Re: morgenstern

[✺] 
Die Nachtseite der Rezitation. Eine unstumme Korrespondenz von Norbert Gutenberg und Konstantin Ames

Norbert Gutenberg 2020, privat

Konstantin Ames 2019, privat
1 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 02.04.2020, 16:04 Uhr

Die fassung der ichthyohymne auf der signaturenseite geht jedenfalls nur halb: die senkungen kann man vielleicht ploppen, die hebungen kann man aber – als fisch zumindest – nicht pusten. Lutz Görner spricht texte immer noch so wie kinder malbücher kolorieren. lg n

2 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 02.04.2020, 16:46 Uhr

Das ist der Taucher, der pustet. Wenn er den Hai auf sich zu schwimmen sieht. Plopp kommt vom Putzerfisch. Das ist natürlich ahistorisch. Damals gab es ja keine Tauchgeräte, die solche Geräusche ermöglicht hätten. Herr Fische hätte im Skaphander gesteckt. Meine Idee ist, dass der Stummfilm im wahren Wortsinn bildspendend ist. Die Behauptung, dies sei das „tiefste deutsche Gedicht“ würde dem welschen Zivilisationsmedium deutschen Tiefsinn — entgegenploppen. Kintopps kamen in dieser Zeit auch in der Reichshauptsstadt in Mode. Morgenstern wird sie gekannt haben. Die Welt ist alles was der Fall ist, mag sein; ist ein Gedicht alles, was gesprochen wird? Naiv, vorerst, ist auch mein Hinweis auf eine Szene aus der Trickfilmreihe Die Ferien des Herrn Rossi: Der sprechende Hund Gastone und sein Herrchen kommen zu einer Insel der singenden Fische (ab 5:48).

Nach einer Sprechfassung habe ich nie gefragt. Sinnvoll krude erschienen mir Plopp- und Schnappgeräusche. In einem Galgenlied taucht ein „Walfafisch“ (sic) auf, der alles andere auffrisst. Was schwebt Dir vor, ich meine: welche Sprechfassung?

3 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 06.04.2020

ploppen und pusten, das ist ja nun keine sprechfassung, nur eine schallfassung. Die fische sind bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen sprachen, weiß altmeister Brecht. Ich habe deshalb erst einmal eine übersetzung angefertigt, eine lateinische transliteration, die zudem kongenial ist zur Morgensternschen poetologie. Die kann man nun sprechen.

Dak-
tylus
Molossus
Prokeleusmatikus
Molossus
Prokeleusmatikus
Molossus
Prokeleusmatikus
Molossus
Prokeleusmatikus
Molossus
Ana-
päst

4 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 09.04.2020

„Fisches Nachtgesang“ in das System der Metrik einzuordnen hat mich zunächst befremdet. Etwas, das der Verfasser als „Das tiefste deutsche Gedicht“ bezeichnet, ist aber nur vermeintlich eingeigelt. Du hast es übersetzt in einer Weise wie Morgenstern „Das Mondschaf“ übersetzt hat. Parodistisch. Gespielt überheblich. Morgenstern stellt Verbotschilder auf, in der sicheren Annahme, eine Trotzreaktion auszulösen. Etwas sehr Kindliches steckt darin. Das Nietzsche-Motto verweist darauf. Ich fand es immer schade, das CM das Motto nicht fingiert, und dann Nietzsche, untergeschoben hat. Warum nur Männer tillen können sollen, das hat sich mir allerdings nie erschlossen. Es stimmt einfach nicht. Wohl auch so ein Gebot, gegen das angerannt werden soll.. Was Obrigkeitsstaatlichkeit ist, erfahren wir dieser Tage ja wieder hautnah, diese Gewalt hat Morgenstern ins Gedicht aufgenommen, die Ironie der Büronie anheimgestellt. Ich erinnere mich noch sehr genau der ersten Begegnung mit diesem Gedicht. Ich fand alles um mich herum ziemlich dumm, banal, kleinlich. Emotionalität ist natürlich etwas, womit eine Philologie schwer umzugehen weiß. Darf ich erfahren, warum Dir eine Sprechfassung so wichtig war? Ist der Term „visuelle Poesie“ Dir etwa nicht geheuer?

