Palmström. Ein symbolistischer Sonderling

[✺] 
Von Kristin Bischof

Die Figur ,Palmströmʼ bildet den Haltepunkt im gleichnamigen Gedichtband, der aufgrund der Editionslage als Ganzes schwer greifbar ist. Morgenstern überarbeitete ihn nach der Erstveröffentlichung 1910 mehrfach hinsichtlich „Gedichtbestand und Reihenfolge“ [1] und auch postum wurden Änderungen vorgenommen. Aus dem Briefwechsel mit seinem Verleger und Freund Bruno Cassirer geht hervor, wie Morgenstern bereits vor der Veröffentlichung des Bands plant, längerfristig an Palmström-Gedichten zu arbeiten: „Mit Palmström und Korf habe ich, wie Sie bemerken werden, ein neues Feld gefunden, das ich noch viel und oft anzubaun gedenke.“ [2] Dass es sich eher um ein „Feld“ als um einen geschlossen konzipierten Band handelt, entspricht dem Gegenstand – in den Palmström-Gedichten setzt sich Morgenstern mit dem Zeitgeist auseinander: Konzepte der Lebensphilosophie und die Ding-Gedichte Rilkes werden aufgegriffen, die Ollendorffsche Sprachlernmethode wie auch die für die Klassische Moderne prägende Sprachskepsis, die Großstadt mit ihren Warenhäusern und dem zunehmenden Straßenverkehr. Morgenstern geht dem Zeitgeist als Grundgedanken seines Bands nach, indem er Ergänzungen und Änderungen vornimmt: Durch die überarbeiteten Auflagen bleibt Palmström aktuell. Der Nachvollzug der einzelnen Bearbeitungsstufen würde zu einem besseren Verständnis des Gedichtbands führen. Eine historisch-kritische Ausgabe von Morgensterns Werk liegt jedoch noch nicht vor.


[1] Eine Skizze dieser Gemengelage findet sich in: Christian Morgenstern, Sämtliche Galgenlieder. Mit einem Nachwort von Leonard Forster und einer editorischen Notiz von Jens Jessen, Zürich 1985, S. 527-530, hier S. 527.

[2] Brief an Bruno Cassirer vom 13. Januar 1910, in: Christian Morgenstern, Gesammelte Werke in vier Bänden, Band IV: Briefe, Essays, hg. von Clemens Heselhaus, München 1979, S. 181.


Palmström wurde als Figur bereits 1908 in Der Gingganz und Verwandtes eingeführt. Ehrfürchtig hält er beim Anblick eines romantischen Bilds auf einem Taschentuch inne und wagt nicht, es als Gebrauchsgegenstand zu benutzen. [3] Und gerade dieser naive Genuss der Künste, der Wissenschaft und der Sprache bestimmt ihn auch im Band Palmström. Morgenstern knüpft mit seiner Figur an den historischen Sonderling an, der seine Perspektive einer äußeren Wirklichkeit entgegenstellt und dadurch seine Umwelt irritiert oder auch amüsiert. [4] In den Gedichten übernimmt die absurde Übersteigerung die Rolle der Gesellschaft, die den Sonderling belächelt. Anders als der historische Sonderling, der seinen Höhepunkt in den Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts erlebte [5], gründet Palmström im Zeitgeist seiner Epoche: Der klassisch moderne Sonderling ist geprägt vom Symbolismus, vom Streben nach einem Gedankenraum, in dem sich eigene Wörter und Gesetze ausbilden. [6]


[3] Palmström, in: Morgenstern 1985, S. 80.
[4] Zum historischen Sonderling siehe Herman Meyer, Der Sonderling in der deutschen Dichtung, München 1963.
[5] Meyer 1963, S. 20.
[6] Victor Klemperer hat Morgensterns Beziehung zum Symbolismus untersucht. Der Studie von 1928 liegt eine fragwürdige Vorstellung vom Symbolismus zugrunde, aber Klemperer erkennt die Komplexität der Beziehung. Siehe Victor Klemperer, Christian Morgenstern und der Symbolismus, in: Zeitschrift für Deutschkunde, 41, 1928, S. 39-55 und 124-136. Zum Symbolismus siehe Paul Hoffmann, Symbolismus, München 1987 und Kristin Bischof, Der Gedankengang der Aufzeichnungen. Lektüre mit Wissenschaftsgeschichte von Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Göttingen 2020, S. 126-144.


