Editors Aal

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Konstantin Ames 2019

 

Von Konstantin Ames

Mit diebischem Vergnügen denke ich zurück an die verschreckten Gesichter im Kursaal von Meran. Erwartet wurde, dass ich als Preisträger (Hauptschuldiger) etwas vortrage, mit dem etwas zu gewinnen war. Ich habe getan, was Ort und Situation geboten: Demjenigen zu danken, dem ich alles verdanke; und der – 102 Jahre zuvor – nur einen Schwalbenflug entfernt in Untermais verstorben ist. Für den Fall der Fälle hatte ich mir die speckige Cassirer-Ausgabe von 1932 eingepackt. Schon die Ankündigung, etwas von Christian Morgenstern lesen zu werden, ließ alles Feierlich-Weihevolle aus dem Saal entweichen. Morgenstern gilt als Kleinkünstler, als Spaßmacher, als Endorphingarant. Über einen Frontbesuch der Rezitatorin Resi Langer im Ersten Weltkrieg lesen wir in den Erinnerungen von Huelsenbeck: „Sie fuhr ins Feld, […] um dort in der Etappe den Truppen Morgenstern und Busch vorzutragen. […] Mit Morgenstern, dachte sich die Oberste Heeresleitung, geht es besser, und es ging in der Tat. R.L. erzählte […] wie dankbar Soldaten ihr, Trude Hesterberg und Claire Waldorf [!] für die Vorträge waren.“ (zit. nach: R. Tgahrt, Dichter lesen, Bd. 3, Marbach 1995, S. 127). Der Siegener Dichter Crauss fügt, ausgehend vom Fakt, dass Morgensterns Verse auch unter den fliegenden Killern des Kaisers populär waren, diese Männerphantasien zu einem Cento zusammen; Galgenhumor hat auch diese freiwillig düstere Seite. Der schnoddrige Stil der herangezogenen Kampfbeschreibungen von Hans Reimann (Mein blaues Wunder, München 1959) und Max Immelmann (Meine Kampfflüge, posthum, Berlin 1916) ähnelt sich frappant, wobei Immelmann, im Gegensatz zu Reimann, gewiss kein Morgensternleser war — und doch ist kaum ein Flugmanöver denkbar, das so morgensternesk wäre wie der „Immelmann“; Morgenstern wiederum wäre — und vielleicht ist das kein Avantgardeulk — das erste Fliegerass unter den Dichtern. 

Der rote Kampfflieger, Berlin 1933.

In der amtierenden Morgenstern-Biografie (2013) merkt Jochen Schimmang an, dass Christian Morgenstern durchaus ein Objekt des Interesses sein könne für Germanistikstudierende mit einem Faible für experimentelle Literatur. Das trifft zu; warum Schimmang aber „statt einer Wirkungsgeschichte“ (S. 253- 255) Laudatoren aneinanderreiht, die außer der Tatsache, dass sie auch prominente Lyriker sind (Grünbein, Gernhardt, Tucholsky) wenig mehr mit dem experimentellen Impetus zu schaffen haben als, sagen wir, die Stolterfohtʼsche Autohitparade mit irgendeinem hergebrachten konsumbürgerlichen Ranking, das wird ein Biografenrätsel bleiben.

Ich habe mit Blick auf den bevorstehenden Jubeltag am 6. Mai 2021 um Auseinandersetzung mit Morgensterns notorischen Gedichtsammlungen Galgenlieder und Palmström gebeten; gefragt habe ich solche Kolleginnen und Kollegen, deren Schreiben tatsächlich eine Ähnlichkeit mit den Verfahrensweisen der Galgenlieder aufweist bzw. die als Forschende mit der Epoche vertraut sind. Bis anheute darf ernsthaft bezweifelt werden, dass es eine Menge von Menschen gibt, auf die eine Zuschreibung wie Morgensternianer, in dogmatischer Fügung: Morgensternisten, sinnvollerweise angewendet werden könnte. Nicht jedes verwundete Knie ist eine Kriegsverletzung oder ein Vergleich. Unsinn ist nicht per se morgensternesk. Allein die sorgfältige Auswahl der Namen, auf die uns Kerstin Preiwuß aufmerksam macht, hat nichts mit Unsinn zu tun – Nonsense bräuchte keine Namen; Nonsense ist eine Zuschreibung.