5 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 16.04.2020

Ich habe keine Angst vor visueller Poesie. Ich sehe Gesichter in Fisches Nachtgesang, wenn ich zwei Zeilen zusammenfasse. Und ich liebe die 2 Trichter – Ich komme gleich darauf zurück. Christian Morgenstern ist ein Dichter, der klingt, er hat eine fast Rilke’sche Sprachmusikalität.  Auch in den Nicht-Dada-Avant-La-Lettre-Gedichten, diejenigen, die so offenkundig von unserem Hymnendrescher Friedrich Zarathustra inspiriert sind. Christian Morgensterns Klang merkt man sogar noch im Görner–Getöse. Deswegen frage ich mich immer, ob man aus dem Visuellen auch ein Auditives machen kann.  Bei Fisches Nachtgesang schien mir die Metrik ein Weg, angeregt auch durch Christian Morgensterns germanistische Kommentare zu den Gedichten, geschrieben, damit nicht die Berufsgermanisten denselben Blödsinn später ernst meinen können. Man könnte, gut fischsuppig, das Gedicht auch schlürfen und schmatzen:

–– schlürf ⏝⏝⏝ schmatz

Aber was ich bis jetzt habe, fällt unter ‚Gesang‘. Für ‚Nacht‘ habe ich noch nichts. Nun die Trichter: auch das ein Gedicht, bei dem man das Visuelle sprechen kann (was bei vielen Apollinaire-Sachen nicht geht, die NUR visuell sind). Deine eigene Sprechfassung realisiert einen Teil davon, weil du sehr klar die Zeilen sprichst. Man hört also gut, dass die Zeilen mit immer weniger Silben gefüllt sind. Aber es geht noch mehr. Ernst Pöppel hat herausgefunden, dass Verse (Untersuchungen in 17 verschiedenen Sprachen) 3 sec. dauern. Das ist reine Schalldauer. Mit Auftakt-Einatmung und Fermate am Schluss macht das knapp 5 sec. Bei Zeilen mit vielen Silben ist die Artikulationsgeschwindigkeit hoch; je weniger Silben, umso langsamer artikulieren wir, weil in der Tendenz jede Zeile 3 sec. dauert. Auch bei Dir hat sich die Artikulation verlangsamt. Die Silbenzahlen im Text sind: 8, 8, 5, 4, 3, 2, und nun entweder 2, 2, wenn wir ‚und so‘ / ‚weiter‘ sagen, oder 1, wenn wir ‚us‘ sagen, und <1, wenn wir nur ‚w‘ sagen. Wenn wir jetzt die Artikulationsgeschwindigkeit der beiden achtsilbigen Zeilen beibehalten bei 5,4, 3, 2, 1, <1, dann wird der Trichter, sein  Engerwerden noch hörbarer. Und was hätten Görner und Fröbe gemacht? Zumindest Görner hätte die Wangen nach innen gesaugt, die Lippen nach vorne gestülpt und dabei artikuliert, um auszusehen und zu klingen wie ein Trichter. Und demnächst denke ich nach über die vier Zeilen voller Striche, die 4. Strophe von ‚Des Galgenbruders Gebet und Erhörung‘.

