AUS EINER LITERATURGESCHICHTE NEUERER DEUTSCHER LYRIK

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Von Christian Morgenstern

… Bald spricht der Dichter vom »wogenden Meere«, bald von »des Firmamentes blauer Wölbung«, bald wieder sieht er »blumengemusterte Wiesen« oder »mondige Teiche«. Wie treffend ist es, wenn er von »des Waldes unzähligen Bäumen« redet, wie richtig empfindet er, wenn er ausruft: »O Liebe, gleichst du nicht des Stromes Welle!« Jetzt ergeht er sich auf der Alpen »schneebedeckten Spitzen«, jetzt ruht er hingelagert, »wo der Salzflut Tränenwoge monoton den Felsen schlägt«, nun jagt er – wenn auch fast nicht mehr zulässig – auf dem »Boot seines Rosses« durch »des Steppengrases flutende Bewegung« dahin, nun sitzt er in »gastlicher Laube« beim ewig jungen Liebesspiel. Oder er deutet symbolistisch auf die unerforschlichen Rätsel des Lebens, des Daseins, indem er die Schwäne in jugendlicher Kühnheit fleischgewordenen Fragezeichen vergleicht, die nur einmal sängen, nämlich wenn sie stürben, oder er schildert die Liebe gar ergötzlich als eine Zwiebel mit vielen Häuten. Wie schön auch, wenn er von der altehrwürdigen Eiche der Poesie redet, in deren Schatten wir alle genießend wandelten, wie ergreifend seine tiefe deutsche Frömmigkeit und sein echter deutscher Patriotismus, wie sie sich in dem Schlußchoral: »O Gott, bleib unserm Deutschland treu / Daß sich die Menschheit weiter freu / An seiner Tiefe, Macht und Kraft, / Kunst, Technik, Wandel, Wissenschaft usw.« offenbaren. Wir erblicken in diesem jungen Dichter, in diesem werdenden Poeten nicht nur eine bloß augenblickliche Blüte des deutschen Dichterwaldes, sondern auch glauben wir, daß er dereinst, nachdem er recht ausgegoren hat, ein Zweig an jenem goldnen Eichbaum der Kunst, des Schönen, des Wahren und des Guten werden wird, unter dessen Schatten wir es uns allen unangefochten wohl sein lassen können werden.

Aus: Christian Morgenstern, Ausgewählte Werke. Hrsg. Klaus Schuhmann. Leipzig: Insel, 1975, 472 (Erstdruck postum 1938)

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