Mörike erinnert an Hölderlin

Zum Geburtstag des großen Dichters Eduard Mörike bringe ich hier, auf zwei Tage verteilt, eine „Erinnerung an Friedrich Hölderlin“, die 1863 erstmals veröffentlicht wurde.

Eduard Mörike

Erinnerung an Friedrich Hölderlin (I)


Das gegenwärtige kleine Profilbild des Dichters Friedrich Hölderlin wurde ums Jahr 1825 von dem Maler G. Schreiner, welchen ich noch als Tübinger Student bei ihm einführte, skizziert. Es ist in hohem Grade ähnlich ausgefallen, besonders auch ist die Haltung, worin sich das Bemühen zeigt, einem subtilen Gedanken den gehörigen Ausdruck zu geben, sehr gut getroffen.
Ich begleite diese bildliche Mitteilung mit zwei interessanten Gedichten Hölderlins, wovon das erstere: »An eine Verlobte«, offenbar aus seiner besten Zeit herrührt und deshalb in einer künftigen neuen Ausgabe der Schriften nicht fehlen darf. Ich verdanke dasselbe der Güte einer vor etwa fünfzehn Jahren zu Nürtingen verstorbenen Schwester des Dichters. Es ist, ohne Überschrift, von einer klaren weiblichen Hand für irgend jemanden kopiert, augenscheinlich von der Braut selbst; denn bei der schmeichelhaftesten Stelle: »Zwar – bist du schön« steht ein Sternchen mit der Bemerkung unten am Rande: »Dies selbst schreiben zu müssen!« –
Diese Abschrift kam später, vielleicht auf Verlangen des Dichters, dem etwa kein Konzept davon geblieben, an Hölderlin zurück, wie verschiedene Aufzeichnungen von seiner Hand auf demselben Blatte, besonders Verse aus der ersten Periode seiner Geisteskrankheit, beweisen. Die Herausgeber der ersten Sammlung der Gedichte legten das Stück als zweifelhaften Ursprungs beiseite, vermutlich durch Verstöße gegen das Versmaß beirrt, die jedoch nur auf Rechnung der Schreiberin kommen. Namentlich hat sie, weniger vertraut mit den antiken Metren, in der dritten Strophe statt eines zweisilbigen Wortes ein viersilbiges gesetzt, um einen ihr persönlich wichtigen Umstand nicht unberührt zu lassen. Sie schrieb statt »an des Jünglings (oder des Liebsten) Blicke«, wie es wohl geheißen haben mag: »an des Neugefundenen«. Möglicherweise hatte sie den ersten Entwurf des Verfassers vor sich, wo etwa der Ausdruck jenes Nebenbegriffs wirklich auf diese Weise versucht und wieder fallen gelassen war, so daß sie ohne Unbescheidenheit nach ihrem Sinne wählen zu können glaubte. Die andern Fehler sind zufällig und der Art, daß in Wörtern wie »Wiedersehen, Wiedersehn« ein Vokal bald zu wenig, bald zu viel steht. Über Person und Verhältnisse der Braut, die ein geistvolles, der Dichtkunst nicht fremdes Mädchen gewesen zu sein scheint, wird sich etwas Näheres schwerlich ermitteln lassen.

An eine Verlobte

Des Wiedersehens Tränen, des Wiedersehns
  Umfangen, und dein Auge bei seinem Gruß, –
    Weissagend möcht' ich dies und all der
      Zaubrischen Liebe Geschick dir singen.

Zwar jetzt auch, junger Genius! bist du schön,
  Auch einsam, und es freuet sich in sich selbst,
    Es blüht von eignem Geist und liebem
      Herzensgesange die Musentochter.

Doch anders ist's in seliger Gegenwart,
  Wenn an des Jünglings Blicke dein Geist sich kennt,
    Wenn friedlich du vor seinem Anschaun
      Wieder in goldener Wolke wandelst.

Indessen denk', ihm leuchte das Sonnenlicht,
  Ihn tröst' und mahne, wenn er im Felde schläft,
    Der Liebe Stern, und heitre Tage
      Spare zum Ende das Herz sich immer.

Und wenn er da ist und die geflügelten,
  Die Liebesstunden, schneller und schneller sind,
    Dann sich dein Brauttag neigt und trunkner
      Schon die beglückenden Sterne leuchten:

Nein! ihr Geliebten! nein, ich beneid' euch nicht!
  Unschädlich, wie vom Lichte die Blume lebt,
    So leben, gern vom schönen Bilde
      Träumend und selig und arm, die Dichter.

Die (alkäische) Ode ist nur als Abschrift einer Abschrift überliefert. Eduard Mörike lag eine Abschrift von Marie Rätzer (die es vermutlich für Susette Gontard, Hölderlins Geliebte, abgeschrieben hatte) vor, und er verfasste zwei Abschriften. Das Gedicht entstand wahrscheinlich 1796.

Mörikes Text erschien in Freya. Illustrirte Blätter für die gebildete Welt, Jahrgang 3, Stuttgart 1863, S. 337f.

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