6 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 19.04.2020

Lieber Norbert, danke für Dein closest reading der mute-Fische und des Trichters. Mein Trichter, das muss ich hier endlich mal gestehen, ist vorgetragen mit ständigem Blick auf den Nürnberger Trichter. Kein Scherz. Sonst hätte ich das nicht durchhalten können ohne Lacher. „Die Trichter“ ist ein Warngedicht. Von deutschem Boden darf nie wieder ein Barock ausgehen! (having Neuss in mind). Ein Wort über das wir uns Klarheit verschaffen sollten: Dichter. RM Rilke ist zweifellos einer. Morgenstern aber auch. Morgenstern ist es jedoch nicht um Musik zu tun, auch nicht ums Material. Beide sind Dichter, mein Vorschlag, weil ihre Persönlichkeit nichts anderes zulässt. Rilke ist Lyriker, Morgenstern Poet. Musikalität, meinetwegen Sprachmusikalität, ist kein Paradigma moderner Dichtung. Zu der beide gehören, und die beide mit-ermöglicht haben. Im Mittelpunkt steht nicht ein Verfahren, sondern ein Jemand, der mit seinem ganzen Wesen einsteht, für das, was er da tut: Da ein Sonderling und dort ein Narziss. Beides waren unerwünschte Abweichungen von der Normalität im damaligen Kaiserreich. Devianztoleranz ist ja auch keine Stärke unserer neonormalen Zeit. Wenn Du die Sprachmusikalität Rilkes lobst (geht immer, passt immer, wie frisches Obst, ich mag Konserven auch nicht), frage ich mich, ob es diese Rangordnung wirklich braucht. Will dieser ´Gesang´ Musik sein? Eher nicht. Das ist ein Schritt unter die nietzscheanische Wasseroberfläche der Synästhesie. Und wohl auch eine Vereimerung des Hymnisch-Dithyrambischen. Ich meine nicht irgendeinen Dithyrambus des klügsten Rotzbremsenträgers vor 1900, sondern das schöne Skizzchen, das den Weg in KSA, Bd. 6, S. 290f. gefunden hat, aber leider auch, mit unsichtbarem Riss aus dem Zusammenhang, in hochmögende Anthologien. Nietzsche schreibt über den Venedig-Komplex der Deutschen in einer Form des synästhetischen Realismus, die der deutlich empfundenen (und auch so artikulierten) kulturellen Minderwertigkeit das einzige entgegenzusetzen im Stande ist, was ein philosophierender Schriftsteller aufzubieten vermag: Stil. Nietzsche ist nie Dichter gewesen, auch kein Dichterphilosoph, sondern der geschickteste Arrangeur von allem, was er in die Finger gekriegt hat. Poetische Einbildungskraft: Null. Gefühl: taub. Impulsgeber müssen aber so sein. Nietzsche ist Typ Ausbilder. Von Schülern stets zu überflügeln. Nunja. Und Schriftsteller stehen nur im dt. Kulturraum unter Dichtern. Wie Rilke und Morgenstern welche sind. Die beide nicht die kulturkritische Wucht entfalten konnten wie Friedrich Wilhelm von Naumburg, Denker. (Ranking is m.E. für die Fisch. Bringt nur Nietzscheanern was. Warum es Nietzscheanerinnen gibt, habe ich nie verstanden. Mit Nietzsche ist ja kein Staat zu machen, der nicht gileadistisch wäre. Das aber nur am Rande.) Wichtig sind für mich — als ausübenden Dichter (i.e. Nichtphilosoph) — Anknüpfungspunkte, saubere Knoten für ein sauberes Netz von Verweisen. Das zu fertigen vermochte Morgenstern, Rilke auch. Angewendet auf den Motivkreis ´Nacht´, der titelgebend ist für Fisches Gesang, könnte das bedeuten: Es handelt sich um eine performative Variante von Nietzsche Venedig-Skizze. Ein Gedicht kann niemals tiefsinnig sein. Dichtung und Philosophie sind zweierlei. Eben das zeigt (!) uns Morgenstern, das sich selbst daraus „An der Brücke stand/ jüngst ich in brauner Nacht./ Fernher kam Gesang:“ etwas machen lässt, das deutsch ist, ohne bieder zu sein. Vielleicht der einzige Sieg der Poesie über das Leben und seine Weisheitswäscherei.

Fisches Nachgesang ist eine gutgemeinte, v.a. obendrein gutgemachte Rettung dieses völlig überschätzten Dialektgedichts von Nietzsche. Wie sehr er gesächselt haben muss, lässt sich aus o.g. Zeilen erahnen … Mensch schreibt sich aber nunmal nicht mit ´Ü´. Schreib mir bitte noch etwas zum Unterschied zwischen Fröbe und Görner. Beide sind doch Schauspieler … warum kann der eine rezitieren, der andere nicht? Aus einer der Wohnungen hier in der Düttmannsiedlung blubbert selbstübte Hammondorgelmusik, gar nicht übel, es ist Sonntag, sonst wäre ich schon längst fertig, verzeih. Herzlich grüßt Konstantin

7 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 28.04.2020
Der isländische Dichter Elías Knörr als sein eigener Text, anlässlich der Performance sunnudögum fækkar með sérhverri messu