Im ersten Gedicht des Bands reist Palmström in ein Böhmisches Dorf [7], in dem ihm selbstverständlich alles „[u]nverständlich“ (V. 4) bleibt. Nun reist er aber nicht allein. Durch den Reim auf „Dorf“ (V. 3) wird sein Freund Herr v. Korf zum Leben erweckt, der aber ebenfalls nichts versteht. „Doch just dieses macht ihn blaß vor Glück. / Tiefentzückt kehrt unser Freund zurück.“ (V. 8f.) Das „ihn“ im achten Vers lässt sich syntaktisch sowohl auf Palmström als auch Herrn v. Korf beziehen und führt zur gemeinsamen Freude am Unverständnis. „Und er [Palmström] schreibt in seine Wochenchronik: / Wieder ein Erlebnis, voll von Honig!“ (V. 10f.) Mit dem Wort „Erlebnis“ zieht Morgenstern die Lebensphilosophie hinzu. Verstehen entsteht nach Dilthey, wenn neu Erlebtes in den Kontext des Bekannten eingegliedert wird. [8] Palmström nimmt nun eine Eingliederung des Unverständlichen gegenständlich vor, wenn er die Reise in der Wochenchronik notiert. Und gerade weil Palmström die Sprache als Erkenntnisinstrument ernst nimmt, endet er im Unverständnis und es eröffnet sich ihm eine eigene Welt. Morgenstern zeichnet Mauthners Sprachskepsis nach: Die Absage an die Sprache als ein Werkzeug der Erkenntnis und das Hervorheben ihres Potentials in der Dichtung – für Palmström eine Götternahrung („Honig“). [9]


[7] Das Böhmische Dorf, in: Morgenstern 1985, S. 103.
[8] Siehe zu Dilthey z.B. Tom Kindt, Wilhelm Dilthey (1833-1911), in: Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Porträts, hg. von Christoph König, Hans-Harald Müller und Werner Röcke, Berlin, New York 2000, S. 53-68.
[9] Morgenstern befasste sich von 1906 an mit Fritz Mauthners Sprachskepsis, siehe hierzu zum Beispiel Clemens Heselhaus, Palmström, der andere Morgenstern, in: Morgenstern 1979, S. 249-256, hier S. 253. Siehe auch Jacques Le Rider, Christian Morgenstern: de la critique du langage au jeu avec les mots, in: ders., Fritz Mauthner. Scepticisme linguistique et modernité. Une biographie intellectuelle, Paris 2012, S. 344-350.


Eben dieses Mittel, um Absurdität zu erzeugen, aber auch eine eigene Sprachwelt zu eröffnen, wendet Rilke in seinem ebenfalls 1910 erschienenen Prosabuch Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge an. [10] Maltes Nachbar Nikolaj Kusmitsch folgt dem Sprichwort ,Zeit ist Geldʼ und versucht Zeit zu sparen. Er konzentriert sich auf die einzelnen Zeiteinheiten und muss feststellen: „Wie lange hat man an so einem Jahr. Aber da, dieses infame Kleingeld, das geht hin, man weiß nicht wie.“ [11] Bis er begreift, dass eine Verwechslung von Zeit und Geld vorliegt und er die wirkliche Zeit einziehen lässt – die jedoch versetzt im Gewand des Winds alles in Bewegung. Kusmitsch rettet sich in sein Bett, wo er Gedichte zitiert, „dann war gewissermaßen etwas Stabiles da“. [12] Malte geht es wie Kusmitsch: An die Stelle des Zitierens tritt bei ihm jedoch das Neuschreiben. Er eignet sich das Äußere, ihm bedrohlich Erscheinende an, indem er es in die eigene poetische Welt integriert. Auch wenn Kusmitsch, anders als Palmström, das wörtlich genommene Sprichwort als Irrtum bezeichnet, kehrt er von dort nicht zurück in die Welt der gesellschaftlichen Verabredungen, sondern verleiht der Zeit ein eigenes Bild – trotz der Bedrohung, die für ihn von diesem Neuen, nicht Absehbaren ausgeht. Dieser Prozess der Ausbildung eines eigenen Referenzsystems bildet die Grundlage der Aufzeichnungen und macht Malte zu einem symbolistischen Dichter. Er eignet sich im Laufe des Prosabuchs Paris, das soziale Elend in der Großstadt, historische Ereignisse, Dichtung und selbst Goethe und Sappho an. [13] Kusmitsch, Maltes Nachbar, ist wie Palmström ein symbolistischer Sonderling. Im Vergleich zu ihrem historischen Pendant geht es ihnen jedoch nicht um einen Konflikt mit einem Äußeren – sie erzeugen aus dem Äußeren, hier aus den Sprichwörtern, das Eigene. Trotz der Nähe zwischen Kusmitsch und Malte, kann Malte selbst nicht als Sonderling bezeichnet werden. Zwar bestehen durch den Symbolismus Überschneidungen – eine symbolistische Figur sondert sich per se ab –, aber es gibt keinen irritierten oder belustigten Blick auf Malte. Rilke erschafft als symbolistischer Dichter eine symbolistische Figur, Morgensterns Verhältnis zu Palmströms symbolistischer Denkart ist distanzierter. In seinem Nachwort zur Manesse-Ausgabe schreibt Leonard Forster: Morgenstern sei „die erdichtete Welt seiner Kreaturen wichtiger als die gesellschaftliche Wirklichkeit, die ihn umgibt.“ [14] Meine Lektüre widerspricht: Palmström ist sein eigener Gedankenraum am wichtigsten, Morgenstern aber geht es wie eingangs geschrieben vor allem um den Zeitgeist, den er durch die Distanz zu seiner Figur und dessen Sicht auf die Dinge liebevoll belächelt und zutage treten lässt.


