Hygiene des Halses und Rachenfest

Für den italienischen Futuristen F.T. Marinetti war der Krieg „Hygiene der Welt“. Die russischen Zukünftler („budetljanin“) buhten ihn aus, als er in Moskau für seine Doktrin werben wollte. Alexej Krutschonych setzte dagegen:

Die Hygiene des Halses*
Mein Backenknochen zittert völlig anders
der Säbel der Atlas klatz –
wenn ich ausschreie:
хыр дыр чулы [xɨr dɨr tʃʲulɨ]
ich dämpfe die Bewegung der Stühle
und die schmatzende
etwa zwanzigmal
unter dem Kuss Matratze!…

* Statt F.T. Marinettis „Krieg als Hygiene der Welt“

Sie erfanden eine neue Sprache: Sa-um (vom Russischen „Jenseits des Verstandes“. Alexej Krutschonych schrieb eine Programmschrift dafür, die 2011 beim Leipziger Verlag Reinecke & Voß erschien. Ein paar Auszüge:

Sa-Uh – der erste Schritt zur universalen Sprache.

Sa-Uh – die Kunst der Zukunft!

Wir sind über die Welt hinausgewachsen, die Sa-Uh/ Sprache ist über uns hinausgewachsen!

Selbst das Kleid, das wird gewechselt und gereinigt, aber eine und dieselbe Sprache haben wir seit 100 Jahren in Gebrauch!

Man muss eine radikale Reinigung der Sprache durchführen!

Man muss sie durch Wortneuheiten und Sa-um verjüngen: Saum ist die Hygiene der Sprache!

Wirklich nur Spinnerei von Avantgardekünstlern? Krutschonych geht in seiner Schrift auf die Sprachbehandlung im Theater ein – und auf den Film. Man muss sich klarmachen, dass der Film zumindest vor Erfindung des Tonfilms eine Art internationale Kunst war. Krutschonych;

Der Film ist international, die Sa-Uh/ Sprache ist ihm ähnlich in ihrer Schnelligkeit und – in den meisten Fällen – in der emotional-internationalen Bedeutung. Hier Auszüge aus einem Dra** von I. Sdanewitsch, die für die russische und die ausländische Filmkunst verwendbar sind. Zum Beispiel die in den Bart brummende Rede, die an Schafsblöken erinnert. (…)

Die sa-umnische Sprache kann einer Handlung mit beliebiger Schnelligkeit folgen! Sie ist natürlich eine kinematographische Sprache. Ein großer Stummer wird nur in der großen Stummensprache sprechen! (Sa-Uh) Der Film siegt!… Er führt ein: Aeroplan, Zug, allmögliche technische Erfindungen und Tricks als handelnde Hauptpersonen. Und wenn der große Stumme spricht, dann wird seine Rede: Lärm der Maschinen, Kreischen und Quietschen des Eisens – natürlich eine sa-umnische sein!

Nicht heute, sondern morgen verlassen die „Leutchen“ die Szenen der Theater, ihren Platz nehmen Dynamo, Tunnels, magnetische Kanäle ein.

** Von Igor Sdanewitsch erfundenes sa-umnisches Drama

Nun das sa-umnische Gedicht des Tages, angewandte „Hygiene des Halses“: man muss es sich natürlich gesprochen vorstellen, oder besser gleich hören – deshalb steht darunter eine Version in phonetischer Umschrift):

Alexej Krutschonych

(Алексе́й Елисе́евич Кручёных; wiss. Transliteration Aleksej Eliseevič Kručënych; * 9. Februar jul./ 21. Februar 1886 greg. in Olywske, Gouvernement Cherson, in der Ukraine; † 17. Juni 1968 in Moskau)

Die Kehle

Горло
рахам
мах – раха
мойла хар
рахам мхе
матоха
трухан – лум
мул
хал

[gɔrlɔ
raxam
max raxa
mɔjla xar
raxam mxʲɛ
matɔxa
truxan lum
mul
xal]

Das Buch erschien 1925 in 2. Auflage. Noch gab es in Sowjetrussland Spielraum für Experimente.

Das Beispiel zeigt auch, dass Sa-um bei aller angestrebten Internationalität (die Kehllaute des Gedichts sind auch für deutsche Hörer wenigstens teilweise hörbar/verständlich) doch im Russischen verankert war. Ein paar teils subjektive Anmerkungen zum Originaltext.

Gorlo russ. Kehle, Gurgel, Hals
rach natürlich dt. Rachen (rachit: russ. Rachitis). Das saumnische Wort scheint im Russischen keine Bedeutung zu haben, man „versteht“ aber teilweise Deklinationsformen eines unbekannten Wortes: racham Dativ Plural, racha Genitiv Singular
mach russ. Schlag, Schwung, Umdrehung, mach racha wäre demnach: „Umdrehung des rach“ (für deutsche Hörer dreht es buchstäblich den Hals um)
mojla: ähnelt dem Wort für Waschen (mojka)
char: Anfang des Wortes charkatj, Spucken, Speien

Es geht nicht um „Entschlüsselung“, sondern um Mithören von Assoziationen. Der Autor selber gibt ja seinen Sa-um-Gedichten als Stütze eine russische Überschrift bzw. Anfangszeile. Auf jeden Fall bilden das russische Wort gorlo und für deutsche Hörer das Wort Rachen einen semantischen Rahmen für das kleine Rachenfest.

Texte aus: Alexej Krutschonych, Phonetik des Theaters. Hrsg. Valeri Scherstjanoi. Leipzig: Reinecke & Voß, 2011

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