Der Unterschied zwischen Görner und Fröbe ist nicht, dass der eine rezitheatert und der andere rezitiert. Nein, beide mimen. Nur ist Fröbe der um Klassen bessere Schauspieler. Die ‚Schnecken‘-Performance ist keine Rezitation, sie ist ein Mini-Mimo-dram, aber Fröbe ist nicht hohl wie Görner, der nur ‚tönt‘, er hat einen sympathischen Humor, aber er spricht nicht den Text, er mimt die Schnecke. Ich sagte ja, über den Gesang des Fisches wissen wir nun einiges, aber nichts über die Nacht dieses Gesangs. Mit Nietzsches ‚brauner Nacht‘ hat es nichts zu tun (ich wusste es doch, Nietzsches Nacht war auch schon braun!), des Fisches Gesang kommt nicht ‚‘fernher‘,  sondern von unten: ‚das tiefste deutsche Gedicht‘, mindestens bodenseetief,  und vielleicht muss man es auf 60 Hertz sprechen, beim großen D. Ja, aber nun weiß ich immer noch nichts über ‚Fisches Nacht‘! Aber vielleicht kommen wir der Sache, der Anmerkung zum Gedicht „Das Hemmed“ folgend, über den „Galgen“ näher. Aber nicht jetzt! Des Galgenbruders Gebet und Erhörung Zunächst muss man entscheiden, wie das ‚laute Grübeln‘ der Unke, der Kröte klingt, die ja im Röhricht ‚singt‘. Ein Bastard aus Singen und Grübeln macht einen Schall, den man als Quarren bezeichnen kann, ein Bastard aus Quaken und Knarren, in der ersten Zeile der zweiten Strophe in 4 Spondeen gruppiert. Die 4. Strophe nun zeigt den Versuch der abgemahnten Unke, der Kröte, das Quarren zu unterdrücken, ein Quarren con sordino, ihr Breitmaul geschlossen, Luft und Schall durch die Nase entweichend, ein abgedumpftes nasales Grunzen,  keine Spondeen mehr, aber ilf Unterdrückungsversuche pro Zeile, geradezu alexandrinisch, aber nutzlos, weil immer noch hörbar. Und so erscheint er dann doch, der Silbergaul, im Trab, nicht im Schritt, nicht im Galopp, nein, ein Traber – etwas, was Lutz Görner sicher versuchen würde mit Kokosnussschalen hörbar zu machen. (Dabei trabt er doch im Röhricht, man sieht ihn, man ihn hört nicht.) lg n

8 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 30.04.2020

Lyrisches Ich (ick), lieber Norbert, hat einen beamtenmäßigen Tonfall zu verantworten, den möchte ich (k) gern etwas rausbeamen aus dem preuß’schen Knick. Was ich Dir begefügt schicke, ist ein von mir sogenanntes Elegiemaschinchen, das ich kurzerhand umgewidmet habe. Es soll(te) Teil des kommenden Poesiebuchs werden. Das wäre komplett uneinschlägig, wenn es nicht in unmittelbarem Zusammenhang einer wiederholten Galgenliederlektüre (auch laut und sehr laut) entstanden wäre. Es funktioniert wie ein Emblem, bloß ohne Überschrift, es ist ein beschädigte Emblem. In einem sehr fundamentalen Sinn pariere ich derart den Privatismusvorwurf gegen die deutschdidaktischen Werfer. Es wäre auch ein Weitertreiben des Morgensternismus, wenn es sowas gäbe … Das ist ein 3-D-Gedicht, eigentlich 4-D-Gedicht, denn der Faktor Zeit spielt ja auch eine Rolle. Trivia: Die Aufnahme ist im ehem. Elternhaus entstanden. Lässt sich lesen, also lässt es sich auch vorlesen, demnach auch rezitieren. Muss eine Rezitation auswendig erfolgen, oder gar vom Blatt? Jetzt schnappe ich wieder nach den Fischen.