Die skeptische Frage des geschätzten Kollegen Markus Weber, ob Morgenstern denn mehr als ein Vorläufer gewesen sei, vielleicht viel zu wenig originell („valentinesk“) war, gehört zur Sprache gebracht; und sei es als grantiger Zwischenruf. Meine Frage an Weber war, ob es sich bei Morgenstern um einen Extremisten handelt. Diese Fragestellung scheint mir allzu oft zu einem Infragestellen des (um Werkherrschaft herzlich unbekümmerten) morgenstern’sche Werks abzugleiten; diese Schieflage (mit dem Passepartout der Nonsense-Floskel) flankiert jegliche Interpretation dieser Poesie seit ihrer Erstpublikation. Selbst Lob wirkt dann vergiftet. Über einen Abend „bei den Neopathetikern“, um ein Beispiel herauszugreifen, schreibt r. am 19.01.1911 im Berliner Lokalanzeiger: „Dann las ein Jüngling Gedichte, die Christian Morgenstern viel besser gemacht hat. Den löste ein Studentlein ab“ (zit. nach Tgahrt, a.a.O., S. 45), und auch gegen Ende des 20. Jahrhunderts war es mit dem Meme von der Vorläuferschaft dieses Dichters nicht vorbei; angesichts der Vorzüge der Windhühner befand Volker Neuhaus: „Grass hat in morgensternscher Weise aus dem Windeiein dazu passendes Windhuhnerschlossen, das als Huhn aus Windzu verstehen sei …“ (in: Gunter E. Grimm, Metamorphosen des Dichters. Das Rollenverständnis deutscher Schriftsteller vom Barock bis zur Gegenwart, Frankfurt/M. 1992, S. 277). Hier wird ganz offensichtlich etwas verwechselt, nämlich Nutznießertum mit ästhetischer Anverwandlung, die doch immer das Weiterführen einer avancierten Schreibe beinhaltet, mit der Morgenstern sehr wohl, Grass u.v.a.m. (v.a. Frankfurt II) nur sehr bedingt in Verbindung zu bringen sind. Anhand eines Streitgesprächs mit Franz Mon u.a. aus dem Jahre 1960 („Lyrik heute“, in: F. Mon, Sprache lebenslänglich – Gesammelte Essays, hg. v. M. Lentz, Frankfurt/M. 2016, S. 231-253) lässt sich bereits eine bornierte Abwehrhaltung gegenüber experimentierfreudigen Verfahren seitens Grass und den surrealistischen Epigonen erkennen, etwa wenn Mons Gedicht „entwicklung einer frage“ mit indolentem Populismus („schlicht kunstgewerblich“) abgetan wird.

Auch in unserem Jahrhundert wurde im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (Nr. 75 vom 31. März 2014, S.12) die Frage in den Raum gestellt, ob der große Sohn Münchens als „Proto-Loriot“ zu apostrophieren sei; dessen „lautmalerische Poesie“ lebe jedenfalls „ganz aus der Sprache“. Aus welcher Sprache eigentlich? In der vorliegenden Auswahl hat der Münchner Dichter Armin Steigenberger Erhellendes zu dialektalen Wendungen und zu Morgensterns Bayerntum zusammengetragen. Ein wenig davon klang schon in Walter Fabian Schmids cool-dialektalen Sprechfassungen (ohne bräsige Huberei) von „Das Hemmed“ und „Neue Bildungen …“ in der Reihe Täglich ein Galgenlied an.

Humor ist in Deutschland ein geringer ausgeprägtes Bedürfnis als das Deutschlandbedürfnis, das sich auch aufs Gedicht erstreckt. Morgenstern ist jedoch keine national-narzisstische Spitzenleistung oder ein regionaler kulturwirtschaftlicher Standortfaktor. Morgensterns Wappentier wäre m.E. der Zitteraal. Die Potenziale dieser Gedichte im Vortrag, ihre Darbietungspflichtigkeit, gilt es näher zu beleuchten. Das Sprechen dieser Poesie, über das sich der franko-saarländische Sprechwissenschaftler und Gedichtsprecher Norbert Gutenberg mit mir ausgetauscht hat, ist keine bloße Zutat; im Zuge unserer Korrespondenz kam gar eine Sprechfassung (Schallfassungen gab es bereits), von „Fisches Nachtgesang“ zustande. Wir sind mit unserer Diskussion nicht fertig geworden; wie auch?

Sollte Walter Serner wirklich die letzte Lockerung geglückt sein, dann ist die erste dieser Lockerungen Christian Morgensterns Verdienst. Zé do Rock demonstriert in seinem Beitrag „Morgenpük und Volastern“ schriftpolyphon, wie sich ein alternative take des „Großen Lalula” anhört und anfühlt. Mir fällt partout keine Papierzeitschrift ein, die gewesen bereit wäre, dieses wilde Schreiben ungekürzt abzudrucken. Zés exorbitanter Beitrag soll auch zu Ohren und Augen gehen.

Aus dem Fundus an morgensterntypischen Motiven wurden zwei ausgewählt. Es haben sich Wolfram Malte Fues, Literatur- und Medienwissenschaftler nicht weniger als Dichter, und die Rilkeforscherin Kristin Bischof bereitgefunden, über das Mondmotiv bzw. über den Sonderling Palmström (im Vergleich zu Rilkes Brigge) Einsichten zu gewinnen. Erst seit dem antiwilhelminischen Galgenlied „Der Mond“ gilt es als vollidiotisch, den Mond zu besingen, das mag manchem einstweiligen „Superstar der Lyrik“ (Dt. Landfunk) entgangen sein. Fues dekonstruiert das Mondklischee mit einem frappanten Schlussakkord. An den Beginn habe ich den Beitrag von Elisabeth Wandeler-Deck gesetzt, der mich durch seine Mischung aus tastendem Duktus und zupackendem Narrativ tief beeindruckt hat. Ausgangspunkt ist ihre Lektüre meines Lieblingsgedichts.

Zu einer teils humorvollen, beklemmenden und sehr persönlichen Reise nimmt uns Michael Gratz, der Kenner deutschsprachiger und internationaler Poesie, mit. Anhand seines Memos, das allemal als Vorlage für eine Lecture Performance taugt, lassen sich die Gefahren ermessen, die von erzwungenen Wünschbarkeiten für eine freie Lebensweise ausgehen. Das Antidot, das der libertäre Schmugglerwitz Morgenstern bereithält, ist sicher nicht reserviert für die kleine Schar von Germanistikstudierenden mit Sonderinteressen. Poesie, die dem Aurabedarf der wirklich praktischen Leute zuarbeitet, geht tief unter jede Anstandsuntergrenze.

Selbstverständlich ist es nichts weiter als der eitle Traum alteuropäischer Editoren, dass die Leserschaft die eigene Zusammenstellung brav von hinten bis vorn durchackert. Reihenfolgen sind einfach dumm, weil unvermeidlich. Gewünscht waren eher kurze Beiträge. Diesem Wunsch ist die eine Hälfte der Beitragenden nachgekommen, die andere hat darauf gepfiffen. Ich finde, dass beide Herangehensweisen ihren Reiz haben. Grundgut an einem Onlineformat wie diesem ist schließlich nicht nur die Baumfreundlichkeit, sondern auch die angenehm abwesende Platznot. Ob nun Essay, Lektüredurchführung, ob Brief, Biss, oder Dialog: Jeder Beitrag funkelt; geflunkert wurde nicht.

Km 21, Bilddetail in: Janosch, Die Maus hat rote Strümpfe an, Betz & Gelberg 1980, S. 26.

