Komm Du

Hannah Höch

(* 1. November 1889 in Gotha; † 31. Mai 1978 in Berlin)

[Liebesgedicht für Raoul Hausmann]

Komm Du,
fange die blauen Bälle
meines Da-Seins –
sie blühten aus lebenden
Wiesen und rundeten im Sonnenofen
Du mußt nicht mit
dem Metermaß kommen. –
alle sind rund, und
die kunterbunten Flecken
malte meine Seele darauf.
Meine Seele, die einen roten
Teppich webt – auf dem
wir tanzen können,
wir,
zwei Wissende
wir,
zwei Lächelnde!

Aus: Hanne Bergius, Das Lachen DADAs. Die Berliner Dadaisten und ihre Aktionen. Gießen: anabas, 1993, S. 134

Seite aus: Das Lachen DADAs

Die Flucht nach Lesbos

Yvan Goll

(* 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; † 27. Februar 1950 bei Paris)

Aus: Tristan Torsi [d.i. Yvan Goll], Films. 1914

Der Herausgeber spricht:

Der Expressionismus ist keine neue Religion, die hier gegründet wird. Er ist schon längst das tägliche Brot der Malerei. Er ist eine Seelenfärbung, die (für die Techniker der Literatur) noch nicht chemisch analysiert war und daher keinen Namen hatte.

Expressionismus liegt in der Luft unserer Zeit, wie Romantik und Impressionismus die einzige Lebensmöglichkeit früherer Generationen waren.

Expressionismus entfernt sich streng von ihnen. Er verleugnet jene Kunstgattungen des l’art pour l’art, denn er ist weniger eine Kunstform als eine Erlebnisform. Im Goetheschen Sinn.

Expressionismus nähert sich der Klassik. Er hat mehr Gehirn als Gefühl, er ist mehr Extase als Traum. Und so ist er klassizistisch, ohne den Anspruch zu haben, je klassisch zu werden.

Aus: Yvan Goll, Die Lyrik in vier Bänden. i: Frühe Gedichte 1906-1930. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Glauert-Hesse im Auftrag der Fondation Yvan et Claire Goll, Saint-Die-des-Vosges. Berlin>: Argon, 1996, S. 9

Die Flucht nach Lesbos

Gold
War gerollt
In der Nacht,
Und beide, Clo und Gynn,
Tänzerin und Tänzerin,
Hatten getollt und hatten gelacht.

Aber morgens, von den Fräcken verlassen,
Fanden ihre blassen
Hände sich …
Morgen weinten Clo und Gynn,
Und sie flohen, Tauben im Winde,
Bis zur seligen Insel hin.

Und ihr nachtschwarzes Tanzgewand
Flatterte mit der Nacht über Land,
Dass sie nun standen wie rosa Wolken,
Dass sie Hände hielten wie Möwen,
Dass sie Hüften bauschten wie Wellen,
Dass sie Füsse trugen wie Muscheln,
Dass sie stiegen, morgengross,
Schoss an Schoss.

Ebd. S. 13

Das Gedicht

Anna Achmatowa

( * 11. Juni jul./ 23. Juni 1889 greg. in Bolschoi Fontan bei Odessa; † 5. März 1966 in Domodedowo bei Moskau)

Berufsgeheimnisse. 1. Das Gedicht

2

Was solln mir der Oden endloses Heer,
Der sanfte Klang verschlungener Elegien …
Ich sage: ins Gedicht gehört das Unerhörte,
Nicht wie’s bei den Leuten ist.

Und wüßten Sie, wie ohne jede Scham
Gedichte wachsen, und aus welchem Müll!
Wie durch das Zaunloch gelber Löwenzahn,
Wie Melde und Dill.

Ein ärgerlicher Ruf, frischer Geruch von Teer,
Geheimnisvoller Schimmel an der Wand …
Und unverschämt und zärtlich tönt der Vers,
Ihnen und mir zum Spaß.

  1. Januar 1940

Deutsch von Rainer Kirsch. Aus: Poesiealbum 240. Anna Achmatowa. Berlin: Neues Leben, 1987, S. 27

Fragmentarische Ode

Sappho

(* zwischen 630 und 612 v.u.Z.; † um 570  v.u.Z.)