9 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 05.05.2020

So manches „Hemmed“ führt uns in die Irre, so auch dieses. Die Anmerkung dazu ist eine einzige Lüge. Ich habe alle Galgen inspiziert, nirgendwo hing ein Fisch. Jeremias Müller ist auch der Meinung, „Fisches Nachtgesang“ sei unhörbar: der siebte der acht jungen Männer, die sich zu sonderbaren Kulten die Hand reichten, ist „Stummer Hannes“ – „der sang Fisches Nachtgesang“ – also nicht! Wie kommt also die Nacht in des Fisches Gesang? Wir brauchen dazu eine akustische „Tagnachtlampe“. Wir finden sie im „Fest des Wüstlings“ – „(zu flüstern)“ heißt es dort. Hier haben wir die Frage: “was flüstert sacht?“ und auch die Antwort: „Fisches Nachtgesang“.

10 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 08.05.202

Wer „Wochenchronik“ auf „Honig“ reimt, schert sich nicht um Standards. Irgendwelcher Art. Und der Stumme Hannes singt natürlich (s. unten) nicht, und der Fische Gesang ist sicher ein Gesank. Hier glaubt jemand, der sich frecherweise zu einem Hausgott gemausert hat, die Behauptung aufzustellen, einen nicht-unterschreitbaren Kalauer zusammengestellt zu haben. Das unterschlägt die Tatsache einer stets drohenden Rezensionsrezession. Dem vorzubeugen ist die Müllerjeremiade da. Das Epigramm „Die zwei Esel“ ist, da bin ich sicher, eine grimmige Satire auf die damals dümmsten anzunehmenden Kritikaster. Fisches Nachtgesang ist eines der künstlichen Paradiese. Sei es durch Erziehung, sei es durch wasauchimmer, litt Christian Morgenstern am Morbus Tiefstapel („Bierulk“, „Studentenscherz“ sind rhetorisierende Beigaben zu den „Galgenliedern“ und zum „Horatius Travestitus“); er litt aber umso mehr daran, dass viele Zunftgenossen nachgerade am genauen Gegenteil … wahrscheinlich nicht – litten. Als Nietzschezitierender (Nachtrag zu Deinem Vorschlaghammer: In Venedigs Gassen waren die Nächste lange vor 1922 schon braun) hätte es der Galgenpoet doch wissen müssen, dass wer sich selbst erniedrigt erhöht werden möchte. Falsche Bescheidenheit ist doch die schlimmste Form der Arroganz; Nietzschi hin, Nietzschi her. Zum Glück wird in den Galgenliedern auch mächtig aufgetrumpft, im Bundeslied der Hangmen-Connection von 1905 heißt es: „O greul, o greul, o ganz abscheul,/ hörst du den Huf der Silbergäul?/ Es der Kauz: pardauz! Pardauz!/ Nu halt die Schnauz, nu halt die Schnauz!“ – Nach langer Zeit übrigens wieder Henri Bergsons Abhandlung übers Lachen vors Gehirn gelegt. Wir lachen, so Bergson, wenn ein Automatismus auf etwas Quirliges trifft. Wir tun das als Kinder ganz natürlicher Weise, vergessen aber mehr und mehr, das darüber, über diese Karambolage von Planifikation und wucherndem Chaos, zu lachen sei. Und sterben dann daran. Wir lachen, wenn wir es denn noch vermögen, bei der Lektüre der „Galgenlieder“ über Christian Morgensterns Todesartenprojekt. Fisches Nachtgesang ist eine Nänie auf sich, zu Lebzeiten, ein Abschiedsgedicht, ein Gruselgedicht: ein, vielleicht waren da Piranhas, skelettiertes Gedicht. Na, wenn das nicht mal sympathisch-unbescheiden ist! Er ist ganz bei den Fischen. Demnach sprichwörtlich tot. Ein anderes dieser höchstpersönlichen, d.h. lyrischesichlosen Texte, d.h. „Poesien“ (Jerry Müller verwendet diese mögliche, aber recht ungewöhnliche Pluralbildung) ist „Die Luft“ („war einst dem Sterben nah“); Morgenstern war Santoriumstourist, Lungenleidender. Die Grau(ens)stufen des Lebendigtotseins zu betrachten, auch zu ertragen, das macht für mich den kruden Spaß aus; ich habe nie verstanden, wie man sich entblöden kann, diese Dämmerstunden des Verstandes allen Ernstes als Unsinnspoesie zu klassifizieren. Um eine Klammer zu versuchen: „Fisches Nachtgesang“ kann auf alle möglichen Weisen zelebriert werden, so man sich der Tatsache bewusst ist, ein sehr totes Gedicht vor sich liegen zu haben, also etwas unhintergehbares, ein abgefucktes Unikat, an dem ruhig weiter geknabbert werden kann. Aber zynisch ist das schon … Das hat ein Dichter nun von der vielbeschworenen Authentizität, die allein uns von den Neunaturalisten und den übrigen bigotten Neoisten (innen) trennt.