[10] Erich Hofacker hat einen Vergleich der Lebens- und Schaffenswege von Rilke und Morgenstern gezogen. Er konzentriert sich auf die biographischen Informationen und nennt wichtige Einflüsse wie die Auseinandersetzung mit der skandinavischen Dichtung und der Mystik. Auf die Werke beider Dichter geht er nur oberflächlich ein. Siehe Erich Hofacker, R. M. Rilke und Christian Morgenstern, in: PMLA 50, Nr. 2, 1935, S. 606-614.
[11] Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, in: ders., Sämtliche Werke, 7 Bde., hg. vom Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Ernst Zinn, Bd. VI, Wiesbaden 1966, S. 866.
[12] Rilke 1966, S. 870.
[13] Zu Rilkes Aufzeichnungen siehe Bischof 2020.
[14] Leonard Forster, Nachwort, in: Morgenstern 1985, S. 493-510, hier S. 502.


Dichter und Figur treffen sich, wenn Morgenstern selbst zu symbolistischen Techniken greift. Im Gedicht Die Kugeln [15] wird Palmströms Variante einer nächtlichen dichterischen Inspiration entwickelt. Morgenstern persifliert den stereotypen Anstoß zur Dichtung die Naivität seiner Figur. Palmström bereitet die nächtliche Inspiration vor, einem esoterischen Zauber gleich, indem er das Papier zu Kugeln formt und diese in seiner Stube verteilt. Wenn er nachts dann erwacht, würden die Kugeln aufgrund seiner Bewegung zu knistern beginnen und durch dieses Knistern „packt“ Palmström ein „heimlich Grugeln“ (V. 9). ,Gruselnʼ und ,gurgelnʼ werden zusammengezogen: Palmström erschaudert und gibt Laute von sich. Dabei kann Gurgeln als Singen und auch in seiner geläufigen pejorativen Bedeutung verstanden werden, im Sinne von „dumpfe, unscharfe“ Laute von sich geben. [16] Gleichwohl – die Inspiration überkommt Palmström. Was er als technisch vorbereitete Initiation für die Dichtung seiner Figur gestaltet, führt Morgenstern auch im Gedicht vor. Die Kugeln werden durch Bedeutungsverschiebungen zum Leben erweckt. Im ersten Schritt handelt es sich um leblose Kugeln aus Papier.

Stufen (1918)

Das Material wird hervorgehoben, als würde Morgenstern betonen: Es handelt sich nicht um echte Kugeln, sondern nur um solche aus Papier. Die Betonung erfolgt durch die Wiederholung: „Palmström nimmt Papier aus seinem Schube. / Und verteilt es kunstvoll in der Stube. // Und nachdem er Kugeln draus gemacht. / Und verteilt es kunstvoll, und zur Nacht.“ (V. 2-4) Das „es“ im fünften Vers irritiert, wäre doch ein ,sieʼ als Bezug zu „Kugeln“ grammatikalisch naheliegender. Das „es“ zeigt aber erst: Hier verteilt Palmströn nur Papier in seiner Stube. Erst in der dritten Strophe sind die Kugeln als Kugeln angenommen und erhalten in der vierten ein Eigenleben: „daß er, wenn er nachts erwacht, die Kugeln / knistern hört […]“ (8f.). Dieses Eigenleben ist nur ein „Spuk der packpapiernen Kugeln …“ (V. 11), wie Morgenstern im letzten Vers schreibt. Mit der abschließenden Erinnerung an das Material – und nein, es ist noch nicht einmal Schreibpapier, sondern nur Packpapier – beschwichtigt Morgenstern seine Figur. Die Auslassungspunkte zeigen jedoch die Offenheit des Gedankens an. Zwei Ebenen treffen aufeinander: Die Offenheit bezieht sich zum Einen auf den nicht absehbaren Spuk, aber auch auf die Absurdität von Palmströms Unterfangen, als würde Morgenstern kommentieren „mehr lässt sich dazu nicht sagen“. Distanziert sich Morgenstern am Ende auch wieder, bleibt doch die zeitweise Übereinstimmung zwischen Palmströms Haltung und dem Vorgehen seines Dichters. Eine Übereinstimmung, durch die sich der Dichter auch als Teil des Zeitgeists zu erkennen gibt.


[15] Morgenstern 1985, S. 107.
[16] Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, dwb.uni-trier.de [30.01.21], Lemma ,gurgelnʼ.


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