Aber mir verschlägt’s schon den Atem, wenn ich
flüchtig nur dein Antlitz erblicke. Hilflos
duckt sich dann das Herz in der Brust zusammen
lähmende Schwere

überkommt die Zunge, und gleich beginnen
Fieberschauer unter der Haut zu rieseln.
Vor den Augen wird es wie Nacht, ein Dröhnen
füllt mir die Ohren,

kalter Schweiß bedeckt mich, die Glieder zittern,
bleicher wird die Wange, die Hand wird bleicher
als das Wintergras. Und ich denke sinkend,
dies sei das Ende.

Dennoch läßt sich alles ertragen, wenn nur . . .

Deutsch von Manfred Hausmann, aus: Sappho, LIEDER UND BRUCHSTÜCKE. Übertragen von Manfred Hausmann. [Das Gedicht. Blätter für die Dichtung]. Hamburg: Heinrich Ellermann, o.J. (1948), unpag.

Leichtes Extravagantenlied

Ferdinand Hardekopf

(* 15. Dezember 1876 in Varel; † 26. März 1954 in Zürich)

Wir Gespenster
(Leichtes Extravagantenlied)

Wir haben all unsere Lüste vergessen,
In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen;
Erleuchtete Tore locken uns sehr,
Doch die Angst ist gering — wir brauchen viel mehr.

Als Knaben sind wir ins Theater gegangen,
Nach gelben Actricen ging unser Verlangen;
Nur Herr Kerr geht noch hin, gegen Wunder geimpft,
Der Bürger, der Nietzsche und Strindberg beschimpft.

Für Haeckel-Vergnügungen dankten wir bestens,
Da flohen wir zitternd ins Café des Westens
Zu heiligen Frauen. Es gibt auch Hyänen,
Die scharren nach goldenen Löwenmähnen.

Aus der Welt Dostojewskis sind wir hinterblieben:
Gespenster, die Lautrec und Verzweiflung lieben.
Wir haben nichts mehr, was einst wir besessen,
In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen.

Aus: Ferdinand Hardekopf, Lesestücke (Aktions-Bücher der Aeternisten). Berlin-Wilmersdorf: Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert), 1916, S. 6

Corona

Jun Er
CORONA

The virus sifts country by country.
Tests public trust & civilization,
tests civil spirit & responsibility,
tests dictatorship & democracy,
tests freedom and love.
This poison poised for destruction
should also belong to life.

March 10, 2020
Translated by Martin Winter, March 2020

Jun Er
CORONA

Das Virus siebt Land für Land,
prüft öffentliches Vertrauen, den Grad an Zivilisation,
das allgemeine Niveau, den Sinn für Verantwortung.
Es prüft Diktatur und Demokratie,
prüft Freiheit und Liebe.
Dieses Gift wird ausgelöscht werden
und sollte auch zum Leben gehören.

  1. März 2020
    Übersetzt von Martin Winter im März 2020

《冠状》

君儿

病毒一国一国地过筛子
检验公信力和文明程度
检验公民素质和责任心
检验专制与民主
检验自由与爱
这个注定将被消灭的毒
应该也属于生物

2020.3.10

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Aussicht

Friedrich Hölderlin

(* 20.März 1770 in Lauffen am Neckar; † 7. Juni 1843 in Tübingen)

Aussicht

Der off’ne Tag ist Menschen hell mit Bildern,
Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,
Noch eh‘ des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,
Und Schimmer sanft den Glanz des Tages mildern.
Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,
Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen.
Die prächtige Natur erheitert seine Tage,
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

D. 24. Merz 1871
Mit Unterthänigkeit
Scardanelli.

Dieses Gedicht aus Hölderlins Zeit im Tübinger Turm wurde zuerst in einem Nachruf auf Hölderlin von Friedrich Wilhelm Hackländer in der Kölnischen Zeitung vom 23. Juni 1843 gedruckt. 1870 erschien das Gedicht noch einmal in einem Artikel zu Hölderlins 100. Geburtstag mit einigen textlichen Abweichungen und der Behauptung, es bei einem Besuch im Mai 1843, also in den letzten Lebenswochen des Dichters, erhalten zu haben. 1983 erwarb das Literaturarchiv Marbach die Handschrift, vermutlich Hackländers, mit der Datierung: „Den 12 April 1842 / von Hölderlin, dem Unglüklichen geschrieben“.
In der Stuttgarter Ausgabe Friedrich Beißners lautet die fingierte Datierung Hölderlin-Scardanellis: 24. März 1671, was auf den zweiten Druck von 1870 zurückgeht und erst durch die Handschrift auf 1871 korrigiert wird.