11 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 18.05.2020

Lieber Konstantin Wie wärs, wenn wir uns als nächstes mit dem 12/11 befassen? lg n

12 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 22.05.2020

Lieber Norbert, in den abweisenden Anweisungen (zit. Nach: C.M., Sämtliche Galgenlieder, Manesse 1985, S. 402f.) wird ein „Professor Nikisch“ erwähnt, es ist eine nächtliche Predigt, die Nachtseite der Rhetorik. Von der M. Keine hohe Meinung hat. Die Selbstexegese der kühnen Metapher Teich-mit-geöffnetem-Mund wird explizit auf die dispositio („Institution der Konsequenz“) bezogen, der ein obskur bleibendes weibliches Prinzip („die Frauen“) und namentlich „die Dichter“ entgegensetzt werden; beides, so die Behauptung, seien Antagonismen. Die Poesie wird damit personifiziert, und analog zur Dame Rhetorik aufgeboten. Das Formzitat ist die Elegie; der Ton ist nicht threnetisch; es ist vielmehr, die Form, die mystifiziert und wird, die als beständige Metamorphose beschrieben. Zum Begriff des Wanderstrumpfs findet sich der Eintrag „Also vielleicht ein weibliches Wesen“, gemeint ist, soweit ich sehe, der „Schwarzelf oder -elb“. Morgenstern hat in hellsichtiger Weise die Vereinnahmungsversuche einer mystifizierenden Pseudo-Germanistik vorausgeahnt, und dieses Dunkelmännertum als das gebrandtmarkt, was es im Grunde ist: neckisch, und der bildungsphiliströse Kritikaster, der neckisch redet, hört auf den Namen Nikisch. Ist harmlos gegenüber jeder Kunst, die nicht Erbauung zum Ziel hat, also nicht Religion ist, oder eine Tarnform davon: Kunstreligion. Der Zwölf-Elf Er verspottet die Mystifizierer und Priester. Besonders reizvoll ist der Zwölf-Elf für mich aufgrund der Thematisierung des wirkungsvollen Vortrags von Dichtung, das Ganze folgt der These: Poesie ist nicht Rhetorik. Und es gibt keine Fortschritte, keine Beschulungsmöglichkeiten für Dichter, nur Zyklen und Glück bzw. Schicksal. Ein anderer Sohn Münchens und eines NS-Rasseforschers hat das auf die nicht weiter zu versimpelnde Allerweltsformel gebracht: „Dichten lässt sich nicht unterrichten!“ – Klar, wer holt sich auch die Konkurrenz ins eigene Haus … Du kennst „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“? Vom Zwölf-Elf sind da gerade noch übrig die „drei lustigen Zwei“ … Helge Schneider tut derzeit übrigens das einzig Schräge: Er tritt nicht mehr auf, weder live noch vermittelt, bis die Maßnahmen eingestellt werden, die eine erhöhte Regierbarkeit der Schutzbefohlenen herbeiführen sollen. Die Staatsdichter*innen tun ja gerade alles, um die Verunmöglichung von Live, und das damit verbundene Skandalon, zu vertuschen: „Und wieder schläft das ganze Land“ – es klingt wie eine Prophetie aus dem Jahre 19dunnemals aufs dichterisch planierte Heute. Mein Zwölf-Elf-Fazit: Für Dichterinnen und Dichter gilt Anwesenheits- und Auskunftspflicht. Der Rest ist Lyriktelefon. Nicht zu verwechseln mit Deinem und des Kollegen Tänzer „Poesietelefon“ … Es sind, es gibt auch Klischee-Zombies, wieder die Schauspieler, die „rezitheatern“ (Dein Term) und diesmal wird man angerufen.

