen, wäre man nicht so überlegt, ja allzu gewissenhaft vorgegangen. Mannigfache Lösungen des gleichen Problems wurden daraufhin untersucht, was sie für die Regenerationsbewegung leisten, wie sie sich ihr in die Quere stellen könnten; bis zu „letzten Kriterien“ und „obersten Werten“ suchte man sie durchzuführen, die ihrerseits wieder in eine Gesamtsynthese aller Lebensgebiete (und nicht etwa nur der wissenschaftlich anerkannten) einmünden mußten. An zahllosen Beispielen und Gegenbeispielen wurde jede Konfrontation von Themen erprobt und erhärtet – in den internen Sitzungen des Clubs und noch eingehender in mehrfachen Kombinationen täglichen freundschaftlich-privaten Verkehrs. Noch nie zuvor hat ein „Kollektiv“ sich mit so unermüdlichem, heiter-verbissenem Ernst durch die einschläfernden Nebelschwaden ihrer gegenwärtigen Geschichtssituation durchgearbeitet. Trockene Abstraktheit allein hätte das nicht vermocht; flammendes Temperament, Realitätsphantasie und Humor waren die beflügelnden Helfer. Sie proklamierte man auch als die charakteristischen Ingredienzen des „Neopathos“. Daher konnten die ausgesprochenen Künstler- und Dichternaturen an diesen Debatten teilnehmen. Das Neopathos unterschied sich von der steifen, gravitätischen Verhaltenheit (etwa der Georgeschule) und von der vornehmtuenden Apathie ebenso wie von hohltönender, inhaltssturer „Pathetik“.“

(A.a.O. S. 56f)

Erwin Loewenson an Erich Unger (Berlin, 6. Januar 1910)

Von Hans dem Hoddissohn habe ich Dich gestern früh grüßen sollen; dafolgedessen hab ich Mittwoch ihn selbst von dir selbst gegrüßt. (…)- Und ich unterhielt mich, Dienstag um zwei, mit David van über das Problem der Blätter für die Dekadenz. Und er fragte, ob es möglich sei, sich unbewußt physisch zu autohypnotisieren, da.man alles (d.h.) kann. Und sagte, ihm ist so, als ob Menschen leben, die so etwas wissen. Worauf ich sagte, daß. Goldberg, Unger und ich dies wüßten. Und er mich inständig bat, ihn davon wissen zu lassen. Und ich ihm sagte, daß die Ausdrucksmöglichkeiten sowohl allgemein als auch besonders zwischen uns beiden dürftige wären. Dann soll ich wenigstens Andeutungen machen, er brauche sie ja nicht zu verstehen. Und er bat mich inständig, Andeutungen zu machen und zu tippen. Und er könne nicht warten, da es eile, in bezug auf sein Drama. (Potsdamerstraße zwischen Platz und Brücke) (vor Astoria). Und ich solle ihm nur die (praktische) Methode sagen, und das Mechanische, – die Ursachen und Zusammenhänge sind infolgedessen weniger wichtig, weil es praktisch eilt. Ich sagte ihm, daß es für Leute wie ihn selbst zur Methode gehört, daß sie das Theoretische wissen, da jedwede Skepsis über diesen Punkt die praktische Anwendung der Methode unmöglich macht. Um aber über diese Dinge Klarheit und Ausdrucksmöglichkeit zu erlangen, sind viele Experimente nötig, da nur an ihnen analysiert werden kann. -–Er sagte noch, er sei ein positver Skeptiker, d. h. einer, der alles für möglich hält. Ich erklärte ihm, daß „Mystik“ eine Folge der „Skepsis“ sei (sein könne!). Je mehr man an der Erkenntnisfähigkeit zweifelt, um so mehr Spielraum räumt man den Möglichkeiten des Existierenden ein. Je mehr man das Subjekt aufhebt, um so mehr setzt man damit das Objekt! Die größte Skepsis ist notwendig, die größte Mystik. (Davidsohn war neulich sehr gescheit.)

(A.a.O. S. 63f)

Erwin Loewenson an Erich Unger (Berlin, 22. Januar 1910)

Ja van Hoddiskop will ein Drama schreiben, so, daß im 1. Akt alle Zuschauer anfangen, gegenseitig zu koitieren im Finstern. Und daß im 2. Akt jeder Zuschauer stirbt, der andrer Meinung ist als der vorgetragenen (wegen wechselhafter Verdrängungen); er dichtet nur noch wissenschaftlich, sagt er, auf Verdrängungen-Verschiebung hin. Man wird später alle Krankheiten (Magenbeschwerden usw.) auf diese Weise heilen können, oder hervorbringen, sagt er.

(A.a.O. S. 64)

Erwin Loewenson an Erich Unger (Berlin, 7./8. März 1910)

Der Neue Club hat sich gottseidank so niveauhoch entwickelt, daß wenn Einer etwa sagt: „die Freude an der Form“ (oder sowas), daß dann der Leiter van Hoddis wütend mit der Hand auf den Tisch schlägt und ruft: „Antisemitische Äußerungen lasse ich hier nicht zu!!“

(A.a.O. S. 65)

Das genügt zur Einstimmung. Jetzt ein Gedicht.

Jakob van Hoddis

Kinematograph

Der Saal wird dunkel. Und wir sehn die Schnellen
Der Ganga, Palmen, Tempel auch des Brahma,
Ein lautlos tobendes Familiendrama
Mit Lebemännern dann und Maskenbällen.

Man zückt Revolver, Eifersucht wird rege,
Herr Piefke duelliert sich ohne Kopf.
Dann zeigt man uns mit Kiepe und mit Kropf
Die Älplerin auf mächtig steilem Wege.

Es zieht ihr Pfad sich bald durch Lärchenwälder,
Bald krümmt er sich und dräuend steigt die schiefe
Felswand empor. Die Aussicht in der Tiefe
Beleben Kühe und Kartoffelfelder.

Und in den dunklen Raum – mir ins Gesicht –
Flirrt das hinein, entsetzlich! nach der Reihe!
Die Bogenlampe zischt zum Schluß nach Licht –
Wir schieben geil und gähnend uns ins Freie.

(A.a.O. S. 71)

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