Maria Luise Weißmann

Maria Luise Weißmann

(* 20. August 1899 in Schweinfurt, † 7. November 1929 in München)

Juni 1919

Die dunkle Frühe trägt mich schwer im Schoß,
Sterbend die mich gebar dem blassen Morgen;
Mit Heckenrosen werd ich langsam groß,
Berg muß mir seine blauen Schatten borgen,
Wenn Mittag mich in steiler Glut versehrt.
Zum Abend führt, von müder Last beschwert,
Bachüberwankend scheu das schmale Brett.
Stumm stürzen nachts die weißen Wände ein,
Die schwarzen Wälder schreiten um mein Bett.

Aus: Maria Luise Weißmann, Das frühe Fest. Gedichte. Pasing bei München: Bachmair, 1922, S. 12

Wilhelm Runge

Wilhelm Runge

(13. Juni 1894 Rützen, Schlesien – 22. März 1918 bei Arras, Frankreich)

Meine Augen wollen wandern
alle Wege
deines Leibes
doch schon auf dem Rücken deiner Hand
brechen sie zusammen
überall bist du ganz steil
unzugänglich
schüttelst Spott
übers Zagen meines Fußes
durch die wäldersamtne Haut
deines Blutes grollendes Gewitter
schleppt der Schwüle Zunge
lechzend
alle Vögel zwitschern schluchzend
ins Gefieder
Biene bin ich
all dein Blühen schweigt
und der Stirne offne Hand
ist verschlossen

Aus: Wilhelm Runge. Versensporn 5. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2012. 2. Aufl. 2016, S. 8f

An van Hoddis

Robert Jentzsch

(* 4. November 1890 in Königsberg; † 21. März 1918 in der Schlacht von Cambrai)

An Jacob van Hoddis

Wir lügen Spiel von wortgeblümtem Fühlen.
Und Liebe. Mit kaum wahrgenommnem Beben.
Und wenn die Abendgärten sich beleben,
Wandern wir auch, ein zärtlich Paar, im Kühlen.

Wenn wir zu den verborgnen Lieblings-Plätzen,
Moosbänken, tief im Walde, heimlich wandern,
So glauben wir – wie stolz auf solche Schätze –
Zwar kaum uns selbst, doch beinah schon dem andern.

Wenn sich bei Tisch Hand oder Kniee treffen.
Werden wir rot, wie wirklich im Verlieben.
Doch keines merkt, daß wir einander äffen,
Daß diese zwei sich nur im Schauspiel üben.

Denn wohl ist uns doch einzig im Café,
Wenn wir bei Vermouth, Mocca und den frischen
Pariser Waffeln in der Ecke sitzend,
Die Schweinchen-Verse des van Hoddis lesen.

Aus: Robert Jentzsch. Versensporn 29. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2017, S. 14

Hölderlin 250

Heute vor 250 Jahren wurde Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren. Hier der konstituierte erste Entwurf und die letzte handschriftliche Fassung der Ode „Der Nekar“ nach der Kritischen Textausgabe von Sattler.

Der Nekar.

Wohl manches Land der lebenden Erde möcht’
  Ich sehn, und öfters über die Berg’ enteilt
    Das Herz mir, und die Wünsche wandern
      Über das Meer, zu den Ufern, die mir

Von andern, so ich kenne, die liebsten sind.
  Doch lieb ist in der Ferne kein anders mir,
    Wie jenes, wo
               das trauernde Land der Griechen.