13 / Konstantin Ames an Norbert Gutenberg, 05.06.2020

Hast Du Meyer-Kalkus´ „Geschichte der literarischen Vortragskunst. Von der Antike bis heute“ zur Kenntnis genommen? Meyer-Kalkus geht auch auf den Anteil der Sprecherziehung ein, u.a. auf Weithase. Auf unser Steckenpferdchen geschnallt, wäre die Frage: Ist Morgensterns Nachtgesang nicht tatsächlich eine derbe Persiflage auf Klopstocks Didaxe-Pedanterie? Etwas in diese Richtung ging ja Deine „Auflösung“. Und Klopstock war Säulenheiliger von Dichterking George, und d e n hatte Morgenstern ganz sicher im Visier …

14 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 09.06.2020

Hier meine nächste Anmerkung. Dein Hinweis auf Klopstock ist nicht nur für den ‚Nachtgesang‘ ein weiterer Aufschluss. Er ist auch für 12/11 interessant. Ich kenne Meyer-Kalkus’ Buch und schätze es auch. Aber bei einem Satz wie: „Wie mag eine so konzipierte rhythmische Deklamation wohl geklungen haben?“ weiß ich: er hat keine Ahnung! Ich könnte sie ihm vorsprechen. Aber er glaubt, das konnte nur Klopstock. Der 12/11 – Morgensterns graeco-latinische Übersetzung ist allerdings verkehrt rum: der 11/12 – hat etwas hymnisches, etwas odisches, etwas klopstockisches. Da ist ein absoluter Gleichschritt von v – v – v – v – in allen Zeilen, vierhebige Jamben, ein beschnittener Blankvers. Nicht ganz regelmäßig wechseln die Strophen: 1, 2, 3, 4, 6, 7, 11, 12 haben Zeilen, die Sätze sind, davon ist nur in 4 die zweite Zeile ein Satzäquivalent; in 5, 8, 9, 10 sind die Zeilen jeweils ein Syntagma, die Strophe bildet einen Satz. Als Sinnschritte kann man alle Zeilen sprechen, bei den Syntagmen-Zeilen spricht man schwebende Kadenz, bei den Satzzeilen fallende. Jede Strophe ist ein Ausspruch. Wegen der immer gleichen Silbenzahl ist das Tempo immer gleich. Die Betonungsstruktur ist interessant. Ich gebe Dir in der nächsten Mail eine Sprechpartitur. Und denke über Klangfarben, Lautstärken und Lautung nach, und über ‚Kra‘! lg n

15 / Norbert Gutenberg an Konstantin Ames, 15.06.2020

Hier also die Sprechpartitur. Die fettgedruckten Silben sind die Sinnakzente. Wir können über jeden einzelnen Akzent diskutieren, wenn sie nicht evident sind. Ich habe Gründe! Heine lässt im ‘Wintermärchen’ die Göttin Hammonia über Klopstock sagen:

… in früherer Zeit war mir am meisten teuer der Sänger, der den Messias besang auf seiner frommen Leier.

Dort auf der Kommode steht noch jetzt die Büste von meinem Klopstock jedoch seit Jahren dient sie mir nur noch als Haubenkopfstock.

Das temporale Gleichmaß des 12/11 hat schon etwas liturgisches. Es ist eine Parodie auf alle frommen Leiern, ob die von Klopstock oder die von Zarathustra. Und so dürfte auch die Lautstärke nur wenig variieren, in der Tendenz eher leise bleiben; der Klang aber muss hohl sein, denn ein Haubenkopfstock ist niemals massiv. Man darf beim Mitternachtsschlag an ‘Bim, Bam, Bum’ denken (nehmen wir uns den als nächstes vor?). Die Reflexion über ‘Kra’ kommt später. Ich konnte mich noch nicht überwinden mir das 12/11-Rezitheater anzutun!

[nach oben]

Zurück zum Menü – L&Poe Journal #1

One Comment on “Re: morgenstern

  1. Pingback: L&Poe Journal 1 (2021) – Lyrikzeitung & Poetry News

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: