the “forgotten“ Vivienne

Über eine Biographie von T.S. Eliots unglücklicher erster Ehefrau meint der Kritiker der New York Times:

Her biography, dedicated to reviving the “forgotten“ Vivienne, does so only at the expense of attempting to make her husband roll over in his grave, discomforted, seen through at last. / NYT *) 21.4.02 (mit first chapter)

Island: Jeder liest und dichtet

Und der Erfolgsverleger Halldor Gudmundsson erzählt: „Jeder Isländer ist ein Leser oder Erzähler. Oder beides. Und zwischendurch schreibt er Gedichte.“ Dass die Isländer ebenso viele Lyrikbände kaufen und lesen wie 80 Millionen Deutsche, verschlug selbst Hans Magnus Enzensberger die Sprache. Jeder zehnte Inselbewohner hat ein Buch veröffentlicht. Selbstverständlich dichtet auch Ministerpräsident David Oddsson . / Die Welt 21.4.02

Brasilianische Literatur

Doch bereits im 17. Jahrhundert hatten zwei Schriftsteller diesem Transkulturationsprozess in ihren Werken Ausdruck verliehen: der poète maudit Gregório de Matos , das «Höllenmaul» von Salvador, verhöhnte in seinen satirischen Versen den Standes- und Rassendünkel der Weissen, während der Jesuitenpater Vieira der neu entstehenden tropischen Zivilisation bescheinigte: «Brasilien hat den Körper Amerikas und die Seele Afrikas.» / NZZ 20.4.02

Hardekopf

Bald war Hardekopf mit bekannten Größen wie René Schickele, Herwarth Walden, Erich Mühsam, Ludwig Rubiner und Franz Pfemfert befreundet. In deren Sog verfasste er u. a. auch unter dem Pseudonym „Stefan Wronski“ eigene Gedichte und Prosafragmente, deren Stil und Ausdrucksstärke sich teilweise an Charles Baudelaire anlehnten und besonders von den literarischen Jüngern im Berliner „Café des Westens“ gefeiert wurden. Sein Band „Lesestücke“ entsprach vollends dem avantgardistischen Zeitgeschmack und der Aufbruchstimmung der wilhelminischen Endzeit. / Nordwest-Zeitung 20.4.02

Wolfgang Bächler

In der Frankfurter Anthologie stellt Walter Helmut Fritz ein Gedicht von Wolfgang Bächler vor – „Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten“. /FAZ 20.4.02

Politische Alexandriner

Wahlkampf auf Französisch:

Und Philippe Muray schimpft in Alexandrinern über den Euro, über Mobiltelefone, Techno und Feministinnen

In den letzten Zeilen des Gedichts, das „Ce que j’aime“, „Was ich mag“, heißt und doch das Gegenteil meint, ist von der „Freiheit der Niederlage“ und der „Nichtigkeit des Erfolgs“ die Rede… / Süddeutsche 20.4.02

Interessant mißlungen

findet Steffen Jacobs in seiner Welt-Kolumne ein Gedicht des Schauspielers und Brecht-Schwiegersohns Ekkehard Schall / Die Welt 20.4.02

Beyers Erdkunde

Aus eben dieser lebhaften Textbewegung zwischen dem Blick in den Hotelzimmerspiegel ins eigene, junge, noch kaum gezeichnete Gesicht und jenem auf eine politisch vielfach stigmatisierte Landschaft entstanden auch Beyers «Erdkunde»-Gedichte. Sie ereignen sich genau auf der intermittierenden Grenze zwischen dem Ich und dem, was es denkt, fühlt, sieht, hört und weiss. Ihre sinnliche Gegenständlichkeit täuscht. Wortbedeutungen erschliessen sich aus der Zeichenhaftigkeit, dem Spannungsverhältnis zwischen Identität und Nichtidentität von Wort und Ding. «Komm aus der Bilderzone» – Beyer schreibt gegen die Verfestigung von (Welt-)Bildern an, die in Totalitarismen endeten. / Beatrix Langner, NZZ 18.4.02

Marcel Beyer: Erdkunde. Gedichte. Dumont-Verlag, Köln 2002. 113 S., Fr. 31.80

Lyrik Polens

Mich interessiert die zeitgenössische Lyrik Polens , die ich natürlich nur in Übersetzungen lesen kann. Czeslaw Milosz mag ich sehr, seine Enkelin ist eine gute Freundin. Zbigniew Herbert finde ich grossartig, auch Szymborska, die ich kürzlich kennen gelernt habe. Und Adam Zagajewski – das Gedicht, das er unmittelbar nach dem 11. September schrieb, «Praise the mutilated world» («Lobt die verstümmelte Welt»), halte ich für eine der besten literarischen Reaktionen auf die Ereignisse in New York. Natürlich habe ich nicht alles von diesen Autoren gelesen, aber es ist mein Glück, dass vieles ins Englische übersetzt wird. / Salman Rushdie im Gespräch mit der Basler Zeitung , 18.4.02

Benn-Briefe

Dass jetzt auch der Briefwechsel mit Astrid Claes vorliegt, herausgegeben als Band sechs der Benn -Briefe im Verlag Klett-Cotta, gibt Benn-Lesern endlich die Freiheit, sich selbst ein Bild von den Qualen und Freuden des alten Dichters zu machen, dessen intellektuelle Klarsicht und Schärfe keineswegs unter den emotionalen Wirren gelitten hatte. / Joachim Dyck, Berliner Morgenpost 18.4.02 (auch in der Welt v. 18.4.)

Lyrik, und auch noch litauisch

Ob es nicht besser wäre, in einer anderen Sprache zu schreiben, auf Deutsch vielleicht oder gleich auf Englisch? Die Frage, die der litauische Schriftsteller Herkus Kuncius an seine Kollegen richtete, war nicht ganz ernst gemeint. Und doch war die marginale Position des Autors, der in einer so wenig verbreiteten Sprache schreibt, ein immer wiederkehrendes Thema an den beiden der litauischen Literatur gewidmeten Abenden. Literatur sei doch überall marginal, konterte der Lyriker Gintaras Grajauskas , das sei kein litauisches Problem. Ihn beschäftigt eher die Frage, warum seine Gedichte, die er für tieftraurig hält, so große Heiterkeit hervorrufen. / Florian Neuner, Berliner Zeitung 18.4.02

Oulipo & Co.

Dietmar Dath schreibt über die Schriftstellergruppe Oulipo (auf deren Mitgliederliste auch der Name Oskar Pastior steht) und ihre Ableger, darunter das vom Oulipoten Jacques Roubaud gegründete ALAMO:

„Regel“ hieß also der Anspruch, dem man gerecht werden wollte. Roubaud selbst steuerte zum oulipiensischen Kanon zwei solche Regeln bei, die „Roubaudschen Prinzipien“: Das erste schlägt vor, daß „ein Text, der entsprechend einer bestimmten restriktiven Prozedur erstellt ist, sich auch explizit auf diese bezieht“, das zweite verlangt, daß „ein Text, der nach einer mathematisch formulierbaren Prozedur geschrieben ist, auch die Konsequenzen der mathematischen Theorie tragen muß, die er illustriert“. Roubauds „Prinzessin Hoppy“ ist ein Exempel der zweiten Regel; die erste fand Verwirklichung in einer Dichtung Georges Perecs, die ohne den Buchstaben „e“ auskommt und zugleich dessen Verschwinden thematisiert („Anton Voyls Fortgang“). / FAZ 17.4.02

Außerdem heute: Stefan Weidner über den palästinensischen Dichter Mahmud Darwish .

Rilke-Lesung

Rilke-Lesung in der Sonderaustellung Worpswede im Pommerschen Landesmuseum Greifswald

Rainer Maria Rilke besucht im Spätsommer 1900 Worpswede auf Einladung Vogelers, den er in Italien kennengelernte hatte. Er ist gerade aus Rußland zurück, muß Abstand wahren zu Lou Salomé, seiner mütterlichen Geliebten, und begegnet den Mädchen in Weiß, der „blonden Malerin“ Paula Becker und der „dunklen Bildhauerin“ Clara Westhoff. Clara Westhoff wird schon im nächsten Jahr seine Frau werden und Paula Becker wird Otto Modersohn heiraten. Für Rilke beginnt eine Zeit, in der entscheidende persönliche wie künstlerische Weichen gestellt werden.