Ach! einmal dort an Suniums Küste möcht’
  Ich landen, deine Säulen Olympion!
    Erfragen, dort, noch eh der Nordsturm
      Hin in den Schutt der Athenertempel

Und ihrer Götterbilder auch dich begräbt,
  Denn lang schon einsam stehst du, o Stolz der Welt,
    Die nicht mehr ist – und o ihr schönen
      Inseln Ioniens, wo die Lüfte

Vom Meere kühl an warme Gestade wehn,
  Wenn unter kräftger Sonne die Traube reift,
    Ach! wo ein goldner Herbst dem armen
      Volk in Gesänge die Seufzer wandelt

               blinkend aus grüner Nacht

  Wenn sein Granatbaum



Zu euch ihr Inseln, wanderte wohl noch einst
  Der heimathlose Sänger denn ach! er muß
    Sein Vaterland


Aus diesem alkäischen Odenentwurf, laut Sattler vermutlich Ende Juni 1799 wohl als Doppelode auf die zwei Flüsse Neckar (wo er geboren wurde) und Main (wo er seine Geliebte Susette Gontard fand und verlor) geplant, entsteht die zehnstrophige Ode „Der Main“, die im „Brittischen Damenkalender 1800“ gedruckt wird. Für einen Abdruck in „Aglaia 1801“ faßt Hölderlin das Gedicht neu, nun wieder unter der Überschrift „Der Nekar“ in neun Strophen. Ich gebe hier nicht die Druckfassung, sondern eine spätere Abschrift mit einigen Abweichungen in Schreibweise und Zeichensetzung.

             Der Nekar.


In deinen Thälern wachte mein Herz mir auf
  Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
    Und all der holden Hügel, die dich
      Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft
  Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Thal,
    Wie Leben aus dem Freudebecher,
      Glänzte die bläuliche Silberwelle.

Der Berge Quellen eilten hinab zu dir,
  Mit ihnen auch mein Herz und du nahmst uns mit,
    Zum stillerhabnen Rhein, zu seinen
      Städten hinunter und lustgen Inseln.

Noch dünkt die Welt mir schön, und das Aug entflieht,
  Verlangend nach den Reizen der Erde mir,
    Zum goldenen Pactol, zu Smirnas
      Ufer, zu Ilions Wald. Auch möcht ich

Bei Sunium oft landen, den stummen Pfad
  Nach deinen Säulen fragen, Olympion!
    Noch eh der Sturmwind und das Alter
      Hin in den Schutt der Athenertempel

Und ihrer Gottesbilder auch dich begräbt,
  Denn lang schon einsam stehst du, o Stolz der Welt,
    Die nicht mehr ist. Und o ihr schönen
      Inseln Ioniens! wo die Meerluft

Die heißen Ufer kühlt und den Lorbeerwald
  Durchsäuselt, wenn die Sonne den Weinstok wärmt,
    Ach! wo ein goldner Herbst dem armen
      Volk in Gesänge die Seufzer wandelt,

Wenn sein Granatbaum reift, wenn aus grüner Nacht
  Die Pomeranze blinkt, und der Mastyxbaum
    Von Harze träuft und Pauk und Cymbel
      Zum labyrintischen Tanze klingen.

Zu euch, ihr Inseln! bringt mich vieleicht, zu euch
  Mein Schuzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn
    Auch da mein Nekar nicht mit seinen
      Lieblichen Wiesen und Uferweiden.

Aus: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hrsg. von D.E. Sattler. Band 4. Darmstadt: Luchterhand, 1985, S. 188-196

Lauffen am Neckar um 1800. Bild: Wikipedia

Expressionismus

Walter Rheiner

(* 18. März 1895 in Köln; † 12. Juni 1925 in Berlin-Charlottenburg)

Expressionismus

Zerhau das Wort, die Form, den Ton. Begriff!
Ob allen Trümmern wogend, Ätherschiff.

Stürz nieder in die Schlucht! Zerbrich den Bau.
Schlepp Brocken an, kristallisch und genau.

Zerspreng den Unsinn! Hau den Knoten durch!
Aus Fetzen bilde trunken Menschen-Burg!

Bedenke nicht das Was und nicht das Wie.
Der Kosmos weiß nicht seine Harmonie.

O Menschgewimmel, Fetzen Fleisch und Blut,
Schutt-Stadt und Pflanz-Gerüst und Lava-Glut!

O Tier-Maschine! Seele breiter Fluß!
Aus Blitzen alle Nahrung kommen muß.

Pan-Teufel-Gott und Dämon-Engel-Tod.
In tieferen Fernen rauschest du, Idiot!

Aus Erde, Wasser, Luft und Feuer spie
dich Menschen übermenschlich Symphonie.

Ja –: Flamme, Geist und Mord und ewiges Licht,
entsteht dein Bild, dein Lied, dein Bau, – Gedicht!

Aus: Walter Rheiner, Ich bin ein Mensch – ich fürchte mich. Vergessene Verse und Prosaversuche. Herausgegeben von Thomas Rietzschel. BrennGlas Verlag Assenheim, 1986, S. 50f

Nichts

Walter Rheiner

(* 18. März 1895 in Köln; † 12. Juni 1925 in Berlin-Charlottenburg)

Nichts

Wenn der Wald vergeht, wenn Sterne entstehen,
wenn ich in Schlaf falle aus bösem Wachsein,
aus verzweifeltem Tag, aus der ewigen Nacht,
die mich zerrt, die mich liebt, die mich beißt und vergiftet,
– in den großen Schlaf, da die Sterne erstehen, –
in die Mutter zurück, in das große Herz: –

dann schreitet mein Engel aus mir hinaus; er schreit
aus mir, aus dem Mutterschoß, da ich bin.
Und er geht und beginnt mit magischen Händen
mein mystisches Werk, tiefe Zauberei …
Und er baut die Welt, ihm entblühen die Wasser;
– er weiß den Gott, und er ist die Tat. –

Doch ich schlafe tief. Ich bin schwer gefangen.
Eisen umdröhnen mich; Mauern hallen.
Ich bin toter Staub, und ein schnöder Wind
zerbläst mich – hui! – Ich bin nichts und nicht!
Ich bin Sehnsucht, Schmerz, der Sterne blödes Kind,
– eine Ahnung nur, ein Traum, ein Gedicht …

Aus: WALTER RHEINER: KOKAIN. Lyrik Prosa Briefe. Mit Illustrationen von Conrad Felixmüller. Herausgegeben von Thomas Rietzschel. Leipzig: Reclam, 1985, S. 159

Spät

Ferdinand Hardekopf

(* 15. Dezember 1876 in Varel; † 26. März 1954 in Zürich)

Spät

Der Mittag ist so karg erhellt.
Ein schwarzer See sinkt in sein Grab.
Dies ist das letzte Licht der Welt,
Das bleichste Glimmen, das es gab.

Aus Sümpfen schwankt Gestrüpp und Baum,
Die Birken-Nerven ästeln weh.
Die Zeit erblaßt, es krankt der Raum.
Es gilbt das Schilf im toten See.

Die Luft strömt grau ins Mündungs-All.
Der Rabe schreit. Der Wald schläft ein.
Mich trennt ein rascher Tränenfall
Vom Ende und der Flammenpein.

Aus: Almanach der Vergessenen. Hrsg. Klaus Schöffling u. Hans J. Schütz. München: Beck, 1985, S. 18.

Kalt

Martin Gumpert

(* 13. November 1897 in Berlin; † 18. April 1955 in New York)

Kalt

Im Mondwasser schwimmen
Auf bleicher Schneefläche
Die Höhlen erregen
Den Glanz aufküssen —
Schärfe wälzt sich
Zwischen die Lippen
Schwarz des Himmels
Kahle Zeugung
Loht das Licht
Der eisigen Städte.
Zwischen Händen
Irrer Führung
In die nackten
Wälder laufen
Wo die Stämme
Sich anheulen
Hingeworfen
Gellend Schlag
Fluchen vergangenem
Rufen kommenden Tag!

Aus: DIE DICHTUNG. HERAUSGEGEBEN DURCH WOLF PRZYGODE. ERSTE FOLGE / ERSTES BUCH
ROLAND-VERLAG / MÜNCHEN 1918, S. 71