Ein Strauß Epigramme

[✺] 
Von Christian Morgenstern

Quelle: CHRISTIAN MORGENSTERN: EPIGRAMME UND SPRÜCHE. PIPER & CO. VERLAG MÜNCHEN 1922

DER SPARSAME DICHTER

»Willst du nicht Artikel schreiben?« –
Laßt’s beim Epigramme bleiben.
Kann ich’s euch in zehn Zeilen sagen,
was euch verwundert,
warum euch Honorar abjagen
für hundert.

Ich kann’s, ich kann’s nicht mehr ertragen,
dies artige geleckte Sagen, dies kluge Reden, süße Blicken –
dies Lachen, Rufen, Köpfenicken.
Dies Wörter- und Gedankenschniegeln,
dies eitle Sich-im-Nachbar-Spiegeln,
dies ganze falsche hohle Treiben
Nein, laßt uns bei uns selber bleiben.

NEO-BERLIN

Welche Kunstsiegesalleen
Welches Neulandgebuddel!
Ein blendendes Phänomen:
Dies Berliner Kulturkuddelmuddel.

DIE ÄSTHETISCHEN

Ihr preist die Kraft und schmäht doch jede Tat,
ihr weder Fisch noch Fleisch, ihr – Kopf-Salat!

L’art pour l’art, das heißt so viel:
Wir haben nur noch Kraft zum Spiel.

»WORTKUNST«

Gestattet, daß ich Eurer »Wortkunst« lache.
Was »Wortkunst«! Dichtung ist des Dichters Sache.

WIR LYRIKER

Warum wir immer noch Verse schreiben?
Um unbekannt und ungestört zu bleiben.

DER MITTELMÄSSIGE ÜBERSETZER RECHTFERTIGT SICH

Wähle saure Mienen
draußen oder daheim.
Du kannst nur einem Herrn dienen,
dem Original oder dem Reim.

»So heb’s in eine dritte Sphäre!«
Als ob’s dann noch das Alte wäre.

Laßt alle Überschätzungen.
So spricht der Gerechte:
Es gibt nur schlechte Übersetzungen
und weniger schlechte.

Vor allem sind die Klassiker
mit Anmerkungen zu versehn
und Zahlen an den Zeilen,
dann wirst du sie erst verstehn.
Doch daß sie sich ganz erschließen,
so helfe dir ferner fort
ein fachmännisch-gründlich Vor-, Bei-,
Zu-, Mittel- und Hinterwort.

DICHTERBEKANNTSCHAFT

Zu Haus in meiner Träume Welt,
wie hab ich ihn mir
vorgestellt!
`Doch ach, wie ganz betrog ich mich:
Der Esel sieht ja aus wie ich.‘

AD ,GALGENLIEDER‘ USW.

Ich habe die Welt zu Flugsand zerdacht,
doch konnt ich das Kind in mir nicht töten,
so hab ich es endlich kaum weiter gebracht
als zum Schnitzen von Weidenflöten.

Der Kunst Geheimnis hältst du bald am Kragen:
Hab was zu sagen und du wirst es sagen.

DER CAFÉ-LITERAT

Täglich sitzt er im Café
unter ZeitungspfafFen.
Glaubt ihr, dieser Mann wird je
etwas Großes schaffen?

AN NIETZSCHE

Mag die Torheit durch dich fallen,
mir, mir warst du Brot und Wein,
und was mir, das wirst du allen
meinesgleichen sein.

NIETZSCHE AN DIE ZEIT

O Zeit, o Zeit, o Zeit, die sich und mich verliert.
Die mich, den Sturm, nicht spürt, nur mich, den Wurm, seciert.

AN TOLSTOI

Totengräber wärst du gerne
aller westlichen Kulturen;
doch wir wandern andre Spuren,
haben unsre eignen Sterne.

Und indem dein blind Verfemen
uns verstößt und unsre Ahnen,
ist die Größe des Germanen
dich in sich — mit aufzunehmen.

H. B.

Kleinstädter des Geistes,
Typus `Überhinz´;
viel Erruhtes und Erreistes
und doch bloß Provinz.

AN DOSTOJEWSKI

Das Unerhörte lockte mich von je
und darum bist du mir so wert vor allen.
Dich läßt nicht ruhn der Erde tiefes Weh,
du mußt aus Schmerzgewölk gewaltig fallen.

An dir soll man sich nähren hier und dort,
an dir des Herzens Unruh wieder lernen.
Du Glut aus Steppenbrand und Gottessternen,
nicht Künder bloß, du selbst ein neues Wort.

IM BOZENER BATZENHÄUSEL
OTTO ERICH HARTLEBENS GEDENKEND

Heute tret ich diese Schwelle,
die du gestern überschritten.
Morgen wird ein Dritter kommen,
und ein Vierter folgt dem Dritten,

Jeder, der vorangegangen,
wird Vergangenheit dem andern
und doch ist mir oft, als säh ich —
immerdar — DEN SELBEN wandern…

AN CHRISTIAN GÜNTHER

Ich suchte oft nach einem deutschen Buche
mit kleinen Liedern, das ich lieben könnte,
so recht von Herzen lieben, und nun gönnte
das Leben mir, daß ich nicht fürder suche.

EINER DICHTERIN

Das Blut des Tieres,
von dem du issest:
nun spricht aus dir es
und du vergissest
des Geistes Flügel,
die in dir schlafen
und dünkst am Hügel
dich schon im Hafen.

MEINEM FREUNDE FRIEDRICH KAYSSLER

Als Haß mir nach der Wurzel schlug,
warst du bei mir, das war genug,
hast mir zu deinem Leben
das meine neu gegeben.

Zehn Jahre zusammen!
Es löst sich der Dunst.
Auf schlagen die Flammen
unserer Kunst.

Ihr andern werdet sichrer immerdar.
Ich werde fragender von Jahr zu Jahr.

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