Die Texte aus der Zeit von 1900 bis 1908 beziehen sich auf diese beiden jungen Frauen. Bilden von Beginn an einen verstörenden, mythischen erotisch dingbelebten Raum, der aus der Zeit gehoben zu sein scheint. Die Texte gipfeln in dem „Requiem für eine Freundin“, um die Zeit von Allerseelen 1908 in Paris geschrieben, der damals schon fast ein Jahr lang toten Paula Modersohn-Becker gewidmet

Die Idee dieser Lesung entstand erst durch den Raum der Sonderaustellung, durch die Anwesenheit eines Selbstporträts Paula Modersohn-Beckers, der Büsten Rilkes und der Becker von Clara Westhoff-Rilke und eines Selbstporträts. Diese Anwesenheit der „Personen“ inmitten der Landschaftsarbeiten der Worpsweder Künstler, vermittelt einen wichtigen Teil des Kräfteverhältnisses, in dem diese Rilke-Texte entstanden.

Die sprachliche Aktualisierung der Texte in der Lesung geschieht verteilt auf zwei weibliche und eine männliche Stimme und wird durch improvisierte Bewegungen im Raum installiert. Sie versucht Bezug zu nehmen auf Rilkes dichterische Sprache, die Dingliches belebt und Bewegung stillstellt, versucht eine akustische Belichtung der Bilder und Skulpturen.

Die Lesung findet am 16.4.02 um 20.00 Uhr im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald statt (Silke Peters).

strountes / unfoug

Im titel-Magazin schreibt Theo Breuer über Band 4 der Ekelöf -Werkausgabe bei Kleinheinrich.

Gunnar Ekelöf: strountes / unfoug. Kleinheinrich Buch- und Kunstverlag 2001 Sondereinband. 35 Euro. ISBN: 393075426

Lesen Sie auch: Lyrik im Stora-Verlag .

/ 16.4.02

Joseph Brodsky

In der FAZ erinnert Maja Turowskaja an Joseph Brodsky :

Mit fünfzehn hatte er die Schule verlassen, aber als sich herausstellte, daß man an moderne Literatur in der Sowjetunion nur auf polnisch herankam, eignete er sich Polnisch an. Danach fügte er seinem Russisch, gemäß Niels Bohrs Prinzip der Komplementarität, das Englische hinzu (seine Aussprachefehler hinderten ihn nicht, ein brillanter Essayist zu werden). …
Auf die Frage der Richterin Saweljewa, wer ihn in die Riege der Dichter aufgenommen habe und was ihm das Recht zu dieser Tätigkeit gebe, hatte Brodsky seinerzeit im Gerichtssaal geantwortet: „Ich glaube, das kommt – von Gott.“ Keine triviale Antwort für einen sowjetischen Burschen, der, von allem anderen abgesehen, des „Schmarotzertums“ angeklagt ist. Das Urteil – fünf Jahre Zwangsarbeit – bestätigte es, die Ausweisung bekräftigte es.

/ Frankfurter Allgemeine Zeitung , 16.04.2002, Nr. 88 / Seite 49

  • Joseph Brodsky: „Das Große Buch der Interviews“. Hrsg. von Valentina Poluchina. Sacharow-Verlag, Moskau 2000.
  • Joseph Brodsky: „Von Schmerz und Vernunft“. Hardy, Rilke, Frost und andere. Essays. Carl Hanser Verlag, München 1996.
  • Joseph Brodsky: „Der sterbliche Dichter“. Über Literatur, Liebschaften und Langeweile. Essays. Carl Hanser Verlag, München 1998.
  • Joseph Brodsky: „Wandel des Imperiums“. Gesammelte Gedichte. Moskau 2001.
  • Joseph Brodsky: „Collected Poems in English“. Farrar, Straus & Giroux, New York 2000 (Taschenbuchausgabe 2002).
  • David MacFadyen: „Joseph Brodsky and the Soviet Muse“. McGill-Queen’s University Press 2000.