Mörike erinnert an Hölderlin (2)

Zum Geburtstag des großen Dichters Eduard Mörike bringe ich hier, auf zwei Tage verteilt, eine „Erinnerung an Friedrich Hölderlin“, die 1863 erstmals veröffentlicht wurde.

Eduard Mörike

Erinnerung an Friedrich Hölderlin (II)

Das zweite hiemit vorzulegende Stück, ungefähr aus der Zeit jenes Porträts, ist an den wackren Tischler Zimmer zu Tübingen gerichtet, in dessen Hause Hölderlin so viele Jahre im Zustande des Irrsinns verbrachte.
Der Dichter suchte diesen Versen, dem Manne zu gefallen, dem sie gewidmet sind, ein möglichst individuelles Gepräge dadurch zu geben, daß einerseits auf dessen landwirtschaftlichen Besitz, die liebevolle Pflege seines Weinbergs, andererseits auf seine Handwerksgeschicklichkeit angespielt wird, und es macht einen komisch-rührenden Eindruck, zu sehen, wie er, der bekanntlich in der altgriechischen Welt lebte und webte, auch diese Aufgabe mit Herbeiziehung des Dädalus, jenes hochberühmten mythischen Künstlers, dem unter anderem die Erfindung der Säge und des Bohrers zugeschrieben wird, in seiner gewohnten, feierlich idealischen Weise behandelt.

An Zimmern

Von einem Menschen sag' ich, wenn der ist gut
Und weise, was bedarf er? Ist irgendeins,
  Das einer Seele gnüget? ist ein Haben, [ist]
    Eine gereifteste Reb' auf Erden

Gewachsen, die ihn nähre? – Der Sinn ist deß'
Also. Ein Freund ist oft die Geliebte, viel
  Die Kunst. O Theurer, dir sag' ich die Wahrheit:
    Dädalus' Geist und des Walds ist deiner.

Aus: Freya. Illustrirte Blätter für die gebildete Welt, Jahrgang 3, Stuttgart 1863, S. 337f.

Textfassung der Frankfurter Hölderlinausgabe (in der Fassung der chronologisch-integralen Edition in Band 20, Frankfurt, Basel: Stroemfeld, 2008, S. 431). Der Herausgeber  interpretiert Mörikes Datierung „etwa 1825“, was etwa die Zeit des Porträts ist, als das Jahr, in dem alle bei Hölderlins Quartiergeber befindlichen Manuskripte abgeholt wurden. Aus inhaltlichen und stilistischen Gründen vermutet Sattler eine frühe Entstehungszeit, etwa 1808/09.

An Zimmern

Von einem Menschen sag ich, wenn der ist gut
  Und weise, was bedarf er? Ist irgend  eins
    Das einer Seele gnüget? ist ein Haben, ist
      Eine gereifteste Reb' auf Erden

Gewachsen, die ihn nähre? Der Sinn ist deß
  Also. Ein Freund ist oft die Geliebte, viel
    Die Kunst. O Theurer, dir sag ich die Wahrheit.
      Dedalus Geist und des Walds ist deiner.

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