Auf musealisierende Staffage wurde weitestgehend verzichtet. Galgenbruder Palmströms Schöpfer wurde einzig und allein dort erblickt, wo ein Dichter sinnvoller Weise gefunden werden kann. Dass sich Comedians, Entertainende, Satiredienstleistende, Kabarettende, Hobbyanarchos und sonstige Vertretende der darstellenden und illustrierenden Zunft auf die rhetorisch-technische Seite der Galgenpoesie gestürzt haben, kann die bis dato desolate Rezeptionssituation mit-erklären: Christian Morgenstern ist in die Popkultur eingewandert wie kein zweiter. In Janoschs ubiquitärem Kinderbuch Die Maus hat rote Strümpfe an findet sich der „Km 21“ und „Fisches Nachtgesang“ wird in Bruno Bozettos Kinderserie Die Ferien des Herrn Rossi ohrenbetäubend umgesetzt; auch das „auf seinen Nasen einher“ reitende Nasobem wurde in den läppisch reitenden „Nasenmann“ zurückverwandelt; zu sehen im genialen Klamaukfilm Texas. Doc Snyder hält die Welt in Atem (1993). Diese weidlich ausgenutzte Nutzerfreundlichkeit wäre eigentlich erfreulich, drohte der Jubilar dabei nicht aus dem Blick zu geraten – und mit ihm seine bleibende Glanzleistung, die nicht zuletzt in der genuinen Verbindung von Unterhaltsamkeit und ästhetischer Neugier gründet. Morgensternpoesie hat so viele Leserinnen und Leser wie die gesamte deutschsprachige Gegenwartslyrik seit 2000 zusammen. Wohlgemerkt: Ich rede von Leserinnen und Lesern, nicht von Leuten, die irgendwas kaufen, um es in die Tasche zu stecken oder anderweitig einstauben lassen. Wer Morgenstern versucht in die Tasche zu stecken, wird sowieso selbst zum Steinochs, der sich dann nur noch von „menschlicher Gehirne Heu“ ernähren kann. Und noch etwas anderes wäre an Morgenstern zu entdecken, nämlich der bedeutsame Unterschied von Coolness als Eigenschaft und als Attitüde. Marcel Beyer hat diese spannungsvolle Differenz einmal an Klings Gedicht „Mann aus Rheydt“ (Text+Kritik, Heft 147, 70-77) nachvollzogen. An einem Gedicht wie „Der Schaukelstuhl auf der verlassenen Terrasse“, dem es dort „kuhl“ ist, wäre das genauso gut möglich gewesen.

Mein Wunsch ist nach wie vor, dass dem Robert-Gernhardt-Preis und dem „Großen Dingdang – Preis für komische Lyrik“ auch ein Preis für diejenige Art von Poesie an die Seite gestellt wird, die die (schier unmögliche) Balance zwischen Kunstvorwärts und Weltanliegen hält, die Morgensterns Verse so besonders macht. Sonst wird er doch noch als minderdichterischer Ulkvogel missverstanden; oder zum nützlichen Vorläufer degradiert. Sein Meisterwerk, die Galgenpoesie, hat Morgenstern beiseite getan, um einen esoterisch-autoritativen Pfad zu betreten, auf dem ich ihm nicht folgen kann. Die posthum edierte Epigrammatik ist größtenteils unerträglich plan; selbst für einen Saarländer, der sich durch die Kenntnis des Œuvres von H.A. Astel gestählt wähnte. Damit diese Ausgabe wirklich nicht als Heroisierung missverstanden wird, haben Michael Gratz und ich uns dazu entschieden, einige Proben dieses garstigen (selten treffsicheren) Spotts zu geben. Durch den Einblick in die historische Bedingtheit kommen Morgensterns Stärken indes erst richtig hervor! Den auch von einer eher unbekannten Seite, nämlich als Dramatiker und Literaturkritiker, anzugucken sich lohnte. Eine der beiden ausgewählten Kritiken ist übrigens frei erfunden, welche wird nicht verraten.

Mein herzlicher Dank gilt pom.lit für die Übernahme eines Teils der Honorare, den beitragenden Kolleginnen und Kollegen und Michael Gratz, dessen neues Magazinformat wir die Ehre haben, mit diesem Geburtstagsdossier eröffnen zu dürfen. — Jetzt zum Fest! Für den Mutmacher Den Sonderlingssympathisanten Den Mondflüchtigen Den Sprachplaner Den Bayernverdreher Den Lebensreformer (nein, für den nicht!) Den Reim-Vertikutierer Den Ichthyohymniker Den Vielgelesenen Den Nicht-Zu-Fassenden Den Superlativgegner Den Überaal

Grau b. Berlin, Mitte Zebra 2021

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